Vorsicht Volk! Wahnwachen in Deutschland?

Markus Liske über Pegida, Mahnwachen und andere Wutbewegungen

Das Wutbürgertum ist nicht mehr zu übersehen: Die Empörung richtet sich längst nicht mehr gegen Kopfbahnhofsgroßprojekte, sondern gegen Fremdheit, konkreter: gegen Menschen mit fremden Kulturen, Religionen, Geschichten. Im Verbrecher Verlag erschien Ende September der Sammelband "Vorsicht Volk! Oder: Bewegungen im Wahn?" (www.facebook.com/vorsichtvolk). Die beiden Herausgeber, Markus Liske und Manja Präkels, zeichneten bereits für die literarische Anthologie "Kaltland" vor ein paar Jahren verantwortlich (zusammen mit Karsten Krampitz).

Einige der enthaltenen Texte wiesen bereits auf die Situation heute hin. Die Lage scheint sich nicht wirklich beruhigt zu haben. Der Schlachtruf der aktuellen Straßenproteste: "Wir sind das Volk!" ist nur ein deutlich hörbares Zeichen. Im Interview mit Herausgeber Liske werden die Komplexe dieser Wut-Bewegung weiter umrissen. Sind ihre Mitglieder wirklich "das Volk"? Und wenn ja, was genau will dieses Volk?

Der Sammelband vereint verschiedene Blicke auf die rechtsgerichteten Volksbewegungen in Deutschland. Lassen sich trotz der Vielfalt gewisse Tendenzen aufzeigen?
Markus Liske: Unter den Autoren besteht Einigkeit bezüglich der Einschätzung von Montagsmahnwachen und Pegida als völkische Bewegungen, die mehr eint als nur den Slogan "Wir sind das Volk!". Aber das ist ja auch die Grundthese des Buches. "Vorsicht Volk!" ist, was das betrifft, kein Diskussionsband. Wir hatten nie vor, den Protagonisten oder Apologeten dieser neuen Bewegungen ein Podium zu geben. Uns ging es darum, verschiedene Aspekte des Themas kritisch zu beleuchten, also haben wir versucht, für jeden dieser Aspekte den passenden Autor oder die passende Autorin zu finden.
Die Zusammenstellung ist durchaus heterogen geworden. Da stehen Mitglieder der Partei Die Linke neben Ex-Piraten, Kulturwissenschaftlern, Jungle World- oder Taz-Autoren, Theatermachern und Literaten. Und obwohl die Autoren im Detail naturgemäß oft differierende Ansichten vertreten, sagte mir im Anschluss der Buchpräsentation einer der Zuhörer, das Buch käme ihm vor, wie ein Manifest aus zwanzig unterschiedlichen Federn. Vielleicht stimmt das.
Es fällt auf, dass manche Texte das politische Problem satirisch angehen. Besitzt die Satire für den Autor quasi einen kathartischen Effekt?
Markus Liske: Die kathartische Wirkung ist in diesem Fall wohl eher ein willkommener Nebeneffekt. Der Inhalt bedingt die Form. Wenn man beispielsweise beschreiben möchte, wie jene, die tagtäglich massiv auf "die Lügenpresse" schimpfen, im Gegenzug in größter Selbstverständlichkeit die Plattform nutzen, die ihnen Wladimir Putins Propagandasender Russia Today mit seiner Tochter RT Deutschland zur Verfügung stellt, oder wenn selbsternannte Friedensfreunde anlässlich des Krieges in der Ukraine die russische Fahne schwenken und mit "Reichsbürgern" gemeinsame Sache machen, die sich die Grenzen von 1871 zurückwünschen, dann fällt es schon schwer, angesichts dieser geballten Absurditäten nicht ins satirische Fahrwasser zu geraten.
Gewisse Städte und Regionen in Deutschland scheinen sich besonders durch ein rechtspopulistisches Wutbürgertum auszuzeichnen. Gibt es Gründe hierfür?
