Von der deutschen Vergangenheitsbewältigung

Holocaust-Mahnmal in Berlin. Bild: K. Weisser / CC-BY-SA-2.0

Warum sie keinen Schlussstrich kennt

Anfang Oktober 2020 einigen sich die Bundestagsparteien mit Ausnahme der AfD auf einen neuen "Meilenstein der deutschen Erinnerungskultur" in Form einer Berliner Gedenkstätte für die europäischen Opfer des NS-Vernichtungskriegs. Die FDP lässt wissen: "Erinnern kenne keinen Schlussstrich […]. ‚Jede Generation muss sich aufs Neue mit der Vergangenheit auseinandersetzen‘." Die Grünen mahnen, "dass der gruppenbezogene Hass sich heute in Europa und auch in Deutschland wieder breit macht". Nur die AfD opponiert und spricht von einem "Sündenstolz der Deutschen", einem "Erinnerungswahn" und fordert stattdessen einen Gedenkort für die Weltkriegspopfer auf genuin deutscher Seite.

Ungefähr zeitgleich löst ein anderes Denkmal auf öffentlichem Grund einen diplomatischen Vorgang aus. Aufgestellt Ende September vom Korea-Verband e.V. in Berlin-Mitte, erinnert eine Statue "an die über 200.000 Mädchen und Frauen aus 14 Ländern, die vom japanischen Militär [zwischen 1931 und 1945 …] im asiatisch-pazifischen Raum als sogenannte 'Trostfrauen' sexuell versklavt wurden".

Umgehend unterstreicht Japans Außenminister Toshimitsu in einem Videogespräch mit Heiko Maas die "aktuelle Störung der deutsch-japanischen Beziehungen" samt der Städtepartnerschaft Berlin-Tokio durch diese Erinnerung an ein historisches Kapitel, unter das seit einem Abkommen mit Seoul von 2015 ein "endgültiger und unwiderruflicher Schlussstrich gezogen" sei. (Die Statue sollte daher auf Anordnung des Bezirks bis zum 14. Oktober entfernt sein, darf aber, Stand Redaktionsschluss, vorläufig bis zu einer gerichtlichen Bewertung stehenbleiben.)

Analog zu einem Flügel der AfD verwahrt sich also auch die japanische Regierung gegen ein "Denkmal der Schande" im Herzen der deutschen Hauptstadt - was auf einer Linie liegt mit dem wiederholten trotzigen Totengebet von Tokioter Parlaments- und Kabinettsmitgliedern im Yasukuni-Schrein für die Seelen von 2,5 Mio. Kriegstoten, darunter 14 als sog. "Kriegsverbrecher der A-Klasse" Verurteilte (sowie gefallene Armee-Pferde). Auch der japanische Schulbuchstreit gehört hierher, weil dem vormaligen "Regierungschef [Abe …] die Darstellung der jüngeren japanischen Geschichte 'zu masochistisch' [erschien …]. Auf Basis solcher Bücher könne die japanische Jugend nicht lernen, ihr Land zu lieben."

Das dürften die neuen Rechten wiederum ähnlich sehen, wenngleich eine Leserstimme zur zitierten Meldung ein klares Dementi zum Ausdruck bringt: "Wenn Shinzo Abe recht hätte, würden wir Deutsche unser Land nicht lieben. Dies trifft aber in aller Regel nicht zu." Unterstützung und Ermutigung findet eine solche Vaterlandsliebe ganz prominent beim amtierenden Bundespräsidenten, der beständig und aktuell daran erinnert, "dass Demokratie nicht selbstverständlich ist […], dass uns unsere Vergangenheit Lehren aufgibt […]. Wir leben in einer Zeit, in der […] sogar völkisches Denken neue Verführungskraft entfaltet […]. Deshalb ist es wichtig, dass wir keinen Schlussstrich ziehen und nicht zurückfallen in das alte Verdrängen."

Und auch mit Blick auf die rassistischen Vorfälle in den USA ergänzt Steinmeier: "Es reicht nicht aus, 'kein Rassist' zu sein. Wir müssen Antirassisten sein! Rassismus erfordert Gegenposition […] und - was immer am schwierigsten ist - Selbstkritik, Selbstüberprüfung."

"The Model Penitent"

Dieser Schwierigkeit einer selbstkritischen Überprüfung, deren Ende auch 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg nicht abzusehen ist, nahm und nimmt sich Japan im Vergleich zu Deutschland offensichtlich nicht oder in ziemlich anderer Form an - ein Unterschied, der in journalistischen oder wissenschaftlichen Betrachtungen thematisiert wird. Dort spielt allerdings der vom Bundespräsidenten bemühte Zusammenhang zwischen der Erinnerung an die historische Schuld und der Verteidigung der freiheitlich-demokratischen Gegenwart eine untergeordnete Rolle. Es würde wohl auch keinem Publizisten ernsthaft einfallen, das heutige Japan der Verachtung von Menschenwürde und Parlamentarismus zu bezichtigen, weil es seine Vergangenheit, um mit der AfD zu sprechen, ohne oder mit geringem "Sündenstolz" und "Erinnerungswahn" bewältigt.

