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Von der "German Energiewende"

Fridays for Future-Demo am 25 January 2019 in Berlin. Bild: FridaysForFuture Deutschland, Marlin Helene / CC-BY-2.0

Fridays for Future - und was dazu nicht im Schulbuch steht - Teil 2

Der 25. September ist ein weiterer "Friday for Future" mit einer globalen Klimaaktion. Diesem Anlass ist der folgende Aufsatz zugedacht, der sich in zwei Teile gliedert. Hier der zweite Teil. (Teil 1: Vom "Menschheitswert Klima" und dem idealistischen Einsatz dafür [1])

Die bisher vorgetragene Kritik an der aktuellen Jugendbewegung schließt die Aufforderung ein, im Interesse des Protestanliegens anstelle des vermeintlichen "Versagens" und der vermuteten Untätigkeit der deutschen und internationalen Energiepolitik, das zu betrachten, was sie tatsächlich tut und anrichtet. Das ist den öffentlichen Medien zwar durchaus zu entnehmen, unterliegt aber meist einer verfremdenden Interpretation. Zum richtigen Verständnis der Sache wollen die folgenden Überlegungen einen Beitrag leisten.

Darstellung von Georg Schuster nach Zahlen des Wirtschaftsministeriums (BMWi.de)

Post-fossile Führerschaft

Der fesche Außenminister, der im April 2019 zusammen mit dem Chef des Wirtschaftsressorts eine Energie-Konferenz [2] "mit mehr als 50 Ministern aus allen Erdteilen" ausrichtete, ließ es sich, wie bereits erwähnt, nicht nehmen, seiner Rede ein Zitat von Greta Thunberg voranzustellen sowie eigens den "Kollegen Abdulla Shahid von den Malediven" zu begrüßen, dessen "kleinem Inselstaat" das Wasser absehbar am Hals steht. Auch wusste Maas von seinen Reisen zu berichten, dass "im Englischen [neben] ‚Reinheitsgebot‘ [oder] ‚Wirtschaftswunder‘ neuerdings von der ‚Energiewende‘" gesprochen werde. Nach diesen Schmeicheleinheiten kam er aber zur Sache - auch wenn er "die German Energiewende" gleich als "Global Energiewende" verkaufen wollte, die "Umwelt", "Gesundheit", "Stabilität" oder "Frieden" fördern, für "Investitionen, Arbeitsplätze, wirtschaftliches Wachstum" und neue "Geschäftsmodelle" sorgen und außerdem dem "Kampf um Ressourcen" sowie den "Fluchtursachen" entgegenwirken soll. Immerhin gab der Außenminister mit dieser umfänglichen Liste, die er den internationalen Kollegen ein bisschen als Wunschkonzert für die Völkerfamilie präsentierte, bekannt, wofür er sich weltweit zuständig sieht: "Klimapolitik [ist] immer auch Wirtschafts-, Sicherheits- und Außenpolitik" [3].

Wo die Musik spielt, brachte Maas also auch zum Ausdruck: "Die Energiewende entscheidet über Deutschlands Rolle in einer post-fossilen Welt." In der "WirtschaftsWoche" (5.4.19) titelte er:

So wird die Energiewende zum Exportschlager" und führte aus: "Die Energiewende […] verschiebt auch politische Grundkonstanten. Durch den Einsatz erneuerbarer Energien können Staaten […] ihre eigene Energiesicherheit zu erhöhen. Damit verliert das geopolitische Instrument Energie […] seine Macht. Energiewendeländer können ihre strategischen und außenpolitischen Interessen unabhängiger verfolgen.

Anfang Juni 2019 startete das Auswärtige Amt im Rahmen der deutschen Präsenz im Weltsicherheitsrat einen passenden "Call for Action" [4]: "Das Umsteuern ist keine Aufgabe einzelner politischer Parteien, einzelner Generationen oder einzelner Länder. Es ist eine globale Kraftanstrengung, bei der Deutschland führen muss" und dazu bereits "eine Freundesgruppe aus rund 50 Staaten und allen Kontinenten" versammelt hat.