Markus Liske: Wenn wir Dresden, bzw. Sachsen als Heimat der Pegida-Bewegung betrachten, gibt es einen ganzen Strauß von Gründen, die aber erst im Zusammenspiel diese Wirkung zeitigten. Kerstin Köditz zum Beispiel benennt in ihrem Text die vielfache und dauerhafte Vernetzung des sächsischen Regierungspersonals mit schlagenden Verbindungen und Akteuren des rechten Randes. Dies führte über die Jahre dazu, dass rechte Positionen auch an Universitäten und anderen Bildungsinstitutionen massiv gefördert wurden, während andere Stimmen kein Gehör fanden.
Hinzu kommt die unheilvolle Mixtur aus historisch gewachsener Provinzialität, gepaart mit dem politisch oktroyierten Stolz darauf, offiziell das wirtschaftliche erfolgreichste Land Ostdeutschlands zu sein, und der Umstand, dass Begriffe wie Volk und Nation in der DDR nie kritisch hinterfragt wurden. Auch der extrem geringe Anteil von Migranten an der Gesamtbevölkerung wirkt sich hier negativ aus. Die rassistischen Ängste, die sich schon Anfang der Neunziger beispielsweise in Hoyerswerda Bahn brachen, konnten so niemals positiv konterkariert werden. All das spielt in Sachsen zusammen, aber es wäre dennoch ein Fehler, das Problem zu regionalisieren.
Brandanschläge gegen Asylunterkünfte gab es in diesem Jahr in ganz Deutschland, die AfD hat ihre Fans in Ost und West, und schon öfter wurde ich in Schwaben oder im Rhein-Main-Gebiet in privatem Rahmen mit Haltungen konfrontiert, die absolut ins Pegida-Schema passen. Vielleicht hat das westdeutsche Kleinbürgertum einfach noch nicht die zu ihm passende Protestform gefunden. Mit "Wir sind das Volk!"-Gegröle durch Rüdesheim oder Ravensburg zu demonstrieren, käme den meisten dort wohl derzeit noch eher albern vor. Nichtsdestotrotz wurde die mediale Präsenz von Pegida auch von vielen Westdeutschen durchaus positiv rezipiert.
Das Täter-/Opfer-Schema, das nach den beiden Weltkriegen Konjunktur hatte, erfrischt sich neuerdings wieder und Flüchtlinge werden nicht als das bezeichnet, was sie vorwiegend sind: Flüchtende vor menschlich unzumutbaren Zuständen, sondern als potenzielle Gefahr für Deutschland. Ist das ein immer wiederkehrender Teufelskreis?
Markus Liske: Es gibt in Deutschland bis heute praktisch keine Möglichkeit zur legalen Einwanderung. Deutscher kann man nur sein, nicht werden. Die Deutschen haben nie aufgehört, sich im Kern ethnisch zu definieren. Weil diese Haltung aber durch die Verbrechen des Nationalsozialismus inkriminiert ist, wird eine gemutmaßte spezifisch deutsche Kultur ins Feld geführt, die es zu bewahren gelte. Dies führt zu den immer wieder aufkeimenden absurden Leitkultur-Debatten. Absurd deshalb, weil niemand ernsthaft in der Lage ist, eine solche Leitkultur, die über das Grundgesetz hinausreichen würde, zu definieren. Und das Grundgesetz reicht schon deshalb nicht aus, weil die ethnische Perspektive darin fehlt.
Auch für Menschen, die sich selbst als tolerant und weltoffen wahrnehmen, schwingt hierzulande beim Wort Einwanderung oft die alte völkische Angst vor einer "Überfremdung" mit, die als existentielle Bedrohung wahrgenommen wird. Deshalb fällt es auch vielen Journalisten oder Politikern schwer, im Meer ertrunkene Flüchtlinge als Individuen zu sehen; deshalb sprechen sie stets von "Flüchtlingsströmen", "Flüchtlingswellen", "Flüchtlingsmassen" und so weiter.
