Wärme und Strom emanzipieren sich

Die Energie- und Klimawochenschau

Mehr regenerativ erzeugter Strom, mehr Effizienz durch zunehmende Nutzung auch der Prozesswärme - und die in die Jahre gekommene Kernenergie, die sich noch nicht verabschieden mag. Während bei der Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) Anfang Juni noch Scheingefechte um drastische Kürzungen inszeniert wurden, um dann doch das Gesetz auf den Weg zu bringen, gab es letzte Woche bei der Abstimmung zum Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz (KWKG) sogar noch Aufstockungen der ursprünglichen Vorschläge. Zustimmung kam auch von ehemaligen Gegnern, denn die neuen zukunftsweisenden Technologien sind mittlerweile ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Anders gesagt: EEG- und KWK-Strom sind erwachsen geworden und im Establishment angekommen. Auch das Atomgesetz mit seinen Regelungen zum Atomausstieg wurde in der vergangenen Woche in der Praxis bestätigt und gilt vorerst weiter - bis zur nächsten Bundestagswahl?

Noch immer wird bei der Stromerzeugung in Verbrennungskraftwerken mehr als die Hälfte der eingesetzten Energie als Abwärme zum Schornstein hinausgeblasen. Die Förderung der sogenannten Kraft-Wärme-Kopplung soll die Stromerzeuger locken, auch diese bisher oft verlorene „Abwärme“ zu nutzen.

Ab dem 1. Januar 2009 wird es dafür und auch für den Ausbau von Wärmenetzen eine Vergütung je Kilowattstunde erzeugtem KWK-Strom geben. Für Anlagen mit einer elektrischen Leistung bis 50kW gibt es 5,11 Cent/kWh, von 50kW bis 2 MW 2,1 Cent und über 2MW 1,5 Cent/kWh. Vorteil ist, dass Anlagen jetzt nicht mehr nach den Förderbedingungen konstruiert werden, sondern gleitend den Bonus erhalten. Die günstige Förderung auch kleiner Anlagen kann zudem den Blockheizkraftwerken und Nahwärmenetzen eine Renaissance ermöglichen. Denn bei kleinen verbrauchernahen Kraftwerken gibt es immer mehr Abnehmer für die Wärme als bei Großkraftwerken „jwd“ auf der grünen Wiese.

Zur Finanzierung wird das aus dem EEG bekannte Umlagesystem eingesetzt. Jährlich stehen 750 Millionen Euro zur Verfügung. Wird dieser Betrag nicht ausgeschöpft verfällt er nicht, sondern wandert in einen Fond, der im Folgejahr dann mehr Anlagen fördern kann, ohne dass die Umlage für die Stromkunden teurer wird. Damit wird der Kostenanteil im Strompreis für die KWK-Förderung etwa 0,3 Cent/kWh ausmachen.

Erstaunlich zu beobachten war bei den Verhandlungen, dass diesmal nicht versucht wurde, die Regelungen auszubremsen, vielmehr wurde mehrmals noch eins draufgelegt. So wird es keine Degression geben (jährlich sinkender Bonus), außerdem wird jetzt auch der Ausbau von Wärmenetzen gefördert. Die Opposition bemühte sich pflichtschuldig um Kritik, und auch das BMU musste zugeben, dass selbst mit der KWK-Wärmenutzung noch nicht alle Komponenten vorhanden sind, um die eigenen Klimaschutzziele zu erreichen . Dennoch: KWK ist ein ganz wichtiger Schritt, um die bisherige Energieverschwendung bei der Stromerzeugung zu reduzieren.

Zusammensetzung des Strompreises für Haushaltskunden. Das Netzentgeld, also die Durchleitungkosten, sind der größte Kostenfaktor. Grafik: Brake. Quelle: Bundesverband Erneuerbare Energien

Auch die Neufassung des EEG ist durchs Parlament abgesegnet und kann damit am 4. Juli im Bundesrat verabschiedet werden. Das EEG zielt nicht auf effiziente Erzeugung ab, sondern darauf, die verschiedenen Techniken der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energieträgern (EE) marktfähig zu machen. Durch die Abnahmeverpflichtung des erzeugten Stroms durch die Netzbetreiber, plus eine rentierliche Vergütung, soll der Anteil von Strom aus den Erneuerbaren in Deutschland bis 2020 auf 30% steigen, und mittelfristig helfen konventionelle Energieträger wie Kohle, Gas oder radioaktives Material für die Stromgewinnung zu ersetzen.

Aber eben diese Definition von „Rentierlichkeit“ von EE-Anlagen löste im Vorfeld der Abstimmungen heftige Diskussionen aus. Eine Vergütung muss kostendeckend sein und Gewinne möglich machen, die zumindest auf dem Niveau üblicher Zinsen am Kapitalmarkt liegen, damit Privatleute und Unternehmen überhaupt das Wagnis auf sich nehmen neue Anlagen zu errichten – reiner Idealismus ist nur bei sehr wenigen ein Hauptmotiv.

