Wälder und Gelder

Bäume in Reih und Glied

Die vermeintliche Lösung des Problems stammt ironischerweise aus jenem Militärwesen, das den Kahlschlag der Wälder anheizte. Die planlose "Holzernte" in den wilden Wäldern wurde durch einen strikt geordneten Forst ersetzt: "Unter allen Bemühungen des Forstwirts ist wohl keine wichtiger und verdienstlicher, als die Nachzucht des Holzes, oder die Erziehung junger Wälder, weil dadurch die jährliche Holzabgabe wieder ersetzt, und dem Wald eine ewige Dauer verschafft werden muss", schrieb 1791 der Forstwissenschaftler Georg Ludwig Hartig.

Nach dem blutigen Allmende-Raub im 16. Jahrhundert blühte der Kapitalismus und mit ihm bald darauf die Disziplinargesellschaft. Schulen wurden wie Militärkasernen organisiert und Planstädte wie Karlsruhe (Fächersystem) und Mannheim (Quadratestadt) sollten die Menschen buchstäblich in Schach halten und den Herrschenden Überblick verschaffen.

Mit der Holznot entstanden im 18. Jahrhundert die ersten Forste, die ebenso militärisch angeordnet waren. Erst wurden die Wälder lediglich kartiert, bald darauf wurden die Karten jedoch zum Vorbild für die Anordnung der Wälder - Bäume in Reih und Glied, die jederzeit berechnet und kategorisiert werden können. "Der Wald selbst musste gar nicht mehr angeschaut werden; er konnte akkurat von den Karten und Tabellen des Forstamts 'gelesen' werden", bemerkt der Anthropologe James C. Scott.

Auf die ersten Ertragssteigerungen folgten einige Jahre später die ersten Probleme. Weil die artenreichen und gesunden Mischwälder den Monokulturen aus Fichten und Kiefern weichen mussten, brach fast das gesamte und hochkomplexe Ökosystem der deutschen Wälder zusammen. Ein Forst ist eben kein echter Wald - auch wenn naturentfremdete Menschen dazu neigen, die beiden in einen Topf zu werfen. In ihrem Wahn, sich die Natur untertan zu machen, haben es die ersten deutschen Forstwirte jedenfalls geschafft, intakte Nährstoffzyklen und fruchtbare Böden zu zerstören. In seinem Buch "Das Ende der Megamaschine" schreibt Fabian Scheidler treffend:

Der Wald wurde lesbar für den berechnenden Blick, der Normalbaum von einer abstrakten Recheneinheit zur Realität. […] Baumreihen waren für den Herrscher ebenso abrufbar und verfügbar wie Soldaten, in Reih und Glied wurden sie gefällt, ähnlich wie die Soldaten in der Schlacht fielen. Und alle diese Vorgänge wurden auf den Karten von Feldherren und Forstdirektionen en détail abgebildet. […]

Die Forstwissenschaftler hatten ein System zerstört, von dessen Existenz sie nicht einmal etwas geahnt hatten. Der Preis für den Versuch, das Territorium zu einer Doublette der Karte zu machen, erwies sich als der Tod des Territoriums. Dieses Beispiel ist charakteristisch für die bis heute anhaltenden Versuche, komplexe natürliche Systeme der menschlichen Macht und dem Prinzip der Profitmaximierung zu unterwerfen.

Fabian Scheidler, "Das Ende der Megamaschine"

Der letzte Baum

Das Forstwesen führte abermals zu einer Entwaldung und Holznot, die Lage war derart miserabel, "das Wasser an Halß und ins Maul reichet", wie Carlowitz schrieb. Nun, heutzutage reicht uns das Wasser ganz sicher bis zum Maul. Die Industrienationen verbrauchen derzeit 1,5-mal mehr Ressourcen, als in der gleichen Zeit auf der Erde nachwachsen können. Manche Berechnungen gehen von einem noch viel höheren Ressourcenverbrauch aus. Der sogenannte "Earth Overshoot Day" gibt an, an welchem Tag des Jahres die Menschheit ihr jährliches "Guthaben" an Ressourcen aufgebraucht hat. Der Tag tritt von Jahr zu Jahr früher ein; war es 1989 noch der 19. Dezember, war es 2016 bereits der 8. August.

Eine andere aktuelle Studie zeigt, dass seit Anfang der 1990er rund 10 Prozent der weltweiten Wildnis zerstört wurde, sprich, über 3 Millionen Quadratkilometer Wildnis samt Flora und Fauna sind einfach verschwunden, weil der Mensch sie plattgemacht hat. Weltweit werden jedes Jahr über 13 Millionen Hektar Wald ersatzlos vernichtet, eine Fläche, die größer als alle Wälder Deutschlands zusammengenommen ist (Deutschland hat insgesamt circa 11,3 Millionen Hektar Waldfläche).

Die sogenannte Weissagung der Cree, die vor allem in der Umweltschutzbewegung der 1970er-Jahre die Runde machte, hat also nichts von ihrer Aktualität eingebüßt: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann."

Patrick Spät lebt als freier Journalist und Buchautor in Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Die Freiheit nehm ich dir. 11 Kehrseiten des Kapitalismus", Zürich: Rotpunktverlag 2016.

(Patrick Spät)

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