Vor und hinter der Mauer

Monument für die Toten, die beim Versuch, die Grenze zwischen Mexico und den USA zu überwinden, ums Leben kamen. Bild: © Tomas Castelazo / www.tomascastelazo.com / CC-BY-SA-3.0

Der Mauerbau in der Politik und der Geschichte

Eine Mauer wird wieder gebaut. Nicht in Deutschland, in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Meldung von Ende Januar begleitet die ersten Tage der Präsidentschaft von Donald Trump. Er hat das Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten angewiesen, den Bau einer Mauer zur Grenze nach Mexiko zu planen und umzusetzen. Die Mauer soll den illegalen Grenzübertritt von mexikanischen Immigranten unterbinden.

Eine Mauer ist nicht nur eine Mauer, das soll als ein Mantra diese Einführung in den politischen Mauerbau begleiten. Eine Mauer ist nicht nur eine Mauer - sie nimmt symbolischen Wert an, sie manifestiert - so die Hypothese - eine spezifische politische Mentalität.

Globale Popularität besitzt die Große Mauer in China. Sie wurde laut übereinstimmenden Berichten zum Schutz vor den Nomaden im Norden des Reiches gebaut. Über Jahrhunderte dauert der Bau; heute ist sie Touristenattraktion. Ein Teil der insgesamt 50.000 km langen Mauer wird durch staatliche Subvention in einem vorzeigbaren Zustand gehalten. Ihre frühere Funktion der Abwehr kriegerischer Nachbarvölker hat sich längst gewandelt.

An der Großen Mauer haben sich auch belletristische Autoren abgearbeitet: bekannt ist Franz Kafkas Kurzgeschichte Beim Bau der Chinesischen Mauer. Kafkas These ist, dass ein Arbeiter nur ein Teilstück der Großen Mauer sieht, weil fünfhundert Meter überschaubar sind und innerhalb von 5 Jahren erbaut werden können. So bleibt die Motivation erhalten. Aus vielen Einzelstücken wird eine große Mauer gebaut. Die Chinesische Mauer bietet die Blaupause für spätere Abgrenzungen politischer Art. Es geht jedoch immer auch um das Material: Lehm, Stein, Holz, Beton, Zement, Stacheldraht, Laser.

Anders funktioniert der römische Limes, der nicht primär zur Abwehr feindlicher Angriffe gedacht war. Er markierte die Grenze des römischen Wirtschaftsgebiets und erleichterte die Kontrolle der Zölle. Die ständige Bewegung ganzer Völker (Stichwort Völkerwanderung) machte es ab einem gewissen Zeitpunkt unmöglich, die Grenzanlagen und vor allem ihre Wachmannschaften zu finanzieren und damit aufrecht zu erhalten.

Der Limes war nicht der Limes. Während an manchen Streckenabschnitten die "Mauer" aus Kastellen bestand, die in einem gewissen Abstand auf einer imaginierten Linie gebaut wurden, leisteten sich die Römer beim rätischen Limes an gewissen Stellen eine aus Steinen errichtete Mauer. Die unterschiedliche Zusammensetzung des Limes zeigt deutlich, dass hier keine vollständige Verteidigung des römischen Territoriums angedacht war.

Neben Mauern gibt es sicher noch andere Befestigungen, die besser schützen können. Im Fokus steht hier jedoch die Mauer als kontinuierliche materielle Begrenzung von zwei Gebieten: vor und hinter der Mauer. Die Grenzregionen bilden dabei noch eigene Qualitäten aus: "Die Grenzregionen haben eine eigene Geschichte, eine eigene Architektur, eine eigene Esskultur entwickelt. Es gibt bildende Künstler und Schriftsteller, für die die Vermischung der unterschiedlichen Lebensstile und kollektiven Lebensbilder an der Grenze als Antrieb für künstlerische Kreativität wirkt." (von Bredow 2014: 99)

Der US-Autor Cormac McCarthy veröffentlichte eine sogenannte Border-Trilogie, die sich mit der Grenze zwischen New Mexico und Mexiko im 19. Jahrhundert belletristisch auseinandersetzt. Er spart die damals schon bestehenden Probleme im Grenzverkehr nicht aus. In der Fiktion tauchen Helden und Anti-Helden auf; sie entschärfen die Realität, um die Handlung zuzuspitzen. Die sogenannten Borderlands entwickeln eine eigene Kultur und Mentalität.

