Waldbrände, Hitzewellen, aber kein Klimanotstand

Satellitenbild des Brandes auf dem Truppenübungsplatz Lübtheen vom 1. Juli 2019. Bild: ESA/ CC BY-SA 3.0 IGO

Die Energie- und Klimawochenschau: Die Sommer werden immer wärmer, die Jugend fühlt sich im Stich gelassen, die Bundesregierung stimmt mit den Rechten gegen Klimaschutzmaßnahmen

Im Südwesten Mecklenburg-Vorpommerns beim Dorf Lübtheen nahe der Elbe brennt seit dem Wochenende ein ehemaliger Truppenübungsplatz. Am Montagmorgen war der Brand bis ins zirka 200 Kilometer entfernte Berlin zu riechen. Selbst im noch weiter entfernten Leipzig lag noch Rauch in der Luft. Mit 450 brennenden Hektar handele es sich um den größten Waldbrand in der Geschichte des Bundeslandes, berichtet die Nachrichtenagentur dpa. Bis zum Montagabend wurden vier umliegende Dörfer evakuiert.

Die Löscharbeiten können nur mit Löschpanzern und -hubschraubern ausgeführt werden. Die Freiwilligen- und Berufsfeuerwehren können sich dem Brand nur auf 1.000 Meter nähern, da es immer wieder zu Explosionen alter Granaten und anderer Munition kommt. Diese ist offensichtlich im Gelände des 6000 Hektar (60 Quadratkilometer) großen ehemaligen militärischen Übungsplatzes südwestlich von Schwerin verteilt. 45,5 Tonnen alter Munition wird im Boden vermutet.

Als unmittelbare Ursache wird Brandstiftung vermutet. Allerdings spielt die große Trockenheit sicherlich für die rasche Ausbreitung eine wichtige Rolle. Außerdem liegt in dem nicht bewirtschafteten Wald viel Totholz, dass den Flammen reichlich Nahrung bietet. In Mecklenburg-Vorpommern herrschten am Dienstag im ganzen Land die Waldbrand-Warnstufen drei und vier.

Im benachbarten Brandenburg gilt sogar fast überall die Stufe fünf, die höchste Warnkategorie, ebenso in den angrenzenden Teilen Sachsen-Anhalts. Daran ändert offenbar auch nichts, dass in Brandenburg und Berlin im Juni im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern die Niederschlagssumme fast normal war, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) in seiner Monatsbilanz gemeldet hatte. Die Defizite des Vorjahres sind noch lange nicht ausgeglichen und den Wäldern rund um Berlin ist deutlich anzusehen, wie sehr sie von der Dürre 2018 gebeutelt wurden.

Wie bereits berichtet, hat der Juni mal wieder einen neuen Temperaturrekord in Deutschland geliefert. Nie zuvor seit dem Beginn der Temperaturaufzeichnungen, und vermutlich lange darüber hinaus, war es hierzulande in einem Juni so warm. Dabei war der letzte Rekord erst neun Jahre alt.

Diese Häufung der Rekorde ist genau das, was in einer sich erwärmenden Welt zu erwarten ist, erläutert Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung in seinem Blog. Weltweit treten demnach neue Monatsrekorde der Temperatur fünfmal so häufig auf, wie es in einer Welt mit konstantem Klima zu erwarten wäre.

Interessant ist auch, den Zeithorizont etwas zu erweitern. Mit der Hilfe von Baumringen, Pollenfunden und anderen sogenannten Proxidaten können Paläoklimatologen Aussagen über durchschnittliche Temperaturen in früheren Jahrhunderten gewinnen. Die zeitliche Auflösung ist natürlich nicht mit denen der Thermometer vergleichbar, aber Aussagen über jahreszeitliche Mittel sind möglich.

Die neue Normalität

Rahmstorf zitiert eine solche Studie von David Barriopedro und Kollegen aus dem Jahre 2011, die dieser bis 2018 aktualisiert hat. Demnach waren in Europa die fünf wärmsten Sommer - in dieser Reihenfolge - 2018, 2010, 2003, 2016 und 2002. Die fünf kältesten hingegen 1821, 1921, 1902, 1695 und 1978. das ist alles andere als eine Normalverteilung und macht den fortschreitenden Wandel - oder besser: die Erhitzung - deutlich.

