Wald unter Stress

Bäume sind soziale Wesen

Der Wald ist ein großes vernetztes Ökosystem, bestehend aus Bäumen, Pilzen, Kleinstlebewesen und Tieren, die alleine nicht überlebensfähig sind, sagt der Autor Peter Wohlleben. Sein Buch "Das geheime Leben der Bäume" machte ihn international bekannt. Der Unterschied zwischen Tier und Pflanze sei rein wissenschaftlich festgelegt. Warum soll man nicht auch Pflanzen Gefühle, Kommunikation, Sozialverhalten zugestehen?

Bäume können mit Hilfe chemischer Stoffe und elektrischer Signale miteinander kommunizieren, erklärt der Förster in einem Interview: So passen in einen Teelöffel Walderde mehrere Kilometer Pilzfäden, welche die Signale teils elektrisch über den Boden, teils chemisch an andere Bäume weiterleiten. Werde zum Beispiel eine Buche durch ein Insekt gestochen, sendet diese Duftbotschaften als Warnung an die umstehenden Bäume. Diejenigen Buchen, welche die Botschaft über die Luft nicht mitbekommen, werden über das Wurzelgeflecht mitversorgt, dem "Wood Wide Web" - eine Art Internet für Bäume.

Die Mykorrhiza ist ein spezieller Bodenpilz, der auf die Zufuhr von Zuckerlösung angewiesen ist, die Bäume mittels Fotosynthese produzieren. So entdeckten Forscher der Universität Jena vor zehn Jahren beim Bärtigen Ritterling und dem Erdritterling ein spezielles Gen, das auf Signale des Baumes reagiert. Die Pilzfäden umhüllen die Wurzeln des Baumes, wobei sie die im Wasser gelösten Nährstoffe erschließen, während der Pilz vom Baum Zucker erhält.

Über die Mykorrhiza werden aber auch Zuckerlösungen der "Mutter-Bäume" an die Jungbäume abgegeben. Auf dem dunklen Waldboden bekommen die Sprösslinge oft wenig Licht ab und würden ohne die zusätzliche Versorgung mit Zucker sterben.

Außerdem sind Bäume in der Lage, starke Temperaturschwankungen wahrzunehmen und sich langfristig darauf einzustellen. So nimmt eine Baumwurzel unterirdisch etwa doppelt so viel Fläche ein wie ihre Krone. Mit Hilfe gehirnähnlicher Strukturen an den Wurzelspitzen kann ein Baum nicht nur den Boden untersuchen, sondern auch die Wurzeln benachbarter Pflanzen, die er auf diese Weise mit Zuckerlösungen versorgt.

Dadurch ist es dem Baum möglich, mit Stress besser umzugehen. So erspüren die Wurzeln salzhaltige Böden sehr früh und wachsen gar nicht erst in sie hinein, so der Zellbiologe Frantisek Baluska von der Universität Bonn. Weil Bäume aus Erfahrungen lernen, müssen sie auch über eine Art Gedächtnis verfügen, ist sich Peter Wohlleben sicher. So werden selbst abgestorbene Baumstümpfe von umstehenden Bäumen mit Zuckerlösungen versorgt. Möglicherweise profitieren sie im Gegenzug von den Informationen, die der alte Stumpf in seinen Wurzelspitzen abgespeichert hat.

Insekten helfen Bäumen

Bäume sind zudem in der Lage, ihre Feinde zu identifizieren. So können Ulmen am Speichel Blatt fressender Raupen erkennen, um welche Art es sich handelt. Die Lockstoffe, die sie anschließend aussenden, locken die Fressfeinde der Raupen an: Schlupfwespen legen ihre Eier in die Raupen und töten sie damit ab.

Auch Schmerzen können Bäume empfinden - messbar an elektrischen Signalen, die durch den Baum laufen, wenn dessen Rinde verletzt wird. Wenn eine schwere Maschine über den Waldboden fährt, könne dies Wurzeln des Baumes zerstören, so Wohlleben. Und das spürt der Baum sehr heftig.

