Wacht auf, Verdammte dieser Erde!

Linke Zeitungsmacher gründen neue Online-Zeitung

Deutschland hat zwar eine neue Internet-Zeitung, aber gemerkt hat das bisher kaum einer. Dabei ging Linkszeitung.de genau vor einer Woche online, mit dem hehren Anspruch, aus der Sicht der vermeintlich kleinen Leute über die Dinge dieser Welt zu berichten. Chefredakteur der in München ansässigen Redaktion ist der 50-jährige Journalist Werner Jourdan, der nach eigenen Angaben das Online-Blatt mit einer Hand voll Journalisten und Webprogrammierer in nur drei Wochen realisiert hat. Mit dieser Neugründung wollen die Macher der Linkszeitung offenbar die Aufmerksamkeit nutzen, die im Augenblick die neue Linkspartei genießt. Dieses Motiv findet man dann auch in der Selbstdarstellung der Redaktion: „Dass es in Deutschland eine neue Linke gibt, beschäftigt derzeit Demoskopen, Publizisten und Politiker. Vor wenigen Tagen erst wurde die Linkspartei gegründet. Da darf eine Links-Zeitung nicht fehlen.“

Obwohl das Logo dem der neuen Linkspartei durchaus ein wenig ähnelt, betont das Blatt, dass es von Parteien und Politiker unabhängig sei. „Wir nehmen uns einfach die Pressefreiheit“, sagt dazu Chefredakteur Jourdan. „Wir werden gründlich recherchieren, frech schreiben und uns durch nichts und niemand kaufen lassen.“ Doch der von der Linkszeitung beschworene „Blick von unten“ fällt derzeit noch alles andere als interessant oder gar spannend aus.

Nach frech geschriebenen Texten muss der Leser also lange suchen, das meiste, was im Augenblick dort veröffentlicht wird, sind von der Redaktion bearbeitete Meldungen der Nachrichtenagentur afp oder gar Vorabmeldungen, wie beispielsweise kürzlich die von der Wochenzeitung „Die Zeit“ aus Werbegründen vorab herausgegebene Meldung, dass in ihrer jüngsten Ausgabe Christoph Schlingensief Bundeskanzler Schröder kritisieren werde. Dass solch ein Text dann der Linkszeitung als Aufmacher des Kulturteils gedient hat, ist schon ein wenig peinlich. Aber viel mehr kann die nur dreiköpfige Redaktion derzeit offenbar nicht leisten.

Die Resonanz auf das Erscheinen der Linkszeitung ist entsprechend gering. Diskutiert wird das Blatt fast ausschließlich in Weblogs. So heißt es bei Pickings.de beispielsweise:

Der entscheidende Unterschied zwischen der Linkszeitung und nahezu allen Weblogs scheint allerdings nur darin zu bestehen, dass Werner Jourdan die wenigen eigenen Beiträge zwischen unzähligen Agenturmeldungen 'versteckt'. Aus diesem einfachen Grund hätte mir die Linkszeitung als klassisches Weblog viel besser gefallen (...).

Bei Pickings.de findet man dann allerdings auch den Eintrag eines angeblichen Mitarbeiters des Magazin „Der Spiegel“:

Es sind einige Kollegen aus der Redaktion Der Spiegel, die ab und an für www.Linkszeitung.de schreiben werden. Natürlich nicht ständig sondern eben gelegentlich. Herr Jourdan ist ein lieber Freund und Kollege den wir seit vielen Jahren sehr schätzen. Daran ändert auch die räumliche Trennung nichts. Leider bringen wir im Blatt nicht mehr die kritischen Artikel unter; die wir gerne unterbrächten.

Für die bisher arg schmalbrüstige Linkszeitung wäre dies ohne Zweifel ein Gewinn. Ob der „Spiegel“ das Fremdgehen einiger Redakteure auf die Dauer tolerieren würde, scheint jedoch eher fraglich. (Ernst Corinth)