Von der Sinfonie der Großstadt zur Geräuschkulisse

"Strategische Lärmkarte" (Straßenverkehr) für Berlin, 2017. Bild: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin/ Landesvermessung und Geobasisinformation Brandenburg

Lärmverschmutzung verschärft sozialen Stress. Aber jeder hört anders.

Äsop erzählt von der armen Landmaus, die von ihrer Freundin in die Stadt eingeladen wird. Die Stadt bietet üppigste Speisen und Vergnügen im Überfluss, verspricht die Stadtmaus. Aber es geht nicht gut. Kaum sitzen sie an den Resten der Tafel, bricht Gefahr in Gestalt der Dienerschaft herein, und die beiden zittern und fliehen.

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In der Stadt muss man ständig auf der Hut sein, lehrt die Fabel. Stressoren lösen Angstreaktionen aus, für Mäuse und Menschen. Städter haben das dünnere Nervenkostüm. Sie sind hypersensibilisiert für unvorhersehbare und unkontrollierbare Ereignisse. Nur können die menschlichen Städter im Zuge der stark zunehmenden Urbanisierung nicht ohne weiteres aufs Land ausweichen. Für sie stellt sich die Frage dramatisch: Machen Städte krank? Eine neue Fachrichtung, die Neurourbanistik, untersucht den "sozialen Stress", der aus den Formen der Vergesellschaftung hervorgeht.

Nach der Luftverschmutzung ist Lärm die zweitgrößte Umweltbelastung. Beides zusammen resultiert in urbanem Stress, dessen herausragende Symptome der Psychiater Mazda Adli aufzählt: 1. Affektive Störungen, 2. Angststörungen, 3. Depression. Die gesundheitlichen Folgen von Lärmbelastung lassen sich noch einmal unterteilen in psychische und physische. Letztere reichen von Schwerhörigkeit und Tinnitus, dem andauernd hochfrequenten Pfeifton, bis zu Herz/Kreislauf-Erkrankungen einschließlich Herzinfarkt. Bei Berufsgruppen wie Bauarbeitern, die ständig überdurchschnittlicher Belastung ausgesetzt sind, ist auch die Mortalität höher.

Erste psychische Syndrome sind insbesondere Konzentrationsstörungen, Beeinträchtigung bei der Durchführung von Aufgaben und Schlafstörungen. Sowohl physische Folgen wie Tinnitus als auch psychische können andauern, wenn die Lärmquelle weggefallen ist. Es wäre einseitig, Lärm unter Hinweis auf die Gewöhnung zu verharmlosen. Eher findet eine Summierung der Faktoren statt. Der Hörsinn und die kognitive Verarbeitung des Inputs sind zunehmend überlastet. Die Reizüberflutung ist gesellschaftlich produziert. Die Gesellschaft ist zur Leistungsmaschine mutiert, die unsere Aufmerksamkeit und unsere Wahrnehmungsfähigkeit überdehnt. Unsere Sinne stehen "unter" permanent verstärktem "Strom". Unser Jahrhundert ist das "neuronale", schreibt Byung-Chul Han in seinem Band "Müdigkeitsgesellschaft".

In einem Vortrag am Deutschen Institut für Urbanistik übertrug Adli diesen Prozess des ständigen Über-sich-Hinausgehens mit einer einfachen Formel auf den Stadtraum: Je höher die soziale Dichte, desto größer der Stress. Die Verhaltensforschung hat im Tierreich zahlreiche Vorbilder für sozialen Stress entdeckt, so das Federpicken zu eng gehaltener Hennen. Das "Crowding-Stresssyndrom" ist ein evolutionäres Erbe, wie Vergleichstests am Menschen herausgefunden haben. Adli beruft sich auf den Trierer Sozialen Stresstest von 1993, der die Probanden ähnlich unter öffentlichen Druck setzt wie eine Castingshow. Donald Trumps "The Apprentice" griff dieses Muster, Kandidaten mittels Bewerbungsgesprächen vorzuführen, auf.