Die Metapher vom "vollen Boot", die schon die Pogrome rund um Rostock-Lichtenhagen legitimierte, ist hier sehr aussagekräftig: Wir denken dabei an ein Schiffsunglück, bei dem sich die Menschen auf dem Rettungsboot nur dann retten können, wenn sie die um sie herum Ertrinkenden von der Reling wegstoßen.
Bizarr daran ist, dass es sich bei Deutschland ja keineswegs um einen wirtschaftlich angeschlagenen Staat handelt, dass also die zugrunde gelegte Notsituation eine bloße Behauptung ist, um sich nicht schlecht fühlen zu müssen, wenn man notleidende Menschen abweist. Das Bild eines einzelnen ertrunkenen Kindes kann diese menschenverachtende Perspektive zwar für einen Moment außer Kraft setzen, aber sehr haltbar ist das, wie wir gesehen haben, leider nicht.
25 Jahre nach der Wende erblühen ein Rassismus und völkischer Nationalismus, der einem europäischen Integrationsprozess sehr widerspricht. Hängt das möglicherweise mit der eher abstrakten Idee der Europäischen Union zusammen, die seit einigen Jahren zu implodieren scheint?
Markus Liske: Nicht die Idee einer europäischen Union ist abstrakt, es ist die Ausführung der Idee. Die wesentlichen europäischen Institutionen sind demokratisch kaum legitimiert, der Verfassungsvertrag von 2003 war mehr ein neoliberales Wirtschaftsmanifest als eine Verfassung, und wenn es ernst wird, ziehen sich alle EU-Mitglieder ohnehin wieder auf die nationale Perspektive zurück. Insofern: Ja, die völkisch-nationale Welle in Europa ist sicher auch eine Reaktion auf einen völlig in die Irre gegangenen Einigungsprozess. Als monokausale Erklärung taugt das allerdings nicht.
Haben sich die "Bewegungen im Wahn", die im Untertitel mit Fragezeichen genannt werden, bereits auf diese Publikation rückgemeldet?
Markus Liske: Ja, das ging recht fix. Am selben Tag, als wir das Buch in Berlin vorstellten, als also außer den Autoren und Verlagsmitarbeitern noch niemand wissen konnte, was genau da eigentlich drinsteht, fand beispielsweise in Ramstein eine Demo des Mahnwachenklientels statt. Dort arbeiteten sich gleich mehrere Redner mit wüsten Tiraden an unserem Buch ab, wie wir dem Internet entnehmen konnten. Auch auf Twitter und Facebook wurde schon ordentlich gezetert.
Die Aktivierung der völkischen Gefühle verläuft schleichend. Die Autoren des Buchs analysieren die Mentalitäten, die hinter solcher Politik stehen. Die Pegida-Leute und ihre Gesinnungsgenossen scheinen jedoch gegen Gegenargumente relativ immun zu sein. Erreicht man sie dennoch? Wie?
Markus Liske: In der Gruppe sind diese Menschen nicht erreichbar, als Individuen dagegen schon. Kürzlich erst hatten wir wieder spannende Diskussionen im Rahmen einer Lesung aus "Vorsicht Volk!". Da saßen durchaus auch Leute im Raum, die die Montagsmahnwachen noch immer für links hielten, aber sich anschließend das Buch kauften, weil unsere Argumente sie zumindest nachdenklich gemacht hatten.
Sicher, einen Jürgen Elsässer oder einen Dieter Dehm wird man schwerlich zum Umdenken bewegen, aber an diesen Bewegungen beteiligen sich ja viele auch jüngere Leute, denen man zugestehen sollte, dass sie noch nicht am Ende ihrer persönlichen Entwicklung sind und denen man argumentativ Sachverhalte vermitteln kann, die sie derzeit vielleicht noch nicht durchblicken. Wenn ich das anders sehen würde, würde ich solche Bücher nicht machen.
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