Wann kommt die Große Depression?

Die US-Ökonomen Roubini und Farrell prognostizieren eine schwere Wirtschaftskrise und das Platzen der US-Staatsverschuldungsblase

Während der Sturm an den Finanzmärkten in den letzten Wochen allmählich abgeflaut ist, steuert die Weltwirtschaft auf eine tiefe Rezession zu, die sich zu einer lang anhaltenden Depression ausweiten könnte. Vor allem die USA stehen vor einem realwirtschaftlichen, finanzwirtschaftlichen und fiskalischen Scherbenhaufen.

Die expansive Geldpolitik der FED hat bei dem Versuch, nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2000 die amerikanische Realwirtschaft zu stärken, die Saat für die Finanzkrise 2008 gesät. Die Dynamik des Finanzsystems hat in den USA nun dazu geführt, dass konjunkturelle Faktoren, die eine Rezession abwenden könnten, in den Strudel der Krise geraten.

Die einzige Antwort, auf diese Dynamik zu reagieren, scheint eine antizyklische Wirtschaftspolitik zu sein. Geht es nach dem Finanzjournalisten Paul B. Farrell, ist dieses Unterfangen nur ein weiterer Prozess im Teufelskreis der Blasenökonomie, der zu einer Großen Depression im Jahre 2011 führen wird, wenn die letzte große Blase platzt – die US-Staatsverschuldungsblase.

Blasenökonomie

Spekulationsblasen entstehen aus verschiedenen Gründen. Auf den Finanzmärkten können Gier, Herdenverhalten oder eine zu hohe Liquidität zur Blasenbildung führen. Nach einer Theorie des Ökonomen Hyman Minsky führt ein lang anhaltender Aufschwung, verbunden mit Liquiditätsüberschüssen und einer geringen Volatilität an den Märkten zwangsläufig zu einer Blasenbildung. Die Globalisierung, die Deregulierung der Finanzmärkte und die Privatisierung der Daseinsvorsorge haben zu einer lang anhaltenden Aufschwungsphase an den Finanzmärkten geführt, die nach Minsky Spekulationsblasen unvermeidlich macht.

Die erste große Finanzblase der Neuzeit platzte in den USA im Oktober 1987 – der Dow Jones fiel nach einem rasanten Anstieg während der wirtschaftsliberalen Reagan-Ära innerhalb weniger Tage um rund ein Viertel seines Wertes. Obgleich die Märkte sich schnell wieder fangen konnten, löste die mit dem Crash verbundene Sparkassenkrise zwei Jahre später eine Rezession aus, die erst 1992 ihr Ende fand und die Staatsschulden der USA in die Höhe katapultierte.

Dreizehn Jahre später lösten das Platzen der Dotcom-Blase und die Anschläge von 9/11 eine lang anhaltende Baisse an den Finanzmärkten aus – in drei Jahren verlor der Dow Jones Index rund 40% seines Wertes, wodurch die USA 2002 in eine 30monatige Rezession gerieten. Die FED steuerte gegen, indem sie die Leitzinsen über Jahre hinweg senkte und damit Unsummen an frischem Geld in die Finanzmärkte pumpte. Die Wirtschaft erholte sich, aber auslösender Faktor für diesen „Scheinaufschwung“ war der Konsum auf Pump – Geld war schließlich billig und im Überfluss zu haben.

Der Teufelskreis in die Depression

Dies löste einen Teufelskreis aus - die finanziellen Ersparnisse und die Rentenansprüche der Amerikaner sind durch die Baisse auf den Finanzmärkten gesunken, während die Verschuldung stark anstieg.

Nur der Immobilienbesitz vieler Amerikaner sicherte den Konsum auf Pump mittel- bis langfristig ab. Mit dem Platzen der kreditfinanzierten Immobilienblase läuft die Vermögensbilanz der Haushalte nun vollends aus dem Ruder. Neue Kredite werden von den angeschlagenen Finanzinstituten nicht mehr so leicht vergeben; die Folge ist ein harter Rückgang beim Konsum. All dies geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem die US-Wirtschaft sich in einem Schrumpfungsprozess befindet und wirkt wie eine positive Rückkoppelung.

Roubini sagt die Depression voraus

Der amerikanische Ökonom Nouriel Roubini hält diese Abwärtsspirale für unaufhaltsam. Roubini sieht die Konsumausgaben im freien Fall und prophezeit den USA für das vierte Quartal 2008 einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von mindestens 5% - dies wäre eine massive Wirtschaftskrise. Neben der konjunkturellen Lage macht er 20 Faktoren aus, die das Konsumverhalten in den nächsten Jahren signifikant beeinträchtigen werden.

Die amerikanischen Haushalte sind massiv überschuldet und müssen erst einmal Altschulden bedienen, bevor sie neue Konsumausgaben tätigen können. Die Sparquote ist sehr gering, der Wert der Besitztümer sinkt durch die Immobilienkrise, und Ersparnisse an den Finanzmärkten haben an Wert verloren. Neue Konsumimpulse werden daher ausbleiben, zumal man über Jahre hinweg über seine Verhältnisse gelebt hat und Konsumausgaben der nächsten Jahre bereits vorgezogen wurden. Durch die Rezession werden laut Roubini die Arbeitslosenzahlen massiv steigen, während die Löhne sinken.

