Wald statt Asphalt

Der Dannenröder Wald zwischen Kassel und Marburg soll einem Teilstück der lange geplanten A 49 weichen. Um seine Rodung zu verhindern, halten Aktivisten ihn seit einem Jahr besetzt.

Baumhäuser, Tripods, Holzkonstruktionen mit Wellblech: Die Bilder im Dannenröder Wald erinnern an das Szenario im Hambacher Forst. Im Oktober 2019 kamen die ersten - zumeist jungen - Menschen hierher, um hölzerne Plattformen zu errichten. Ganz nach dem Hambacher Vorbild wird die dreidimensionale Infrastruktur seitdem immer weiter ausgebaut.

Inzwischen gibt es mehr als 30 Baumhäuser auf zehn bis zwanzig Meter Höhe. Niemand weiß so genau, wieviele Menschen in den Baumwipfeln oder darunter leben. Wer sie erreichen will, muss auf jeden Fall sicher klettern können. Jeder Neuankömmling hat deshalb die Möglichkeit, Klettertechniken am Seil zu erlernen. Inzwischen gibt es verschiedene Walddörfer mit wachsender Anzahl an Besetzerinnen und Besetzern. Klimakrise und Verkehrswende - aus diesen Gründen sind die meisten von ihnen hier.

Doch für nicht wenige ist die Waldkommune auch der Versuch einer hierarchiefreien Gesellschaftsform. Dabei will man von den Aktionen, aber auch aus Fehlern der Besetzung des Hambacher Waldes lernen. Manche Besucher bleiben nur einige Tage, andere länger. Ab Mitte September rechnen die Aktivistinnen und Aktivisten mit Hunderten Menschen im Wald. Denn dann beginnen die Rodungsarbeiten, so heißt es.

Wald statt Asphalt (4 Bilder)

Bild: Dannenröder Waldbesetzung

Darauf bereiten sie sich gerade vor - mit zivilen Ungehorsam. Kommt es im Dannenröder Wald zur Räumung, wollen die Waldaktivisten so lange wie möglich Widerstand leisten.

Gericht gab für Rodung grünes Licht

Es begann vor rund 40 Jahren, als Stadtplaner die Städte Gießen und Kassel direkt miteinander verbinden wollten. Zwar gibt es parallel die in 35 Kilometer Luftlinie weiter östlich bestehende Nord-Süd-Verbindungen durch die A5/A7. Doch die Autobahnen schlängeln sich kurvig durch die Landschaft, mit viel zu großen Umwegen.

Außerdem wächst der Verkehr, die Straßen sind zunehmend überlastet. Immer mehr Anwohner sind genervt von den tausenden Lkw's, die täglich ihre Wohnorte durchqueren. Von der neuen A 49 erhoffen sie sich eine Verkehrsentlastung und weniger Lärm.

Die Gegner sammelten Tausende Unterschriften gegen das Bauprojekt. Drei Landwirte, deren Grundstücke von den Flurbereinigungsmaßnahmen betroffen sind, klagten gegen das Land Hessen, weil sie fürchteten, enteignet zu werden. Im November 2019 hatte der BUND Hessen beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig Klage gegen den Ausbau der A 49 im Teilabschnitt VKE 40 eingereicht, weil der 2012 erlassene Planfeststellungsbeschluss die europäische Wasserrahmenrichtlinie mißachtet. Diesen Rechtsverstoß hatte das Gericht zwar bestätigt, die Klage jedoch abgewiesen.

Zwar dürfte die Autobahn so heute nicht mehr genehmigt werden, sie jetzt zu stoppen sei jedoch "nicht verhältnismäßig", so die sinngemäße Begründung. Gemeint sind die Kosten, die sie bereits verursacht hat. Man will sich schließlich nicht vorwerfen lassen, Millionen Euro in den Sand gesetzt zu haben.

Im Juni entschied das Gericht, dass ein weiteres Autobahn-Teilstück zwischen Stadtallendorf und Gemünden/Felda gebaut werden darf. Am 2. Juli 2020 erteilte die Projektmanagementgesellschaft Deges der Strabag Infrastrukturprojekt GmbH den Zuschlag für Planung, Bau, Betrieb und Erhaltung für die beiden Abschnitte der A 49 zwischen Schwalmstadt und dem Ohmtal-Dreieck.