Besonders die direkte Stromgewinnung aus Sonnenstrahlung per Photovoltaik (PV) geriet bei den Debatten in den Fokus der EEG-Kritiker. Aus der Union kam die Forderung nach einer Kürzung der PV-Vergütungssätze um 30% ab 2009, statt der bisherigen Degression von 5% pro Jahr. Die FDP stellte das ganze Konzept der Einspeisevergütung in Frage und hob wieder zum Credo für das „freie Spiel der Marktkräfte“ an. Es dürfe nicht verhindert werden, dass die erneuerbaren Energien auch untereinander in Wettbewerb träten.

Leichtes Ziel für die Angriffe wurde die Photovoltaik, weil sie durch die höchsten Vergütungssätze je Kilowattstunde und den geringsten Anteil an der EE-Stromerzeugung (abgesehen von der noch in der Erprobung befindlichen Geothermie) auffällt. Gerade diese Schere macht die PV zum idealen Ziel von Kritikern, zumal Schlagzeilen über spekulative Preisgestaltung der Solarsilizium-Industrie die ganze PV-Branche seit langem in Verruf bringen. Die Zeitschrift Photon berichtete, dass PV-Modulhersteller durch den gesicherten Stromabsatz per EEG in Deutschland um bis zu 70 Prozent höhere Verkaufspreise als im Ausland fordern konnten. Dennoch liegt der Zubau der PV in Deutschland immer noch bei 800 MW pro Jahr.

Schlussendlich kam die PV bei der EEG-Novelle glimpflich davon. Mit nur einer Degression von 9% im Jahr 2009. Bei großen Solaranlagen über 1000 kW Peak werden es aber 25% sein und so die größere Rentabilität dieser Anlagen eingepreist. Für im Jahr 2009 errichtete PV-Anlagen gelten damit jetzt folgende Vergütungssätze.

Bisher erwies sich das EEG als Erfolgsmodell, das seine eigenen Zielsetzungen übertroffen hat. Das Ziel für 2010 - ein EE-Anteil von 12,5% am Strommix - wurde schon 2007 erreicht. Das EEG wird durch unterschiedliche Vergütungssätze und Vergütungszeiten, je nach Energieträger, Standort, Anlagengröße und Komponentenpreisen, immer wieder den veränderten Marktbedingungen angepasst und hat so auch eine Lenkungswirkung auf bestimmte Energieträger.

Auch korrelieren die bisherigen EEG-Novellen mit ihren Förderschwerpunkten deutlich mit der erzeugten Strommenge je Energieträger. Besonders die durch das EEG ausgelöste Dynamik bei Windenergie und Biomasse ist deutlich. Der „traditionelle“ Energieträger zur Stromerzeugung, die Wasserkraft stagniert jedoch. Denn solange das billige (Über-) Angebot von Wasserkraft aus Skandinavien und Österreich besteht wird hierzulande, trotz Einspeisevergütung, kaum Wasserkraft-Zubau stattfinden.

Das Recht auf Stromeinspeisung und vor allem die Einspeisevergütung des EEG bringen Dynamik in die Entwicklung nachhaltiger Energiesysteme. Grafik: Brake. Daten: Bundesministerium für Umwelt

Das neue EEG zeigt stark den Einfluss politiknaher Wirtschaftslobbyisten. Die Forderungen aus dem Wirtschaftsflügel der Union, die Vergütung für Solarstrom besonders stark zu kürzen, erhitzte die Gemüter. Die Solarbranche sah sich vor dem Aus und ostdeutsche Ministerpräsidenten protestierten, weil vor allem bei ihnen Solarfabriken viele Jobs gebracht haben. Geschickt lenkten die wirtschaftsnahen EEG-Kritiker den Fokus der Verhandlungen zur EEG-Novelle 2009 auf die vermeintlich überförderte Solarindustrie und konnten im Windschatten dieses Ablenkungsmanövers die Privilegien und Ausnahmegenehmigungen für die besonders stromintensiven Branchen ausbauen. So wurden stromintensive Industriebetriebe und Bahnunternehmen vom EEG wieder weitgehend befreit.

Die Begrenzung erfolgt um die Stromkosten dieser Unternehmen zu senken und so ihre internationale und intermodale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

EEG 2009

Wie das, wo doch das EEG laut BMU die Stromkosten senkt? Allein durch den „Merit Order Effekt“ (an der Strombörse bestimmt die teuerste Stromlieferung, die notwendig ist, um den Bedarf noch zu decken, den Preis auch aller anderen, eigentlich billigeren Stromlieferungen) soll das EEG 5 Mrd Euro eingespart haben. Denn durch das zunehmende Angebot von EE-Strom müsse bei Spitzenbedarf nicht mehr auf die teuersten konventionellen Stromangebote zurückgegriffen werden. Der Grund für dieses Entgegenkommen scheint wohl darin zu liegen, dass die Bahn über eigene Kraftwerke verfügt und große Industriebetriebe als Stromgroßkunden niedrigere Strompreise bekommen, als jene, die an den preistreibenden Strombörsen für die Endkundenbelieferung erzeugt werden.