Neben der Abwehr von "nationalen Alleingängen" und der Verteidigung der "Gaspipeline Nord Stream 2" - zwischenstaatliche Vorgänge, die immerhin die USA zum Gegner haben - benannte Maas 2019 noch ein paar Aufgaben, die auf eine Art von Militarisierung der CO2-Bekämpfung hinauslaufen können. Deutschland und andere müssten sich z.B. für Auseinandersetzungen rüsten, "wenn Geschäftsmodelle ganzer [Öl und Gas exportierender] Staaten in sich zusammenbrechen". "Die Rolle maritimer Handelswege [werde] abnehmen, während jene von Netzen zum Transport erneuerbarer Energien zunimmt. Solche kritische Infrastruktur muss künftig besser geschützt werden." So gesehen könnten sogar unsere Waffenexporte dem Klima dienen.

Auch wenn die Umsetzung der stolzen Worte in ebensolche Taten durch die Corona-Krise ein wenig ausgebremst wurde, dürfte sich am Zweck der "German Energiewende" nichts geändert haben, von dem das "Handelsblatt" [5] ein aktuelles Vorhaben mitteilt, das die E-Mobilität ergänzt und einen krisenbewältigenden Zusatzeffekt haben soll: "Green Deal der EU soll Wasserstoff-Projekte der Energiewirtschaft vorantreiben" und damit die globale Marktführerschaft erringen.

"Dekarbonisierung"

Schon seit den 1990er Jahren verfolgt die deutsche Energiepolitik die strategische Linie, mithilfe serienreif gewordener Technologien und auf Basis der bekannten Wirtschafts- und Finanzkraft des Landes den schrittweisen und anteiligen Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energieträger anzupeilen und mit der nötigen staatlichen Schubhilfe zu realisieren. Die natürliche Begrenztheit der Vorkommen an Erdöl, Kohle und Gas mag ein Gesichtspunkt dafür gewesen sein. Die Konkurrenz um diese Ressourcen und ihre preistreibende Wirkung, die sich dank der chinesischen oder indischen Teilhabe am Weltmarkt auf demselben zeitweise verschärft hatten, waren als Gründe deutlich handfester. Der "entscheidende Schritt hin zu energiepolitischer Unabhängigkeit Deutschlands, zu größerer europäischer Souveränität" (Maas, s.o.) lag in der Aussicht, die geopolitischen und kostenträchtigen Rücksichten bzw. Unwägbarkeiten im Umgang mit den sog. Öl-Staaten und vergleichbaren Lieferanten zurückzufahren und stattdessen einen Großteil des strategischen Guts Energie bzw. Elektrizität daheim, in eigener Regie und obendrein erneuerbar zu erzeugen und zu bewirtschaften. Dazu gehörte auch, neben Wind, Sonne oder Biomasse eine weitere ‚Kraftquelle‘ großtechnologisch anzuzapfen, die in der Reduzierung des Energieverbrauchs besteht. Und was in Sachen "Dekarbonisierung" für Deutschland gilt, trifft mehr oder weniger für jede kapitalistisch entwickelte Volkswirtschaft zu:

2018 wurde ein Drittel weniger Kohlekraftwerke als noch ein Jahr zuvor in Betrieb genommen. […] 31 Länder, darunter Kanada, Großbritannien, Frankreich oder Italien, haben einen Kohleausstieg beschlossen. Viele Großbanken und Fonds haben erklärtermaßen ihre Investitionen in Kohleprojekte eingeschränkt. […]. In China und Indien sanken Neuzulassungen auf ein historisches Tief.

Greenpeace-Studie [6]

Der im internationalen Vergleich recht früh gefasste Plan und seine durch Investitions-, Subventions- und Ingenieurskunst hervorgebrachten bzw. absehbaren Ergebnisse eröffneten Deutschland von Beginn an bis heute zugleich eine weltwirtschaftliche Perspektive. Maas in den zitierten Reden:

Wir werden unsere Bemühungen um ein Fortschreiten der globalen Energiewende noch einmal intensivieren […], beispielsweise, indem wir Partnerschaften zur Diversifizierung der jeweiligen Wirtschaftsmodelle anbieten.

Wir werden uns für globale Standards im Bereich der Erneuerbaren einsetzen, [… damit] die Technologien breit verfügbar sind und wachsende Märkte offen bleiben für europäische Unternehmen.

