Wachsende Zahl von Mehrfachbeschäftigten: "Ein Job reicht nicht"

Innerhalb eines Jahrzehnts ist sie um rund eine Million gestiegen. Nach letztem Stand sind es 2017 laut Bundesagentur für Arbeit 3,2 Millionen

Rund 3,2 Millionen Personen, genau 3.178.133, führt die Bundesagentur für Arbeit in ihrer Statistik für den März 2017 als Mehrfachbeschäftigte. Das ist eine Steigerung von gerundet 122.000 gegenüber dem Vorjahreszeitpunkt, bzw. von 4 Prozent.

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Den mit 91,1 Prozent weitaus überwiegenden Anteil der Mehrfachbeschäftigten macht die Variante "sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit mindestens 1 zusätzlichen geringfügig entlohnten Beschäftigung" aus. Es sind in absoluten Zahlen 2.656.428. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum ist dies ebenfalls eine Steigerung von 4 Prozent (ein Plus von 102.000). Die Zahl derjenigen, deren mindestens zweite Beschäftigung wie die erste ebenfalls sozialversicherungspflichtig ist, wird mit 311.000 angegeben (hier liegt die Steigerung bei 10 Prozent).

Fürs Gesamtbild: Fast 5 Millionen Personen, genau 4.723.089 Personen, zählten im März dieses Jahres als "ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigte" (1,3 Prozent weniger als im Vorjahr). Insgesamt weist die März-Statistik knapp 32 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus (plus 2,4 Prozent).

Seit der März-Statistik, so die Auskunft der Bundesagentur, liegt noch keine neuere, veröffentlichte Statistik vor, die den Stand der Mehrfachbeschäftigung angibt.

Wie viele Personen genau zwei oder genau drei weitere Beschäftigungen haben, lässt sich dem Zahlenmaterial leider nicht entnehmen. Man kann den Blick vertiefen mit regionaler Aufschlüsselung oder nach Berufsfeldern, wo etwa bei den "geringfügigen Beschäftigungen" unter den ausgeübten Tätigkeiten die Reinigungsberufe mit einem Anteil von 15,5 Prozent auffallen.

Eine ebenfalls höheren Anteil haben die Verkaufsberufe mit 11%, die Tourismus/Hotel/Gaststätten-Berufe mit 10,3%. Die "Berufe Unternehmensführung, -organisation" stechen mit einem 12,1-prozentigem Anteil ebenfalls hervor und Tätigkeiten im "Büro-und Sekretariat" kommen auch auf einen zweistelligen Anteil (10,7).

Der Spiegel und andere Medien, wie zum Beispiel die Rheinische Post machten heute auf die Zahl der Mehrfachbeschäftigten aufmerksam. Dass mehr als drei Millionen in Deutschland mehrere Jobs haben, wird in den beiden genannten Berichten mit der Formel "Arm trotz Arbeit" verbunden.

"Ein Job bzw. eine Arbeit reicht oft nicht zum Leben", heißt es in beiden Berichten. Grundlage dafür sind die Zahlen, mit der die Bundesagentur für Arbeit auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken geantwortet hat. Es sind die Zahlen der oben genannten und verlinkten Statistik (das Hauptmenü für die Suche findet sich hier).

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Für die Linken-Fraktionsvizevorsitzende Sabine Zimmermann, die die Anfrage wie schon im vergangenen Jahr gestellt hatte, sind die Zahlen ein eindeutiges Armutszeugnis für die scheidende Regierung, die hier auf der ganzen Linie versagt habe.

Für immer mehr Beschäftigte reicht das Einkommen aus einem Job nicht mehr aus. Der überwiegende Teil dürfte aus purer finanzieller Not mehr als einen Job haben und nicht freiwillig.

Sabine Zimmermann

Der Regierung hält sie vor, dass die Einführung des Mindestlohns nicht ausreichend gewesen sei, "um Arbeit existenzsichernd zu machen". Der Mindestlohn müsse angehoben, die Niedriglohnbeschäftigung in Form der Leiharbeit abgeschafft werden, fordert sie.

Aus den genannten Zahlen ist nicht abzulesen, ob die zusätzliche Beschäftigung aus Existenznot aufgenommen wird, etwa um die sich ständig verteuernden Mieten bezahlen zu können. Ein Grund kann auch sein, dass man Geld für wichtige Extra-Erfordernisse bereit haben will oder aufbringen muss. Zum Beispiel für Reparaturen. Auch verlangen Schulen, so der Eindruck, immer mehr kleinere Beiträge, die sich summieren, für Ausflüge oder Veranstaltungen.

Manche wollen sich Dinge leisten können, zum Beispiel gutes Essen oder Urlaub, der ihnen gestattet, außerhalb der von Arbeit geprägten Hektik mit den Lieben zusammen zu sein. Auch das gehört selbstverständlich zu einem sozialen Leben dazu, das nicht nur aus Schuften besteht, zumal in einem reichen Land, wo Manager mit mehrstelligen Millionenbeträgen für Arbeiten abgefunden werden, die die Gemeinschaft belasten (siehe Banken, VW).

"Binnen zehn Jahren ist die Zahl der Mehrfachbeschäftigten in Deutschland um rund eine Million gestiegen", berichtet der Spiegel. Dies trotz des wachsenden Wohlstands in Deutschlands, trotz der ständigen Erfolgszahlen der Wirtschaft in den letzten Jahren.

Die von Seiten der Wirtschaft mit Überdramatisierung geführte Diskussion über den Mindestlohn machte anschaulich, wie wenig man in den Führungsetagen daran denkt, die Beschäftigten, die man wegen ihres beruflichen Standes oder ihres Bildungshintergrunds oder aus anderen Gründen von oben herab behandelt, vom wirtschaftlichen Erfolg anständig profitieren zu lassen.

Der Spiegel- Bericht verweist auch auf einen Auslöser der Entwicklung zur Mehrfachbeschäftigung: die "Begünstigung" der geringfügig bezahlten Beschäftigungen durch die Hartz-Reformen der Agenda 2010 der damaligen Schröder-Regierung, die schon lange Verbesserungen oder besser noch eine grundlegende Reform nötig haben, die aber unter der neuen Regierung höchstwahrscheinlich weiter ausbleiben wird. (Thomas Pany)

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