Wachstum der Schuldenberge

Chinas gute Konjunktur wird weiterhin auf Pump betrieben - doch stellt die Volksrepublik hierbei keine Ausnahme dar

Im Osten nichts Neues, so scheint es zumindest: Die Zeichen stünden in China weiterhin auf Wachstum, meldeten jüngst Wirtschaftsmedien unter Verweis auf den offiziellen Einkaufsmanagerindex der Volksrepublik. Die entsprechenden Wachstumsprognosen, etwa des IWF, wurden prompt erhöht: Inzwischen geht der Währungsfonds von einem chinesischen Wirtschaftswachstum von 6,7 Prozent in diesem Jahr aus.

Anzeige

So sei der Index von im vergangenen Mai von 51,2 auf 51,7 Punkte geklettert, was auf eine Beschleunigung der konjunkturellen Aufwärtsbewegung der letzten Monate hindeute. Dies sei der zweithöchste Wert dieses Jahres gewesen, bemerkte n-tv auf seiner Internetpräsenz, der die Prognosen deutlich überboten habe. Die Stimmung unter den Führungskräften der chinesischen Wirtschaft ist somit besser als erwartet. Der durch monatliche Umfragen ermittelte, vielbeachtete Einkaufsmanagerindex gilt als ein sicherer konjunktureller Frühindikator. Werte über 50 Punkten deuten auf eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums, bei einer Abkühlung sinkt der Index unter 50 Zähler.

Die Krise, die Chinas Wirtschaft 2015 während der Turbulenzen auf dessen Aktienmärkten heimsuchte scheint somit vergessen - insbesondere von Deutschlands Funktionseliten aus Politik und Medien, die eine Intensivierung der wirtschaftlichen Kooperation mit China und weiteren Schwellenländern als eine Gegenstrategie zu dem Protektionismus eines Donald Trump forcieren.

Indes lässt selbst ein flüchtiger Blick hinter die Kulissen des chinesischen Dauerbooms deutlich erkennen, dass die chinesische Schuldenkrise keineswegs "überwunden" wurde. Chinas gute ökonomische Entwicklung wird weiterhin auf Pump betrieben, da die Gesamtverschuldung der Volksrepublik sehr viel schneller anstieg als deren Bruttoinlandsprodukt (BIP). Dies ist ein simples empirisches Faktum, auf das jüngst beispielsweise das Institute of International Finance (IIF) in einer überaus spannenden Studie über das globale Schuldenwachstum hinwies.

Demnach ist die Gesamtverschuldung der Volksrepublik (Staat, Wirtschaft und Privatsektor) inzwischen auf die schwindelerregende Höhe von rund 300 Prozent des chinesischen BIP geklettert, das gerade infolgedessen überaus robust wächst. Ein Wirtschaftsaufschwung, der durch die Ausbildung von Defiziten befeuert wird, kann als eine Defizitkonjunktur bezeichnet werden.

Damit setzt sich in der Volksrepublik ein krisenhafter urkapitalistischer Trend fort, der dort erst mit dem Ausbruch der Weltfinanzkrise 2008 mit voller Wucht einsetzte. Seit 2008 ist China in einer Defizitkonjunktur verfangen. Die Gesamtverschuldung der Volksrepublik lag 2008 bei moderaten 150 Prozent des BIP, Ende 2013 betrug sie etwa 250 Prozent und 2015 waren es schon 282 Prozent.

Damit nähert sich das chinesische Schuldenwachstum klar den amerikanischen Dimensionen an. Zum Vergleich sei hier angemerkt, dass die Kreditdynamik in den USA bei einer Gesamtverschuldung von 360 Prozent des BIP zusammenbrach, als die US-Immobilienblase ab 2007 platzte. China, das als künftiger Hegemon, das als Erbe der Weltmacht USA gehandelt wird, weist somit vor allem im Schuldenturmbau frappierende Ähnlichkeiten mit den abgetakelten westlichen Hegemonialmacht auf.

Dabei ist ein gewisses Niveau der Kreditaufnahme für alle entwickelten kapitalistischen Volkswirtschaften charakteristisch, da sich hierin auch einfache Unternehmensinvestitionen - etwa in neuen Produktionskapazitäten - spiegeln. Als ein sicherer Indikator einer schweren, systemischen Krise gilt aber eine langfristige Verschuldungszunahme, die schneller viel ansteigt als die Wirtschaftsleistung. Sobald die Relation zwischen Bruttoinlandsprodukt und Gesamtverschulung sich mittel- oder langfristig verschlechtert, befindet sich ein Wirtschaftssystem in der Krise. Der Kredit fungiert hier somit als Vorgriff auf künftige "Wertschöpfung", die mit dem wachsenden Schuldenberg immer weiter in die Zukunft verlegt wird.