Die politische Realität sieht anders aus: Der Grenzübertritt zwischen den USA und Mexiko ist lebensgefährlich. Bereits jetzt trennen Stacheldrahtzäune den nord- vom mittelamerikanischen Staat. Es existiert jedoch keine durchgehende Mauer. Trump möchte den Bau einer solchen Mauer durchsetzen. Die Kosten für ein solches Bauwerk können leicht explodieren. Deshalb warb Trump noch im August 2016, während des Wahlkampfs, in Mexiko für die Mauer und eine finanzielle Beteiligung Mexikos an den Kosten. Der Präsident Mexikos schien sprachlos und setzte dieser wenig diplomatischen Rede seines Gastes aus den USA nichts entgegen.

United States Border Patrol bei den Algodones Dünen in Kalifornien. Bild: Department of Homeland Security / Public Domain

Diese Sprachlosigkeit von Enrique Peña Nieto hat ihm politisches Vertrauen eingebüßt. Trump möchte die illegale Einwanderung billiger Arbeiter aus den mittelamerikanischen Staaten unterbinden. Die Grenze wird bereits stark patrouilliert, aber eine durchgehende Mauer setzt ein sichtbares Zeichen. Das politische Muster wiederholt sich.

Neben der ökonomischen Dimension steht das Bauwerk als Sichtbrücke, als Hindernis, als Symbol für die Trennung und Grenzziehung. Die Mauer als politisches Baumaterial spiegelt sich zum Beispiel auch in dem Terminus "Eiserner Vorhang" wider. Damit wurde eine Begrenzung bezeichnet: der Eiserne Vorhang gilt als undurchdringbar, was Informationen, Waren und Reisen angeht. Das auf beiden Seiten. Wer den Eisernen Vorhang passieren möchte, braucht ein besonderes Visum. Der Begriff stammt von Winston Churchill.

Als sich im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion die Ansichten verhärten, verschärft sich auch die Grenzsituation zwischen der BRD und der DDR. Die Kontrolle im Grenzstreifen wurde verschärft; der Warenaustausch und der Personenverkehr waren noch relativ offen, es gab familiäre Verbindungen zwischen Ost und West. Das sollte sich 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer ändern. Eine physische Barriere für die eigene Bevölkerung wird errichtet. Der Gedanke, dass die realsozialistische Nation in der Mitte Europas von äußeren Einflüssen, da feindlich, geschützt werden müsse, geht einher mit der Bevormundung der eigenen Bevölkerung. Die Mauer gewährleistet die Abschottung eines Biotops. In der offiziellen Sprache nennt man sie einen "antifaschistischen Schutzwall". Eine andere Überlegung war, die Flucht der Bürger in den Westen zu verhindern. Für den Aufbau des Sozialismus waren diese Arbeitskräfte bedeutend. (Davon abgesehen, ob unzufriedene Menschen wirklich eine so gute Wahl gewesen wären.)

Vielleicht sollte der sozialistische Utopismus hinter dickem Mauerwerk versteckt werden. Wenn die Gesellschaft ohne Klassenunterschiede und allgemeiner Verteilung der Produktionsverhältnisse so fragil und utopisch scheint, dass nur eine solide Mauer sie vor der bösen äußeren Welt schützen kann, stellt sich die Frage: Haben die Bauherren ihre eigene Weltsicht nicht vielleicht doch mit Zement blockiert? Dann besteht das sprichwörtliche Brett vor dem Kopf aus Mörtel. Dann sollte man vielleicht eher von einem Mauerwerk vor dem Kopf sprechen.

Mauern sind perfekte Raumtrenner von Nationalterritorien. Egal, wohin der Leser mit seinem Fernglas zielt: Eine Mauer behindert den Blick. Eine Mauer hält auf. Mauern fassen Gebiete ein, die zumindest markiert, häufiger geschützt werden sollen. Es gibt mehr als genug Beispiele: die Mauer zwischen Israel und Palästina, die spanische Enklave Melilla in Marokko, die Pufferzone zwischen Nord- und Südkorea, die Grenze von Indien zu Bangladesch und die zwischen den USA und Mexiko.

