Von der NSDAP verbotene NSDAP-Propaganda und "arische Mathematik"

Was 2014 gemeinfrei wird

Zum 1. Januar 2014 werden zahlreiche Werke gemeinfrei - diejenigen, deren Urheber 1943 starben. Aus der großen Masse dieser Schriftsteller, Musiker, Künstler und Wissenschaftlerhaben wir sechs Beispiele ausgewählt.

Die merkwürdigste Figur unter den Schriftstellern, die im nächsten Jahr gemeinfrei werden, ist der 1871 geborene Rheinländer Hanns Heinz Ewers, der am 12. Juni 1943 starb. Sein bekanntestes Werk ist der 1911 erschienene Roman Alraune - Die Geschichte eines lebendigen Wesens. Es verbindet den Bereich des Phantastischen mit dem der Erotik - was typisch für viele Bücher des Autors ist.

Hanns-Heinz Ewers.

Andere bekannte Ewers-Werke sind zum Beispiel Vampir - Ein verwilderter Roman in Fetzen und Farben (1921), ein Essay über Edgar Allan Poe (1909), ein populärwissenschaftliches Buch über Ameisen (1925), ein Vollendungsversuch von Friedrich Schillers Romanfragment Der Geisterseher (1922) und Fundvogel - Geschichte einer Wandlung (1928), wo er eine Geschlechtsumwandlung thematisiert.

Alraune wurde mehrfach verfilmt - aber auch Ewers selbst war ein Lichtbildpionier, dessen 1913 entstandener Student von Prag zu den beeindruckendsten deutschen Filmen vor dem Ersten Weltkrieg zählt. Ob auch Ewers Filme am 1. Januar 2014 gemeinfrei werden, ist nicht so klar wie bei seinen Schriften, weil an ihnen mehrere Personen mitwirkten. Ob diese Mitwirkung Schöpfungshöhe hat, muss bei der derzeitigen Rechtslage in jedem Einzelfall ein Gericht entscheiden.

Ewers war ein komplexer Charakter, der unter anderem Kontakte zu Aleister Crowley und Hitlers Pressechef Ernst "Putzi" Hanfstaengel pflegte. Obwohl er sich in seiner Novelle Die Herren Juristen gegen die Bestrafung von Oscar Wilde wegen Homosexualität empörte und am 26. März 1905 im Düsseldorfer General-Anzeiger osteuropäische Juden als "Pioniere des Deutschtums" feierte, trat er 1931 in die NSDAP ein, wo man jedoch zunehmend weniger mit ihm und seinem Werk anzufangen wusste:

Ein 1932 erschienener Roman über den 1930 ermordeten SA-Sturmführer Horst Wessel wurde bereits 1933 verboten. Später folgten alle anderen Bücher bis auf den 1931 veröffentlichten Roman Reiter in deutscher Nacht. Die 1933 angefertigte Verfilmung von Horst Wessel - Ein deutsches Schicksal wurde am 9. Oktober 1933 von der Filmprüfstelle verboten, "weil der Bildstreifen weder der Gestalt Horst Wessels gerecht wird, indem er sein Heldenleben durch unzulängliche Darstellung verkleinert, noch der nationalsozialistischen Bewegung, die heute der Träger des Staates ist".

Einer der bedeutendsten Mathematiker, dessen Werk 2014 gemeinfrei wird, ist der 1913 geborene und im September 1943 am Dnjepr gefallene Oswald Teichmüller aus Sankt Andreasberg im Harz. Der Sohn eines Webers trat 1931 dem NS-Studentenbund, der NSDAP und der SA bei. Nach der Machtergreifung führte er an der Universität Göttingen einen Boykott gegen die (unbeliebten, weil sehr trockenen) Analysisvorlesungen des jüdischen Zahlentheoretikers Edmund Landau an, der diesen dazu veranlasste, seinen Abschied zu nehmen.

Oswald Teichmüller

Trotzdem war der 1935 mit summa cum laude promovierte Mann, der auch Richard Courant, den jüdischen Entwickler der Finite-Elemente-Methode, und den jüdisch verheirateten Universalmathematiker Hermann Weyl vergraulte, kein reiner Radaubruder, sondern hinterließ Schriften, die sich später als wichtig für die Stringtheorie erwiesen. Das lag unter anderem daran, dass er sich trotz seines späteren Lehrers Ludwig Bieberbach nicht auf ideologischen Unsinn wie die Unterscheidung in "arische" und "jüdische" Mathematik konzentrierte.

Seine nationalsozialistische Gesinnung sorgte jedoch auf anderem Wege dafür, dass er nicht so viel entdeckte, wie er entdecken hätte können: Anstatt seine Forschungen zur (später nach ihm benannten) Teichmüller-Theorie oder zu den Teichmüller-Charakteren weiterzuführen, meldete er sich nach der deutschen Niederlage in Stalingrad freiwillig an die Ostfront.