Stattdessen wird die deutsche Vergangenheitsbewältigung nicht als Beiwerk zu einem staatlichen Programm behandelt, sondern eher als eine verantwortungsethische Staatskunst für sich, der offenbar ein großer Wurf gelungen sei, den Japans Politik bisher verpasst habe. Einem akademischen Festredner soll laut Faz 2010 der Satz entfahren sein, "es [gebe] Länder in Europa, die uns um dieses Denkmal [das Holocaust-Mahnmal] beneiden".

Ein US-deutscher Wissenschaftler hat den Unterschieden im Gebrauch der nationalen Bußfertigkeit, engl.: penitence, eine längere Studie gewidmet (Thomas U. Berger: War, Guilt, and World Politics after World War II, New York 2012), die "Germany: The Model Penitent" bzw. "Japan: The Model Impenitent?" nennt und dies u.a. so begründet:

Weizsäcker even went so far as to suggest that […] not only should Germans today feel guilty for the crimes of the past, but that this guilt should itself be a source of national pride.

Thomas U. Berger, S. 35

Es mag ja sein, dass ein Bundespräsident, der 1985 das Kriegsende zum "Tag der Befreiung" und die Shoa für "beispiellos in der Geschichte" erklärt, den Patriotismus des Volks für diese Sicht vereinnahmen will. Aber ein staatliches Weiß-Warum und eine politische Grundlage wird diese Entfachung einer "attitude" doch wohl gehabt haben, die der US-Autor auf Deutsch "Sühnestolz" (ebd.) nennt.

Damit ein solches Gefühl sich einstellt, ist mehr gefordert als ein präsidialer Appell. Dazu später mehr. Von Stolz redet auch der Soziologe Jürgen Habermas, den er durch eine "große intellektuelle Leistung" gerechtfertigt sieht, die nach beschämenden Erfahrungen einen Patriotismus und eine Staatsmoral eigener Art hervorgebracht habe:

Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit, auf die gerade meine Generation stolz sein könnte […]. Der einzige Patriotismus, der uns dem Westen nicht entfremdet, ist ein Verfassungspatriotismus. Eine in Überzeugungen verankerte Bindung an universalistische Verfassungsprinzipien hat sich leider in der Kulturnation der Deutschen erst nach - und durch - Auschwitz bilden können. Wer uns […] die Schamesröte über dieses Faktum austreiben will, […] zerstört die einzige verlässliche Basis unserer Bindung an den Westen.

Jürgen Habermas, Die Zeit 11.7.86

Auch hier steht einiges auf dem Kopf. Basis von Adenauers Westbindung war kein Schamgefühl, sondern mindestens das Interesse an der Restauration eines kapitalistischen Staats, für den sich die Demokratie als geeignete Herrschaftsform empfahl. Der Patriotismus entstammt auch nicht einer Überzeugtheit von "universalistischen Verfassungsprinzipien", sondern ist, um mit Hegel zu reden, "die Gesinnung, welche in den gewöhnlichen Lebensverhältnissen das Gemeinwesen als substantielle Grundlage zu wissen gewohnt ist" (§ 268 Rechtsphil.), setzt also staatliche Verhältnisse voraus, statt sie, wie Habermas wähnt, erst einzurichten.

Der Europa-Korrespondent einer Zeitung aus Singapur, das Opfer der japanischen Expansion war, steuert schließlich auch einen nationalen Ertrag aus dem vermeintlichen Kunstgriff in Sachen Patriotismus bei: "The result is that, while any rearmament move by Japan immediately attracts unfavourable responses from its neighbours, the pressure on Germany is in the opposite direction." (Straits Times 10.2.14) Und er ergänzt: "In return for contrition [Reue], Germany was offered security, prosperity and full membership in the European community of nations. Germany now leads Europe in every respect." (Ebd. 3.3.14)

Diese Sicht aus dem Ausland verweist zumindest auf eine Reihe staatlicher Erfolge, lässt aber offen, inwieweit sie mit den "Lehren aus dunkler Vergangenheit" einher- oder aus ihnen hervorgehen. Außerdem: Wenn die Gegenleistung für staatliche Reue in Wachstum, Bündnispartnern, erwünschter Aufrüstung und schließlich in einer internationalen Führungsrolle besteht - warum haben die japanischen Nachkriegsregenten dann nicht ihrerseits einen solchen Erfolgsweg eingeschlagen?