Waffen für die Welt

Der Händler des Todes - der Fall Viktor Bout

Viktor Bout ist ein Symbol für die Globalisierung und ein Produkt des Zusammenbruches der Sowjetunion. In der anarchischen Phase der Transformation baute er aus dem Nichts ein Imperium auf. Er nutzte alte Netzwerke und wurde zu einem der größten Waffenhändler der Welt. Sein Imperium umfasste eine ganze Flotte von Transportflugzeugen. Mit der Restauration der ehemaligen Ostblockstaaten und deren Aufnahme in einen internationalen Ordnungsrahmen verlor er dann aber seine Protektion und wurde schließlich von den Amerikanern in eine Falle gelockt. Ein Konkurrent weniger auf dem hart umkämpften Rüstungsmarkt.

Der Handel mit Waffen und Munition ist ein sehr lukratives Geschäft. Alleine im letzten Jahr wurden offiziell rund 2,3 Mio. Handfeuerwaffen exportiert und zwischen 10 und 14 Milliarden Patronen produziert – dies entspricht rund zwei Patronen für jeden Menschen auf diesem Planeten. Neben dem offiziellen Waffenmarkt existiert aber auch noch ein inoffizieller Markt, der noch lukrativer ist. Neben eindeutig illegalen Handelsaktivitäten gibt es in diesem inoffiziellen Markt ein Marktsegment, das sich in einer rechtlichen Grauzone bewegt. Diese Grauzone war das Spezialfeld des Viktor Bout - der "Händler des Todes", der "Lord of War".

Ob Waffenhandel im grauen Markt strafbar ist, hängt von der Betrachtungsweise ab. Wenn man Waffen in ein Land liefert, über das von der UN ein Embargo verhängt wurde, ist dies zwar illegal. Sanktioniert werden in der Regel aber nur Staaten, die ein Embargo brechen, und nicht Privatpersonen. Wenn ein Waffenhändler mit einem gefälschten Endverbraucher-Nachweis aus Togo Waffen in Bulgarien kauft und diese dann in eine Konfliktzone bringt – in welchem Land hat er dann welche Straftat begangen und wer soll sie verfolgen?

Glaubt man den Untersuchungen der UN und einiger Autoren, war Viktor Bout bis zum Zeitpunkt seiner Verhaftung im letzten Jahr der unangefochtene König im weltweiten grauen Waffenhandel. Auf dem Zenit seiner Karriere umfasste Bouts Imperium 60 Flugzeuge – bei seinen Fluglinien waren 300 Piloten unter Vertrag. Natürlich transportierte er nicht nur Waffen, aber ohne den Waffenhandel wäre er nie so weit gekommen. Bout nutzte bei seinen Geschäften die gesamte Infrastruktur des modernen Geschäftslebens – Flugzeuge, die man in Drittweltländern online registrieren kann, Konten, mit denen man in sekundenschnelle Geld von einer Steueroase in die andere transferieren kann, und ein komplexes System von Firmenmänteln, Strohmännern und Tarnfirmen.

Bouts Modus Operandi war einzigartig. Der Russe, der aufgrund seiner Zuverlässigkeit in der Branche den Spitznamen "Mailman" bekam, konnte über das klassische Angebot hinaus fast alles liefern, was der Kunde wünschte – Boden-Luft-Raketen, Angriffshelikopter und weitere wehrtechnische Produkte gehörten ebenso zu seinem Angebot, wie die unkonventionelle Abwicklung der Geschäfte. Wenn der Kunde keine ausreichenden Barmittel zur Verfügung hatte, akzeptierte Bout auch Drogen, Blutdiamanten, Coltan oder Gold. Bout lieferte an jeden, der zahlungskräftig war. Egal, ob es sich dabei um Terrorgruppen, Guerillas, Warlords, isolierte Diktatoren oder souveräne Staaten handelte – auch das US-Verteidigungsministerium zählte zu seinen Kunden. Die heiße Ware bezog er aus einem weit gefächerten Netzwerk in den ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes, vor allem in der Ukraine, in Bulgarien und Rumänien.

Ein typisches Geschäft lief damals folgendermaßen ab: Der rumänische Inlandsgeheimdienst "beschlagnahmte" eines von Bouts Transportflugzeugen auf dem Flughafen von Bukarest wegen des Verdachts auf Zigarettenschmuggel. In der Nacht wurde die Iljuschin dann im militärischen Sperrbereich des Flughafens mit Boden-Luft-Raketen beladen und von Bouts Piloten in ein Land geflogen, über das die UN ein Embargo verhängt hat. Die notwendigen Papiere, um den Verbleib der Waffen zu erklären, fälschte der rumänische Auslandsgeheimdienst.