Eingriffe in die Natur mit irreversiblen Folgen

Seither steht den Bauarbeiten für die fehlenden Autobahnteilstücke nichts mehr im Wege - außer drei ökologisch wertvolle Mischwälder: Zum einen der Herrenwald im FFH- und Natura 2000-Gebiet, zum anderen der Dannenröder Wald mit zum Teil 250 Jahre alten Bäumen im Trinkwasserschutzgebiet. Aus ihm beziehen rund 500.000 Menschen in den umliegenden Städten und Dörfern ihr Trinkwasser.

Weiter südlich ist da noch der Maulbacher Wald, in dem bereits im Februar diesen Jahres Bäume gerodet wurden. Eine rund 400 Meter lange Brücke wird über das angrenzende Gleenetal gebaut. Ein 27 Meter breites Betonasphaltband soll insgesamt elf Kilometer bewaldete Landschaft durchqueren.

Rund 80 Hektar gesunder Mischwald sind akut in Gefahr. Zwar soll eigens für Amphibien eine Grünbrücke angelgt werden. Dennoch ist das monströse Bauwerk ein tiefer Einschnitt in die Landschaft. Das Wasserschutzgebiet wird zubetoniert. Für die Brückenpfeiler werden riesige Löcher gegraben. Diese durchbrechen die Trennschichten, die das Grundwasser schützen, kritisiert der BUND.

Während im Sommer das Gerichtsverahren in vollem Gange war, wurde im nahe gelegenen Hochtaunuskreis das Wasser knapp: Schwimmbäder durften nicht befüllt, Autos nicht gewaschen, Gärten nicht mehr bewässert werden. Einige Gemeinden riefen den Trinkwassernotstand aus.

Von den rund 200.000 Bäumen im Frankfurter Stadtgebiet mussten im Dürresommer 2019 nach Angaben des Grünflächenamts etwa 4.500 wegen Trockenschäden gefällt werden - mehr als doppelt so viele wie üblich. Wegen der Wasserknappheit entschied man sich in diesem Sommer, nur noch junge Bäumchen zu gießen - mit Wasser aus dem Main, um Trinkwasser zu sparen.

Nun gilt der Dannenröder Wald unter anderem als Wasserspeicher. Trotzdem soll er einer Autobahn weichen. Ist die Wirtschaft wichtiger als die Verfügbarkeit von Trinkwasser? Für Investitionen, die in der Region getätigt werden, brauche es eine funktionierende Infrastruktur und Planungssicherheit, erklärt Ullrich Eitel im Interview mit dem Hessischen Rundfunk.

Die Beweggründe der Waldaktivisten könne er zwar nachvollziehen - für nachhaltig hält er sie nicht. Eine durchgehende Straße, die den Verkehr zum Fließen bringt, sei nachhaltiger, findet der Sprecher des Arbeitskreises A 49.

Keine weitere Millionen für unnötige Straßen

Dürfen gesunde, artenreiche Wälder gerodet werden, um ein langjähriges kostenintensives Mega-Bauprojekt zu Ende zu bringen? Wer heute Wälder für Straßen rodet, habe den Ernst der Lage nicht erkannt, sagt Jörg Nitsch. Seiner Ansicht nach gehören Planungsdinosaurier wie die A 49 bundesweit auf den Prüfstand.

Die Landesregierung sollte sich für ein Moratorium beim Straßenneubau und eine Überarbeitung des Bundesverkehrswegeplans einsetzen, erklärt der Landesvorsitzende des BUND Hessen. Mit seiner Art und Weise, im großen Stil Autobahnen und Bundesstraßen zu planen und bauen, ohne Umweltbelange ausreichend zu berücksichtigen, zementiert Verkehrsminister Scheuer Politik von gestern, kritisiert auch Antje von Broock, Geschäftsführerin Politik und Kommunikation beim BUND.

