Von wegen Immaterialisierung: Das Lebendige wird erdrückt durch von Menschen geschaffene tote Objekte

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In rasanter Geschwindigkeit werden die Menschen in Kürze die gesamte Biomasse mit den von ihr produzierten unbelebten Materialien überholt haben, das Leben steht auf der Verliererseite

Unser Planet wird von menschengemachten Dingen und Materialien überzogen. Die "anthropogene Masse" an unbelebten festen Objekten verdrängt zunehmend das natürliche Leben und verkleinert dessen Lebensraum. Mittlerweile hat die anthropogene Masse in einem schwindelerrgeneden Tempo mit der gesamten Biomasse gleichgezogen und wächst immer weiter.

Dabei sind zerstörte und nicht mehr im Gebrauch befindliche Objekte, der "anthropogene Massenabfall", gar nicht einmal einbezogen. Nicht Biomasse wird vernutzt, sondern vornehmlich Steine und Mineralien, die schon vor dem Leben da waren. Das führt für das Leben, so eine neue Studie, zu großen Veränderungen von natürlichen Habitaten, der Biodiversität und von klimatischen und biogeochemikalischen Zyklen. Schon einmal hatte das Leben den Planeten verändert und sich revolutioniert, als es auf Sauerstoffproduktion umgeschaltet hat. Dabei ist das alte Leben weitgehend vernichtet worden, aber es konnten sich neue Lebensformen ausbreiten. Ähnliches könnte nun auch drohen.

Mit 0,01 Prozent der Biomasse überzieht die Menschheit den Planeten mit Beton und Asphalt

Wenn man sich die Schätzungen von Ron Milo und seinem Team vom Weizmann Institute of Science in ihrem Beitrag für Nature anschaut, dann wird schon einmal klar, dass die mit der Digitalisierung vor Jahrzehnten ausgerufene Parole vom Gang in die Immaterialität eine völlige Fehleinschätzung war. Zwar explodierte auch die Produktion der Bits und Bytes, die Energie fressen und materielle Träger benötigen, doch nach den Schätzungen der Wissenschaftler hat sich die künstliche Masse in den letzten hundert Jahren alle 20 Jahre verdoppelt und hat bereits oder wird demnächst die gesamte Biomasse des Planeten überholen, die mit der Zunahme der anthropogenen Masse sich verkleinert oder der Lebensgrundlagen beraubt wird. Täglich kommen 30 Gigatonnen (30.000.000.000) hinzu. Dabei zählen die Wissenschaftler zur Biomasse auch landwirtschaftliche Flächen und Viehzucht hinzu, die selbst wiederum die Vielfalt des Lebens reduzieren.

Die Biomasse ohne Wasseranteil soll gegenwärtig um die 1,1 Teratonnen (1.100.000.000.000) (+/- 15%) betragen, die menschliche Biomasse, also die der Körper der 7,8 Milliarden Menschen, hat daran nur einen verschwindenden Anteil von 0,01 Prozent. Dafür ist die Menschheit höchst produktiv, die Erde mit künstlichen Strukturen aufzufüllen. Jede Woche wird pro Mensch mehr als sein eigenes Körpergewicht an anthropogener Masse geschaffen. Einbezogen wurden in die Schätzung sechs Materialgruppen: Beton, dessen Verwendung ab den 1960er Jahren massiv zugenommen hat, Aggregate wie Kies sowie Ziegel und Asphalt stellen die Materialen der gebauten Umwelt und den höchsten Anteil des Materials der anthropogenen Objekte dar. Dazu kommen noch Metalle und andere Materialien wie Glas, Plastik und industriell verwendetes Holz, die aber angesichts der Masse von Beton und Co. kaum ins Gewicht fallen.

Zwischen 2014 und 2026 also soll die Menge der künstlichen Objekte das Gewicht der Biomasse in getrocknetem Zustand überstiegen haben oder übersteigen. Das sehen die Wissenschaftler als Bestätigung dafür, dass wir im Zeitalter des Anthropozäns angekommen sind, in dem die Menschheit maßgeblich auf alle biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse des Planeten oder zumindest der Erdoberfläche einwirkt. Ein bisschen anders sieht es aus, wenn der feste anthropogene Abfall oder das Nicht-mehr-Gebrauchte einbezogen werden, dann nämlich haben wir schon seit ungefähr sieben Jahren die Biomassen, zu der wir ja auch gehören, ausgestochen. Geht man von der nassen Biomasse des Lebendigen aus, dann soll die etwa ein Gewicht von 2,2 Teratonnen haben. Dann wäre die Biomasse dem anthropogenen Objekten und Müll noch 10 oder 20 Jahre überlegen.

Aber auf jeden Fall tickt die Uhr. Die Schwelle ist bei aller Unsicherheit über die geschätzten Werte natürlich erst einmal nur symbolisch, markiert aber die rasant zunehmende Konkurrenz und Bedrohung des Lebendigen durch die Ausbreitung des Toten, auch wenn die Technik die Objekte mit Künstlicher Intelligenz und Künstlichem Leben ausstattet. Erst vor 20 Jahren war vermutlich eine weitere Schwelle überschritten worden. Seitdem lebt eine Mehrheit der Menschen in Städten, die es erst seit etwas mehr als 10.000 Jahren gibt. Den größten Teil der Geschichte war die Menschheit nomadisch und in Kleingruppen unterwegs.

Mit dem anthropogenen Massenaussterben findet auch ein Abbau des Lebendigen statt

Mit der Erfindung der Städte und der Landwirtschaft beschleunigte sich die Umgestaltung des Planeten und vor allem des Lebens auf ihm. 90 Prozent der Biomasse stellen die Pflanzen, innerhalb von 3000 Jahren haben die Menschen, so die Wissenschaftler, die Massen der Pflanzen von zwei Teratonnen auf jetzt eine reduziert. Es findet mithin nicht nur ein neues anthropogenes Massenaussterben statt, das die Vielheit des Lebens reduziert, sondern auch eine Vernichtung der schieren Biomasse.

Die Masse von Gebäuden und Infrastruktur wie Straßen ist mit 1100 Gigatonnen schon mehr als die aller Bäume mit 900 Gigatonnen. Plastik erdrückt mit 8 Gigatonnen schon die Massen aller Tiere mit 4 Gigatonnen. Wie rasant wir auf eine Verkünstlichung der Erde mit toten Objekten zurasen, kann eine Zahl verdeutlichen: Noch 1900 betrug die Masse der anthropogenen toten Objekte nur 3 Prozent der Biomasse oder 35 Gigatonnen.

In nur 120 Jahren hat sich nun ein fatales "Gleichgewicht" hergestellt, das wohl immer schneller zugunsten der anthropogenen Objekte auseinanderbrechen wird, von denen wir als biologische Wesen aber nicht leben können. Bis 2040 könnte sich die anthropogene Masse noch einmal verdreifachen. Für die Zunahme sorgen nach den Wissenschaftlern vor allem globale Ereignisse wie Wirtschaftskrisen und Weltkriege. Als Beispiel wird auf den Zweiten Weltkrieg hingewiesen, nach dem die anthropogene Masse um 5 Prozent jährlich gewachsen ist. In dieser Zeit der "Großen Beschleunigung" nahm der Konsum ebenso wie die Urbanisierung zu. (Florian Rötzer)