WTF happened to Ken Jebsen and Khesrau Behroz?

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Über Aufklärung und Desinformation im Hörformat - bis hin zur Nato

Einleitend seien ausdrücklich alle Folgen der Podcastreihe "Cui bono: WTF happened to Ken Jebsen?" zum Nachhören empfohlen. Die Gemeinschaftsproduktion von rbb, NDR, Studio Bummens und K2H ist spannend, kreativ, erhellend und zunächst durchaus emphatisch mit guter musikalischer Dramaturgie.

Der Podcast von Khesrau Behroz, der in sechs Folgen die Entwicklung von Ken Jebsen, dem ehemaligen rbb-Moderator und jetzt ausgewanderten Betreiber des Online-Portals KenFM nachzeichnet, leistet Beachtenswertes. Gerade in den ersten Folgen wird fair, differenziert und sehr genau ermittelt, wie Ken Jebsen zu rbb-Zeiten RadioFritz in gewisser Weise revolutionierte, auch ungewöhnliche Themen anpackte, dann immer schriller wurde und schließlich seinen Job verlor.

Dabei wird geklärt, ob und wie Jebsen langsam in Richtung Verschwörungstheorien abdriftete und wie seine Internet-Fangemeinde wuchs. Als ein Turning-Point in der Entwicklung Jebsens wird der Ukraine-Konflikt 2014 ausgemacht und die Rednertätigkeit Jebsens im Kontrast zur Tätigkeit als "alternativer Journalist" problematisiert. Ab Folge 5 jedoch kippt die Qualität und ich werde im Folgenden aufzeigen, wie und warum.

Über meine Hörempfehlung stritt ich nach den ersten Folgen mit einer guten Bekannten und langjährigen Journalistin, die das Projekt sofort als "Abrechnung der Öffentlich-Rechtlichen mit einem Konkurrenten" abtat. Nein, ich fand, der Umgang mit Jebsen war äußerst fair.

Die Entwicklung

Die ersten Folgen klärten das Ungewöhnliche am "Mann mit der Banane" (Folge 1) im Berlin der 1990er-Jahre, Jebsens erträumte Fernsehkarriere, Rückschläge und erste Probleme mit dem rbb. Ehemalige Weggefährten gehen detailliert auf den instrumentellen Antisemitismus-Vorwurf gegen Jebsen ein und in Folge 2 ("Flucht nach vorn") wird eine Art "taktisches Missverstehen" beim Initiator der Kampagne gegen KenFM, Henryk Broder, vermutet.

Das Thema 911, die Radikalisierung des Infowars-Gründers Alex Jones in den USA als eventuelle Parallele, Jebsens Shift zum Wahlboykotteur und sein Neuanfang als Online-Portal leiten über zum Thema "Querfront" in Folge 3, wo Pedram Shahyar - ein linker Attac-Aktivist und zeitweise Mitarbeiter Jebsens - die Entwicklung seit der Ukraine-Krise 2014, aber auch den politischen Orientierungsbedarf der sogenannten Montagsmahnwachen beschreibt.

Schließlich führte die politische Unorientiertheit Jebsens, die pauschale Zurückweisung durch die kritische Linke, die Begrüßung der Trump-Wahl und offensichtlich falsche Berater hinter den Kulissen von KenFM zum Bruch mit Shayhar, der dem Kanal ein endgültiges Abdriften ab 2018/19 bescheinigt. So scheint die Positionierung zu Covid-19 und das weit übers Ziel Hinausschießen bei der Warnung vor einem Überwachungsstaat unter Zurückgriff auf ständige Nazi-Vergleiche eine fast schon logische Konsequenz, die in Folge 4 ausgemacht wird.

Denn politische Naivität à la "Hauptsache für den Frieden" wird von rechtsradikalen Strategen gezielt ausgenutzt, wie man an der Entwicklung der Hygienedemos zur Querdenker-Querfront beobachten kann; und wie es diese Folge unter dem Titel als "Invasion" treffend zusammenfasst.