Eine andere Studie, die Rahmstorf zitiert, macht deutlich, wie sich durch die Erwärmung die Normalwert verschiebt. 2003 galt für Europa noch vor Kurzem als Jahrhundertsommer. Rund 70.000 Menschen waren in Westeuropa seinerzeit an den Folgen der Hitze und aufgrund eines vollkommen unvorbereiteten und überforderten Gesundheitssystems gestorben.

"Jahrhundertsommer" heißt genau genommen, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit gemessen am Klima des 20. Jahrhunderts bei einem Prozent lag. Mit der bereits erreichten Erwärmung - im globalen ganzjährigen Mittel inzwischen etwas über einem Grad über dem vorindustriellen Niveau - kann aber bereits jeder vierte Sommer so heiß wie 2003 ausfallen und tatsächlich gab es ja auch schon zwei heißere.

Doch die Erhitzung geht weiter und die Treibhausgasemissionen bewegen sich auf Rekordniveau. Daher müssen wir uns wohl darauf einstellen, dass die globale Temperatur noch auf mindestens 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau steigt, ein Schwellenwert, hinter dem irgendwo schon bald ziemlich unsicheres Territorium beginnt, in dem große Eismassen destabilisiert werden, der Meeresspiegel drastisch steigt, große Gefahren für die Landwirtschaft lauern und auch die letzten Korallenriffe absterben.

In einer um 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau erwärmten Welt wird schon fast jeder zweite Sommer das Format von 2003 haben. Höchste Zeit also, dass sich unsere Krankenhäuser, Kindergärten und Altersheime darauf einstellen. Und nicht nur die. Wie die jüngste Serie von Waldbränden zeigt, müssen in Mittel- und Nordeuropa die Wälder dringend an das sich verändernde Klima angepasst und auch mehr Löschfahrzeuge und -hubschrauber angeschafft werden.

Mit den Rechtsextremen gegen Klimaschutz?

Fast alle scheinen inzwischen die Dringlichkeit inzwischen zu spüren, sieht man einmal von der extremen Rechten ab. Aber auch bei der Berliner Koalition kann man Zweifel haben. Am vergangenen Freitag stimmte der Bundestag auf seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause über verschiedene Anträge rund um den Klimaschutz ab.

Unter anderem hatten die Grünen eine Änderung des Grundgesetzes vorgeschlagen, die dem Klimaschutz mehr Gewicht geben sollte. Neben anderen wollten sie den Artikel 20a [Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen] um folgenden Satz ergänzt haben: "Für die Bundesrepublik Deutschland völkerrechtlich verbindliche Ziele und Verpflichtungen des Klimaschutzes binden alle staatliche Gewalt unmittelbar."

Zustimmung gab es dafür allerdings nur von der Linkspartei und den Grünen. Die Koalitionsparteien stimmten hingegen mit der extremen Rechten und den Liberalen gegen die vorgeschlagenen Ergänzungen. Ein ziemlich harmloser Gesetzentwurf für Klimaschutz-Sofortmaßnahmen hatte ebenfalls keine Chance. Den Regierungsfraktionen und der rechten Opposition ging schon eine Festlegung zu weit, bei der bis 2022 drei Gigawatt Braunkohle- und vier Gigawatt Steinkohleleistung verbindlich abzuschalten.

Das entspräche bei der Braunkohle 14 und bei der Steinkohle 17 Prozent der installierten Leistung. Die Schüler fordern hingegen, noch in diesem Jahr 25 Prozent der Kohle-Kraftwerksleistung stillzulegen. Wie sich am Freitag zeigte, ist die überwältigende Mehrheit der Parlamentarier noch Lichtjahre von entfernt.

Auch einer andere Forderung der Schüler gegenüber versperren sich die Regierungsfraktionen gemeinsam mit der extremen Rechten. Die Linksfraktion hatte einen Antrag eingebracht, mit dem die Ausrufung des Klimanotstandes verlangt und die Bundesregierung aufgefordert wurde, "umgehend den Entwurf für ein nationales Klimaschutzgesetz" vorzulegen. Unterstützung gab es dafür nur bei der eigenen Partei und den Grünen.

Grafik: Change.org

SPD, CDU, CSU und FDP stimmten wiederum gemeinsam mit der extremen Rechten gegen diese Klimaschutzmaßnahmen. Da wundert es eigentlich nur noch, dass die bürgerlichen Parteien nicht auch noch den Anträgen der extremen Rechten zustimmten, die einen "Ausstieg aus dem Kohleausstieg" forderten. Die Regierungsfraktionen hatten es übrigens nicht für nötig befunden, eigene Anträge in die Debatte einzubringen.