Vorbereitung auf den Nationalsozialismus

"Die Schwarze Reichswehr" als Mentalitätsgeschichte

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges begrenzte der Friedensvertrag von Versailles die personelle Stärke der deutschen Armee auf ein Heer von 100.000 Mann. Doch die Herren in Uniform wussten sich zu helfen. Trotz rechtskräftiger internationaler Vereinbarungen unterstützte die offizielle Reichswehr illegale Verbände, die sich vorwiegend aus frustrierten und fanatisierten Weltkriegssoldaten zusammensetzten.

Die Reservearmee, die bis auf 20.000 Mann anwuchs, gehörte mehrheitlich zum Wehrkreiskommando III und verzeichnete eine Reihe prominenter Mitglieder und Unterstützer wie den späteren Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Fedor von Bock, den Major Bruno Ernst Buchrucker oder den späteren SA-Chef Ernst Röhm. Die Existenz einer "Schwarzen Reichswehr" wurde von offizieller Seite, etwa von Reichswehrminister Otto Geßler, jedoch stets bestritten.

Im Oktober 1923 wollte Buchrucker seiner Verhaftung durch einen Staatsstreich zuvorkommen, es reichte jedoch nur zu einem kläglichen Putschversuch in Küstrin. Als anschließend gegen Angehörige der "Schwarzen Reichswehr" mehrere Gerichtsprozesse wegen sogenannter Fememorde eröffnet wurden, verlor die Organisation Anonymität und Bedeutung. Im Dritten Reich hatte man für die meisten Mitglieder allerdings wieder Verwendung.

Die Geschichte der "Schwarzen Reichswehr" ist in groben Zügen bekannt und durch Bernhard Sauer ("Schwarze Reichswehr und Fememorde. Eine Milieustudie zum Rechtsradikalismus in der Weimarer Republik, Metropol Verlag) vor einem Jahr noch einmal auf den neuesten wissenschaftlichen Stand gebracht worden. Doch Birgit Rabisch wartet in ihrem gerade erschienenen Buch "Die schwarze Rosa" mit einer Perspektive auf, die weder Sauer noch einer seiner Vorgänger einnehmen konnte. Die Hamburger Autorin zeigt seltene Innenansichten der kriminellen Akteure und ihres kleinbürgerlichen Umfeldes, die der Tatsache zu verdanken sind, dass ihre eigene Großmutter mit Oberleutnant Paul Schulz, einem der wichtigsten Organisatoren der "Schwarzen Reichswehr" und vermeintlichen Drahtzieher der berüchtigten Fememorde, verlobt war.

Schulz wurde 1927 wegen Anstiftung zum Mord zum Tode verurteilt, später begnadigt und von Hitler schließlich zum Stellvertreter seines Reichsorganisationsleiters Gregor Strasser ernannt. 1932 trat er von allen Parteiämtern zurück, weil seine Vorstellungen eines breiten rechtskonservativen Bündnisses nicht mit dem Alleinvertretungsanspruch der NSDAP übereinstimmten. Als Hitler beschloss, seinen Getreuen Ernst Röhm und die gesamte SA-Spitze auszuschalten, sollte auch Paul Schulz ermordet werden. Er entkam jedoch dem SS-Kommando, wurde später begnadigt und Mitglied der Wehrmacht und wandelte sich schließlich zum ehrbaren Fabrikdirektor, der in der Nachkriegszeit als "Verfolgter des Naziregimes" galt. 1951 schrieb er ein "Memorandum" und gab dort zu Protokoll:

Von der damaligen Heeresleitung der Reichswehr wurde ich von 1921-1924 mit wichtigen Aufgaben der Landesverteidigung im Osten betraut. Ich unterstützte damals das "vorsichtig aufgebaute Landesverteidigungssystem des Ostens" durch den Aufbau der sog. "Schwarzen Reichswehr".

(Genau das hatten Berthold Jacob und Carl von Ossietzky bereits in den 20er Jahren behauptet, woraufhin sie wegen der Beleidigung von Reichswehr-Offizieren zu einem beziehungsweise zwei Monaten Gefängnis verurteilt wurden.) Seine zeitweilige Verlobte unterstützte Schulz Anfang der 20er so maßgeblich, dass sie von der Mitgliedern der illegalen Armee als eine Art Mutter der Kompanie angesehen und mit dem Spitznamen "Die Schwarze Rosa" beehrt wurde.