Obwohl sich bereits früh in den Podcast-Folgen ein falsches Framing des Ukraine-Konflikts 2014 abzeichnete, sah ich zunächst noch großzügig darüber hinweg. Natürlich begann dieser nicht mit der Annexion der Krim durch Russland, wie Behroz es mehrfach verkürzt darstellt. Diese war bereits eine Reaktion auf einige Entwicklungen vorher, zu denen übrigens auch die Familie Biden nicht unerheblich beitrug.

Ukraine-Konflikt und Framing

Damals zeichnete u.a. das WDR-Magazin Monitor in der ARD nach, wie lange die Ukraine unter einer US-amerikanischen Einflussnahme, sowie einer europäischen, bereits stand. In der Monitor-Sendung vom 13.03.2014 etwa werden John Kerry, Victoria Nuland und die fünf Milliarden Dollar erwähnt, mit denen die USA in der Ukraine operiert hatten, bevor es zu Ausschreitungen auf dem Maidan und zur Abspaltung der Krim kam.

Diese Sendung liefert einen der wenigen Beiträge, die später vom ARD-Programmbeitrat gefordert werden, weil man dort feststellte, dass die ARD vornehmlich russische und nicht westliche Interessen gecovert hatte, die es natürlich auch gab (vgl. dazu auch den Beitrag des Journalisten David Goeßmann über die insgesamt sehr einseitige Berichterstattung zum Ukraine-Konflikt im Buch "Ukraine im Visier" (Selbrund-Verlag 2014)1.

Tatsächlich sollte genau dieses falsche Framing bezüglich der Ukraine-Krise 2014 zur entscheidenden Grundlage der Folge 5 der Podcastserie werden, die mir aufs erste Hören schon wie eine Blaupause aus dem Labor der StratCom Task Force East (s.u.) erschien und damit nicht nur Jebsens Rolle in den sogenannten Montags-Mahnwachen verfehlte - vergleiche dazu die Aussagen von Pedram Shahyar in den Folgen 3 und 4 -, die ja zu Beginn ihrer Entwicklung und je nach Ort und Organisator eine sehr heterogene Bewegung war, sondern insgesamt eine bestimmte politische Richtung einschlägt.

In Folge 5 "Der nützliche Idiot" geht es um russische Desinformationskampagnen und das Wirken Ken Jebsens nicht mehr als Journalist, sondern als Aktivist auf der Krim und in Deutschland. Bei aller berechtigter Kritik an der Rolle Jebsens, seiner möglichen Instrumentalisierung im Osten, fehlt hier schlicht und einfach und erneut die andere Seite der Medaille.

Die halbe Geschichte

Nicht nur, dass man Jebsens Hofierung in östlichen Medien durchaus bis zu einem gewissen Grad mit der Überhöhung der Rolle Vitali Klitschkos in der Ukraine 2014 in der Berichterstattung hiesiger Medien vergleichen kann, auch entsteht der Eindruck, dass sogenannte Desinformationskampagnen - sogenannte "Mind Operations" - eine Erfindung Russlands gewesen seien und Manipulation quasi nur aus dem Osten komme.

So wichtig eine Aufklärung, wie die hier geleistete in Sachen "Pizzagate" auch ist - die ich übrigens für einen Auswuchs der QAnon-Verschwörung halte -, wo russische Medien (auch die deutschsprachigen, wie RT zum Beispiel) eine Verschwörung Hillary Clintons mit einem Ring von Kinderschändern in irgendwelchen Pizzarestaurants ausmachen wollten; so wenig gehaltvoll sind die Ausführungen zu den russischen Propaganda-Kampagnen.