"Europa" ist von seiner Führungsmacht und zu deren Nutzen schon lange mit ins Boot geholt worden, und damit setzt(e) der Exportweltmeister auf weitere Siege auf dem Feld der verkäuflichen Gerätschaften zur globalen Abkehr vom Kohlenstoff. Dies betraf und betrifft Staaten, die ähnliche Vorhaben hegen, ohne gleich über die nötigen Mittel dafür zu verfügen, sowie solche, denen sich Maßnahmen in dieser Richtung aufdrängen lassen. Die so vergrößerten Stückzahlen bei der Herstellung gehen außerdem mit einer relativen Verbilligung der beträchtlichen Kosten für Entwicklung und Anschub einher. Sogar eine politische Dividende konnten sich deutsche Regierungen aus den neuen ökonomischen Erfolgen erwarten: Im bevorzugten bzw. erschwerten Zugang zu den "post-fossilen" Patentlösungen made in Germany einschließlich der "Partnerschaften" und "Wirtschaftsmodelle" (s.o.) liegt allemal ein Hebel der Einflussnahme auf andere Staaten vor. Nur systemkonsequent also, wenn der Außenminister das konfliktbewusste Ziel verfolgt, "wachsende Märkte offen" zu halten.

Zu vermerken ist noch die deutsche Besonderheit des sog. "Atomausstiegs", der 2011 nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima mit einer Laufzeit von elf Jahren beschlossen wurde. Länger wollte die Bundesregierung ein atomares Risiko nicht mehr hinnehmen, das sie und die Vorgänger lange Jahre und unbeeindruckt von der Kernschmelze in Tschernobyl 1986 durchaus für tragbar hielten - und das auch das Kabinett Merkel vermutlich weiter ausgesessen hätte, wären die genannten Vorzüge der erneuerbaren Energien nicht in greifbare Nähe gerückt. So aber ließ sich einer nationalen und vor allem globalen Öffentlichkeit die deutsche Entschlossenheit glaubhaft versichern, die Energiewende unumkehrbar zu machen und mit grüner Spitzentechnologie zugleich einen Beitrag zur Risikoabsenkung für "Mensch und Umwelt" verkäuflich anzubieten.

All das reduziert die Rede vom Schutz der Mutter Erde der Sache nach auf eine Randbemerkung. Ohne Bezug auf die Erderwärmung mit ihren schädlichen und kostenträchtigen Folgen ist aber weder die deutsche Klimapolitik, noch sind es die entsprechenden Anstrengungen der Konkurrenznationen. Ein bloßer Vorwand zur Markteroberung liegt in der Klage über den Klimawandel ebenfalls nicht vor. Je nach Lage beauftragen Staaten ihre Forschungsinstitute und Beraterstäbe immerhin damit, das Wettergeschehen, den Wasserhaushalt, die Temperaturentwicklung, die Bodenerosion, den Meeresanstieg usw. in Abhängigkeit von den Produkten und Prozessen, den Emissionen und Ressourcen oder vom Transport und der Mobilität in der globalisierten Marktwirtschaft zu untersuchen, Verlaufsszenarien zu extrapolieren und daraus Gemeinkosten, Grenzwerte, Fristen, Risikoabschätzungen, Alternativmodelle und deren Finanzierung etc. zu ermitteln.

Was daraus allerdings ökonomisch und politisch nach innen und außen folgt, befinden nicht die Experten, sondern die demokratisch ermächtigten Politiker. Die müssen ihre Entscheidungen nicht wissenschaftlich begründen, sondern gemäß der Staatsräson verantworten. Also setzen sie die Schadensbegrenzung in Sachen Klimawandel ins Verhältnis zu den anderen Anliegen, die in einem kapitalistischen Gemeinwesen staatlich zu betreuen sind. Deren wichtigstes heißt Wachstum. Und dem ist am deutschen Beispiel mit der Stromerzeugung durch Braunkohle allemal gedient. Sie mag die schmutzigste Energie-Variante sein, aber sie ist vergleichsweise billig und zudem in eigener Hoheit verfügbar, befördert also das erwünschte Geschäftsleben. Mit diesem muss sich daher, um vom hauptsächlichen Treibhausgas zu reden, die Verminderung der CO2-Emissionen einerseits verträglich zeigen, sich also daran relativieren.

