Vorwärts nach Downton Abbey?
Christoph Bartmann über das neue Bürgertum und sein Hauspersonal
Die technologische Entwicklung in der Haushaltsgeräteentwicklung hat bei der Mittelklasse weniger zu einer Entlastung der Hausfrau geführt, als den Standard ihrer Aufgaben und Tätigkeiten erhöht. Seitdem die Frau sich ebenfalls in das Erwerbsleben ganztags integrieren muss, existiert hier eine Haushaltslücke, welche das Bürgertum zunehmend durch die Einstellung von Hauspersonal kompensiert. Dies hält der Leiter des Goethe-Instituts in New York, Christoph Bartmann aus mehreren Gründen für eine fatale Entwicklung, wie er in seinem Buch Die Rückkehr der Diener darlegt.
Herr Bartmann, hat die Beschäftigung von Hauspersonal in den letzten Jahren tatsächlich zugenommen?
Christoph Bartmann: Die Beschäftigung von Hauspersonal hat weltweit in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Diese Entwicklung verteilt sich hauptsächlich auf Schwellenländer wie Mexiko, Brasilien, Süd-Korea und Indien.
"Flexible Dienstleister"
Wer beschäftigt das neue Hauspersonal - und wer ist das neue Hauspersonal?
Christoph Bartmann: Zum einen gibt es Mittelklassen in den eben erwähnten Ländern, die sich etablieren und bei denen es zum Lebensstil gehört. Dann meint eine alles andere als stress-resistente Mitteklasse, sich durch Hauspersonal Entlastung verschaffen zu können. Außerdem gibt es zu einem kleineren Teil neofeudale Lebensformen in Russland, dem persischen Golf und den arabischen Emiraten, wo sich die Super-Reichen Gärtner, Köche, Fahrer und dergleichen leisten.
Das Hauspersonal ist heutzutage flexibler, als wir es aus englischen Romanen und Fernsehserien kennen. Es sind heutzutage nicht durch die Bank sogenannte Live Ins, also Leute, die mit im Haus wohnen und quasi Teil der Familien sind, obwohl das beispielsweise in New York, wo ich gerade lebe, eine zahlenmäßig eine sehr große Gruppe ist.
Die phillipinische oder domenikanische Haushälterin gibt es auch, ich habe mich aber in meinem Buch besonders für die sogenannten flexiblen Dienstleister, die oft über das Internet und die neuen Service-Plattformen angeheuert werden, wo man sich Baby-Sitter, Hund-Walker, Handwerker etcetera zeitnah und ohne jeglichen Aufwand buchen kann und auch für die neuen Lieferanten interessiert. Hauspersonal ist nicht notwendigerweise nur im Haus beschäftigt, sondern arbeitet für das Haus, beinhaltet also alle Dienste, die etwas an die Hausschwelle tragen.
"Technologischen Geräte steigern den Erwartungspegel der Familie"
Wie haben sich diese Beschäftigungsverhältnisse in den letzten 100 Jahren verändert? Welchen Anteil hat daran die technologische Entwicklung?
Christoph Bartmann: Das alte Dienerphänomen begann nach dem Ersten Weltkrieg zu bröckeln. Diese Entwicklung ist von Land zu Land recht verschieden und hängt davon, wie tief die Zäsur, war und was sie für den Adel und das Großbürgertum bedeutete. Ab den Zwanziger Jahren war diese Art von Dienstleistung nicht mehr durchzuhalten. Die große Emanzipation der Dienerschaft, die in andere Beschäftigungsverhältnisse wechselt und kleinbürgerliche Haushalte gründet, ist ein Produkt dieser Zeit. Gleichzeitig antwortete auf diese Art Not der Siegeszug des Haushaltsgeräts. Diese Haushaltsgeräte, die so interessante Namen wie Vampir oder Kobold haben, sind dazu da, der plötzlich zur Selbstarbeit verurteilten Hausfrau zur Hand zu gehen. Es kommt zur Entwicklung zum sogenannten Dienerlosen Hauses.
Allerdings helfen diese technologischen Geräte nicht nur den Hausfrauen, sondern steigern auch den Erwartungspegel der Familie. Die Geräte entlasten nicht nur, sondern bringen auch neue Standards ins Haus. Der Staubsauger oder die Küchenmaschine können Dinge, die die Hausfrau nicht konnte, also muss die Hausfrau zeigen, dass es diese beherrscht. Der Arbeitsaufwand bei steigernder technologischer Unterstützung bleibt also in etwa der selbe. Zu dieser Zeit etabliert sich der Eindruck, dass Diener ein Relikt aus der Vergangenheit sind, die Haushalte bestehen fast ausschließlich nur noch aus der Kernfamilie und die Mütter beginnen halbtags und später ganztags zu arbeiten.