Der Steinekitt in beliebiger Höhe (vulgo: Mauer) manifestiert die Furcht und das Sicherheitsgefühl, das sich durch das Hochziehen einer Wand aus Stein oder anderem stabilen Material einstellt. In einer Fantasyfilmsprache wie der von "Herr der Ringe" oder "Game of Thrones" entstehen überdimensionale Mauern, die gegen eine Flut von Barbaren gehalten werden müssen. Wenn Donald Trump eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten lassen möchte, dann mischen sich Fantasy-Kultur und Außenpolitik im Baumaterial. Der Zuschauer möchte vom sicheren Platz aus die Gefahr bannen. Wie macht er das?

Berliner Mauer 1989. Bild: pictures Jettcom / CC-BY-3.0

Gegen das Jenseits, das Fremde hinter dem Wall zu mauern, den Bau einer Mauer schweigend begleiten. Und wenn doch die Flut, die Katastrophe, die Auslöschung gar droht? Wenn die Mauer einmal steht, wird sie so schnell nicht wieder eingerissen. (Dabei ist gar nicht mal an die Chinesische Mauer zu denken; auch der Konflikt zwischen Palästina, dem Gazastreifen und Israel steht stellvertretend für solches Denken oder die Pufferzone zwischen Nord- und Südkorea.) Bei diesen Beispielen sind Militär und Polizei weit vorne dabei. Sie bilden in Teilen das Personal für die Bewachung dieser Bauwerke.

Nur eben, dass Militäruniformen des 21. Jahrhunderts viel nüchterner wirken als die Gewänder und Kettenhemden der Nachtwache aus "Game of Thrones". Beiden gemein ist die Abschirmung der Ländereien, in denen Frieden herrscht und herrschen soll, solange die Mauer nicht schwankt. Abschirmen vor der drohenden Finsternis jenseits der Mauer.

Die Berliner Mauer findet ihre Auseinandersetzung in der Erinnerungskultur der Bevölkerung, die von ihr umschlossen wurde. Wer hinter einer Mauer aufwächst, macht andere Erfahrungen als in einem Land mit unbeschränkter Reisefreiheit, ohne übertriebene Furcht vor Fremdeinflüssen.

Die Autorin Ines Geipel spricht sogar von einer "Generation Mauer". Im Vorwort zu ihrem Buch schreibt sie: "Die Generation Mauer ist eine Generation der Rückkehrer, Rekonstruierer, Vergewisserer, Rechercheure, Entschweiger, der pickelharten Herausschäler." Sie arbeitet sich am eigenen Lebenslauf ab. Die Mauer steht für ein international verständliches Symbol, als pars pro toto für die DDR. Geipel schreibt nicht über das Material, den Stoff, aus dem die Mauer besteht. Sie interessiert sich für die Menschen, die von dieser Mauer eingefasst worden sind und in der "Generation Mauer" bis zum heutigen Tag eingefasst werden. Geipel erinnert sich der gesellschaftlich und politisch engen Tage in der DDR. Es fehlt allein an einer distanzierten Analyse der Mauer als Bauwerk. Geipel versenkt sich in die Privatbiographien der Freunde und Zeitgenossen.

Eine andere Auseinandersetzung mit der Mauer zeigt sich in dem Sammelband "Weg in den Aufstand. Chronik zu Opposition und Widerstand in der DDR zwischen 1987 und 1989". Das Herausgeberteam um Thomas Rudolph widmet sich den Dokumenten, Aktionen und Stellungnahmen der verschiedenen Umwelt- und Friedensgruppen. Die evangelische Kirche in der DDR nimmt hierbei einen wichtigen Platz ein. Unter ihrem Schutz konnte sich Widerstand gegen die politischen Unfreiheiten formen. Bedingt durch die in der DDR deklarierte Trennung von Kirche und Staat, zumindest offiziell.

Es entsteht ein detailliertes Panorama eines durchaus mit Risiken bewehrten Eintretens für bürgerliche Freiheiten. In diesem Buch geht es weniger um die Konturierung einer "Generation Mauer" als um die Entscheidungen von Menschen, die sich über ihre eigene Generation hinwegsetzen, um ihre Vorstellung von Frieden und Gerechtigkeit in einem restriktiven Regime umzusetzen.