Andererseits wird die fragliche Energiewende zum politökonomischen Mittel der Wahl: nationalen Reichtum und internationalen Einfluss durch Dominanz auf den "post-fossilen" Märkten zu vermehren. Wenn in diesem zukunftsträchtigen Deal auch noch Treibhausgase reduziert werden, nehmen die Staaten das auf ihre jeweilige Weise gern mit, sein Zweck ist das nicht, nicht einmal seine Bedingung. Oder wenn, dann höchstens in dem negativen Sinn, dass die vom bisherigen Geschäftsleben erzeugten Klima-Schäden für Mensch und Natur nur bearbeitet und abgeschwächt werden können, indem sie eine erneuerte Runde desselben anstoßen.

Um diese Art Fortschritt geht es auch dem bezeichnenden Gleichklang in der deutschen Parteienkonkurrenz, wo die SPD "den Durchbruch in das Zeitalter der Erneuerbaren" anmahnt, die Linke bemängelt, Merkel habe "den Klimaschutz auf zukunftsblindes Schneckentempo getrimmt" oder die Grünen fordern, Deutschland müsse "besonders beim Thema Mobilität nach vorne kommen" (RP online 20.8.20). Von wegen "Versagen vor der Zukunft". Ob das den "Fridays for Future" hinreichend klar ist?

Und noch ein Punkt der Klärung: Von der naturwissenschaftlichen Expertise machen sich die politischen Beschlüsse wie gesehen nicht abhängig, zu deren opportuner Rechtfertigung wird sie vielmehr nach Bedarf herangezogen. Darin liegt ein bemerkenswerter Unterschied zum staatlichen Umgang mit der Corona-Pandemie, welcher der Sache nach nicht umhinkommt, dem fachlichen Urteil der Virologen und Epidemiologen weitgehend zu folgen. Anders ist der Erhalt einer Volksgesundheit nicht zu haben, die als Voraussetzung des kapitalistischen Wirtschaftslebens unumgänglich ist. Wenn die "Fridays" dieselbe staatliche Entschlossenheit beim Einsatz für die Erwärmungsgrenze von 1,5°C einfordern und die Regierungen sogar hoffnungsfroh dazu ermutigen, treffen sie leider nicht die Sache. Geschäft und Wachstum mögen mit einem unfertig erkannten und beherrschten Infektionsgeschehen schlecht verträglich sein, mit der Zunahme der Erderwärmung können sie offenbar ungleich besser leben.

Von der Klima-Diplomatie und den Disparitäten der Energiewende

Klima-Konferenzen

Um den Versuch, in der globalen Energiewirtschaft einen unumkehrbaren Trend zu befördern, handelt es sich auch bei der deutschen Klimakonferenz-Diplomatie mit ihrem Einsatz für eine internationale CO2- bzw. Temperatur-Begrenzung. Die seit über 20 Jahren umworbene bzw. umstrittene Limitierung der Erderwärmung auf 2°C über dem vorindustriellen Wert des 18. Jahrhunderts klingt im Kontext der bisherigen Ausführungen wie ein kleines Rätsel, ergibt aber durchaus energiepolitischen Sinn.

Wenn sich möglichst viele Nationen in Selbstbeschränkung auf so eine Gradzahl verständigen und einlassen, wird diese zwar nicht zum bindenden Gesetz - wie auch, zwischen lauter hoheitlichen Gewalten -, erhält aber diplomatisches Gewicht. Für die staatlichen Vorreiter und Befürworter der "grünen Wende" wurde dieses Zahlenspiel zu einem diplomatischen Hebel.

Die Benennung nationaler Interessen - allgemein wie in Hinsicht auf den Klimawandel - eignet sich in der Staatenkonkurrenz schlecht dazu, andere, z.B. in der UNO versammelte Souveräne zu einer freiwilligen und unvermittelten Anerkennung derselben zu veranlassen. Dafür braucht und gibt es übergeordnete Titel, die deshalb auch "Werte" heißen und von einer Allgemeinheit sind, unter der sich verschiedene Nationen in ihren Unterschieden und Gegensätzen wiederfinden können, ohne sich im Konkreten in die Pflicht nehmen zu lassen.