Die Industrie ist der größte Stromverbraucher in Deutschland. Gerade die stromintensivsten Branchen werden vom EEG aber mit Ausnahmegenehmigungen bedacht. Grafik: Brake Daten: Envia

Das EEG 2009 regelt nun auch den zeitweisen Ausstieg von EEG geförderten Anlagen neu, wenn deren Betreiber ihren Strom an den Strombörsen anbieten wollen, anstatt die Einspeisevergütung in Anspruch zu nehmen. Dies ist ein Zeichen dafür, dass auch die Windkraft (auf sie zielt diese Regelung ab) flügge geworden ist. Fraglich ist jedoch ob Börsengeschäfte zu Strompreissenkungen führen werden.

Die Strommarktliberalisierung ließ Strombörsen wie Pilze aus dem Boden schießen, weil Strom vom Nordkap bis zur Algarve zu einem handelbaren Gut geworden ist. Mittlerweile gibt es 21 Strombörsen in Europa. Allein durch die angekündigte Kooperation der Leipziger Energiebörse EEX mit der französischen PowerNext entsteht der größte Verbundmarkt in Europa, über den, mit den Ländern Deutschland, Frankreich, Schweiz und Österreich mehr als ein Drittel des europäischen Strommarktes abgewickelt wird. Dies wird keine Preissenkungen bringen. So stieg in Deutschland unter Liberalisierung und Konzentration des Strommarktes der Preis seit dem Jahr 2000 um 44% je kWh. Und brachte ein Oligopol von nur vier Netzbetreibern hervor, das mit seiner Marktmacht das Börsengeschehen beeinflussen kann.

Zunehmender Stromhandel bedeutet mehr Geschäfte für die Händler, aber nicht fallende Preise für Endverbraucher. Mit der Zusammenarbeit von EEX und PowerNext soll der spekulative Handel mit Stromderivaten in Leipzig konzentriert werden. Bild: UCTE
Seit 2000 stiegen die Strompreise in Deutschland um 44%. Grafik: Wikipedia. Daten: Statistisches Bundesamt Deutschland

Kernkraftwerke scheinen sich für ihre Betreiber zu lohnen. Dabei macht der reale Anteil von Atomstrom an der gesamten Stromproduktion in Deutschland 2007 nur noch 22% aus und damit weniger als 3% am Primärenergiebedarf im Land. Mengenmäßig fast eine zu vernachlässigende Größe.

Letzte Woche lehnte das BMU einen Antrag auf Mengenübertragung und damit eine Laufzeitverlängerung - auf Neckarwestheim I ab - damit wäre dieses Kraftwerk das nächste, das planmäßig Ende 2009 endgültig vom Netz gehen müsste. Das Gesetz zum Atomausstieg legt fest, dass die Anlagen ab dem 01.01.2000 noch höchstens 2.620.000 Gigawattstunden (GWh) Strom erzeugen dürfen. Nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz waren Ende 2007 von diesem Kontingent noch 1.382.343,64 GWh übrig. Aber gerade die Pannenserie in den Kernkraftwerken des letzten Jahres könnte alle Meiler, die jetzt noch in Betrieb sind, in die nächste Legislaturperiode „retten“ - und damit, in ein, für die Kraftwerksbetreiber wahrscheinlich günstigeres Fahrwasser. Einschließlich einer möglichen Revision des Atomausstiegs insgesamt.

Die Deutsche Energieagentur DENA (zur Hälfte von den großen vier Stromversorgern finanziert) hatte im Vorfeld der EEG-Verhandlungen den Begriff von der „Stromlücke“ lanciert. Also vor Strommangel gewarnt, sollten Kernkraftwerke abgeschaltet und Kraftwerksneubauten verhindert werden.

Wo ist die Stromlücke? Deutschland erzeugt jedes Jahr einen Exportüberschuß von 40000 GWh Strom. Grafik: UCTE

Die Daten des Verbands der europäischen Netzbetreiber UCTE, zeigen aber, dass Deutschland jährlich 40.000 GWh mehr Strom exportiert, als es importiert. Dieser Saldo entspricht 7 % des jährlichen Stromverbrauchs in Deutschland. Von Stromlücke kann also keine Rede sein. Genug Spielraum also, um mit den Abschaltungen zu beginnen, ohne dass Engpässe zu befürchten wären. Genug Zeit vor allem auch dafür, dass das EEG weitere Anlagentypen zur Energiegewinnung aus erneuerbaren Energieträgern zu Standardtechnologien macht und dazu beiträgt den deutschen Strommix auf eine nachhaltige Basis zu stellen.

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