Seit Jahren fordert der BUND eine Verkehrswende. Darum wird der Widerstand gegen die A 49, der so alt ist wie die Planungen, auch weitergehen. Von einem abschlägigen Gerichtsurteil lassen sich die Autobahngegner nicht so schnell entmutigen. Menschen aus verschiedensten Gruppierungen, Bürgerinitiativen und Umweltverbänden halten gemeinsam Mahnwachen ab, führen Demos und Protestaktionen durch.

In Zeiten von Klimawandel und Wasserknappheit werde durch die Rodung gesunder Wälder ein falsches Signal gesetzt, kritisieren auch Anwohner umliegender Ortschaften. Mit der derzeitigen Planung würden erhebliche und Landschaftsveränderungen in Kauf genommen. In jedem Fall aber werden durch Baumaßnahmen wertvolle Acker- und Wiesenflächen zerstört.

Auch die Situation rund um den Hambacher Forst rund 200 Kilometer weiter westlich bleibt weiterhin unklar. Zwar dürfen hier vorerst keine Bäume gefällt werden, doch RWE baggert weiter im angrenzenden Tagebau. Noch im Juni war die Polzei mit mehreren Hundertschaften angerückt, um Barrikaden zu entfernen, wie es hieß.

Schadensberichte an Wäldern häufen sich

Ob Fichte, Kiefer, Buche, Eiche - quer durch alle Baumarten lichten sich die Kronen. Als Folge anhaltender Dürren von 2018 und 2019 wurde vor Fichte zur leichten Beute des Borkenkäfers. Der Zustand der Baumkronen ist so schlecht wie nie zuvor.

Dem aktuellen Waldzustandsbericht zufolge sind vier von fünf Bäumen geschädigt. In den letzten zwei Jahren sind so viele Bäume abgestorben wie seit 20 Jahren nicht mehr. Jeder Hektar Waldverlust löst eine dramatische Kettenreaktion aus: Artensterben, Verlust nachhaltiger Ressourcen und Einkommen, warnt der WWF. Nicht zuletzt wird das Klima weiter angeheizt.

Es ist nicht einzusehen, sagen sich viele Menschen, dass in Zeiten von sich häufenden Dürresommern und wachsendem Baumsterben halbwegs gesunde Wälder gerodet werden. Wollen wir immer mehr Straßen für immer schnellere Autos, oder wollen wir uns ein Umwelt erhalten, auf deren Grundlage ein Weiterleben prinzipiell möglich ist? Seit Wälder vertrocknen oder durch Schädlingsbefall absterben, wird der Markt mit Holz überschwemmt. Die Holzpreise sind im Keller. Viele Forstbetriebe arbeiten am Limit. Mittlerweile hoffen viele Waldbauern auf staatliche Hilfen, um ihren Wald auch in Klimawandelzeiten weiter bewirtschaften zu können.

Es gilt neue Strategien zu finden, wie wir in Zeiten von Virenkrankheiten und Waldsterben überleben können. Gesunde Wälder abzuholzen, um die x. Autobahn zu bauen, dürfte in jedem Fall der falsche Weg sein. Natürlich sind mit dem Bau der A 49 Kosten aufgelaufen - wie bei vielen Giga-Bauprojekten, die sich über Jahre in die Länge ziehen (siehe Stuttgart 21) Nicht selten geht die Sinnhaftigkeit gigantischer Bauvorhaben, die den Verkehr betreffen, im Laufe der Jahre verloren. Die Rechnung für die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen müssen die nächsten Generationen zahlen - weniger mit Geld als mit Lebensqualität.

Alle sechs Sekunden verschwindet ein Wald, so groß wie ein Fußballfeld, von unserem Planeten. Trotzdem opfern wir immer noch Wälder und Böden für Straßen und Logistikhallen - als gäbe es kein Morgen. Das Kapital des Waldes liegt nicht nur im Holz und seiner Fähigkeit, Kohlenstoff zu speichern, sondern gerade auch im Boden mit seinen Wasservorräten, Pilzen und Mikroorganismen.

Wenn wir ihn nicht stabilisieren, werden wir mit dem Reparieren eines Tages nicht mehr hinterherkommen, warnt Mark Harthun vom NABU Hessen. Höchste Zeit, Wälder zu schützen und ökologisch nachhaltig zu nutzen. Auch und gerade die vor der eigenen Haustür. (Susanne Aigner)