Um das "System Bout" zu verstehen, muss man zurück in die Zeit vor dem Fall des Eisernen Vorhangs blicken. Über Bouts Vergangenheit ist wenig bekannt. Fest steht jedoch, dass er am Fremdspracheninstitut der sowjetischen Armee ausgebildet wurde, neben Russisch auch fließend Usbekisch, Englisch, Französisch und Portugiesisch spricht und mehrere afrikanische Sprachen gut beherrscht. Als Offizier diente er später beim militärischen Geheimdienstes GRU, zu dessen Aufgabenfeld auch die Lieferung von Waffen an kommunistische Bewegungen in der ganzen Welt gehörte. Inwieweit Bout in diese Aufgaben involviert war, ist allerdings nicht bekannt. Ein Bericht des Kommersant behauptet, dass er Ende der 80er als Übersetzer beim Lufttransportregiment des sowjetischen UN-Korps in Mozambique und Angola tätig war und dort die ersten Netzwerke für seine späteren Geschäfte knüpfte.

Bild: International Action Network on Small Arms (IANSA)

Mit dem Kollaps der Sowjetunion entstand ein Vakuum, das clevere Geschäftsleute zu ihrem Vorteil nutzten. Bouts Luftransportregiment im weißrussischen Vitebsk hörte von einem Moment auf den anderen auf zu existieren. Da stand ein Haufen Antonovs und Iljushins in den Hangars und das Militär hatte nicht einmal mehr die Mittel, die Maschinen aufzutanken oder zu warten. Neben den Maschinen gab es auch noch ganze Lagerhäuser, die voll mit Waffen aus sowjetischen Beständen waren und jede Menge Offiziere, die gegen ein passendes Schmiergeld beide Augen zudrückten, wenn sich diese Lagerhäuser leerten. Russischen Medienberichten zufolge wurde damals ein Drittel der Bestände der Sowjetarmee auf dem Boden der Ukraine auf diese Art und Weise umverteilt. Bout hatte nun drei Transportflugzeuge, mehrere Piloten, gute Kontakte, schier endlose Quellen für Waffen und auch die richtigen Abnehmer. Er tat, was naheliegend war und flog die Waffen in afrikanische Konfliktgebiete. Ein boomendes Geschäft, wie sich bald zeigen sollte – vor allem, wenn man beide Seiten in einem Konflikt versorgt.

Seine ersten größeren Geschäfte machte Bout 1993 vom belgischen Ostende aus. Zunächst versorgte er mit seinen Maschinen, die in Moldawien registriert waren, belgische Soldaten in Somalia. Dabei blieb es allerdings nicht. Nachdem die dortigen Behörden auf ihn aufmerksam wurden, zog er 1997 mit seinen Firmen ins arabische Emirat Sharjah, wo er beste Kontakte bis in die höchsten Regierungskreise hatte. Scheich Abdullah al Nayhan, ein Mitglied der Herrscherfamilie in Abu Dhabi und ehemaliger Botschafter der Emirate in den USA, war dort sein Strohmann – er war auf dem Papier alleiniger Inhaber der Fluglinie "Flying Dolphin".

Bouts beste Kunden waren zu jener Zeit die Revolutionary United Front in Sierra Leone, Charles Taylors National Patriotic Front in Liberia, die UNITA in Angola und die Bürgerkriegsparteien im Kongo. Bout lieferte Waffen an 17 afrikanische Staaten. Oxfam schätzt das Volumen des illegalen Waffenhandels nach Afrika auf jährlich 50 Mio. US$. Bezahlen ließ er sich auch in Blutdiamanten, Gold, Edelsteinen und Coltan. Als aufgrund des IT-Booms Anfang 2000 der Coltanpreis von 30 auf 300 US$ pro Kilo stieg, wurden Bouts Fluglinien schnell zum größten Exporteur dieses Erzes. Da den Bürgerkriegsparteien im Kongo der direkte Verkauf verboten war, flog Bout die Ware mit gefälschten Herkunftspapieren über Uganda und Ruanda aus. Bouts Piloten waren Spezialisten im afrikanischen Luftraum – sie kannten sich damit aus, falsche Identifikationen zu geben, ohne Navigationslichter zu fliegen und der Radarüberwachung zu entgehen. In Regionen, in denen dies nicht funktionierte, wurden die Behörden geschmiert. Als Südafrika 1998 43 seiner Flugzeuge beschlagnahmte, tauchten diese wie von Geisterhand wenige Wochen später in Bangui, Zentralafrika, auf. Seine Piloten verdienten damals zwischen 5.000 und 10.000 US$ im Monat – für russische Verhältnisse ein kleines Vermögen.

