Von einer, die auszog, ohne das Fürchten zu lernen

Susanne Osthoff und die ideologischen Ruinen von Babylon

Dass einer auszieht, um das Fürchten zu lernen, ist alte deutsche Tradition. Dass sich eine von den finsteren Mächten der Erde nicht einschüchtern lassen will, ist eher eine späte Emanzipationsgeschichte und kein Märchen. Ist nicht statistisch betrachtet der Umstand der Entführung der deutschen Archäologin Susanne Osthoff die beste Gewähr, kein zweites Mal entführt zu werden? Aber wie weit darf man sich auf Wahrscheinlichkeiten verlassen, wenn es um das eigene Leben geht?

Ein anderer Schutz für Frau Osthoff könnte effektiver sein. Die Bundesregierung würde kategorisch erklären, im Fall einer zweiten Entführung keine Hilfe mehr zu leisten, die in Konzessionen auf terroristische Forderungen hin bestünde. Das etwa anlässlich der Schleyer-Entführung praktizierte Modell, sich nicht erpressen zu lassen, wird in der Hektik über die mögliche Rückkehrabsicht der Archäologin in den Irak hierzulande nicht erörtert. Dabei wäre es das beste Motiv für Terroristen, Frau Osthoff in Ruhe zu lassen. Denn wenn die Haltung der Erpressten a priori kompromisslos wäre, könnte Frau Osthoff für die Entführer so attraktiv werden wie ein buntglitzernder Fisch, von dem jeder kundige Meeresräuber weiß, dass er sich bestenfalls den Magen daran gründlich verdirbt.

Der Fall „Osthoff“ bietet indes bedeutendere Einsichten in diesen Krieg, der keiner sein soll, als die Frage, ob der Staat einen Hilfswilligen gegen sich selbst schützen darf. Denn wenn die Iraker von den Segnungen des Westens überzeugt werden sollen, sollte das doch auch anders möglich sein als durch eine militärisch wie polizeilich exekutierte Demokratie. Frau Osthoff bringt just den Wein, den andere predigen. Und hatten die alliierten Freiheitsbeschaffer nicht mehrfach erklärt, dass man die militärische Absicherung des freien Irak, die ohnehin mehr schlecht als recht funktioniert, bald, baldmöglichst, demnächst, in nicht allzu ferner Zukunft beenden wolle?

Frau Osthoff macht also genau das, was in der vorgeblichen Logik des westlichen Verständnisses postkolonialer Menschenfreundlichkeit liegt: Helfen, mit gutem Beispiel vorangehen, vor allem aber, sich nicht einschüchtern lassen. Oder wird jetzt deutlich, dass das Freiheitsmodell westlicher Façon nur eine Chimäre ist, um das angeschlagene Selbstverständnis des Westens nicht zu gefährden? Weiß man insgeheim längst, dass denen nicht zu helfen ist, weil sich der Wille zur Selbsthilfe an zahllosen Fronten tot läuft? Die relative Einigkeit, nun Frau Osthoff für eine Verirrte zu deklarieren, ist geeignet, den Generalverdacht gegen das ganze Weltbeglückungsprogramm erneut zu begründen.

"Wir sollten prüfen, ob die Bundesregierung den Irak um ein Einreiseverbot für Frau Osthoff bitten kann", erklärte die Bundesparlamentarierin Brunhilde Irber. Eckart von Klaeden ergänzt diese Prüfung um den psychologischen Endreim: "Bei Frau Osthoff scheinen die Maßstäbe verrückt zu sein." Der CDU-Experte für Außenpolitik hält sie für eine "Gefahr für sich selbst und andere Menschen“. Und was ideologisch erschwerend hinzukommt: "Es ist unerträglich, wie wohlwollend sich Frau Osthoff zu ihren Geiselnehmern äußert."