Antizyklischen Konjunkturprogrammen steht der New Yorker Ökonom kritisch gegenüber, da die bislang unternommenen Anstrengungen der US-Regierung ohne Effekte blieben. Roubini sieht die USA daher auf dem Weg in eine Depression, die dreimal so lang und mindestens dreimal so schwer sein wird wie alle bisherigen Wirtschaftskrisen seit dem Zweiten Weltkrieg.

Farrell sieht das Platzen der Staatsverschuldungsblase

Paul B. Farrell ist sich mit seinem Kollegen Roubini einig, wenn es um die Folgen der Finanzkrise auf die amerikanische Realwirtschaft geht. Auch er sieht in der Überschuldung der Haushalte, der Konsumflaute und der drohenden Massenarbeitslosigkeit eine fatale Mixtur, die die USA in eine Depression stürzen wird. In einem Aufsatz mit dem prophetischen Titel "30 Gründe für eine Große Depression 2011" zieht Farrell eine vernichtende Bilanz über die Situation der Finanzwirtschaft und die staatlichen Hilfs- und Auffangprogramme.

Angetrieben von einer fehlgeleiteten Ideologie der Rettung des freien Marktes ist laut Farrell der amerikanische Staatshaushalt durch die massiven Rettungsmaßnahmen in den Abwärtssog der Finanzkrise geraten. Der kommende Präsident steht nun vor einem Dilemma – die öffentlichen Haushalte sind durch die Altlasten der Reaganomics, die Kriege der USA, und die billionenschweren Rettungspakete für die Finanzbranche bereits am Ende ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. Gegen die Krise kann sich der Staat aber nur mit antizyklischen Investitionen zur Wehr setzen, die die Staatsverschuldung abermals massiv steigern.

Die Geschichte hat es mehrfach bewiesen - auch dieses Mal sticht die Ideologie den Common Sense, die Realität, und die Fakten aus. Gier treibt die Ideologie an, Blasen zu produzieren, sie platzen und die Märkte stürzen ab. Die Öffentlichkeit ist dabei ein Kollateralschaden.

Paul B. Farrell

Da ein Staat Geld nicht in Kellern der Notenbank drucken kann, sondern auf Investoren angewiesen ist, die ihm dieses Geld über Staatsverschuldungspapiere zur Verfügung stellen, haben die USA ein Problem, wenn es weniger Interessenten für den Besitz an US-Staatsanleihen gibt, als es die Neuverschuldung erfordern würde. Farrell prophezeit eine Abwertung der Bonität für amerikanische Staatsschulden durch die Ratingagenturen. Dies würde die Schuldenlast des Staates weiter verteuern, könnte die USA an den Rand der Zahlungsunfähigkeit bringen und wirtschaftspolitisch handlungsunfähig machen.

Als Zeitpunkt für das Platzen der Staatsverschuldungsblase nennt Farrell das Jahr 2011, da die Zeitspanne zwischen dem Minsky-Moment sich von Krise zu Krise, von Blase zu Blase, halbieren würde. Als einzigen Ausweg aus diesem Dilemma nennt Farrell eine Erhöhung der Steuerquote, um das Haushaltsdefizit zu entlasten. Da sich die USA aber in einer ideologischen Steuerfalle befänden, in der Steuererhöhungen politisch nicht umsetzbar seien, hat der neue Präsident für Farrell gar keine Alternative, als sehenden Blickes in den Untergang zu steuern.

Was ist von derlei Katastrophenszenarien zu halten?

Vor Prognosen soll man sich unbedingt hüten, vor allem vor solchen über die Zukunft. Roubinis negative Prognosen für den Konsumsektor sind ein „Worst Case Szenario“. Alle von ihm genannten Faktoren sind stichhaltig, allerdings bleibt er eine Erklärung dafür schuldig, auf welcher Basis er anhand der sinkenden Konsumausgaben einen fünfprozentigen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes vorhersagt.

Farrell bewegt sich mit seiner Staatsschuldenblase ebenfalls auf rutschigem Parkett. Auch wenn die Staatsschulden der USA in absoluten Zahlen gigantisch klingen, so sind die USA relativ nicht höher verschuldet als die Eurozone. Japan ist relativ rund drei Mal so hoch verschuldet wie die USA, ohne größere Probleme mit den Ratingagenturen zu bekommen. Selbst bei einer massiven Ausweitung der Staatsverschuldung für antizyklische Konjunkturprogramme ist noch sehr viel Raum nach oben.

Farrell sieht eine antizyklische Wirtschaftspolitik als Schokolade für Zuckerkranke und spielt offen mit dem Gedanken, die Steuern zu erhöhen. Steuererhöhungen sanieren zwar direkt den Staatshaushalt, entziehen den amerikanischen Bürgern aber Kapital, das diese dringend für Konsumausgaben bräuchten, um die Rezession zu einer sanften Landung zu bringen. Prozyklische Instrumente, die den Haushalten in Krisenzeiten das Budget einschränken, sind sicher keine sonderlich gute Idee, will man eine Depression abwenden. (Jens Berger)