Eine sehr lukrative Region für Waffenhändler war und ist auch Afghanistan. Anfangs versorgte Bout dort die Regierungstruppen von Präsident Rabbani mit Waffen und Munition. 1995 zwang eine MIG der Taliban eine Iljuschin-76, die mit 30 Tonnen Munition beladen war, zur Landung. Ein Jahr später gehörten auch die Taliban zu Bouts Kunden. Nach Schätzungen des belgischen Geheimdienstes hat Bout an den Geschäften mit den Gotteskriegern rund 50 Mio. US$ verdient. 1997 waren Bouts Fluglinien hinter der Lufthansa die umsatzstärkste Fluglinie in Afghanistan. Vor 9/11 war eines seiner Flugzeuge nach Aussagen des britischen Außenministeriums im Dauereinsatz zwischen dem saudischen Jiddah und Kandahar. Nach 9/11 war Bout allerdings klar, dass sein Handel mit den Taliban ihm ernsthafte Schwierigkeiten bereiten könnte. Dem Autoren Douglas Farrah zufolge soll er sowohl der CIA, als auch dem FBI ein Angebot gemacht haben, die USA bei ihrem Krieg gegen die Taliban zu unterstützen – gegen ein angemessenes Entgelt von mehreren zehn Millionen US-Dollar versteht sich. Bout versorgte in der Folge nur noch die mit den Amerikanern verbündete Nordallianz mit Waffen.

Im Jahre 2001 verdunkelte sich die blutige Welt des Viktor Bout. Sein Name und die Namen mehrerer seiner Mitarbeiter tauchten an exponierter Stelle auf einer Liste des UN-Sicherheitsrates auf. Bout wurde von der UN mit einem Reiseverbot sanktioniert - fortan war allen UN-Mitgliedsstaaten untersagt, Viktor Bout einreisen zu lassen. Kurze Zeit später erwirkten die belgischen Behörden bei Interpol einen internationalen Haftbefehl gegen den Waffenhändler.

Innerhalb eines Jahres wurde Bout weltweit persona non grata – nur in Moskau fand er nach wie vor einen sicheren Hafen für sein Imperium. Nach Rohstoffen sind Waffen das zweitstärkste Exportgut Russlands. Schmerzlicher als die UN-Sanktionen war für ihn jedoch die Tatsache, dass ihn das amerikanische Finanzministerium im Jahre 2005 auf seine schwarze Liste setzte und die Konten seiner Fluglinien und damit assoziierter Personen einfror.

Bouts Flugzeuge haben allerdings nicht nur "illegale" Waffen transportiert. Für das britische Militär durfte eine seiner Fluglinien ganz offiziell Soldaten und Material ins Kosovo transportieren, und der amerikanische Militärdienstleister KBR, bis 2007 ein Tochterunternehmen von Halliburton, war in den Jahren 2004 bis 2005 sogar ein Großkunde Bouts. In den ersten Monaten nach dem militärischen Sieg über die irakischen Truppen war eine Landung auf dem Flughafen Bagdad ein Glücksspiel. Unzählige Boden-Luft-Raketen und sogar Flak-Einheiten waren noch im Besitz der Aufständischen. Den meisten westlichen Fluglinien war das Risiko zu groß und tote amerikanische Piloten und Crew-Mitglieder hätten auch keine gute Presse abgegeben. Da kamen Bouts russische Flughasardeure, die ihre Antonovs auch schon unter Beschuss auf afrikanischen Buckelpisten landeten, gerade recht.

In wahrscheinlich über 1.000 Flügen brachten Bouts Transportflugzeuge Material für die amerikanischen und irakischen Truppen nach Bagdad. Dass zeitgleich Sanktionen des Finanzministeriums gegen Bout bestanden, störte weder das Verteidigungsministerium noch KBR oder Halliburton. Im Gegenteil – 2004 strengte die Regierung Bush sogar an, Bout von den UN-Sanktionen auszunehmen, was allerdings am Widerstand Frankreichs scheiterte. Mit der Zeit wurde Bout allerdings entbehrlich. Die Sicherheitslage hatte sich entspannt und renditeorientierte amerikanische Fluglinien wie Federal Express drängten in den lukrativen Markt.

