Von der Rückgewinnung des Animismus

Aufgeklärte Europäer wagen einen Blick auf Weltsicht-Gegenentwürfe

Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort
"Wünschelrute" (1835) von Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Alles lebt

Im Frühling erwacht die Natur zu neuem Leben. Das lernen Kinder hierzulande schon im Kindergarten. Da passt es gut, dass pünktlich zu Frühlingsbeginn in Berlin eine Ausstellung zum Thema Animismus eröffnet wurde. Den Besucher erwartet ein buntes Sammelsurium an Blickwinkeln auf ein Weltbild, das für den aufgeklärten Europäer lange Zeit als minderwertig galt.

Aufgeklärte Europäer wagen einen Blick auf animistische Gegenentwürfe. Alle Bilder: Katja Schmid

Allerdings ist die ambitionierte Ausstellung trotz der vielen Filme, die man sich dort anschauen kann, eher was für Erwachsene als für Kinder. Wer echte Tiere und Pflanzen erwartet, muss in den Zoo oder in den Botanischen Garten gehen. Museen sind Orte des Todes. Um beispielsweise einen Schmetterling eingehend zu erforschen, muss man ihn präparieren, so wie den Falter, der auf den Plakaten zur Ausstellung ganz Berlin bevölkert. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass die Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt so amorph daherkommt. Kurator Anselm Franke will keine Definitionen liefern und auch nicht so tun, als gäbe es "den" Animismus. Vielmehr möchte er Perspektiven aufzeigen und dem angestaubten Begriff neues Leben einhauchen.

Animismus Definition

Animismus als Begriff taucht zuerst in der Krankheitstheorie von Georg Ernst Stahl (1659-1734). Das zeitgenössische Bild vom Körper ist mechanistisch geprägt, doch für Stahl steht fest, dass die Seele eine zentrale Rolle spielt. Damit wurde Stahl einer der Vordenker der psychosomatischen Medizin. Seine anthropologische Dimension erhielt der Animismus-Begriff jedoch erst durch den Anthropologen Edward B. Tylor (1832-1917), der 1896 durch die Universität Oxford als erster Anthropologe auf einen Lehrstuhl berufen und damit zum Urvater seines Faches wurde. Für Tylor war der Animismus, also der Glaube daran, dass in allen Lebewesen und allen Dingen eine Seele schlummert, eine Vorstufe der modernen Religionen.

"Double Gardenia" aus der Sammlung über skurrile Rechtsstreits zum Thema Natur vs Urheberrecht, die von der "Agentur" seit 1992 gesammelt werden.

Doch nicht nur der Glaube an eine beseelte Natur und Geisterglaube galt dem evolutionären Anthropologen als primitiv, auch die Menschen mit animistischem Weltbild standen auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe. Der aufgeklärte Europäer belächelte sie, so wie man ein Kind belächelt, das den bösen Tisch beschimpft, der seine Kante in die Stirn des arglos vorbeilaufenden Kindes gerammt hat.

Diese Ottermodelle sind keine Kunstwerke, können aber Rechtsgeschichte schreiben. Modell aus der Sammlung der "Agentur".

Die Frage ist nur: sind wir heute so viel weiter als die scheinbar primitiven Völker? Entdecken nicht auch wir überall Gesichter: auf Türklinken, in Felsformationen, Rauchwolken und sogar auf Toastbrotscheiben? Wo genau verläuft die Grenze zwischen der belebten und der unbelebten Welt? Sind Pilze Pflanzen oder Tiere? Haben Tiere eine Seele? Falls ja: haben sie dann auch dieselben Rechte wie wir?

Versteinerter Speck aus "The Museum of Stones" von Jimmy Durham. Der Künstler macht sich auf liebenswerte Weise lustig über unseren Drang, in allen Dingen etwas "erkennen" zu wollen.

Aus der postulierten Sonderstellung des Menschen leiten wir unsere Vormachtstellung auf diesem Planeten ab. Eine verhängnisvolle Entscheidung, wenn man sich anschaut, wohin uns unsere Selbstgefälligkeit gebracht hat. Deshalb forderte Félix Guattari kurz vor seinem Tod 1992 eine vorläufige Rückkehr zum Animismus, die den verhängnisvollen Dualismus aufbricht. Auch auf der Konferenz zur Animismus-Ausstellung wurde über eine mögliche Rückgewinnung des Animismus diskutiert. Wobei man die Zeit natürlich nicht einfach zurückdrehen kann. Gebraucht wird sozusagen ein aufgeklärter Animismus, ein veränderter Blick auf die Welt.

Ohne Worte.

Die Natur als Rechtssubjekt

Was dieser veränderte Blick bewirken kann, zeigt die neue Verfassung von Ecuador. Bereits die Verfassunggebende Versammlung Ecuadors 2007/08 erregte seinerzeit viel Aufsehen, nicht nur weil damals das Recht der Frau auf sexuelle Befriedigung diskutiert wurde. Am Ende konnte die neue Verfassung mit einer ganzen Reihe an verfassungsrechtlichen Neuheiten aufwarten. So wurde erstmals in einer Verfassung das Eigenrecht von Pachamama zu deutsch: Mutter Natur, verankert.

"Color Change" (2012) von Dierk Schmidt.

Damit wurde die nach westlichem Verständnis unbeseelte Natur zum Rechtssubjekt erhoben, was ganz im Sinne der indigenen Andenvölker war, denn ihrem Verständnis nach ist Pachamama alles andere als unbeseelt. Sie ist die göttliche Kraft, die alles am Leben erhält, wer sich an ihr vergeht, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Die Verankerung der Schutzwürdigkeit der Natur war nicht nur ein verfassungsgeschichtlicher Coup, sondern auch ein Schlag gegen die ausbeuterischen Geschäftspraktiken von Ölkonzernen wie Texaco (inzwischen fusioniert mit Chevron), die seit den 60er Jahren in Ecuador nach Öl bohren und dafür bedenkenlos Umweltschäden in Kauf nehmen. So hat Texaco giftige Rückstände im Regenwald entsorgt und viele Quadratkilometer Urwald kontaminiert. Im Januar 2012 entschied ein ecuadorianisches Berufungsgericht, dass der Ölgigant Chevron 18 Milliarden Dollar Strafe an Ecuador zahlen muss.

Anthropomorphisten entdecken überall Gesichter.

Der Rechtsstreit schwelt seit mittlerweile 18 Jahren, das neuerliche Urteil gilt als Präzendenzfall. Allerdings kann Chevron sich noch an ein US-Gericht oder aber an den obersten Gerichtshof von Ecuador wenden. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen. (Katja Schmid)