WHO: Wer finanziert den Kampf gegen die Corona-Pandemie?

Bild: NIAID/CC-BY-2.0

Die USA beschuldigen die WHO, den Interessen Chinas zu dienen, Coronamaßnahmen-Kritiker sehen die WHO im Dienste der Gates-Stiftung und von Pharma- und Finanzkonzernen

US-Präsident Donald Trump schiebt der Weltgesundheitsorganisation die Schuld an der Ausbreitung der Covid-19 Pandemie durch das "Chinavirus" zu. Die WHO habe sich von China gängeln lassen und habe zu spät die Pandemie ausgerufen. Trump hat angekündigt, aus der WHO auszusteigen und keine Gelder mehr zu zahlen. Auch von anderen wird der WHO und ihrem Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus ein "Schmusekurs" mit China vorgeworfen.

Nicht zu langsam, sondern zu stark und im Dienste politischer und wirtschaftlicher Interessen habe die WHO auf das Coronavirus reagiert, werfen ihr andere Kritiker vor. Sie verweisen darauf, dass mittlerweile über 80 Prozent der Beiträge "aus freiwilligen und überwiegend zweckgebundenen Zuwendungen staatlicher oder privater Spender, hauptsächlich Stiftungen und Unternehmen der Pharmaindustrie" bestehen.

Daraus wird dann, stark verkürzt, etwa von Ernst Wolff der mögliche Schluss gezogen: "Ist es unter diesen Vorzeichen nicht denkbar, dass hier jemand die eigene Macht ausnutzt und durch eine von den eigenen Interessen gesteuerte, aber in den Augen der Öffentlichkeit der Weltgesundheit verpflichtete Organisation wie die WHO eine Massenhysterie von nie gekanntem Ausmaß erzeugen lässt, um so von der eigenen Plünderung des in sich zusammenbrechenden Systems abzulenken und sich darauf vorzubereiten, den Ansturm der Massen mittels Notverordnungen durch Polizei und Militär zu unterdrücken…?"

Einer der "Vordenker" war Ken Jebsen, der in einem am 4. Mai online gestellten Video die Behauptung verbreitet, Bill und Melinda Gates hätten sich "über die WHO in die Weltdemokratien hineingehackt". Sie würden bestimmen, was man Normalität nennt, und "der ganzen Welt diktieren, wie man zu leben hat". Die beiden hätten die WHO "gekauft", die Bill and Melinda Gates Stiftung würde die WHO "zu über 80 Prozent" finanzieren. Das Video mit seinen alternativen Fakten wird weiterhin unkorrigiert verbreitet, obgleich Ken Jebsen hier etwas verwechselt hat.

WHO in der Kritik

Auf Druck der USA wurden 1993 die Pflichtbeiträge der 194 Mitgliedstaaten der WHO eingefroren. Dadurch sank allmählich deren Anteil auf 20 Prozent und stiegen die freiwilligen, aber großteils zweckgebundenen Beiträge der Mitgliedsstaaten, aber auch von Organisationen und Stiftungen wie eben der Gates-Stiftung. Und weil die WHO trotzdem chronisch unterfinanziert war, wurden auch immer mehr private Gelder etwa von Pharma- oder Lebensmittelkonzernen aufgenommen, die seit 2017 auch direkt auf Arbeitsgruppen Einfluss nehmen können. Das alles hat zu viel Kritik geführt, zumal im 4,4 Milliarden US-Dollar Haushalt 2018-2019 die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung der zweitgrößte Geldgeber nach den USA war, dazu könnte man den Anteil der Impfallianz Gavi von 8,4 Prozent noch hinzurechnen, Großbritannien lag mit 7,8 Prozent an vierter und Deutschland mit 5,67 Prozent des Haushalts an fünfter Stelle. Pharma-Konzerne haben mit ihren geringen Geldern - Sanofi-Aventis etwa in Höhe von 0,15 Prozent des Budgets oder Gilead mit 0,12 oder Merck mit 0,09 Prozent - kaum, auch nicht zusammen, einen wesentlichen Einfluss.

In Prä-Covid-19-Zeiten war auch scharfe Kritik an der Abhängigkeit der WHO von privaten Geldgebern und vor allem der Gates-Stiftung noch möglich: "Wenn Bill Gates morgen sagt: 'Ich habe kein Interesse mehr an Gesundheit, ich investiere mein ganzes Geld in Erziehungsfragen', zum Beispiel, dann wäre die WHO am Ende. Er könnte es machen. Niemand könnte ihn daran hindern", sagte der indische Arzt und Gesundheitsaktivist Amit Sengupta aus Neu Delhi im Deutschlandfunk. Heute wäre die Frage, ob das so noch veröffentlicht werden könnte, weil es den "Verschwörern" in die Hände arbeiten könnte. Zeit-Redakteur Jakob Simmank hatte 2017 in der Zeit getitelt: "Der heimliche WHO-Chef heißt Bill Gates". Und sah sich im Mai 2020 zu einer Neubewertung genötigt: "Bill Gates, die Weltverschwörung und ich".