Sie führte die Listen über die Mannschaften der Arbeitskommandos, kurze offizielle und die langen schwarzen Listen. Sie notierte die Neuaufnahmen, die Entlassungen, die Reservisten. Sie registrierte den Materialbestand, die Waffen, die Kosten für Unterbringung und Verpflegung. Sie kannte schließlich das Wesen und den Aufbau der Schwarzen Reichswehr besser als viele der unmittelbar Beteiligten. Und die Schwarze Reichswehr kannte sie.

Rosas Bruder Erich Klapproth machte sich derweil die Hände für den potenziellen Schwager schmutzig. Wen Schulz - wegen banaler Vergehen oder vermeintlichen Verrats - zum Tode "verurteilte" und der Feme überantwortete, wurde von Klapproth und seinen Gesinnungsgenossen gefoltert und erbarmungslos hingerichtet. Der mehrfache Mörder entging der Vollstreckung des Todesurteils, das ein preußisches Gericht über ihn verhängt hatte, durch Amnestie und setzte seine rechte Karriere als Sturmführer der SA-Standarte 2 fort. Nach dem Überfall auf Polen stieg er zum Gutsbesitzer und Kreisleiter der NSDAP auf.

Am liebsten ritt er nach einem Frühstück im Kreise seiner blondgelockten Kinderschar über die Felder und brachte dem "faulen Polenpack" mit der Reitpeitsche "deutsche Zucht und Ordnung" bei.

Birgit Rabisch

Kurz vor Kriegsende wurde Klapproth vor seiner Haustür von einem polnischen Zwangsarbeiter erschossen. Seine Schwester Rosa hatte ihren gerade 19jährigen Sohn Heinrich schon 1944 durch eine Minenexplosion verloren und führte fortan ein ziviles Leben mit gewaltsamen Erinnerungen.

Birgit Rabisch hat erst nach dem Tod ihrer Großmutter im Jahr 1975 von diesen Ereignissen erfahren und sich auf eine jahrelange Spurensuche begeben, deren Ergebnisse nun in Form einer "Melange aus Fakten und Fiktionen" vorliegen. Sie zeigt, wie eine kleinbürgerliche Familie auf der Suche nach bescheidenem Wohlstand durch die Verwerfungen des frühen 20. Jahrhunderts in den Sog nationalistischer Bestrebungen geraten und immer anfälliger für eine sukzessive Radikalisierung werden konnte. Sie zeigt aber auch und vor allem, dass es für die Protagonisten jederzeit Handlungsalternativen gab, die aus Ehr- oder Gewinnsucht, Erkenntnisdefiziten oder planmäßiger Ignoranz, Charakterschwäche oder Gefühlskälte und vielen anderen Gründen nicht ergriffen wurden.

So entsteht aus dem skrupellosen Karrieristen Paul Schulz, der bauernschlauen, aber wenig entschlussfreudigen Rosa, die weder Entscheidungen treffen noch Verantwortung übernehmen will, und dem zu Mord und Totschlag bereiten Befehlsempfänger Erich Klapproth das Miniaturbild einer Gesellschaft, die sich im Vollbesitz ihrer - wenn auch mitunter bescheidenen - geistigen Kräfte für die Ideologie des Nationalsozialismus präparierte.

Historiker wird die Vorgehensweise der Autorin kaum zufrieden stellen, zumal Rabisch neben der persönlichen Betroffenheit auch fiktive Personen auftreten und ihre Großmutter von einem frei erfundenen und obendrein Nietzsche lesenden Pfarrerssohn vergewaltigen lässt. Einiges schießt hier zweifellos über das gutgemeinte Ziel hinaus, doch als Versuch, Mentalitätsgeschichte nicht nur zu beschreiben, sondern so weit wie möglich nacherlebbar zu machen, verdient das Projekt allemal Beachtung.

Birgit Rabisch: Die Schwarze Rosa. Eine Frau in der Weimarer Republik, zuKlampen!, 19,80 Euro (Thorsten Stegemann)

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