‚Frieden‘, ‚Zukunft‘, auch ‚Europa‘ oder hier eben ‚Klima-Rettung‘ sollen eine solche Leistung erbringen - und im letzteren Fall sind die aus der Meteorologie übernommenen "2°C" das in eine Zahl gefasste Ideal genannter Art sowie der Versuch, es operationalisierbar zu machen. Entsprechend energisch waren die Anläufe von Protagonisten der Energiewende - analog die entsprechenden Abwehrmanöver -, in dem quantifizierten Klimaziel ihre "post-fossilen" Interessen völkerrechtlich so festzuklopfen, wie das auf diesem Wege eben nur geht.

Darin eingeschlossen sind freilich die reellen Kräfteverhältnisse in der Staatenwelt, die von der Katastrophenhilfe bis zur Sanktion eine ganze Reihe von Möglichkeiten eröffnen, widerstrebende Kandidaten zu einer Unterschrift zu bewegen. "Die Ratifizierung und Umsetzung des Klimaabkommens [sollte] ab sofort auch eine Voraussetzung für zukünftige Handelsabkommen sein", fordert z.B. das Europaparlament (euractiv.de 2.10.18). Dabei erweisen sich die Souveräne als Herren und nicht als Handlanger ihrer nationalen Geschäftswelt. Weil sie sich und ihre ganze Gesellschaft von deren dauerhaftem Wachstum abhängig gemacht haben, wollen und müssen sie dieses daheim und weltweit nach Kräften befördern. Selbst die staatlichen Underdogs dieser Deals wissen auf ihre unterlegene Weise von ihnen zu profitieren.

In Hinsicht auf die dargestellte Art des diplomatischen Einvernehmens galt der UN-Klimagipfel von 2009 in Kopenhagen als ‚gescheitert‘, vor allem weil die VR China dem Druck der EU und der Obama-Administration widerstand, sich als Klima-Sünder in die Pflicht nehmen zu lassen. Sechs Jahre später, beim berühmten Accord de Paris, unterschrieben alle 195 Teilnehmer das Zwei-Grad-Ziel. Die USA, vordem demonstrativ auf der fraglosen Unabhängigkeit ihrer Energiepolitik beharrend, hatten sich mittlerweile stärker in die Konkurrenz um grüne Spitzentechnik eingeschaltet, und auch in China lagen ausbaufähige Erfolge bei der Betreuung dieses Zukunftsmarkts vor.

Dass Trump das Pariser Abkommen ab 2020 aufgekündigt hat, weil es den Chinesen nütze, dem rostigen Pittsburgh, für das er sich angeblich wählen ließ, und der "beautiful clean coal" in Montana aber nicht, und dass ihm US-Bundesstaaten und -Repräsentanten glatt widersprechen, unterstreicht nur den Zweck, um den es einer kapitalistischen Klima-Politik wirklich geht. In den mächtigen USA dreht er sich eben um nationale Varianten von "America first". Deutsche Umweltschützer bemerken diesen Umstand in ausländischen Fällen übrigens eher und leichter als daheim, wo das nicht anders ist.

Disparitäten

Im Vollzug der Energiewende sind zwischenstaatliche wie politökonomische Friktionen nicht zu übersehen. Sie liefern einer kritischen Öffentlichkeit, vielen Umweltschützern und auch den "Fridays for Future" immer wieder den Anlass dazu, beim Klimaschutz "einen Vertrauensverlust in die Gestaltungsfähigkeit und vielleicht auch den Gestaltungswillen der handelnden Politik" (Dlf 4.5.19) zu beklagen oder "eine Energiewende aus einem Guss, durchdacht konzipiert und gemanagt" (Spiegel 4.5.19) zu vermissen. Wo etwa der Ausbau der Erneuerbaren gedrosselt, der Kohleausstieg hinausgeschoben oder ein CO2-Ziel verfehlt wird, da sehen etliche Kritiker ein Bündnis der Politik mit den "Geld-Eliten" oder falsche Rücksichten auf "Lobby-Interessen" am Werk. Die Klimaschutzbewegung "Extinction Rebellion [7]" meint:

Die Politik hat versagt - und zwar auf ganzer Linie. Und genau da hinein ragen die ‚kapitalistischen Machtstrukturen‘. [… Sie] sind extrem finanzstark und gut darin, Einfluss auf die Politik zu nehmen." Oder Luisa Neubauer: "Die Politik rollt den Konzernen den roten Teppich aus, die sich am Klimakollaps dumm und dusselig verdienen.

