WHO: Zika-Virus ist internationaler Notfall

Die Häufung der Mikrozephalie-Fälle in Brasilien wird als "außergewöhnliches Ereignis" und als Bedrohung für andere Teile der Welt eingestuft

Eine wissenschaftliche belegte kausale Verbindung zwischen Mikrozephalie, einer Schädelfehlbildung, und dem Zika-Virus liegt noch nicht vor - und laut David L. Heymann von der WHO gegenwärtig ist auch nicht absehbar, wie lange es dauern wird, den Link zu finden. Aber, so die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, die Experten sind sich darin einig, dass es einen starken Verdacht auf einen kausalen Zusammenhang gibt.

Das internationale Notfallkomitee der Weltgesundheitsorganisation entschied gestern, dass die Häufung der Mikrozephalie-Fälle in Brasilien, die einem ähnlichen Cluster in französisch Polynesien im Jahr 2014 folgen, als "außergewöhnliches Ereignis" und als Bedrohung für andere Teile der Welt einzustufen sind.

Zika-Virus. Bild: CDC

Da eine internationale Zusammenarbeit in dieser Situation nötig sei, um die Bedrohung in den davon betroffenen Ländern zu minimieren und das Risiko einer weiteren internationalen Verbreitung zu reduzieren, rief die Organisation den "globalen Gesundheitsnotstand" aus.

Der Zika-Virus wird von Stechmücken übertragen, genannt werden die Asiatische Tigermücke sowie die Ägyptische Tigermücke. Weil es keine Impfung und keine Therapie gibt, beschränkten sich Chans naheliegende Präventionvorschläge auf Mückenschutz, Kleidung, die möglichst viel Haut bedeckt und das Aufschieben von Reisen in betroffene Gebiete.

Wie man die Ausbreitung des Virus in einem größeren Maßstab organisatorisch verhindern will, ist noch nicht klar, wie so vieles andere, das mit dem "außergewöhnlichen Krankheitsereignis" zusammenhängt.

Als gesichert gilt, was auch bei der WHO-Krisensitzung noch einmal betont wurde, das Zikavirus alleine führt zu keiner ernsthaften klinischen Situation. "Es gibt keinen Grund zur Panik", berichtet die Zeit.

Zika war bislang nicht als schwerwiegende Krankheit bekannt. Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass sie sich infiziert haben. Die Symptome - leichtes Fieber, Hautausschlag oder eine Bindehautentzündung - klingen nach zwei bis sieben Tagen ab.

In diesem Bericht rät der bekannte Virologen Alexander Kekulé (Link auf 43537) einmal mehr zur Besonnenheit angesichts der Zahlen. Von "Tausenden geschädigten Babys" zu sprechen sei zu diesem Zeitpunkt allerdings reine Panikmache. Zwar sei Anfang 2016 von rund 4.000 Verdachtsfällen die Rede. Die hohe Zahl ist aber auch auf die gestiegene Aufmerksamkeit zurückzuführen.

Fotos von Babys und Kleinkindern mit auffallend kleinen Köpfen sorgen seit Monaten für Aufmerksamkeit in den Medien für das Zika-Virus. Dadurch ist die Krankheit Mikrozephalie und das dazugehörige Virus weltweit bekannt geworden.

Darin, dass das Virus bei Ungeborenen große, bleibende und manchmal sogar tödliche Schäden anrichtet, liegt ihre Bösartigkeit, wie in einem Bericht der New York Times eindringlich geschildert wird. Es ist, was Brasilien angeht, von einer ganz besonderen Bösartigkeit des Zika-Virus die Rede.

Dort würden Forscher von einer unverhältnismäßig großen Anzahl von schweren Schädigungen berichten, mit mehreren Fehlbildungen, die zugleich beobachtet würden: großer Verlust an Gehirngewebe, faltenlose Gehirne, große Kalziumablagerungen und kleinere Kleinhirne.

Die Zahlen und Angaben zur Verbreitung des Zika-Virus sind wie immer dazu angetan, Panik zu verbreiten, wie Kekulé bereits bei den Zahlen der geschädigten Babys anmerkte. Die WHO rechne mit einer schnellen Ausbreitung des Zika-Virus in Süd- und Nord-Amerika und erwarte zwischen drei und vier Millionen Infizierte, zitierte die SZ am vergangenen Donnerstag den WHO-Virus-Experten Marcos Espinal. Allein in Brasilien könnten sich 1,5 Millionen Menschen mit dem Erreger anstecken. WHO-Chefin Chan sprach von einer explosionsartigen Ausbreitung in Südamerika.

Dass manche sich die Ausbreitung mit der Fußball WM 2014, den Menschenmengen mit den vielen Angereisten, erklären und in diesem Jahr die Olympischen Spiele in Rio anstehen, liefert Trigger für weitere panische Ausmalungen.

Auch der Klimawandel wäre miteinzubeziehen: Das ECDC prognostizierte 2012 im Zuge der Klimaerwärmung eine Ausbreitung der Tigermücke innerhalb der nächsten Jahre über große Teile Europas bis nach Südschweden. Die Mücke wurde auch bereits im Burgenland gesichtet. In Spanien fahndete man im vergangenen Jahr auf Autobahnen nach der Tigermücke. (Thomas Pany)

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