Ja, auch die gibt es. Aber in diesem heiklen Feld wäre besondere journalistische Sorgfalt angeraten, die der Podcast nicht erfüllt. Denn derlei Desinformation gibt es nicht nur in Russland und auch nicht immer konzertiert, sondern eben auch hier bei uns, sogar öffentlich-rechtlich, wie der unkritische Umgang mit Quellen, wie Site oder Bellingcat, dessen Propaganda der Spiegel längst richtig ermittelt hat, dem umstrittenen Aleppo Media Center oder gar dem erfundenen syrischen Twitter-Mädchen aufzeigen, um nicht erst bei Kriegslügen für den Balkan- oder Irakkrieg anzufangen (WDR Story 1999 "Es begann mit einer Lüge").

So wie "RT deutsch die Kunst des Weglassens" beherrscht, so kann man dies auch für hiesige Medien nicht leugnen, was unter anderem der Publizist Ulrich Teusch in seinem Buch "Lückenpresse beklagt.

Auch das Label, das Behroz dem Begriff des "Deep State" aufdrückt, so als sei dies ausschließlich ein "Begriff aus der Verschwörerszene", zeugt allenfalls von mangelnder Recherche, die sowohl den Fall Snowden als auch die Erkenntnisse des Church-Committee in den USA ignoriert.

"Strategische Kommunikation" und Journalismus

Die Selbstidealisierung auf Kosten Russlands und zum Teil auch Jebsens geht vermutlich auf die interessengeleitete Quelle zurück, auf die sich die Podcastfolge 5 im Wesentlichen zu beziehen scheint: Diese ist die East StratCom Task Force des Auswärtigen Dienstes der Europäischen Kommission EAD.

Wie der Name schon sagt, handelt es sich hier um "strategische Kommunikation", also übersetzt: Public Relations, - und PR sollte der Journalismus zunächst skeptisch und dann mindestens kritisch prüfend gegenüberstehen. Behroz hingegen übernimmt das Konzept des deutschsprachigen Pressesprechers der StratCom Task Force, Lutz Güllner, eins zu eins.

Im Podcast nicht erkennbar, verrät sich die Quelle hinter den anderen genannten Quellen mittels O-Ton Güllners auf der Website von RadioEins. Dabei genügt ein Blick auf die Website der Task Force, um die strategische Ausrichtung des Projekts zu erkennen - denn es geht fast ausschließlich um Desinformation aus Russland und neuerdings vermehrt China.

Natürlich darf sich eine Kommunikationsabteilung auf einen Bereich, eine geografische und eventuell geopolitische Zone spezialisieren, allerdings sollte man dies als Journalist dann auch klar benennen. In Folge 5 erhält man jedoch den Eindruck, dass ohne jede kritische Distanz die Sicht der Task Force übernommen wurde.

Eine nichts auslassende Recherche zum Thema hätte zu dem in Brüssel akkreditierten Journalisten Eric Bonse führen müssen, der schon lange bemängelt, dass man als Journalist keinen freien Zugang zu der Organisation habe. An dieser Praxis, hier in der taz 2015 geschildert, habe sich bis heute nichts geändert, bestätigt Bonse auf Nachfrage. Weitere Beiträge zum Thema finden sich auf seinem Blog: Lost in Europe.

Und natürlich hätte man der Namensgebung etwas kritische Aufmerksamkeit schenken können. Nicht von ungefähr klingen hier die Benennungspraktiken der Nato durch, auch wenn dort "Com" für "Command" und nicht "Communication" steht. So verrät die Pressemitteilung der EU vom 23.11.2016 über die Organisation für Strategische Kommunikation, dass diese eng mit der Nato zusammenarbeite.

Eine journalistische Sternstunde ist die Podcastfolge 5 durch die Intransparenz über diese Zusammenhänge nicht. Hintergrundinformationen gibt es bereits bei Telepolis: EU warnt vor Desinformation aus Russland in Corona-Krise.

Das, wovor im Podcast zurecht gewarnt wird, nämlich dass Desinformation eine Art "Kriegsführung" darstelle, der man mit "digitalen Abwehrstrategien" begegnen müsse - warum nur digital, bleibt unhinterfragt und ungeklärt - wird als To-Do für alle Seiten nicht erkannt. Denn, "strategische Kommunikation" bedeutet nicht nur PR, es ist tatsächlich Propaganda.