Anzeige

Zudem ist entscheidend, wofür die Kredite ausgegeben werden, die die Schuldenblase eines betreffenden Landes ansteigen lassen: Sind es "produktive" Investitionen in Produktionskapazitäten oder ist es unproduktiver staatlicher oder privater Konsum? In China ging ein Großteil der Kreditaufnahme nach 2008 in staatliche Infrastrukturprojekten, mit denen im Rahmen gigantischer Konjunkturprogramme ein Wirtschaftseinbruch verhindert wurde, sowie in den hiernach anschließenden Immobilienboom und die Aktienspekulation, die 2015 das chinesische Finanzmarktbeben auslöste.

Das heißt natürlich nicht, dass die Volksrepublik jetzt unmittelbar vor einem Crash stünde. Bislang haben Chinas "kommunistische" Funktionseliten unter Beweis gestellt, dass sie die besseren Kapitalisten sind. Dank massiver staatlicher Interventionen konnte China immer wieder seine Finanz- und Immobilienmärkte erfolgreich stabilisieren. Während etwa ein George W. Bush tatsächlich die neoliberale Ideologie ernst nahm und mit der bewusst hingenommenen Pleite von Lehman Brothers die schwerste Weltfinanzkrise seit 1929 auslöste, haben massive milliardenschwere Staatsinterventionen ein ähnliches Szenario in China verhindert.

Doch hat auch diese bedingungslose staatliche Stützungspolitik, die den chinesischen finanzmarktgetriebenen Staatskapitalismus aufrechterhält, aller Pragmatik zum Trotz ihre Grenzen. Zum einen sind die gigantischen Devisenreserven Chinas im Verlauf der vergangenen Jahre spürbar abgeschmolzen, da sie im Zuge der Krisenpolitik von Peking verfeuert wurden. Der chinesische Devisenschatz ist von vier Billionen auf drei Billionen abgeschmolzen. Erst Anfang dieses Jahres konnte eine Stabilisierung der Währungsreserven erreicht werden.

Generell praktizieren Chinas Krisenmanager seit 2008 genau dieselbe Taktik, wie sie auch im Westen (spätestens nach dem Debakel um Lehman Brothers) üblich ist: Man verhindert durch staatliche Interventionen das Platzen einer Schuldenblase, was zu deren weiteren Aufblähen führt. Auf globaler Ebene sind es ja die Folgen der durch expansive Notenbankpolitik initiierten Liquiditätsblase, die das System noch stabilisieren. Die Politik ist somit zum Getriebenen einer entfesselten Krisendynamik verkommen - auch und gerade in der Volksrepublik.

Dass die Entwicklung in China nicht singulär ist, mach auch ein genauerer Blick auf die Zahlen des oben genannten IIF-Reports deutlich. Die globale Gesamtverschuldung habe demnach Anfang 2017 mit einem Umfang von umgerechnet 217 Billionen US-Dollar einen neuen globalen Rekord in Höhe von 327 Prozent der Weltwirtschaftsleistung erreicht, obwohl die Schuldenaufnahme in "vielen entwickelten Ländern sich verlangsamt" habe.

Der neue historische Höchststand des globalen Schuldenberges sei vor allem durch die sogenannten Schwellenländer, die in Deutschland mal wieder zu Konjunkturlokomotiven ausgerufen wurden, ermöglicht worden. Deren Verbindlichkeiten seien nur binnen eines Jahres um fünf Prozentpunkte angewachsen - auf 218 Prozent des BIP dieser Ländergruppe.

Die Schuldenlast steigt somit nicht gleichmäßig stark in allen Volkswirtschaften und Regionen an. Staaten die sich stark verschulden, stehen Ländern mit starker Exportausrichtung oder gar mit Schuldenabbau gegenüber - was ja auch die zunehmenden globalen Ungleichgewichte in den Leistungs- und Handelsbilanzen erklärt, die ja nur Folge nicht gleichmäßig stark ansteigenden Verschuldung sind. Obwohl die Schuldenlast global immer weiter ansteigt, kann somit in exportorientierten Ländern wie der Bundesessrepublik die Illusion aufkommen, dass Schuldenabbau und Wirtschaftswachstum vereinbar seien.

Laut dem IIF-Report haben sich in dem vergangenen Jahr vor allem die Brics-Staaten verschuldet, insbesondere Indien und Brasilien. Doch am schärfsten sei die Kreditaufnahme in China angestiegen. Diese sei "um zwei Billionen US-Dollar auf über 32,7 Billionen" angestiegen (dies sind aber nur die offiziellen Zahlen, die die Verschuldung im chinesischen Schattenbanksektor nicht berücksichtigen). Angesichts dieser Verschuldungsdynamik erscheint somit das "robuste" chinesischen Wachstum eher mager. Die konjunkturellen Effekte der chinesischen Defizitkonjunktur nutzen sich folglich immer weiter ab. Die Kreditaufnahme in Devisen - zu 70 Prozent in Dollar - sei in den Schwellenländern auf den höchsten Wert seit 2014 geklettert, berichtet Reuters unter Verweis auf den Bericht.