Der Schwerpunkt auf Impfpolitik, den die Gates-Stiftung setzt, vermeidet die Verbesserung der Gesundheitssysteme und vor allem die Armutsbekämpfung, zugunsten von Produkten, an denen vor allem auch Pharma-Konzerne wie GlaxoSmithKline, Novartis, Roche, Sanofi, Gilead und Pfizer verdienen, mit denen die Stiftung zusammenarbeitet und von denen sie Anteile hält.

Schweinegrippe

Nachdem die WHO 2009 die Schweinegrippe-Pandemie trotz einer geringen Zahl von Todesfällen ausgerufen hatte, kurz zuvor hatte sie die Definition einer Pandemie verändert, die bisherige Voraussetzung einer "beträchtliche Zahl von Toten" wurde gestrichen, erwies sich diese letztlich als weitaus weniger gefährlich als erwartet und wurde 2010 als beendet erklärt. Dennoch haben Pharma-Konzerne mit Antivirenmittel und Impfstoffen ein gutes Geschäft gemacht. An den Pandemieplänen haben auch Vertreter von Pharmakonzernen mitgewirkt, beispielsweise in der European Scientific Working Group on Influenza (ESWI), die von Roche und anderen Firmen finanziert wird und sich als Lobbygruppe versteht. Roche ist auch Hersteller des Antivirenmittels Tamiflu, das in der geschürten Panik von Regierungen ebenso wie Impfstoffe massenhaft aufgekauft wurde und dann im Lager verrottete.

Das Arznei-Telegramm schrieb: "Die WHO hat Pandemiepläne aufgestellt, an deren Ausarbeitung Experten beteiligt sind, die Interessenkonflikte bei Firmen haben, die von den WHO-Strategien erheblich profitieren. Die Interessenkonflikte sind der WHO bekannt, werden aber nicht öffentlich gemacht. Eine solche Geheimniskrämerei ist bei Entscheidungen, bei denen es weltweit um Milliarden Euro geht, nicht hinzunehmen." Der Hype um die Schweinegrippe sei "die größte Marketingkampagne der letzten 100 Jahre". Die Machenschaften hat der Mediziner Wolfgang Wodarg, der seit 2009 im Europarat war, scharf kritisiert und Untersuchungen des Europarats über die Rolle der Pharma-Konzerne im Rahmen der WHO angestoßen. Weil er jetzt bei der Coronavirus-Pandemie, die er als nicht schlimmer als eine Grippe-Epidemie einschätzt, eine ähnliche Kampagne sieht, wurde er zu einem der Aushängeschilder der Coronamaßnahmen-Gegner und geriet auf der anderen Seite in die Kritik. Ob zu Recht oder Unrecht wird sich noch erweisen müssen.

Wer gibt an die WHO Geld für Covid-19-Bekämpfung

Die Instrumentalisierbarkeit der WHO für politische oder kommerzielle Interessen steht spätestens seit der Schweinegrippe auf der Tagesordnung. Misstrauisch darf man sein. Interessant könnte sein, wer sich für die Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie finanziell engagiert. Nach Angaben der WHO haben 58 Staaten und Organisationen 724 Millionen US-Dollar gespendet, von denen bislang aber nur 439 Millionen wirklich bezahlt wurden. Der Bedarf wird von der WHO bis Ende Jahres auf eine Milliarde geschätzt.

Die größten Spender sind mit jeweils etwa 100 Millionen US-Dollar Deutschland und Großbritannien, gefolgt von der EU-Kommission. An vierter Stelle liegt bereits der COVID-19 Chain System Bridge Fund, der bereits 58 Millionen der zugesagten 70 Millionen überwiesen hat und damit mehr als jeder Staat oder jede Organisation, und nach Kuwait an fünfter Stelle der Covid-19 Solidarity Response Fund von Staaten und Konzernen. Das könnte schon einmal das Misstrauen bestätigen. Der Iran hat zwar viel versprochen, aber praktisch nichts gezahlt. China hat 50 Millionen zugesagt, aber noch keine 10 Millionen gezahlt. An neunter Stelle steht Japan. Die USA als bislang größter Unterstützer der WHO hat die Zahlungen an diese vorerst eingestellt, weil man sie verdächtigt, China bei der anfänglichen Vertuschung der Epidemie geholfen zu haben. Aber die USA haben 30 Millionen zugesagt und 19 Millionen mehr als China gezahlt. Die Gates-Stiftung steht mit 8,8 Millionen auf dem 14. Platz, die Impfallianz Gavi hat 5,6 Millionen zugesagt. Konzerne wie Novartis engagieren sich kaum.

Finanziell lassen sich hier keine bestimmenden Interessen ableiten. Welche gemeinsame Strategie würden Deutschland, Großbritannien und die EU-Kommission verfolgen? China kann die USA oder Deutschland, Großbritannien und die EU nicht austricksen. Gerne wird von irgendeiner Elite oder von Interessengruppen gesprochen, die ein weltweites Programm mit Covid-19 verfolgen. Das ist zumindest bei der Finanzierung der WHO nicht zu erkennen. Oder doch? (Florian Rötzer)