Wahrscheinlichkeit des Aussterbens der Menschheit soll höchstens 1:14.000 betragen - jährlich

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Extinction Rebellion will mit Aktionen und zivilem Ungehorsam das "Risiko der Auslöschung der Menschheit und des Kollapses unserer Ökosysteme verkleinern". Die Zeit laufe ab, das Aussterben der Menschheit drohe, so die grünen Apokalyptiker, die eine schnelle und weltweite Kehrtwende fordern, um das Schlimmste zu verhindern. Ähnliche Sorgen treibt die weniger radikale Bewegung Fridays for Future um.

Hintergrunds-Aussterbensrate für die Menschheit

Im Sommer hatten Wissenschaftler von der Mathematical Ecology Research Group und dem Future of Humanity Institute an der University of der Oxford sicher auf dem Hintergrund dieser Ängste versucht abzuschätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Aussterben der Menschheit aufgrund natürlicher Prozesse eintreten kann. Die Studie wurde in Nature veröffentlicht. Es geht also nicht um von Menschen verursachte Katastrophen wie die Klimaerwärmung oder ein Atombombenkrieg, die vermutlich die größeren Risiken darstellen, sondern "nur" um einen etwaigen Einschlag von Asteroiden oder den Ausbruch eines Supervulkans. Die Frage ist angebracht, wenn es denn stimmt, wovon die Wissenschaftler ausgehen, dass 99 Prozent der Arten, die jemals existiert haben, ausgestorben sind.

Ziel der Überlegungen war es, die Hintergrund-Aussterbensrate für die Menschen - den seit mindestens 200.000 Jahre lebenden homo sapiens - zu bestimmen. Den Ausschluss der menschengemachten Untergangsszenarien wird damit begründet, dass die Beschränkung auf natürliche Ursachen, denen auch die menschlichen Vorfahren ausgesetzt waren, das Untersuchungszeitfenster enorm erweitert und auch eine Antwort möglich macht, ob natürliche oder menschengemachte Katastrophen wahrscheinlicher sind.

Es ist eine sehr theoretische Spielerei. Die Wissenschaftler kommen aufgrund des Nichtausgelöschtwerdens während 200.000 Jahren zu einer Aussterbenswahrscheinlichkeit im Jahr von 1:14.000. Geht man auf Vorfahren vor über 300.000 Jahren zurück, würde man schon bei 1:22.800 landen. Wenn man 2 Millionen Jahre annimmt und vom Beginn der Gattung homo ausgeht, würde die Wahrscheinlichkeit noch weiter auf 1:140.000 sinken. Das sei konservativ geschätzt, vermutlich ist die Wahrscheinlichkeit geringer.

Man sollte meinen, das Gedankengebäude stürze, wenn die Menschheit nur Glück gehabt hätte und in anderen Zeiten die Aussterbewahrscheinlichkeit höher liegen würde. Aber ein Einschlag eines Asteroiden mit einem Durchmesser von 1km habe nur eine Wahrscheinlichkeit, sich alle 500.000 Jahre zu ereignen. Gefährlich wäre ein Asteroid mit einem Durchmesser von 5 km, der aber nur alle 6 Millionen Jahre vorkäme und eine Wahrscheinlichkeit von 1:870.000 pro Jahr hätte. Eine gefährliche Supervulkan-Eruption mit über 1000 Kubikkilometer Auswurf, die zu Massenaussterben geführt haben, könne sich alle 32 Millionen Jahre ereignen, die Explosion einer Supernova alle 100 Millionen Jahre.

Die Wissenschaftler argumentieren jedenfalls, dass die Aussterbensrate der Menschen gut in dem Bereich liegt, das für die Säugetiere geschätzt wird. Homo sapiens habe mit 200.000 Jahren nicht länger als andere Hominiden gelebt, homo erectus dürfte etwa 1,7 Millionen Jahre existiert haben. Nach den Fossilfunden würde die mediane Zeitspanne für Hominiden bei etwa 970.000 Jahren liegen. Das wäre noch etwas hin.

Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Deutscher - bei den Zahlen von 2018 - bei einem Verkehrsunfall stirbt 1:24.427. Das läge höher als die untere Wahrscheinlichkeit für das Aussterben der Menschheit. Aber das hindert kaum jemanden, weiter Autozufahren. Die Wahrscheinlichkeit, beim Lotto 6 Richtige zu haben, liegt hingegen bei 1:139.838.160, ist also deutlich geringer als die, von einem Blitz getroffen zu werden: 1:10.000.000. Millionen von Deutschen stört das nicht, wenn es um das Glück geht, setzt man auf dieses. Pech wird hingegen verdrängt, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Asteroid mit einem Durchmesser von 5 km auf die Erde schlägt, 1:870.000 sein soll. Das interessiert die meisten, wenn überhaupt, eher theoretisch.

Aussterben der Menschheit nicht einzigartig schlimm

Ebenfalls Wissenschaftler der University of Oxford haben in Umfragen in den USA und Großbritannien herauszufinden versucht, wie die Menschen über die Gefahr des Aussterbens denken. So sollten die Befragten angeben, wie sie die drei Szenarien bewerten, dass es keine Katastrophe gibt, dass sie die Menschheit auslöscht und dass sie 80 Prozent der Menschen tötet. Natürlich wurde keine Katastrophe als beste und die Auslöschung der Menschen als schlimmste Möglichkeit gesehen. Wenn sie aber bewerten sollten, was schlimmer sei, entschied sich die Mehrheit dafür, dass es schlimmer sei, wenn 80 Prozent der Menschen sterben, als wenn die Menschheit ausgelöscht wird.

Die Wissenschaftler ziehen in ihrem Beitrag für Nature daraus die Konsequenz, dass die Menschen das Aussterben nicht "einzigartig" schlimm finden. Sie scheinen es schlimmer zu finden, wenn sich das Ende hinzieht. Lieber gleicht tot als langes Siechtum, wie man dies auch bei seinem eigenen Tod denkt. Anders ist dies, wenn die Alternative keine Katastrophe durch die ersetzt wird, dass die Menschheit einer positiven Utopie erwartet, in der alles besser als jetzt.

Dass die Menschen die Möglichkeit des plötzlichen Aussterbens der nicht einzigartig schlimm finden, interpretieren die Wissenschaftler "teilweise" damit, dass die Menschen gegenwärtig "relativ kleine Ressourcen in die Reduzierung des Existenzrisikos investieren". Hereinspielen würde auch, dass die langfristigen Folgen gerne nicht bedacht werden, vor allem wenn intuitiv entschieden wird.

Wenn rationaler oder kognitiver überlegt wird, wird das Aussterben eher als schlimmer befunden. Danach könnten etwa die Anhänger von Extinction Rebellion vernünftiger denken als diejenigen, die die Bedrohlichkeit leugnen oder nicht so akut finden. Das freilich hängt davon ab, wie begründet das eine oder andere Szenario bedacht wird und ob die Möglichkeit des Aussterbens ausgeschlossen oder geleugnet wird. Wenn es richtig ist, so der Schluss der Wissenschaftler, dass das Aussterben der Menschheit einzigartig schlimm ist, "dann sollten wir begründet sehr viel mehr investieren, um sicherzustellen, dass dies nicht geschieht." (Florian Rötzer)