Eine neue Generation blendet die Frage aus. So zumindest nimmt es die Theater-Mitarbeiterin Lena Brasch aus Berlin in dem Popkultur-Magazin Das Wetter wahr:

Wo ist die Mauer heute, an der ich mir den Kopf blutig rennen kann?" Formuliert wurde dieser Satz das erste Mal von meinem Onkel, nachdem er Mitte der siebziger Jahre nach seiner Ausweisung aus der DDR ob der "Gummiwände" in der BRD verzweifelte. Diese Frage stell' ich mir bis heute. …

Ich: 1993 geboren. Aufgewachsen ohne konkrete Angst, ohne direkten Feind, in einer Selbstverständlichkeit, die mich selbst immer und immer wieder erschreckt. Eine Selbstverständlichkeit, die eine Sehnsucht nach Reibung erzeugt. Eine Sehnsucht nach Werten. Sehnsucht nach Schmerz und Wut und Verzweiflung. Sehnsucht nach einer Betonwand. Nach einer Mauer, an der ich mir den Kopf blutig rennen kann. Politisch, gesellschaftlich, irgendwie maximal. Was auch immer das bedeuten mag. Ein unbestimmtes Verlangen, nicht wirklich greifbar und trotzdem absolut angreifbar. Meine Generation ist in einer Welt aufgewachsen, die aus Watte besteht.

Brasch 2017: 57

Die Verzweiflung, keine Verzweiflung spüren zu können, weil keine Betonwand den eigenen Lebenslauf aufhält. Die Kehrseite einer solchen Sehnsucht wird noch später auftauchen.

Eine andere Dimension beschreiten die multimedialen aufwändigen Auftritte der Rockgruppe Pink Floyd mit ihrem Konzeptalbum "The Wall". Die Mauer dient dem heranwachsenden Protagonisten auf dem Album als Schutz gegen äußere Einflüsse und die stark reglementierte Erziehung seiner Eltern. Nach dem Fall der Mauer traten die Briten am 21. Juli 1990 auf dem Potsdamer Platz auf. So wurde das Album politisch kontextualisiert.

Eine politische Mauer hat zum Zweck, den Durchgang zwischen zwei Gebieten, ganz allgemein gesprochen, zu regeln. Im Gegensatz zu Bunkern schützt die Mauer in ihrer architektonischen Form vertikal und nicht horizontal. Wobei die Bewegung durch die Mauer wiederum horizontal (in der Waagerechten) geschieht, die Gefahr des Bunkers jedoch vertikal (aus der Luft).

Die politische Mauer ist, wenn sie aus Beton, Stacheldraht und sonstigen Palisaden besteht, immer auch eine militärische Absperrung. Wer sich ohne Genehmigung dieser Mauer nähert oder versucht, sich über sie hinwegzusetzen, riskiert sein Leben. Ein ungefährliches Passieren ist nur am Tor (oder den Toren) möglich, die bewusst zur Kontrolle frei gelassen worden sind in der Steinreihe oder Betonschlange. Das Passieren ist jedoch an eine Kontrolle gekoppelt: möglich ist bis zur Leibesvisitation alles. Eine Mauer begrenzt den weiten Horizont, sie zerschneidet die Horizontale. Doch die Mauer aus Stein und Stacheldraht ist nicht die einzige.

"West Bank Barrier" in Israel. Bild: Justin McIntosh / CC-BY-2.0

Da die Mauer einen schlechten Leumund in der politischen Debatte besitzt, wird sie mit fremden Federn (Zäune oder hohes Grenzschutzaufgebot) oder Namen (Schutzzone, Auffanglager, Höchstmenge) geschmückt. Dadurch verliert sie an solidem Schrecken. Ihre Funktion bleibt dieselbe: auf- und abhalten.

Unter dem Stichwort Abhalten rücken die Grenzbefestigungen am Rande der sogenannten "Festung Europa" in den Blick. Die Agentur Frontex ist mit der Sicherung der Außengrenzen der EU beauftragt, in quasi mittelalterlicher Traditionsfortführung. Das Abendland ist bedroht, so mutmaßen manche Stimmen. Hierfür werden nicht so sehr Mauern aus Stein und Mörtel aufgestellt. Hohe Zäune mit Stacheldraht erfüllen denselben Zweck. Dazu modernste Überwachungstechnologie, um jede Bewegung über die Grenzlinie zu ahnden.

Mauerdenken heißt, eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Öffnungen zu pflegen. Statt reinzulassen (was oder wen auch immer), wird nach Möglichkeiten der Abgrenzung, der Abschottung, der Isolation gesucht. Skepsis bis zu einem gewissen Grad sichert das eigene Überleben - aber kontextfrei darüber zu sprechen, macht wenig Sinn. Es kommt darauf an, wer an der Tür klopft und in welcher Situation sich der Bewohner eines Territoriums befindet.