Mit Bäumen müsse man daher sorgfältig umgehen. Der technisch orientierte Mensch habe den Bezug zur Natur weitgehend verloren, erklärt der Förster. Unser Umgang mit dem Wald gleiche einem Bankkonto, das wir ständig überziehen. Unser hoher Lebensstandard, aber auch das Profitstreben der Holzindustrie, zwingt uns, immer mehr Holz aus dem Wald zu nutzen. Würden wir diesen Standard senken und nur das nehmen, was wir wirklich brauchen, wäre für alle mehr gewonnen.

Unterdessen verwandeln sich in seinem eigenen Wald bei Hümmel in der Eifel die Fichtenplantagen wieder in natürliche Laubwälder. Zwar könne dieser Prozess 100 Jahre dauern, räumt Wohlleben ein. Der Wechsel lohne sich aber sofort, denn gesündere Wälder produzieren besseres Holz. Im Wald gibt es außerdem einen Ruheforst, dessen Einnahmen der Gemeinde zugute kommen. Darüber hinaus betreibt der Förster eine Waldakademie, in der er Seminare zur nachhaltigen Waldnutzung gibt.

Mehr Kohle statt Wald? Widerstand im Hambacher Forst

Der Wald bei Hambach im Rheinland war mit über 4.000 Hektar nicht nur der größte, sondern auch der älteste Wald des Rheinlandes. 12.000 Jahre soll er alt sein. Die ältesten Bäume, die auf den fruchtbaren Lössböden wachsen, sind bis zu 350 Jahre alt. Drei besondere Arten prägen diesen Wald: Stieleichen, Hainbuchen und Maiglöckchen. Mehr als 140 geschützte Tierarten leben hier. Damit ist er in Europa einzigartig.

Früher wurde er sogar wirtschaftlich genutzt. Noch heute finden sich schnell wachsenden Fichten und Birken zwischen alten Eichen und Buchen. Der Wald müsste eigentlich unter Schutz gestellt werden, erklärt der Waldpädagoge Michael Zobel gegenüber dem WDR. Das ist bis heute nicht passiert.

Stattdessen mussten 90 Prozent des Waldes für den Braunkohletagebau der RWE Power AG weichen. Ginge es nach dem Willen des Konzerns, soll der restliche Wald auch noch abgeholzt werden.

Nachdem jahrzehntelang Dörfer in Ost und West zerstört und tausende Menschen zwangsumgesiedelt wurden, sollen nun - am Ende den fossilen Zeitalters - die letzen naturnahen Wälder fallen, um auch noch die allerletzte Kohle aus der Erde zu holen. Zwar wurden Ende November die Rodungsarbeiten per Gerichtsbeschluss gestoppt - vorerst. Der Hambacher Wald ist damit noch lange nicht außer Gefahr.

Die Gründe, naturnahe Wälder zu erhalten, sind zahlreich. Zum Beispiel wegen ihrer kostenlosen Klimaschutzleistungen: So machen die Verdunstungen aus dem Wald schätzungsweise 45 Prozent der Niederschläge in Deutschland aus.

Die Feuchtigkeit der Meere wandert in die Wälder und bewahrt unser Klima. Durch Wälder in der Stadt können die Temperaturen dort um zwei Grad gesenkt werden Allein durch das Baumwachstum werden insgesamt von 906 Millionen emittierten Tonnen Kohlendioxid jährlich 52 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente neutralisiert. Jeder einzelne Hektar Wald bindet jedes Jahr rund zehn Tonnen Kohlendioxid.

Vor diesem Hintergrund steht der Kampf um den Hambacher Forst symbolisch für die Erhaltung aller Wälder. Vor allem steht er für eine Energiewende, die endlich konsequent vorangetrieben werden muss. Echter Klimaschutz kann eben nur gelingen, wenn die Kohle im Boden und der Wald stehen bleibt. Andernfalls werden die Folgen des Klimawandels für Mensch und Natur immer ungemütlicher.

(Susanne Aigner)