Von wegen Vertrauen: Warum Firmen Zeiterfassung wirklich abschaffen

Traum oder Alptraum? Kommt darauf an, ob er eigentlich längst Feierabend hat. Foto: TeeFarm auf Pixabay (Public Domain)

Die Bundesregierung ignoriert EU-Recht und Arbeitsschutz. So führt Homeoffice oft zur Entgrenzung der Arbeitszeit

"Zukunft. Respekt. Europa." - so heißt das erste Kapitel im Wahlprogramm der SPD und ihres Kanzlerkandidaten Olaf Scholz. In seiner Rolle als Vizekanzler der Großen Koalition nimmt Scholz "Europa" und "Respekt" für Beschäftigte weniger ernst - denn der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat die Bundesregierung im Mai 2019 aufgefordert, eine gesetzliche Regelung zur Arbeitszeiterfassung in den Betrieben zu treffen.

Bis heute ist keine solche Regelung in Sicht, dem Bundestag wurde kein Gesetzesentwurf vorgelegt. Eine spanische Gewerkschaft war damals mit ihrer Klage gegen die Deutsche Bank vorgegangen, um ein System zur Erfassung der geleisteten täglichen Arbeitszeit einzurichten.

Die Zeiterfassung ist kein Thema nur für Juristen, vielmehr sind überlange Arbeitszeiten für viele Beschäftigte ein Problem. Wer dauerhaft 55 Stunden oder mehr pro Woche arbeitet, hat ein deutlich höheres Risiko, tödlich zu erkranken. Das ergab eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Demnach nahm die Zahl der Todesfälle durch Herzerkrankungen wegen zu langer Arbeitszeiten zwischen 2000 und 2016 um 42 Prozent. Dabei stieg die Zahl der tödlichen Schlaganfälle um 19 Prozent. Überarbeitung sei somit "der führende Risikofaktor für Berufskrankheiten", erklärte die WHO.

"Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwindet"

In vielen Unternehmen erfolgt die Verteilung der Arbeit nicht mehr nach dem Prinzip "Befehl und Gehorsam", nach dem ein Vorgesetzter die einzelnen Arbeitsschritte vorgibt und deren Einhaltung kontrolliert. Vielmehr erfolgt häufig, gerade bei hochqualifizierten Angestellten, eine Vermarktlichung der Arbeitsbeziehung. Sie müssen sich in eigener Verantwortung innerhalb der Vorgaben direkt dem Kunden gegenüber am Markt orientieren. "Starre Abläufe, strenge Hierarchien oder Arbeit nach Plan in den zementierten Grenzen der Abteilungen passen nicht zu der digitalen Ära. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwindet und mit ihr vertraute Gewissheiten über feste Arbeitszeiten und -orte. Dank Smartphones, Laptops und Videokonferenzen ist es zunehmend egal, wo gearbeitet wird.

Gefragt sind flexible, dynamische, vernetzte Strukturen, die unmittelbar reagieren auf die Veränderungen", beschreibt die Krankenversicherung DAK-Gesundheit die Situation. Oft gilt "Vertrauensarbeitszeit": Dabei wird auf die Erfassung von Arbeitszeit verzichtet. Gerade mobile Arbeit oder Arbeit im Homeoffice wird von Unternehmen dafür gerne als Vorwand genutzt.

"Der Spruch, dass Kontrolle durch Vertrauen ersetzt werden soll, verdeckt jedoch, worum es geht: Die Arbeitgeber schaffen die Zeiterfassung erst dann ab, wenn sie vorher Bedingungen geschaffen haben, unter denen sich die Abschaffung der Zeiterfassung für sie rechnet", analysiert der Philosoph Klaus Peters die Folgen der Abschaffung der Stempeluhr beim Computer-Konzern IBM. In der Praxis erleben Beschäftigte, dass die Einführung der "Vertrauensarbeitszeit" weitgehende negative Folgen hat. Denn die Zeiterfassung stellt eine Absicherung des Werktätigen dem Unternehmen gegenüber dar.

