Von der Klima- zur globalen Flüchtlingskrise

Desertifikation - Ausgetrockneter Aral-See. Bild: Staecker / gemeinfrei

Der außer Kontrolle geratene Klimawandel könnte die größte Flüchtlingskrise der Menschheitsgeschichte auslösen

Der an Dynamik gewinnende, durch den Kapitalismus verursachte Klimawandel stellt die größte Bedrohung des Zivilisationsprozesses im 21. Jahrhundert dar. Auch wenn die durchgeknallten Ideologen der neuen Rechten - von Donald Trump bis zur deutschen AfD - vor diesem simplen Faktum in infantiler Weise beide Augen fest zudrücken, sehen inzwischen selbst Militäranalysten in dieser Hinsicht klar.

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Anfang Dezember 2016 berichtete der britische Guardian über die drastischen Klimawandel-Warnungen des Global Military Advisory Council, eines internationalen Netzwerkes von Militärs, das die "sicherheitspolitischen" Implikationen der Klimakrise analysiert. Demnach könnte der Klimawandel im 21. Jahrhundert eine "unvorstellbare" Flüchtlingskrise auslösen, die Massenflucht zu einer "neuen Normalität" machen werde.

Der durch den uferlosen Wachstumszwang des Kapitals verursachte Klimawandel sei bereits ein Faktor bei den gegenwärtigen geopolitischen Krisenschüben gewesen, die in den aktuellen Entstaatlichungskriegen im Nahen Osten und in Afrika kulminierten. Die Militärs brachten insbesondere den "Arabischen Frühling" die Krise in Syrien und das Aufkommen der islamistischen Terrorsekte Boko Haram in Westafrika mit der Klimakrise in Verbindung.

Der Klimawandel wirke bereits als "ein Beschleuniger der Instabilität in Teilen der Welt, inklusive des Mittleren Ostens und Afrikas", erklärte der US-General Stephen Cheney. Der ehemalige britische Admiral Neil Morisetti bemerkte, dass "der Klimawandel eine strategische Sicherheitsbedrohung" darstelle, die sich mit anderen Bedrohungsszenarien - Terror, Staatenkonflikte - in Wechselwirkung befinde. Diese komplexe Herausforderung sei "keine zukünftige Angelegenheit", sie entfalte sich bereits heute.

Es ist bezeichnend für den totalen ideologischen Bankrott des Spätkapitalismus, dass vor allem Militärs die Folgen des Klimawandels als ein bloßes "Sicherheitsproblem" wahrnehmen und diskutieren - während ein großer Teil der beständig nach rechts abdriftenden Politik diesen schlicht zu ignorieren versucht.

Diese Ignoranz kann in den Zentren noch aufrechterhalten werden, doch in der Peripherie des kapitalistischen Weltsystems schrillen bereits die Alarmglocken. Die Folgen des Klimawandels für Bangladesch beschrieb General Munir Muniruzzaman, der Militärberater des bangladeschischen Präsidenten: Nahezu 20 Prozent der Fläche des südostasiatischen Staates könnten im 21. Jahrhundert durch den Anstieg des Meeresspiegels verloren gehen. Allein in Bangladesch könnte es "mehr als 30 Millionen Klimaflüchtlinge" geben.

Dabei gilt nicht nur der drohende massive Anstieg des Meeresspiegels - der viel höher ausfallen wird, als von der Wissenschaft ursprünglich prognostiziert - als ein zentraler treibender Faktor der kommenden Flüchtlingskrise. Mitunter könnten ganze Regionen des globalen Südens durch Migration entvölkert werden, da die durchschnittlichen Temperaturen massiv ansteigen.

Der Nachrichtensender CNN veröffentlichte Anfang Dezember auf seiner Webpräsenz einen Hintergrundbericht der am Beispiel des Sudans die Folgen der kapitalistischen Klimakrise - die ja maßgeblich von den Zentren verursacht wird - in Ländern der Peripherie erläuterte.

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Weite Teile des Sudans könnten aufgrund des Klimawandels schlicht "unbewohnbar" werden. Die Durchschnittstemperaturen im Sudan sollen bis zum Jahr 2060 um 1,1 bis 3,6 Grad ansteigen, so dass in vielen Regionen des Landes Landwirtschaft nicht mehr betrieben werden könnte.

