Von wegen: "Spatzenhirn"

Kolkrabe. Bild: NPS.gov

Dass Vögel erstaunliche Intelligenzleistungen vollbringen, verdanken sie einem effizient konstruierten Gehirn

Diogenes war kein Biologe, aber er hatte einen Blick für das Wesentliche. Als Platon definierte, der Mensch sei ein "Zweibeiner ohne Federn", rupfte er einen Hahn und präsentierte ihn als "Platons Menschen" (woraufhin Platon seinerseits einen beachtlichen Blick für biologische Merkmale bewies und ergänzte: "mit flachen Nägeln" - solche kennzeichnen tatsächlich die Primaten).

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Einig scheinen sich die beiden Streithähne immerhin darin gewesen zu sein, dass man die Unterschiede zwischen Menschen und Vögeln vorwiegend in den hornigen Anhängen der Haut zu suchen habe. Und damit waren sie, vor ungefähr 2400 Jahren, bemerkenswert modern.

Denn während einerseits Primatenforscher wie Michael Tomasello laufend ungeahnte Lücken in den geistigen Fähigkeiten unserer nächsten äffischen Verwandten aufdecken, nutzen die geflügelten Zweibeiner ebenso regelmäßig die aufkommende peinliche Stille, um sich mit ihren Fähigkeiten zu profilieren. Zum Beispiel das Zeigen: Es gilt als grundlegende Fähigkeit für die Entstehung von Sprache und einer "Theory of Mind", also einer Vorstellung davon, dass und was ein Anderer denkt. Menschenaffen zeigen nie etwas, außer allenfalls die Stelle auf ihrem Rücken, an der sie gekratzt werden wollen. Wenn sie etwas wollen, holen sie es sich. Wenn ihnen jemand etwas zeigt, trauen sie ihm nicht.

Elstern hingegen - unter Menschen nicht eben als vertrauenswürdig bekannt - zeigen einander einen Feind. Raben zeigen einander Nistmaterial. Der bemerkenswerte Graupapagei Alex war sogar imstande, die Farbe eines Gegenstandes zu nennen, den seine Trainerin Irene Pepperberg ihm zeigte.

Das bedeutet mitnichten, dass Menschenaffen dumm wären. Sie verstehen die Zeigegeste vermutlich, aber sie trauen ihr nicht. Dass es so etwas wie selbstlose Kooperation geben könnte, ist ihnen ein fremder Gedanke. Sie sind, wenn es um die physische Welt geht, so intelligent wie zweieinhalbjährige Kinder - aber in der sozialen Welt schlagen sie sich nur halb so gut. Und mithin, wie es scheint, auch schlechter als Vögel. Wenn sie beobachten, dass ein Artgenosse eine Aufgabe auf andere Weise löst, als sie selbst entdeckt haben, dann ist das Menschenaffen schnurzegal: Sie bleiben stur bei ihren Methoden. Meisen und Menschenkinder hingegen schwenken auf die beobachtete Lösung um. Sie folgen anscheinend einem inneren Antrieb zur sozialen Konformität (Gleichgeschaltete Meisen).

Doch nicht nur auf dem sozialen Gebiet sind die Federtiere überraschend flink. Wenn man auf YouTube nach "intelligent bird", "smart bird", "clever bird" oder ähnlichem sucht, kann man Vögel sehen, die Brotkrumen aufs Wasser streuen, um Fische zu ködern, Krähen, die spontan einen Draht zum Haken biegen, um einen Eimer zu angeln (dies wurde auch wissenschaftlich publiziert), Dohlen, die Zeigegesten vertrauen, und sogar eine Nebelkrähe, die einen Spielzeugreifen benutzt, um auf einem beschneiten Dach Ski zu fahren.

Wissenschaftliche Publikationen zeigten auch, dass Rabenvögel so gut wie Primaten ihre Impulse kontrollieren können, Hawaiianische Krähen sich in die illustre Gesellschaft der Werkzeugnutzer einreihen, und sogar Tauben Zeichenfolgen orthographisch verarbeiten. Man fragt sich, wie Zoologen noch vor wenigen Jahrzehnten der Ansicht sein konnten, Vögel wären kognitiv unflexible Reflexmaschinen.

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