Von der Superspreaderin, die keine Superspreaderin war

Symbolfoto: cottonbro/Pexels

Coronakrise, Medienkrise: Im Fall Garmisch-Partenkirchen haben viele Journalisten die Anstandsregeln missachtet

"Superspreader (deutsch "Superverbreiter") sind im epidemiologischen Kontext Infizierte, die eine ungewöhnlich hohe Zahl von Organismen mit einem bakteriellen oder viralen Krankheitserreger anstecken." (Wikipedia)

Die Stigmatisierung im Zusammenhang mit Covid-19 ist ein wenig besprochenes Thema. "Superspreader" wäre ein Schlagwort dafür. Jemandem, der oder die absichtlich oder auch fahrlässig das Sars-CoV-2-Virus verbreitet, wird der Ruch, "kriminell" zu sein, angeklebt; ein Schlag hinterrücks, der Zettel ist dran, ohne Beweise, auf Verdacht. Umso mehr wiegelt sich die Empörung über die verdächtige Person auf, wenn Geschichten dazu kommen, wonach sie ihrem persönlichen Vergnügen nachgegangen ist und also aus purer Lust und unverantwortlicher Ausschöpfung ihrer Freiheiten das Gemeinwesen gefährdet.

Genau diese Vorhaltungen wurden einer jungen Frau in Garmisch-Partenkirchen gemacht. Der Ort am südlichen Rand Deutschlands war plötzlich als Hotspot in den bundesweiten Schlagzeilen. Das lag einmal an den erhöhten Infektionszahlen und zu anderen an der skandalösen Geschichte, die dazu erzählt wurde, die eines unverantwortlichen, schier unglaublich Verhaltens nach dem Motto "Mein Fun ist mir wichtiger als eure Gesundheit".

Es war von einer "Superspreaderin" die Rede: einer jungen Amerikanerin, die sich trotz einer Infektion mit Sars-CoV-2 ins Nachtleben begab und dort eine Menge Nichtsahnender angesteckt haben sollte. Wer in der vergangenen Woche in Bayern per Radio über "Die Welt am Morgen" informiert wurde, hörte den Innenminister Hermann erbost über den Fall reden und ein hohes Bußgeld fordern. Auch von Ministerpräsident Söder wurden ähnliche Ankündigungen laut.

Medien taten sich gütlich an der Geschichte, die jugendliche Sorglosigkeit und Frivolität im Umgang mit Corona lehrreich mit den Konsequenzen eines solchen "irren" Verhaltens konfrontierte. Der Fall wurde zum Exempel. Wie sich dann herausstellte, auch zum Exempel einer Vorverurteilung.

"Eine Superspreaderin auf Kneipentour" Die Welt
"Bayerns Innenminister fordert Konsequenzen für Superspreaderin. Eine infizierte Frau hat die Corona-Fälle in Garmisch-Partenkirchen sprunghaft ansteigen lassen." Zeit Online
"Söder nennt Garmischer Superspreaderin "Musterfall für Unvernunft" Spiegel Online
"Kranke auf Bar-Tour" FAZ
"'POTENTIELLE KILLERIN'! Superspreaderin feierte beim Karaoke-Abend. Der heftige Corona-Ausbruch in Garmisch-Partenkirchen geht auf das Konto einer feierfreudigen US-Amerikanerin (26). Bild.de

"Auf Twitter regte sich Unmut über das Verhalten der Frau", so die FAZ weiter. Dass die voreilige Hexenjagd der Medien für diesen Unmut verantwortlich ist, war dort allerdings nicht zu lesen. Allmählich gesellte sich dann in nachfolgenden Berichten (zu spät) das Beiwort "mutmaßliche" zur "Superspreaderin". Es sickerte durch, dass die Sache nicht so eindeutig war, wie man erst gedacht hatte.

Eine Pressekonferenz am Dienstag bestätigte dann, dass der Verdacht gegen die junge Frau überzogen war. Die Verantwortlichen berichteten von drei möglichen Anstiegsfällen, die in Zusammenhang mit der jungen Frau standen - "möglich", weil es zwar wahrscheinlich ist, aber nicht sicher feststeht, dass die Virusinfektionen der drei positiv auf Sars-CoV-2 Getesteten auf die Amerikanerin zurückzuführen ist.

Der nächste wichtige Punkt betrifft das Verhalten der Frau. Anders als es zuvor nahegelegt wurde, stellte sich heraus, dass die Frau möglicherweise keine eindeutige Anweisung bekommen hatte, dass sie zuhause bleiben soll. Die Tagesschau, die an dieser Stelle für ihre Aufklärung zu loben ist, berichtet des Weiteren:

Bekannt wurde außerdem, dass die Frau am Dienstagabend keineswegs auf "Kneipentour" war, wie Behörden, Politiker und Medien bis heute schreiben, sondern in einem Lokal. Zudem dürfen reine Bars, Kneipen und Betriebe des Nachtlebens in Bayern noch gar nicht öffnen.

Tagesschau

Wegen zivilrechtlicher Haftung etwa für die Kosten der Massentests prüft man laut SZ noch im Landratsamt. Das hatte die Frau dem Bericht der Süddeutschen zufolge als "Superspreaderin" dargestellt. Nach Stand der Dinge ist alles andere als klar, ob sie "zwingend die erste Infizierte war, die alle anderen angesteckt hat".

"Somit ist bislang keine Infektion in Garmisch-Partenkirchen nachweislich auf die Frau zurückzuführen. Das Landratsamt kann in keiner Weise sagen, ob die Frau ihre Kolleginnen und Kollegen angesteckt hat - oder schlicht selbst dort angesteckt wurde. Weitere Neuinfektionen hätten jedenfalls keinen Kontakt mit der Frau gehabt, die von Behörden, Politik und Medien seit Tagen "Superspreaderin" genannt wird."

Tagesschau

(Thomas Pany)