Spiegel 16.3.19)

Nähme man die "kapitalistischen Machtstrukturen" theoretisch etwas ernster, als die kritischen Redeweisen dies meist tun, würde sich das "Politikversagen" herauskürzen: Die deutsche Energiewende stellt nämlich ein gesamtkapitalistisches Manöver von ziemlicher Tragweite dar, das ohne Widersprüche, Risiken und Tücken gar nicht auskommt. Zum Beispiel steckt es (noch) in dem Dilemma, sich wegen russischem Erdgas mit den amerikanischen Freunden anlegen zu müssen, ohne die europäischen verlässlich hinter sich zu haben. So geht es eben zu, wenn mächtige Staaten den Erfolg ihrer nationalen Energiewenden in Konkurrenz zu Ihresgleichen erzwingen wollen.

Außerdem vollzieht sich die deutsche Energiepolitik im Paradox einer kapitalistischen "Planwirtschaft", die für einige Disparitäten gut ist. So geht aber die "grüne deutsche Wende" nun einmal - und daher ist es ein Fehler, sie an Zwecken zu messen, die sie sich gar nicht vorgenommen hat. CO2-Reduktion ist wie gesehen kein unbedingtes Ziel, sondern eine abhängige Variable dieser Politik und darf auf sich warten lassen, wenn anderen politökonomischen Prioritäten Rechnung zu tragen ist. Mit "Nichtstun", wie "Greenpeace" und Partner anlässlich ihres Gesetzentwurfs zum ‚machbaren‘ schnellen Kohleausstieg mutmaßen (taz 3.5.19), hat das nichts zu tun. Die verschiedenen Novellen zum Erneuerbare-Energie-Gesetz sind eben das Indiz einer Energiepolitik, die zunächst "planwirtschaftlich" mit Preis- und Abnahmegarantien zu Lasten der meisten Stromkunden einen Markt für Erneuerbare schaffen wollte und dann mit den Konsequenzen dieser Maßnahme umzugehen hatte.

Der Geschäftssinn der grünen Investoren beim garantierten Deal wurde der staatlichen Moderation des Energieumbaus zu viel, die auch auf die anderen am Strom-Mix Beteiligten sowie auf die allgemeinen Kosten des Grundstoffs Elektrizität zu achten hat. Technische Erfordernisse zur Nutzung des grünen Stroms in der Grundlast (z.B. Speicherung oder Transport) können auf sich warten lassen usw. Interessenskonflikte in Bund, Ländern und Gemeinden grätschen manchmal ebenfalls dazwischen. Ein Treppenwitz des Energiemarkts nach "Staatsplan", besteht darin, dass den Strom-Verbrauchern Extrakosten entstehen, wenn es Sonne und Wind einmal besonders gut meinen [8].

Lauter illustrierende Fälle des widersprüchlichen Vorhabens, die Umwälzung der Energieerzeugung, die ihrer nationalen Bedeutung wegen zugleich Versorgungssicherheit garantieren soll, im Prinzip vom kapitalistischen Markt erledigen zu lassen, der dafür auf seine Rechnung kommen will und muss. Generell können bei aller Symbiose von Finanzmacht und Ingenieurskunst die ökonomische und technologische Seite von Innovationen auch auseinandertreten und sich wechselseitig behindern, wenn sich z.B. für ein Investitionsprojekt zu wenig Marktaussicht und/oder Bankkredit findet, die nötigen Apparaturen für Geld nicht schnell genug zu kaufen sind, der Umbauprozess materiell wie monetär durch "disruptive" Angebote der globalisierten Konkurrenz (Stichwort: Solarzellen aus China) beeinträchtigt wird, staatliche Subventionen nicht aufgehen oder neuen Berechnungen unterliegen - oder wie aktuell aufgrund der Corona-Pandemie Krisen eintreten.