In Nordafrika herrschten bereits sehr hohe, rasch ansteigende Temperaturen, und "ab einem Zeitpunkt in diesem Jahrhundert werden Teile dieser Region unbewohnbar", erklärte Jos Lelieveld, ein Klimawissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie, gegenüber CNN. Das klimatisch bedrohte Gebiet reiche von Marokko im Westen bis hin zu Saudi Arabien im Osten, so Lelieveld.

Der Klimawandel beschleunigt bereits gegebene Tendenzen zur Verwüstung in der von Trockenheit und unregelmäßigen Regenfällen heimgesuchten Region (Sahel-Zone), die südlich an die expandierenden Wüstengebiete der Sahara angrenzt - und deren Nahrungsmittelsicherheit schon immer prekär war. Laut jüngsten Schätzungen sollen allein im Sudan bis zu 1,9 Millionen Menschen durch die Klimabedingt verringerte Nahrungsmittelproduktion bedroht sein.

Im Sudan greifen die kapitalistische "Unterentwicklung" des globalen Südens und der inzwischen voll einsetzende Klimawandel ineinander. An die 70 Prozent der Landbevölkerung dieses Landes ist von einer Landwirtschaft abhängig, die ohne künstliche Bewässerungssysteme auskommen muss - und folglich voll auf die unregelmäßigen Regenfälle angewiesen ist.

Gut 80 Prozent der Sudanesen decken ihren Wasserbedarf durch Regenwasser. Zugleich haben bereits einsetzende Wetterextreme, wie anhaltende Dürren, die durch sintflutartige Regenfälle unterbrochen werden, zu ersten Flüchtlingswellen innerhalb Sudans geführt. Das bitterarme Land muss bereits 600.000 Binnen-Klimaflüchtlinge verkraften, die seien 2013 durch Überflutungskatastrophen vertrieben worden.

Bereits gegebene ökologische und klimatische Krisentendenzen werden so durch den Klimawandel verstärkt: die knappen Wasserreserven schwinden, die zunehmende Erschöpfung der landwirtschaftlichen Nutzflächen schreitet rascher voran, die verheerenden Staubstürme, die das Land immer wieder heimsuchen, gewinnen an Intensität.

Die von dem kapitalistischen fossilen Verbrennungswahn in den Zentren des Weltsystems ausgelöste Klimakrise zerstört somit zuerst die ökologische Reproduktionsfähigkeit der schwächsten Glieder des kapitalistischen Weltsystems: der Gesellschaften in den am meisten gefährdeten, ökologisch prekären Regionen des globalen Südens.

Dabei ist es auch der schlichte Anstieg der Temperaturen, der große Teile des globalen Südens in den kommenden Dekaden unbewohnbar machen wird, wie der US-Sender CNBC unter Berufung auf Forschungsergebnisse des Max-Planck-Instituts auf seiner Webpräsenz meldete. Die Bewohnbarkeit von Teilen Afrikas und des mittleren Ostens sei künftig gefährdet.

Die sommerlichen Temperaturen in der gefährdeten Region würden doppelt so schnell ansteigen wie im globalen Durchschnitt. In Zukunft werde sich das Klima in großen Teilen des Mittleren Ostens und Nordafrikas in einer Art und Weise ändern, die "die Existenz der Bewohner dieser Region gefährden" würde, schrieb Lelieveld in einer Presseerklärung, die die jüngsten Forschungsergebnisse des Max-Planck-Instituts zusammenfasst.

Mitte des 21. Jahrhunderts sollen die Temperaturen in dieser Region während des Sommers auch des Nachts nicht unter 30 Grad Celsius fallen, während sie am Tag durchschnittlich 46 Grad Celsius betragen würden. Die Mittagstemperaturen könnten gegen Ende des Jahrhunderts sogar rund 50 Grad Celsius betragen. Bei fortgesetzten Klimawandel müssten die Menschen in dieser Region zur Mitte des Jahrhunderts mit durchschnittlich 200 "ungewöhnlich heißen Tagen" jährlich fertig werden.

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