Plakative Vereinfachung

Auf der Website der Kampagne, die EU und Nato hier fahren, lässt sich die strategische Ausrichtung vor allem am Weglassen ablesen: Nicht einmal die Türkei, deren Desinformation doch immer wieder einmal Thema in hiesigen Medien ist, wird dort kritisch aufgelistet, obwohl sie östlich von Europa - also EAST - liegt; jedoch ist sie eben auch Bündnispartner innerhalb der Nato. Nur durch strategisches Weglassen kann der Eindruck entstehen, dass Desinformation eine russische Spezialität sei und ständig in Deutschland und Europa für Unruhe sorge.

Operationen, wie "Mocking Bird" oder "CointelPro", die Manipulationen in den Irak- und Afghanistan-Krieg u.v.m. … geschenkt. Kritisiert wird im Podcast nur der US-amerikanische Audio-Extremist Alex Jones - und dies zurecht. Dem haftet in dem Setting jedoch dann eben das Framing des Einzelfalls an, ein Personalisierungs-Frame im Kontext von Desinformation.

So legen die Podcasts in ihrer Zusammenschau nahe, dass gezielte Desinformationskampagnen aus dem Ausland entweder von einzelnen Spinnern aus den USA kommen oder konzertierte Aktionen aus Russland sind, immer irgendwie im Sinne Wladimir Putins. Dieses Konstrukt ist in dieser plakativen Vereinfachung faktisch nicht haltbar.

Alternative Medien: DAGEGEN reicht nicht als Konzept für qualifizierte Gegenrecherchen

Und ja, das sind die Lücken, von denen die sogenannten "alternativen Medien" leben. Und ja, deren DAGEGEN reicht als Konzept für qualifizierte Gegenrecherchen nicht aus; aber auch die gab und gibt es. Jedoch, ohne Qualitätsstandards ergeht es ihnen genauso wie dem sogenannten "Mainstream": Man wird einseitig.

Und infolgedessen polarisieren sich Diskurse weiter. Wie Behroz in Folge 6 beschreibt, recherchiert auch er in der eigenen Bubble. Allerdings hält er seine Fundstücke - unüberprüft - für Fakten, während die Filterblasen der Blogger und Youtuber nur Fake-News produzierten. So geriert sich das Thema der sechsten Folge "Echo" zu einer gewissen Selbstvergewisserung, aber auch -entlarvung, die teilweise peinlich ist.

Der Impfstatus der verunsicherten Mutter, die vom Autor des Podcasts aufgeklärt wurde, wie alles so wirklich ist, mutet bizarr an. Denn, während man im Podcast von NDR-Info mit Christian Drosten und Sandra Ciesek bis zur Sommerpause wöchentlich hören konnte, was alles zu Covid-19 geklärt werden konnte, was sich noch entwickeln muss, wie man widersprüchliche Studienergebnisse bewertet und worüber man noch zu wenig weiß, weil die Langzeitforschung fehlt, scheint hier endgültiges Wissen vorhanden.

Ein Plädoyer für eine konsequente Recherche der jeweiligen Gegenthese gibt es nicht. Nur das aber hätte über die subjektive Einschätzung (auch im Podcast) hinausgewiesen. Beim Vertrauen einer für glaubwürdig erachteten Quelle können wir ja aufgrund der gemachten Erfahrungen nicht stehen bleiben.

Fehler und Verschwörungstheorien sind kein Spezifikum des Internets, aller selbstidealisierenden Beschwörungen zum Trotz. Der Wulff- und Bamf-Skandal, die unkritische Kolportierung der "Döner-Mord"-These in Sachen NSU u.v.m. sprechen dafür, doch erst einmal unabhängig zu recherchieren, bevor man eine Ente, eine Verschwörungstheorie oder aber tatsächlich eine Verschwörung aufdeckt.

