Vorübergehende Smartphone-Blindheit

Bild: Japanexperterna.se/CC-BY-SA-2.0

Britische Wissenschaftler wollen neues Krankheitsbild entdeckt haben

Natürlich nehmen viele Menschen ihr Smartphone auch ans Bett mit, um ja nichts zu versäumen. Vor dem Einschlafen muss noch der Stand der Dinge und die Ego-Lage abgefragt werden, ebenso zwingend ist, vor dem Aufstehen sofort nachzusehen, ob sich etwas getan hat, und sich in der Welt zurückzumelden.

Wenn man allerdings im Bett und ohne Licht auf den hell erleuchteten Bildschirm des Smartphones blickt, kann dies das sehen beeinträchtigen. Bekannt wurden bislang allerdings nur zwei Fälle, die von britischen Ärzten jetzt im angesehenen New England Journal of Medicine beschrieben wurden. Zwei Frauen wurden vorübergehend blind, nachdem sie im Bett liegend längere Zeit auf ihr Smartphone geschaut haben, wohl um nichts zu versäumen.

Bei der 22-jährigen Frau ist dies wiederholt am rechten Auge aufgetreten. Nach gründlichen Untersuchungen des Auges und des kardiovaskulären Systems war alles normal. Auch bei der 40-jährigen Frau, die während eines halben Jahres beim Aufwachen immer wieder auf einem Auge vorübergehend blind war, konnte bei Untersuchungen nach einer vaskulären Ursache nichts entdeckt werden. Bei ihr wurde eine Aspirin.Therapie begonnen.

Eine vorübergehende Erblindung eines Auges ist nicht ungewöhnlich, schreiben die Ärzte, nicht immer sei die Ursache eine Thrombembolie. Bei den zwei beschriebenen Fällen habe man nach einer sorgfältig erhobenen Anamnese in der Augenklinik eine gutartige Ursache entdeckt. Die vorübergehende Blindheit war nur aufgetreten, nachdem die Frauen mehrere Minuten im Dunklen auf den Smartphone-Bildschirm geschaut hatten. Die eine Frau vor dem Einschlafen, die andere nach dem Aufwachen. Betroffen war immer das Auge auf der Seite, auf der sie auch lagen.

Nach Vermutung der Ärzte könnten die Symptome durch unterschiedliche Stimulierung der Photopigmente oder Sehfarbstoffe in den Stäbchen und Zapfen in beiden Augen entstehen. Während sich das eine Auge dem Licht anpasst, passt sich das andere, das aufgrund des Seitwärtsliegens vom Kissen vom Licht abgeschnitten ist, an die Dunkelheit an. Wenn nun beide Augen nach Abschalten des Bildschirmlichts ins Dunkle blicken, entstünde der Eindruck, dass das zuvor ans Licht angepasste Auge "blind" sei. Der Unterschied hält mehrere Minuten an, bis das Auge wieder vom photopischen Sehen (mit den Zapfen) auf skotopisches Sehen für die Dunkelheit mit den Stäbchen umschaltet.

Zwei der Ärzte haben in einem Experiment die Hypothese bestätigt. Sie haben im Dunklen mit einem Auge auf den eine Armlänge entfernten Bildschirm eines Smartphones geblickt und psychophyisch und elektrophysiologisch gemessen, wie lange es dauert, bis sich die Sicht wiederherstellt, was eben mehrere Minuten dauert.

Obwohl die meisten Menschen sowieso mit beiden Augen auf den Smartphone-Bildschirm schauen, würden sie dies aber auch häufig im Liegen machen, wodurch unbeabsichtigt ein Auge abgedeckt werden kann. Die Ärzte rechnen damit, dass die "vorübergehende Smartphone-Blindheit" in Zukunft häufiger auftreten wird, zumal die Bildschirme immer heller würden. Und sie hoffen, dass durch ihre Fallbeschreibung Patienten und Ärzte unnötige Ängste und kostspielige Untersuchungen vermeiden können. Für die Smartphone-Benutzer, die im Bett und im Dunklen keinen Verzicht leisten wollen, wäre dann der Rat, immer mit beiden Augen auf den Bildschirm zu schauen. Und wenn man kurz das Gefühl hat, dass ein Auge erblindet ist, wäre das eben auch nicht schlimm. (Florian Rötzer)