Das moderne Unternehmen "ermutigt Mitarbeiter, aktiv und schnell individuelle Lösungen an der direkten Kontaktstelle zum Kunden zu entwickeln, anstatt auf zentrale Vorgaben zu warten oder durch zu viele und zu starre bürokratische Planungs-, Kontroll- und Reporting-Aktivitäten gelähmt zu werden", erklärt Achim Mollbach, Unternehmensberatung Kienbaum. Ein Beispiel ist OKR, die Führung nach Objectives & Key Results. Dabei ist nicht "der Weg" das Entscheidende, vielmehr zählt nur das Ziel, etwa die Projekterreichung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wie viel Zeit der Beschäftigte dabei benötigt, ob er die Arbeit in der Woche oder am Samstag oder Sonntag erledigt, ist für das Unternehmen ohne Bedeutung.

"Homeoffice verleitet Arbeitnehmer zu Überstunden", erklärt Yvonne Lott von der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung. "Selbstbestimmung klingt gut, ist aber auch eine Einladung zur Selbstausbeutung", fasst die Stiftung Befragungen von Beschäftigten zusammen. Eine von ihr durchgeführte Studie hat bereits 2017 die Gefahren für die Gesundheit, vor allem durch fehlende Trennung zwischen Arbeit und Freizeit bestätigt: "Wer im Homeoffice tätig ist, kann abends oft nicht abschalten. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 45 Prozent und ist damit mehr als doppelt so hoch wie bei Beschäftigten, die nie zu Hause arbeiten. Offenbar verschwimmen die Grenzen zwischen den Lebensbereichen bei dieser Arbeitsweise besonders leicht."

Stressfaktor: ständige Erreichbarkeit auf immer mehr Kanälen

Diese Problematik verschärft sich durch zunehmenden Technikeinsatz. Der Einsatz mobiler Geräte - etwa Smartphones - ermöglicht Arbeiten immer und überall. Verschärft wird das Problem der ständigen Erreichbarkeit durch unterschiedliche Kommunikationskanäle in der digitalen Arbeitswelt. Die Anforderungen, per Mails, über Chats oder mit sozialen Netzwerken zu kommunizieren, nehmen zu.

Dies führt zur Überforderung, da es für viele Beschäftigte zu viele unterschiedliche Kanäle sind. Zumal sich die Angestellten häufig mit widersprüchlichen Anweisungen konfrontiert sehen. So stehen der allgemeinen Aufforderung, sich in Sozialen Medien zu engagieren und mitzudiskutieren, oft unterschiedliche Kulturen in einzelnen Abteilungen gegenüber, die dies als Zeitverschwendung betrachten. Diesen Widerspruch zu lösen, liegt dann oft in der Eigenverantwortung der Beschäftigten und führt zur Unsicherheit, was der richtige Weg ist.

Der Kampf um die Arbeitszeiten ist ein Dauerkonflikt im Kapitalismus. Bei den ersten Kämpfen um Tarifverträge ging es um Lohn und Arbeitszeit. Fehlt die Zeiterfassung, kann das Unternehmen nach eigener Einschätzung jederzeit über die Beschäftigten verfügen. Überstundenanträge, die ein Signal für Überarbeitung darstellen können, werden nicht mehr gestellt. Erst wenn der Beschäftigte protestiert, erfahren Vorgesetze ganz offen von den Belastungen. Fehlt die Zeiterfassung, fallen fehlendes Personal und steigende Überstunden gar nicht mehr auf.

Bereits vor der Corona-Krise sah der DGB Arbeitsstress auf einem besorgniserregend hohen Niveau. Insgesamt berichtete mehr als ein Viertel der Beschäftigten (26 Prozent), dass sie häufig oder oft die Arbeitsmenge, die sie eigentlich erledigen müssten, nicht in der vorgesehenen Arbeitszeit schaffen können, so der DGB. Wie akut die Probleme sind, zeigen aktuelle Untersuchungen. Die Hans-Böckler-Stiftung warnt, dass Arbeiten zu Hause als "Einfallstor für weitere Entgrenzung der Arbeitszeit" genutzt wird.

Infolge der "digitalen Zugriffsmöglichkeiten im Homeoffice steigen die Erwartungen der Arbeitgeber:innen, ihre Beschäftigten auch außerhalb der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit" unter Druck zu setzen und ihre Arbeitskraft zu nutzen, so die Forscher. Mehr als 39 Prozent der Befragten machten im Homeoffice Überstunden. "Durch Arbeitszeiterfassung kann unbezahlter Mehrarbeit entgegengewirkt werden", so die gewerkschaftliche Stiftung. Aussitzen ist hier das Motto der Bundesregierung - im Interesse der Unternehmen, zulasten des Arbeitsschutzes. (Marcus Schwarzbach)