Zum Podcastende hin scheint jedoch eine Verwechslung vom Thema "Vertrauen in Journalismus" mit der Verpflichtung, die endgültige Wahrheit zu verkünden, vorzuliegen. Dabei hat das leider wieder eingestellte Format heute+ bereits gezeigt, wie es besser geht: Durch radikale Transparenz wurde Vertrauen gebildet, indem man immer wieder darauf hinwies, wo die Grenzen der eigenen Recherche liegen und was man noch nicht habe klären können.

So wichtig es ist, Trust-Forschung im journalistischen Bereich zu betreiben, so wenig darf sie suggerieren, dass es unumstößliche Quellen des Vertrauens gäbe und man keine Qualitätskriterien brauche, wie man journalistische Produkte bewerten kann.2

Hingegen hat die Doktorarbeit von Fabian Prochazka nachgewiesen, dass gerade die fehlende Transparenz und Fehler in den etablierten Medien zu Vertrauensverlust und das Abwandern zu "alternativen Medien" führen - also umgekehrt, als vielfach behauptet.

Dennoch schließt diese Entwicklungsrichtung natürlich nicht aus, dass die algorithmisch gesteuerte Internetkommunikation zu Verstärkereffekten bei Hass und Hetze führt, wie dies nicht zuletzt der Dokumentarfilm "The Cleaners" drastisch vor Augen führt, und die Auswirkungen auch dieser Entwicklung muss kritisch angegangen werden; denn ungefährlich sind die Tendenzen in den aufgeheizten Debatten natürlich nicht - aber eben auch wiederum nicht internetspezifisch.

Denn historisch wurde schon bewiesen, dass Verschwörungsglauben bis zum Mord ganz ohne Internetbubbles auch geht: Dies bewiesen politische Morde und Kriege ebenso wie Pogrome und auch der Holocaust nach jahrhundertelanger Pflege antisemitischer Mythen und Stereotypen. Und auch die Fragmentierung von Öffentlichkeit(en) - also des sich Versichern in der eigenen Bubble - ist kein neues Phänomen des Internetzeitalters. Die kritische Kommunikationswissenschaft diskutiert das nicht erst seit der Einführung des dualen Rundfunks in den 1980er-Jahren.3

Auch für die Engführung von Themen bietet die Podcast-Serie ein gutes Beispiel, wie auch für kleine manipulative Tricks, die das ganze Projekt am Ende nicht mehr ganz so gut aussehen lassen. Die letzte Folge reproduziert üblich gewordene Mechanismen der Denunziation, während man vermutlich nur vor gefährlichen Entwicklungen warnen will.

Der "Erde als Scheibe"-Schwachsinn leitet das Thema Verschwörungstheorien ein und legt ein Framing der völlig abseitigen Idee vor und ermöglicht damit eine Vermischung von Abseitigkeiten auf der einen mit berechtigten Nachfragen und Kritik auf der anderen Seite.

Das ist selbst beim brisanten Thema Covid-19 unangemessen, wo ja die Entsendung einer Untersuchungskommission nach Wuhan kürzlich gezeigt hat, dass noch Klärungsbedarf zwischen den Thesen einer Zoonose oder eines Laborunfalls besteht - etwas, das von vielen vermeintlich glaubwürdigen Medien zu schnell als Verschwörungstheorie abgelehnt wurde, und von den anderen dann in ihrem DAGEGEN-Modus aufgegriffen und als Beweis angeführt wurde, dass ein großer Plan hinter allem stecke.