In Kontrast zu den chinesischen Verschuldungsexzessen bemerkte das IIF, dass die USA sogar einen leichten Abbau der Gesamtverschuldung vor allem durch den dortigen Finanzsektor erreichten. Zugleich kündigte die US-Notenbank Fed abermals an, die "Jahre der super-billigen Kreditpolitik" zu beenden, wie Reuters bemerkte. Viele Schwellenländer könnten sich - wie bereits 2014 - in einer Schuldenfalle wiederfinden, in der drohende Zinserhöhungen der Fed zu einer Verteuerung der Devisenkredite, die zu 70 Prozent in Dollar aufgenommen wurden, führen.

Dabei zeichnete sich diese globale Umschichtung der spätkapitalistischen Verschuldungsdynamik - hin zu den Schwellenländern - bereits seit dem offenen Krisenausbruch 2008 an. Schon sein ähnlicher, von der berüchtigten Unternehmensberatung McKinsey 2015 publizierter globaler Schuldenreport kam zu dem Schluss, dass die Schwellenländer die Führung beim globalen Schuldenturmbau übernommen haben. Die globale Verschuldung sei diesen Berechnungen zufolge von 269 Prozent beim Krisenausbruch 2007 auf 286 Prozent der Weltwirtschaftsleistung des Jahres 2014 abgestiegen.

Insbesondere die Verschuldungsorgie in China habe zu dieser Entwicklung beigetragen, wo die Schulden sich zwischen 2007 und 2014 "vervierfacht" hätten - befeuert durch Immobilienblasen und einen unregulierten Schattenbanksektor. Die chinesische Regierung habe zwar die Kapazitäten, einen Bailout des Finanzsystems durchzuführen, sollte eine Schuldenkrise manifest werden, argumentierte McKinsey kurz vor Ausbruch eben jenes chinesischen Aktienmarktbebens, doch die Herausforderung bestehe darin, "künftige Risiken einer solchen Krise zu reduzieren, ohne das Wachstum abzubremsen".

Und genau hier liegt der spätkapitalistische Hund begraben. McKinsey beschreibt genau die Aporie kapitalistischer Krisenpolitik, die gerade diese Verschuldungsprozesse nicht überwinden kann, ohne dass das System in Stagnation und Rezession übergeht. Deswegen sieht Chinas Wirtschaft gerade so kerngesund aus, wenn man - wie es bei vielen seiner deutschen Fans üblich ist - nur die Sache mit den Schulden schön ausblendet. Bis zum nächsten, größeren Finanzkrach, der eventuell schon die "Kapazitäten" des chinesischen Staatskapitalismus überschreitet.

Im Übrigen nähert sich die Volksrepublik auch in ihrer Reaktion auf diese Krisenprozesse den kapitalistischen Kernländern an: Die Ära der neoliberalen kapitalistischen Globalisierung scheint bald von einem Zeitalter des Protektionismus und Nationalismus abgelöst zu werden, in deren Verlauf die kapitalistische Weltwirtschaft in konkurrierende, regionale Wirtschaftsblöcke zerfallen könnte. Der von Trump laut propagierte Protektionismus - mit ihm wird auch in Europa geliebäugelt. Der neugewählte französische Präsident Macron wolle die EU dazu bewegen, "eine härtere Gangart beim Handel und ausländischen Investitionen" einzuschlagen, um Kritiker im Land zu überzeugen, die "für mehr Protektionismus" plädierten, berichtete jüngst die Financial Times.

Und ganz ähnlich reagiert nun China: Die Handelspartner der Volksrepublik würden derzeit Sturm laufen gegen Handelsbeschränkungen, die die das Reich der Mitte bei Nahrungsmittelimporten erlassen habe, berichtete die Frankfurter Neue Presse. Die Forderungen nach einer umfassenden Zertifizierung von Lebensmitteln entlang chinesischer Vorgaben seien "praktisch nicht zu erfüllen", da es die entsprechenden Einrichtungen in den Herkunftsländern nicht gebe, "sie müssten eigens geschaffen werden".

Alle wichtigen Volkswirtschaften oder Wirtschaftsräume tragen sich somit mit dem Gedanken, mittels verstärkter Handelshemmnisse die eigene Handelsbilanz aufpolieren zu wollen. Wobei sich dadurch die Lage für alle verschlechtern wird, da dies den nächsten Krisenschub nur beschleunigen kann.

Zu diesem Thema publizierte der Autor im Konkret Verlag das Buch Kapitalkollaps. Die finale Krise der Weltwirtschaft

(Tomasz Konicz)

Anzeige