Ähnlich seltsam wie die Nähe zwischen religionsartiger Rassetypenlehre und komplex analytischen Strukturen wirkt heute das nebeneinander von Esoterik und Genie in den Schriften des serbischen Erfinders Nikola Tesla, der am 7. Januar 1943 starb. Der Wechselstrompionier meldete nicht nur (funktionierende wie nicht funktionierende) Patente an, sondern publizierte auch zahlreiche Aufsätze in US-Zeitschriften, die im Januar 2014 gemeinfrei werden.

Nikola Tesla

Dazu gehören unter anderem seine im Electrical Experimenter erschienene Fortsetzungsautobiografie My Inventions, seine 1900 im Century Magazine veröffentlichte protoreligiöse Schrift The Problem of Increasing Human Energy und ein im Jahr darauf in Collier's Weekly abgedruckter noch bizarrerer Aufsatz über eine angebliche Begegnung mit Außerirdischen. Nimmt man die Texte nicht als wissenschaftliche Werke, sondern als Literatur, lassen sie sich heute durchaus unterhaltsam lesen.

Der bildende Künstler, dessen Gemeinfreiheit am 1. Januar 2014 am sehnsüchtigsten erwartet wird, ist der am 13. April 1943 verstorbene Bauhaus-Maler Oskar Schlemmer. Den Nationalsozialisten dienten Schlemmers Gemälde als Musterbeispiele für Kulturbolschewismus. Noch im Frühjahr 1933 erwirkten sie seine Kündigung bei den Berliner Vereinigten Kunstschulen, im Jahr darauf vernichtete das Essener Museum Folkwang seine Wandbilder und 1937 war er mit gleich fünf Werken an der Münchner Anti-Ausstellung Entartete Kunst und mit einem weiteren an der Berliner Schau Bolschewismus ohne Maske beteiligt. Von 1938 bis 1943 musste Schlemmer dann in einem Stuttgarter Betrieb als Anstreicher arbeiten.

Nach dem Krieg sorgten nicht Entartungsvorwürfe, sondern "geistige Eigentumsrechte" dafür, dass das Angebot an Schlemmer-Material kleiner blieb als die Nachfrage: Seit 1987 seine Witwe starb streiten sich mehrere Erben - was dazu führte, dass nicht nur Museen und Verlage, sondern sogar Hausbesitzer mit Anwaltsdrohungen überzogen wurden. Die Staatsgalerie Stuttgart wartet deshalb bis zum nächsten Jahr, um ihre große Oskar-Schlemmer-Retrospektive Visionen einer neuen Welt zu veranstalten.

Unter den Musikern, deren Werke am 1. Januar 2014 gemeinfrei werden, stechen vor allem zwei hervor: Thomas "Fats" Waller und Sergei Rachmaninow. Fats Waller, der am 21. Mai 1904 in Harlem geboren wurde und am 15. Dezember 1943 im Santa-Fé-Express an einer Lungenentzündung starb, war einer derjenigen Musiker, die den Jazz in den Swing transformierten. In den frühen 1940er Jahren war er damit so bekannt, dass er als Figur in Cartoons wie Tin Pan Alley Cats auftauchte.

Weil er relativ jung starb und mit verschiedenen Textern zusammenarbeitete, die noch lange nicht 70 Jahre tot sind, werden viele bekannte Fats-Waller-Stücke wie Ain't Misbehavin oder Honeysuckle Rose erst einmal nur als Instrumentals gemeinfrei. Der Jitterbug Waltz, mit dem Waller 18 Jahre vor John Coltranes My-Favourite-Things-Adaption den Dreivierteltakt in den Jazz brachte, gibt es ohnehin nur als Musik ohne Worte. Er bescherte Waller 2013 durch seinen Einsatz im Computerspiel Bioshock 2 neue Fans.

Sergei Rachmaninow

Der russische Komponist Sergei Rachmaninow, der am 28. März 1943 starb, war zu seinen Lebzeiten in ästhetische Auseinandersetzungen verwickelt, die damals ähnlich verbissen geführt wurden wie heute solche zwischen Xbox-One- und PlayStation-4-Fans. Es ging um die Vorstellungen von Tonalität, an denen Rachmaninow festhielt, und die Zeitgenossen wie Arnold Schönberg und Alexander Skrjabin als überkommen verdammten.

Besonders Theodor Adorno diente der Spätromantiker deshalb als Feindbild: In seinem Text Musikalische Warenanalysen schreibt er über Rachmaninows Cis-Moll-Präludium, es sei ein "Kindertriumph [...] für infantile Erwachsene". Ein Urteil, dass zwar als Kritik gemeint war, das aber gleichzeitig eine überzeitliche Qualität ganz treffend beschreibt, die erst dann sichtbar wird, wenn sich der Rauch vergangener Gefechte verzieht.

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