So geht sie also, wie gesagt, die "German Energiewende", von der dem Außenminister zufolge "Deutschlands Rolle in einer post-fossilen Welt" abhängt. Der Wirtschaftsminister konzipiert zeitgleich eine "strategische Industriepolitik [9]", um "nationale und europäische Champions" von passender Kapitalgröße aufzuziehen und "Schlüsseltechnologien zu Weltmarktführern hochzurüsten". So sehen diese Leute die maßgebliche Zukunft auf dem einen Planeten.

P.S. zu zwei Blüten der Energiewende am weltwirtschaftlichen Rand

Auch die Peripherie der Weltwirtschaft darf sich um deren grüne Wende verdient machen und sich im Gegenzug blühende Landschaften einkaufen. Zwei davon sollen der Vollständigkeit halber kurz erwähnt werden. Es handelt sich um das sog. "Lithiumdreieck" im südamerikanischen Hochland und um die Ölpalmen in Südostasien [10]. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre begann in Malaysia und Indonesien eine Karriere des Palmöls als post-fossiler Biosprit, vervielfachte in kurzer Zeit regionale Monokulturen, schuf auch ein Heer von Kleinbauern mit bescheidenem Einkommen - und sieht 20 Jahre später seinem Ende entgegen, weil die EU nach eigener Aussage den Regenwald als CO2-Senke retten bzw. laut malaiischer Beschwerde den nicht-fossilen Treibstoffzusatz mehr aus europäischen und amerikanischen Quellen beziehen will (FAZ [11], 9.5.19). In jedem Fall können etliche der "650.000 Kleinbauern, die in Malaysia ihr Einkommen mit dem geschmähten Öl erwirtschaften" und ihre indonesischen Kollegen sehen, wo sie bleiben.

Die westliche Außenpolitik - mit "Klimaschutz als neuen Imperativ" (Maas) - ist auch insofern gefragt, als Malaysia mit einem Verzicht auf den Kauf europäischer Kampfjets droht und sie in China kaufen will. In Bolivien, Chile und Argentinien sorgt ein anderer Rohstoff - einer, der für die batteriegetriebenen Panzerwagen der Klimarettung und die mittelklassigen Versionen dringend gebraucht wird - weniger für die Beschäftigung, sondern eher für das Vertreiben von Bevölkerung. Der geschäftsfördernde Abbau des gefragten Leichtmetalls bedeutet dort nämlich,

dass die Maschinen den Untergrund komplett umpflügen […]. Zudem bohren sie nach Süßwasser für die Lithiumproduktion. Der natürliche Wasserspiegel sinkt ab. Und dadurch mischt sich das Salzwasser mit dem Süßwasser. Diese Kontamination ist irreversibel, die Region verliert unwiederbringlich ihre Trinkwasserreserven.

Dlf [12]

Das wiederum steigert den Marktwert eines weiteren ‚Rohstoffs‘, der, vormals kostenlos, unter dem Namen "blaues Gold" erst in den letzten zwei Jahrzehnten Einzug in die Warenwelt gehalten hat.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Fridays-for-Future-und-was-dazu-nicht-im-Schulbuch-steht-4892973.html
[2] https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/themen/energie/berlin-energy-transition-dialogue/2205056
[3] https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/maas-energiewende/2207680
[4] https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/maas-klimaschutz/2223030
[5] https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/energiewende-green-deal-der-eu-soll-wasserstoff-projekte-der-energiewirtschaft-vorantreiben/25444524.html?ticket=ST-7703302-6N9LTe4MNGQSAYuuTfoE-ap3#:~:text=Energiewende%20Green%20Deal%20der%20EU,doch%20deutsche%20Beh%C3%B6rden%20machen%20Probleme.
[6] https://heise.de/-4358535
[7] https://heise.de/-4413405
[8] https://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_wirtschaft/article192367967/Preischaos-durch-Sonnenstrom.html
[9] https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/2019/20190205-altmaier-stellt-nationale-industriestrategie-2030-vor.html
[10] https://www.derstandard.at/story/2000116930383/warum-immer-mehr-palmoel-verheizt-wird
[11] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/palmoel-streit-zwischen-eu-und-malaysia-spitzt-sich-zu-16177266.html?GEPC=s3&premium=0x06f7ca0f7bd4791796d76aae05c4915e
[12] http://www.deutschlandfunk.de/lithium-abbau-in-suedamerika-kehrseite-der-energiewende.724.de.html?dram:article_id=447604