Von strahlenden Waschmaschinen und schmutzigen Bomben

Elf Behälter mit hochradioaktivem Kobalt-60 sind in Polen gestohlen worden

Waffenfähiges Uran 235 aus Russland gelangte 2006 über den Hafen von Wismar nach Deutschland. Nur durch Zufall wurde es in 6000 Tonnen Metall entdeckt, kurz vor dem Einschmelzen. In einem Papier der Bundesregierung heißt es: „Fund eines kontaminierten (Uran angereichert 80 %, 3,8 MBQ) Rohrstücks, das nach Atomgesetz als Kernbrennstoff einzustufen ist, in einer Schrottlieferung bei einem Stahlwerk.“ Das Bundeskriminalamt bestätigte den Vorfall auf Anfrage. Dies berichtet das Wirtschaftsmagazin Plusminus des WDR exklusiv heute Abend in der ARD.

Die Bedrohung geht nicht nur von Bombenmaterial wie Uran 235 aus. Ein Papier der Europäischen Kommission warnt: 30.000 Strahlungsquellen sind „verloren“ gegangen. Die Strahlenquellen stammen z.B. aus Laboren, Krankenhäusern, aber auch Universitäten. Elf Behälter mit hochradioaktivem Kobalt-60 sind in Polen gestohlen worden. Kurz vor der Sendung meldete sich ein polnischer Pressesprecher und sagte, zehn seien wieder gefunden worden.

Verwunderlich findet dies Horst Janku von der Gewerbeaufsicht Bremen. Denn im behördenübergreifenden Meldesystem wurde zwar die Warnung vor den gefährlichen Strahlern herausgegeben, nicht aber eine Findesituation. Die aber, so Janku, sei zwingend vorgeschrieben. Er vermutet daher, dass es sich um eine Äußerung handelt, die nur der Beruhigung der Bevölkerung dient. Er selbst ist nach wie vor aufgerufen, nach den Kobalt-60 Quellen zu suchen und Recyclinganlagen sowie Schrottbetriebe zu warnen. "Dies tue ich auch weiterhin", sagt der Behördenmitarbeiter.

Kobalt-60 kann auch dazu benutzt werden, die von Sicherheitspolitikern so gefürchtete „schmutzige Bombe“ zu bauen – also einen Explosivkörper, der keine klassische Atombombe ist, aber dennoch einen enormen Schaden durch breitgestreute Verseuchung anrichten kann.

Das ist nicht die einzige Gefahr, die von dem gestohlenem Kobalt-60 ausgeht. Horst Janku von der Gewerbeaufsicht Bremen warnt: „Wir haben die Befürchtung, dass diese Behältnisse auf einem Schrottplatz landen können.“ Wird das radioaktive Material nicht entdeckt, droht eine Katastrophe. In Spanien blieb eine radioaktive Quelle in einer Recyclinganlage unentdeckt. Das ganze Werk musste entseucht werden. Schaden: Eine Million Euro. Glück im Unglück. Denn die nukleare Quelle hätte auch eingeschmolzen werden können. Dann hätte das gesamte Stahlwerk abgerissen werden müssen; auch dies ist bereits u.a. in Spanien geschehen.

Noch schlimmer aber: aus dem verseuchten Metall würden Produkte gemacht für den ganz alltäglichen Bedarf – also Lampen, Uhren, Schränke. Solche radioaktiv belastete Uhren sind auch schon in Deutschland verkauft worden. Sie mussten vom Markt genommen werden. „Es ist wirklich nur einem Zufall zu verdanken, dass überhaupt festgestellt wurde, dass die Uhren radioaktiv belastet waren“, berichtet Horst Janku. Entdeckt wurde die Uhr nur, weil ein französisches Atomkraftwerk Alarm auslöste. Aber nicht wegen eines Unfalls im Akw, sondern weil beim Gang durch die Kontrollschleuse Nuklear-Sensoren die radioaktive Uhr bemerkten. Daraufhin lösten ausgerechnet die so Atom-freundlichen Behörden Frankreichs eine Europa-weite Alarmmeldung aus und nahmen die Uhren vom Markt. Deutsche Ermittler nahmen die Verseuchung so ernst, dass sie den Ursprung des radioaktiven Metalls bis nach China verfolgten.

Immerhin, Prof. Wolfgang Köhnlein, der ehemalige Vizepräsident des wichtigsten Strahlenschutzprogramms UNSCEAR, warnt vor den möglichen Folgen:

Eine verstrahlte Uhr am Arm zu tragen, kann dazu führen, dass der Körper, der diese Uhr trägt, wenn es der entsprechende Strahler ist, Cobalt 60, strahlenbelastet wird, mit den Konsequenzen, dass auf lange Sicht Zellen mutieren und schließlich zu Krebszellen werden.

Kein Einzelfall. Zöllner in Rotterdam beschlagnahmten 2006 Handtaschen aus Indien, die mit Kobalt 60 radioaktiv verseucht waren. „Außerdem haben wir radioaktive Waschmaschinenteile, sogenannte magic balls aus China gefunden, die werden dem Waschpulver beigegeben, da wird die Wäsche strahlend schön“, erzählt Bert Wiersemer, Leiter des Alarmzentrums im Rotterdamer Hafen.

In Rotterdam werden alle eingehenden und ausgehenden Container mit Hilfe deutscher Nukleardetektoren von Siemens auf Radioaktivität untersucht. Ursprünglich wurden diese angeschafft auf Wunsch der USA, um zu verhindern, dass in den Containern eine „schmutzige Bombe“ geschmuggelt wird. „Eine schmutzige Bombe haben wir bislang nicht gefunden", berichtet der niederländische Zoll, "aber immer wieder nuklear belastete Metalle und Alltagsgegenstände, die strahlten.“ In solchen Fällen werden andere Länder in Europa gewarnt, die keine oder nur sporadische Stichproben machen – „risikoorientiertes Messen“ nennt dies beschönigend das deutsche Bundesfinanzministerium; zuständig für den Zoll.