Am 6. März 2008 klickten in Bangkok die Handschellen. Anstelle von Einkäufern der kolumbianischen Rebellenorganisation FARC erwarteten Viktor Bout im noblen Sofitel 50 Spezialkräfte der thailändischen Polizei und Agenten der amerikanischen Anti-Drogenbehörde DEA. Die DEA nutzte dabei den Umstand aus, dass Bout, der kein Geschäft ausließ, in der Vergangenheit auch Drogen in seinen Flugzeugen transportierte. Dieser Umstand erlaubte der DEA, auf den Plan zu treten. Der sonst so vorsichtige Viktor Bout war in eine Falle getappt, die von den Amerikanern sorgfältig vorbereitet worden war. Zwei Mitarbeiter der DEA traten als vermeintliche Mitglieder der FARC an Bouts Partner, den Briten Andrew Smulian, heran. Bei einem Treffen in Curacao konnten sie ihn dazu überreden, mit Bout in Kontakt zu treten. Die falschen FARC-Einkäufer wollten 100 Boden-Luft-Raketen von Bout kaufen. Bout stockte aus seinem Moskauer Domizil das Angebot auf – zusätzlich zu den Boden-Luft-Raketen könne er panzerbrechende Raketen und Kampfhelikopter anbieten. Die Ware könnte per Fallschirmabwurf direkt in den kolumbianischen Dschungel geliefert werden – Transportkosten 5 Mio. US$, Warenkosten Verhandlungssache.

Nachdem zwei Treffen in Madrid und Bukarest geplatzt waren, konnten die DEA-Agenten Bout überreden, sich mit ihnen in Bangkok zu treffen. Im Moment, als die Handschellen klickten, soll Viktor Bout nur resignierend gesagt haben "The Game is over". Warum Bout sich auf ein so hochgefährliches Spiel einließ, ist unbekannt. Hätte er die Agenten in Moskau empfangen, wäre es ihnen nicht möglich gewesen, Amtshilfe von den lokalen Behörden in Anspruch zu nehmen. Wahrscheinlich mangelte es Bout schlichtweg an Geld – die Geschäfte liefen in letzter Zeit nicht sonderlich gut. Nach einem Deal im Jahre 2006, bei dem 200.000 AK-47 aus bosnischen Beständen in den Irak geliefert wurden, hörte man nicht mehr viel von ihm, und seine offiziellen Geschäfte schienen weit weniger lukrativ zu sein. Landeverbote der EU, von denen seine Fluglinien betroffen waren, versetzten ihm geschäftlich einen schweren Schlag.

Seit einem Jahr sitzt Viktor Bout nun hinter thailändischen Gardinen in Klong Prem – der Endstation vieler westlicher Kinderschänder, Drogenschmuggler, Geldwäscher und anderer halbseidener Gestallten. Der Vorwurf gegen ihn lautet "Verschwörung zur materiellen Ausstattung von terroristischen Organisationen". Ihm wurde allerdings immer noch kein Prozess gemacht, da die Amerikaner bis dato noch keine Beweise vorlegen konnten. Anders als in den USA ist das bloße Treffen mit potenziellen Waffenkäufern in Thailand keine Straftat.

Die Causa Bout ist immer noch ein Politikum. Russland und die USA streiten sich momentan hinter den Kulissen um eine Auslieferung. Vor wenigen Wochen forderte eine Gruppe amerikanischer Kongressabgeordneter die Regierung Obama auf, eine Auslieferung Bouts als oberste Priorität in den amerikanisch-thailändischen Beziehungen zu setzten. Sollte Viktor Bout an die USA ausgeliefert werden, droht ihm dort eine lebenslange Haftstrafe. Um dies – und unangenehme Plaudereien – zu verhindern, lässt Moskau seinerseits ebenfalls die Muskeln im Hintergrund spielen, um eine Auslieferung nach Russland zu erreichen. Zwischen den beiden Schwergewichten hat es einer schwer, der auch Bouts Auslieferung anstrengt – Stephen Rapp, Chefankläger der UN beim Sondergerichtshof für Sierra Leone. Für die Verbrechen, die ihm dort von der UN dort vorgeworfen werden, drohen Bout dort ebenfalls langjährige Haftstrafen.

Aus der Haft heraus sieht sich Viktor Bout derweil als Opfer einer Verschwörung. Sein Bruder – Teilhaber des Imperiums – sieht die "wahren" Schuldigen in den USA. Um die Russen vom Luftfahrtmarkt zu verdrängen, habe man systematisch eine erfolgreiche russische Airline stigmatisiert. Sein Bruder sei "in Wirklichkeit niemals als Waffenhändler tätig” gewesen. Viktor Bout entschuldigt sich mit der Ausrede, er sei nur ein Transporteur, und so lange die Papiere in Ordnung seien, prüfe er nicht, was er dort transportiert. Nicht durch den Transport von Waffen, sondern durch den Transport von Blumen sei er reich geworden. Bouts Aussagen stehen allerdings im groben Widerspruch zu den Erkenntnissen nahezu aller Geheimdienste der Welt und den umfangreichen Untersuchungen der UNO. In den Bürgerkriegen Afrikas sind Millionen Menschen gestorben, und noch heute sterben dort unschuldige Menschen - getötet mit Waffen aus Europa und den USA. Viktor Bout ist nicht derjenige, der den Abzug drückt – aber er ist dafür verantwortlich, dass es einen Abzug gibt, der gedrückt werden kann.

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