Die Wahrheit dazwischen

Der Möglichkeit, dass die Wahrheit evtl. dazwischenliege, ging man überhaupt nicht nach. So legt die 3sat-Reportage "Gute Viren, schlechte Viren" vom 04.02.2021 dar, dass auch beides möglich wäre: Eine Zoonose, die im Labor beobachtet wird, könnte durch die Sicherheitsschleusen entweichen…

Die frühe Festlegung auf "eine Wahrheit" hat vielleicht viele Menschen erst in die Arme von Verschwörungsideologen getrieben, die sich jetzt gar noch bestätigt fühlen könnten, weil die meisten Medien nun umschwenken, aber erst nachdem die US-Regierung auf Basis von Geheimdienst-Thesen (sic!) eine neue Strategie fährt.

Medien als Vierte Gewalt stellt man sich tatsächlich anders vor. Und ich meine mich zu erinnern, dass das damals der Beginn der sogenannten Montags-Mahnwachen war, bevor sie von rechts gekapert wurden, dass nämlich viele Menschen ob der extrem stereotypen Einhelligkeit der Berichterstattung skeptisch wurden.

Folge 6 bleibt auch, was das Thema "Deplatforming" anbelangt, am Symptom kleben und stellt kritische Fragen an Google/Youtube nur in eine Richtung: Warum haben diese erst so spät Jebsens YouTube-Kanal geschlossen?

Die Frage nach transparenten Kriterien für eine solche Maßnahme und eine demokratische oder juristische Kontrolle für solche Eingriffe in die freie Meinungsäußerung stellt er nicht. Die Verführung mag in der Figur Jebsen liegen, der nach seiner Meditation für den Frieden auf einem Wohnwagen oder als geschminkter Joker à la Batman-Bösewicht die Wahrnehmungsgrenze zur Irrationalität endgültig überschritten zu haben scheint. Aber, was wenn unwidersprochenes Deplatforming Schule macht auch gegen andere unliebsame Stimmen?

Vielleicht einmal die eigene? Wäre es als Journalist nicht klüger, hier etwas weiterzudenken als der nahe liegende Podcast-Tellerrand? Was, wenn man sich in Zukunft von kritischen Recherchen oder deren Veröffentlichung abschrecken lässt? Und nein, man muss nicht alles von einem großen Plan her denken, wie es Jebsen inzwischen bis zum Exzess betreibt, um dennoch auf Widersprüche und vor allem auf die Möglichkeit des Ausnutzens einer Krisenlage zu stoßen, wovor ja nicht zuletzt der Jurist und Journalist Heribert Prantl warnt.

Die Engführung von Themen in den aufmerksamkeitsrelevanten Informations-Formaten - die teilweise durch Satire-Formate wie die ZDF-Anstalt korrigiert werden, aber ohne Einfluss auf den Nachrichtenfluss bleiben - stellt m. E. nach wie vor die größte Gefahr für das Abdriften in Parallelwelten dar.

Sabine Schiffer leitet das unabhängige Institut für Medienverantwortung (IMV) in Berlin. Sie lehrt an der Hochschule für Medien Kommunikation und Wirtschaft in Frankfurt/Main. In ihrem Buch "Bildung und Medien" forderte sie erstmals ein Schulfach Medienbildung, ihr Lehrbuch "Medienanalyse" stellt das notwendige Handwerkszeug für die Analyse von Medienbeiträgen zusammen.

Das Institut für Medienverantwortung richtet sich an Medienschaffende und Mediennutzende gleichermaßen und klärt über Darstellungsmechanismen, Medieninhalte und Produktionsbedingungen auf und bietet Medienbildung in Seminaren, Publikationen und Konzepten.

Schiffer kennt Ken Jebsen noch aus der rbb-Zeit, gab ihm einige Interviews und hat seinen Werdegang weiterhin beobachtet. Der Podcast stellt viele relevante Fragen, die sie sich auch stellt. Da im Podcast moniert wird, dass sich Jebsen auf Interviewanfragen nicht meldete, schlug sie ein moderiertes Zwiegespräch auf dem Zoom-Kanal des IMV vor. Auf mehrfache An- und Nachfragen hat Khesrau Behroz sich bisher nicht zurückgemeldet. Jebsen nahm den Vorschlag inzwischen an.