Während nämlich Rotterdam als einer der bedeutendsten Häfen der Welt zeigt, wie reibungslos und problemfrei es funktioniert, alle Container auf Radioaktivität zu scannen, lehnen deutsche Reeder dies als zu teuer ab; außerdem habe man nicht genügend Platz im Hafen. Dabei sind die Nukleardetektoren schmal und unscheinbar. Zu den Fragen wollte das Bundesfinanzministerium nicht Stellung nehmen. Wie auch alle anderen Ministerien. Keiner will zuständig sein – das Gesundheitsministerium nicht, und das, obwohl die Gewerbeaufsicht die strahlenden Uhren vom Markt nahm – und die Gewerbeaufsicht untersteht nun einmal dem Bundesgesundheitsministerium.

Auch das Bundesverkehrsministerium tauchte ab, dabei geht es um den Transport gefährlicher Güter. Selbst das Bundeswirtschaftsministerium erklärte sich flugs für – nicht zuständig, und das, obwohl es um Wirtschaftsunternehmen und –güter geht. Und die Pressestelle des Bundesinnenministeriums lässt verlauten, man sei nicht zuständig. Und das, obwohl Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble nicht müde wird, zu behaupten, er sei besorgt:

Viele Fachleute sind inzwischen davon überzeugt, dass es nur noch darum geht, wann ein solcher Anschlag kommt, nicht mehr ob.

Doch alle Tore stehen weit offen in Deutschland für alle Ausgangsmaterialien für eine radioaktiv verseuchte, „schmutzige Bombe“. Wirtschaftsgüter wie Lampen, Uhren, etc. werden nicht auf Radioaktivität untersucht. Wenn auf Lampen eben ein CE Zeichen für Produktsicherheit pappt, muss garantiert sein, dass die Lampe leuchtet, ob sie auch strahlt, untersucht niemand. Anders als im Rotterdamer Hafen wäre bei uns in Deutschland die strahlenden Handtaschen vermutlich niemals aufgefallen. Hier werden fertige Importgüter nicht auf Radioaktivität getestet. Weder, wenn sie ins Land kommen, noch , wenn sie in den Schaufenstern liegen. Dies bestätigt das Bundesumweltministerium. Und das, obwohl längst da ist, wovor sich angeblich der Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble so sehr fürchtet, längst da – allerdings, die „Bombe“ tickt im Rohstoff Metall und in den Alltagsgegenständen, die möglichst billig ins Land kommen.

Aus Furcht, ihnen könnten radioaktive Strahler untergeschoben werden, haben die größeren Recyclinganlagen und Stahlwerke sich freiwillig inzwischen Nukleardetektoren angeschafft. Immerhin warnt 2004 der Wirtschafts- und Sozialausschuss der Vereinten Nationen, dass es 2001 allein in den USA 4000 Vorfälle mit radioaktivem Material in Metallen gegeben hat. Besonders in Zeiten gestiegener Rohstoffpreise ist die Gefahr groß, dass nicht nur massenhaft geklautes Kupfer, Gullydeckel und Bahngleise an Recyclinganlagen verkauft werden, sondern auch radioaktive Metalle.

Vorgeschrieben sind solche Detektoren allerdings nicht. In Deutschland gibt es noch nicht einmal eine zentrale Statistik, was wo wann gefunden wurde. Horst Janku kritisiert:

Wir melden Vorfälle nicht bundesweit weiter, es wird auch nicht bundesweit abgefragt - ich bin noch nie gefragt worden, wie viel Stoff habt ihr schon gefunden? Oder was habt ihr gefunden im letzten Jahr. Und das denke ich, sollte irgendwann einmal passieren.

Alvaro Rodriguez, der Direktor des internationalen Recyclingverbands, hat miterlebt, wie die Recyclinganlage in Spanien entseucht werden musste. Er meint zu wissen, warum man in Deutschland nicht flächendeckend nach den Strahlern sucht und kontrolliert. Die Unternehmen müssen die Beseitigung der verstrahlten Funde nämlich selbst zahlen.

In Spanien ist das anders, da gilt das sogenannte Spanische Protokoll: Jeder, der irgendwie mit strahlendem Material in Berührung kommen kann, zahlt in einen gemeinsamen Topf ein. Also Hersteller von Strahler, Nutzer von radioaktivem Material, Schrotthändler, Recyclingbetriebe, Stahlwerke und andere zahlen alle ein. Findet dann ein Betroffener eine Strahlenquelle wird er nicht dadurch bestraft, dass er für seinen Fund und die Meldung eines solchen auch noch die teure Entsorgung bezahlen muss, sondern alle geben etwas dazu. Deshalb wird auch eher ein Fund gemeldet.

Die Deutschen hingegen warten offensichtlich darauf, bis etwas passiert. Dann soll die Zentrale Unterstützungsgruppe des Bundes (ZUB) es richten (Die Zentrale Unterstützungsgruppe des Bundes). Im Juni hat sich diese bislang streng geheime Truppe unter Führung des BKA in Leverkusen erstmals mit einer Übung der Öffentlichkeit vorgestellt. Die ZUB wird dann gerufen, wenn es zu spät ist, dann nämlich, wenn die jetzt gestohlenen Kobalt 60 Quellen als radioaktive Bombe detoniert sind oder in Alltagsgegenständen bei uns zu Hause auftauchen.

Anzeige