Gewiss, hier drohen Feindbilder instabil zu werden, die manichäisch geordnete Welt gerät nun auch in jenes Chaos zu fallen, das längst zum irakischem Alltag geworden ist, wenn eine deutsche Muslimin gar ein wie immer geartetes Verständnis für Terroristen zeigt. Bereits der irakische Schiitenprediger El Sadr, für friedvolle Töne an sich weniger bekannt, appellierte an die Entführer, die Geisel freizulassen. Selbst die Widersacher der Freiheit sind also unzuverlässige Kantonisten, wenn es um unsere gefestigten Bilder vom Übel der Welt und seinen Handlangern geht.

Von Unvernunft, Verrücktheit und Realitätsverweigerung der Susanne Osthoff ist hierzulande die wütende Rede, wo es doch notwendig wäre zu erklären, dass vor allem anderen die Verhältnisse unvernünftig und verrückt sind. Nicht Frau Osthoff ist pervers, sondern die Situation, in der die irakische Bevölkerung lebt. Vor jeder psychopathologischen Fallgeschichte der Susanne Osthoff sollte die Kritik nicht ihr gelten, sondern jenen, die das Chaos angerichtet haben, den unwillkommenen westlichen Demokratiestiftern, den demokratisch maskierten Templern und den Terroristen, die sich kollusiv auf die militärische Teufelsaustreibung verlassen dürfen.

„Ich gehöre hier hin, habe mit Deutschland nichts mehr zu tun und bin auf einem anderem Weg“ – das sei die Aussage der Susanne Osthoff, wie es der Psychologe Georg Pieper interpretiert. Wenn es so ist, ist das eine freie Entscheidung, die auch das Kalkül des Risikos birgt, das seit dem Sieg, der keiner war, die ungeschriebene, aber einzig funktionierende Verfassung des Landes bestimmt. Warum sollte eine Rückkehr der Frau Osthoff so unerträglich sein, wenn doch Millionen von Irakern mehr oder weniger in derselben Lebenswirklichkeit zu überleben versuchen?

Folgt man gläubig konsequent dieser humanen Logik, sollte man die irakische Bevölkerung zumindest bis auf weiteres im geräumigen Texas, auf befreiten Gefängnisinseln oder anderen global verstreuten Notunterkünften, die Amerika reichlich zur Verfügung zu stehen scheinen, evakuieren. Es gibt keinen Fall „Osthoff“, sondern nur einen Fall „Irak“, dessen unselige Verantwortungszusammenhänge über der Pseudopolitisierung der Osthoff-Geschichte nicht vergessen werden können.

Das Auswärtige Amt will jedenfalls von einer Rückkehr nichts hören. „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um“, lautet das Wissen der Osthoff-Kritiker vom Stammtisch bis hinauf in die Regierungsspitze. "Wenn die Bundesregierung Frau Osthoff ausdrücklich vor einer Rückkehr in den Irak gewarnt hat, ist sie nicht zu weiterem diplomatischen Schutz verpflichtet", sekundiert der Jurist Eibe Riedel.

Doch die Fundamentallehre des Terrorismus für den ganzen Globus lautet idealtypisch: „Jeder ist überall und jederzeit in Gefahr.“ Auch jenseits des Iraks würde eine gemeinsame Presseerklärung aller Beteiligten, der Guten wie der Bösen, sich darin treffen, dass man heutzutage längst nicht mehr ausziehen muss, um das Fürchten zu lernen.

Eckart von Klaeden ist jenseits dieser allgemeinen Weltkatastrophenlage jedoch nicht nur um das körperliche und vor allem geistige Wohl von Frau Osthoff besorgt: "Frau Osthoff taugt nicht als Vorbild. Das sollten vor allem diejenigen bedenken, die glauben, ihrem Beispiel folgen zu wollen." Die Zivilisierung, Humanisierung und Kultivierung dieses Landes könnte somit auf unbestimmte Zeit eine „humanbellizistische“ Angelegenheit bleiben. Doch ist der Frieden, der seinen Namen verdient, nicht zu wichtig, um ihn westlichen Weltordnern, den Generälen, der Polizei, den Bodyguards und den Wohlmeinenden zu überlassen? (Goedart Palm)

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