Hier kommt es auf einmal zu einer Verschärfung von Stress, weil der Haushalt plötzlich unversorgt bleibt und ab den Sechziger und Siebziger Jahren gibt es wieder eine neue Nachfrage nach Hauspersonal und passend dazu werden Gastarbeiter und Emigranten eingestellt. Das ist ein Trend, der sich bis in die Gegenwart verschärft hat.
"Die Mittelklasse hat ein Vereinbarkeitsproblem von Beruf, Familie und Haushalt
Was sagen solche neuen Beschäftigungsverhältnisse über die politische und kulturelle Situation heutzutage aus? Können Sie diese Renaissance mit Veränderungen innerhalb unserer Klassengesellschaft zusammenbringen?
Christoph Bartmann: Mein Befund ist, dass die leistungsorientierte und gestresste Mittelklasse ein Vereinbarkeitsproblem von Beruf, Familie und Haushalt hat, das sie nicht innerhalb ihrer eigenen Klasse zu bewältigen imstande ist und dies zu Lasten einer neuen Schicht von einfachen häuslichen Dienstleisterinnen und Dienstleistern löst. In den skandinavischen Ländern gelingt dies eher, wo die Hausarbeit zwischen Männern und Frauen gerechter verteilt ist und es auch bessere Angebote für berufstätige Frauen gibt. Deutschland hinkt hier trotz einiger Reformen hinterher.
Mein Eindruck ist, dass es für die Gesamtgesellschaft nicht gut sein kann, wenn eine Klasse ihre Stressproblematik löst, indem sie eine andere Schicht rekrutiert, die ihr den Rücken frei hält. Das ist in vielen Einzelfällen nachvollziehbar, aber es züchtet eine neue Lakaienschaft heran, die oft lange in diesen Beschäftigungsverhältnissen stecken bleibt. Das halte ich für äußerst problematisch und ich frage mich, warum die Gewerkschaften dagegen nicht Sturm blasen. Allerdings können sie oft gar nichts dagegen nichts unternehmen, weil diese neuen Dienstleister häufig gar nicht angestellt sind.
Wie setzt sich denn die neue Dienerschaft geschlechtermäßig zusammen?
Christoph Bartmann: Ganz klassisch machen die Frauen die Arbeit im Haus und die Männer verrichten die Arbeit bis zur Tür. Die körperlich aufreibensten Jobs haben oft die Männer in ihren Lieferberufen. In New York sieht man das ganz krass bei den neuen Online-Supermärkten, wo Männer ständig schwere Tüten und Kartons herumhieven, weil man mittlerweile gewöhnt ist, sich alles vor die Tür bringen zu lassen.
Wie ist es um diese neue Dienerschaft rechtlich bestellt?
Christoph Bartmann: Unterschiedlich, von der Festanstellung bis hin zur Schwarzarbeit. Interessanterweise ist sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nicht das, was alle Dienstleister anstreben, wie wir das in Deutschland beispielsweise von polnischen Putzfrauen und Altenpflegerinnen kennen, die oft auch unter Hintanstellung ihrer eigenen Familie für wenige Monate in ihrer Heimat und die restliche Zeit in Deutschland lebt. Hier gestaltet sich die Verrechtlichung schwierig und nicht alle Dienstleister streben diese von sich aus an. Wenn man hier an das Klassenbewusstsein der Arbeiter von einst denkt, muss man konstatieren, dass die neuen Dienstleister über ein solches Bewusstsein mit der entsprechenden Wut und dem Willen zur Veränderung nicht verfügen.
Welche Zukunft hat nach Ihrer Einschätzung das Hausangestelltengewerbe?
Christoph Bartmann: Es hat eine rosigere Zukunft, als man ihm einst prophezeit hätte. Wir dachten. Die Diener sind weg aber sie sind wieder da. Die sozialdemokratische Hoffnung, dass sich die Lasten der Gesellschaft gerechter verteilen ließen, haben sich als Illusion erwiesen und wir sehen, dass die Gesellschaft auf mehr Ungleichheit zusteuert und damit immer mehr auf mehr haushaltsnahen Beschäftigungen zustrebt. Allerdings könnte es sein, dass technologische Fortschritte in Sachen Robotik, Sensoren und künstliche Intelligenz mehr Angebote zur häuslichen Betreuung sowohl in den Bereichen Wartung und Pflege, wie auch im affektiven Bereich, also beispielsweise bei der Kinderbetreuung und Altenpflege geben.
In Japan gibt es bereits künstliche Kleintiere, die den Alten gute Laune spenden. Aber einen Roboter, der nicht nur Schmutz erkennt, sondern ihn auch adäquat zu beseitigen imstande ist, ist allerdings bis heute noch nicht erfunden.
(Reinhard Jellen)