Aus Erfahrungen eines Mauerbaus (die Mauer gehört auch zu Gefängnissystemen, auch zu Lagersystemen, die Grundlagen für Genozidprojekte schufen) während der Weltkriege wurden die Vereinten Nationen gegründet, um miteinander zu sprechen statt weiterhin gegen die anderen zu mauern.

Die UN-Charta ist in Konflikten manchmal das Papier nicht wert, auf dem sie steht. Weil die effektive Umsetzung aus verschiedenen Gründen nicht geschieht. Hohe Ideale, die an der Realität scheitern. Die Uneinigkeit der Mitglieder verhindert häufig Interventionen in Konflikten.

Die Mauer im Kopf kann, muss aber nicht zur Mauer in der Welt führen. Wer nach einer Mauer schreit, wer die Berliner Mauer wieder herbeisehnt, wer mit stromverstärkten Zäunen und Doppelstacheldraht seine Grenze beschwert, der ignoriert die durch Krieg, Katastrophen, Vertreibung und ökonomisches Ungleichgewicht verursachten Migrationsbewegungen. Sicher können sich unter die Massen, die die Mauern eindrücken, auch Menschen mit schlechten Absichten mischen. Dafür eine Mauer hochzuziehen, scheint eher unproportional.

Die Ungleichheit zwischen der geflohenen Nation und dem Zielaufenthaltsort lässt sich jedoch klar feststellen. Warum sollte man das eigene Land fliehen, wenn für Wohlstand, Frieden, Kultur und Entwicklung ausreichend gesorgt ist?

Schwierig ist es, über die Entscheidungen von Menschen zu urteilen, die sich in einer miserablen Situation befinden. Sicher sollten die Behörden eines Landes die eigenen Kapazitäten der Hilfsbereitschaft einschätzen, dabei die eigene Bevölkerung nicht übergehen, zusammen entscheiden.

Aber das steht jetzt erstmal auf Papier im Journal. In der Realität wird erstmal gemauert, um in kritischer Distanz zum Geschehen, zur Zukunft die eigene Position zu stärken. Das (anfängliche) Mauern im Kopf muss längst nicht zur Mauer in der Realität führen. Dazu sind mehrere Schritte notwendig: es fängt mit einer paranoiden Grundstimmung oder militärischen Planung an - von draußen droht ein Gegner, seine stürmende Flut muss mit Stein, Stahl oder Holz aufgehalten werden. Das Staatsgebilde ist fragil, es muss kontaminiert werden, ein Container für die Bevölkerung mit einer Mauer als Außenwand.

Wer baut wann die Mauer? Der Bauherr gibt Veranlassung dazu. Bausoldaten, Bauunternehmen, Grenztruppen, Grenzagenturen oder Sklaven machen sich ans Werk. Dann steht sie, und wenn sie erstmal steht, muss sie unterhalten werden. Nicht allein die Baukosten werden auf der Abrechnung stehen. Menschenleben hinter, unter, über und neben der Mauer sprengen die Bilanz. Wenn die Mauer für ein Ungleichgewicht zwischen Nachbarn steht, muss sie mit allen Mitteln verteidigt werden.

Man sieht, was aus dem Römischen Imperium, der DDR, der Sowjetunion geworden ist. Ihre Mauern stehen in Bruchstücken da. Dem Fall dieser Mauern folgte der Untergang.

Brasch, Lena: НадрьІВ!. In: Das Wetter, Ausgabe 11 (02/2017), S. 57-58.

Bredow, Wilfried von: Grenzen. Eine Geschichte des Zusammenlebens vom Limes bis Schengen, Darmstadt 2014: Theiss/WBG.

Geipel, Ines: Generation Mauer: Ein Porträt, Stuttgart 2014: Klett-Cotta.

Kafka, Franz (1917/1931): Beim Bau der Chinesischen Mauer. In: Ders.: Der Landarzt und andere Prosa, Stuttgart 1995: Reclam.

Koeppen, Wolfgang (1935): Die Mauer schwankt, Berlin 2011: suhrkamp, hg. von Jörg Döring in der Werkausgabe, Band 2.

Rudolph, Thomas; Kloss, Oliver; Müller, Rainer und Christoph Wonneberger (Hg.): Weg in den Aufstand. Chronik zu Opposition und Widerstand in der DDR zwischen 1987 und 1989, Band 1, Leipzig 2014: Araki Verlag.

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