Auf dem Land lebt es sich folglich besser - glücklicher und freiheitlich. Mit solch linearen biologistischen Erklärungen vergaloppiert sich die Neurourbanistik, die nicht einmal so neu ist. Adli erwähnt mit keinem Wort Alexander Mitscherlichs Band "Die Unwirtlichkeit unserer Städte". In diesem 1965 erschienenen Text stellt der Psychoanalytiker die Frage, ob die Stadt- und Wohngestaltung wichtige Wirkmomente von Neurose sind oder ob die Stadt ein Heilmittel gegen die neurotisierenden Zwänge der Kleinstädte und Dörfer ist. Mitscherlich lässt die Frage wohlweislich offen. Als Freudianer fasst er die Stress-Symptomatik unter "Neurose" zusammen, begründet diese jedoch gesellschaftlich.

Das Privateigentum ist von sichtbaren Grenzen umgeben. Entscheidend sind für Mitscherlich jedoch die unsichtbaren Tabus, die neurotisch, die ängstlich oder aggressiv machen. Ängstlich deshalb, weil der Druck der Anpassung an soziale Zumutungen ins Innere der Individuen gewandert ist. Die abgedrängten Triebansprüche richten sich "terroristisch" gegen die Autonomie des Ich. Mitscherlich umreißt damit sehr genau einen Aspekt des Lärmstresses: die territoriale Invasion. Der Lärm, der subversiv in "mein" Territorium eindringt und nicht mehr zu kontrollieren ist, lässt nur noch Hilflosigkeit oder Aggression, kurz: Frustration zu. Deswegen wird gezittert. Neurose ist verunglückte Angstabwehr.

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Das ist auf dem Land nur äußerlich anders als in der Stadt. Zwar ist die Fläche nicht so dicht mit Grundstücken besetzt und die öffentliche Geräuschkulisse weiter entfernt, aber umgekehrt proportional ist der soziale Zwang gesteigert. Oft reicht ein Nachbar zum Aufschaukeln von rechthaberischen Konflikten, und mangelnder Ein-Blick in die gut gesicherte Nachbarparzelle wird durch verbale Invasionen, Gerüchte und Spekulationen ersetzt. Dörfer können zu Zwangsveranstaltungen werden. Die Freiwillige Feuerwehr macht nicht nur Tatütata, sondern greift immer dann ein, wenn es dörfliche Hierarchien zu bewahren gilt.

Nähe und Ferne sind keine metrischen, sondern emotional definierte sozialräumliche Größen. Martin Heidegger schreibt: Ein "schwerer Gang" kann einem unendlich lang erscheinen. Was leicht fällt, ist dagegen nur "einen Katzensprung" entfernt. In seinem jüngst erschienenen populärwissenschaftlichen und mit Leckerbissen aus der Hirnforschung gespickten Band "Stress and the City" nennt Adli selbst eine Fülle von Phänomenen, die den Stressfaktor "urbane Dichte" relativieren. Masse heißt nicht nur, in der U-Bahn Körper an Körper zu kleben, sondern man kann in der Masse sehr einsam sein, gefühlt weit weg von den anderen. Aber jüngere Stadtbewohner goutieren durchaus die größere - auch akustische - Ereignisdichte. Schließlich ist die Stadt für Events gut. Stadt ist "Soundscape" pur.

Eine soziologische Studie unterscheidet zwischen Kontaktkulturen und Distanzkulturen. Menschen, die an einem Caféhaustisch in San Juan/Puerto Rico zusammensaßen, berührten sich pro Stunde einhundertachtzigmal. Am wenigsten Körperkontakte gab es in London, nämlich keine. Und was bei den den Puerto Ricanern noch innerhalb der Lärmtoleranz liegt, mag den Engländern und Deutschen bereits über die Hutschnur gehen.

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