Want a BIG Penis?

Wie Spammer ihren Umsatz machen und wer tatsächlich bei dubiosen Anbietern bestellt

Wer hat nicht schon eine der unzähligen Werbemails gelöscht, die das Angebot zur Vergrößerung des primären männlichen Geschlechtsmerkmals enthielt. Die Betreffszeile "Enlarge your penis" sagt schon alles, leicht entnervt aktiviert man den Spam-Filter, und fragt sich zum x-ten Mal, ob wohl irgendjemand auf dieser Welt so blöd ist, bei diesen Spammern etwas zu ordern. Umso erstaunlicher ist es zu erfahren, wie Wired berichtet, dass bei der völlig anonym agierenden Firma Amazing Internet Products, die in Müllmails angeblich Schniedel vergrößernde Pillen namens Pinacle anbietet, in nur vier Wochen 6.000 Leute bestellt haben.

Wired bekam den Tipp von einem früheren Angestellten der Versandhändler. Er machte sie auf eine Sicherheitslücke aufmerksam und so konnten die Journalisten einen Blick in eine Log-Datei auf einer der vielen Sites (Goringly.biz) werfen, die Amazing Internet Products für ihren Vertrieb nutzen und in der die Bestellungen der Kunden, mit Namen, Adresse und allen anderen Angaben verzeichnet waren.

Die meisten Kunden wollten zwei Packungen für den Preis von je 50 Dollar, Amazing Internet Products hat folglich in dem Zeitraum brutto eine halbe Million Dollar eingenommen. Spam lohnt sich. Mit dem Komplex der meisten Männer, ihr Schwengel sei zu klein, lässt sich offensichtlich ein Vermögen machen, selbst mithilfe der lästigen Massenmails. Dabei weiß doch eigentlich jeder: Auf die Größe kommt es nicht an - oder?

Unter den Leuten, die auf die Botschaft Make your penis HUGE antworteten, waren ein Fonds-Manager, ein Krankengymnast, ein Restaurateur, ein Tierarzt, ein Landschaftsgärtner, der Trainer einer Grundschule, Militärangehörige und auch verschiedene Frauen. Ein bunter Querschnitt durch die Bevölkerung, mit Vertrauen in das Versprechen:

Realistisch können Sie 3 VOLLE INCHES LÄNGE erzielen [1 inch = 25,4 mm]. Dieses Wachstum ist so bemerkenswert, dass es von vielen als wahres Wunder beschrieben wurde.

Dabei schien diese Leute überhaupt nicht zu interessieren, dass Tabletten zur Verlängerung des Pullermanns bestenfalls völlig wirkungslos sind. Im Prinzip kann man dankbar sein, wenn ein wenig Placebo- und keine üblen Nebenwirkungen auftreten. Man hat Glück gehabt, wenn es einem so geht wie Joe Miksch, dem Kolumnisten des "Fairfield County Weekly", der im Juli humorvoll seinen Selbstversuch mit Pinacle schilderte:

Erster Tag: Keine Veränderung, Zweiter Tag: Keine Veränderung, Dritter Tag: Keine Veränderung, Vierter bis Dreißigster Tag: Siehe oben.

Der Penis blieb völlig gleich, nur eine chronische Geilheit machte sich bemerkbar (vgl. Penis Man To Guys, Size Matters Married, with Zinc).

Medizinisch betrachtet sind operative Penisvergrößerungen umstritten. Es gibt keine Studien über ihre Sicherheit und Wirksamkeit. Sämtliche Medikamente zur Verlängerung des Schwanzes sind als Arzneimittel nicht zugelassen und werden völlig unkontrolliert ausschließlich über das Internet vertrieben (vgl. Dicke Dinger). Trotzdem behaupten die Spammer natürlich, ihre Wunderpillen seien von Ärzten empfohlen, wobei sie sich genauere Angaben dazu ersparen. Websites bieten auch auf Deutsch derartige Produkte an, und die Formulierungen sind den Werbesprüchen für Pinacle täuschend ähnlich (z. B. hier). Wer hinter diesen "tollen" Angeboten steckt, ist meist nicht ersichtlich.

Im Fall von Amazing Internet Products sind es der 19jährige High-School-Absolvent Braden Bournival, Vize-Präsident des Schachclubs New Hampshire Chess Association), und sein Geschäftspartner, der ehemalige Neonazi-Führer Davis Wolfgang Hawke, der zum Spam-König mutierte, nachdem sich heraus gestellt hatte, dass sein Vater jüdisch ist (Meet the spam Nazi).

Die 6.000 Besteller erfuhren allerdings nicht, werPinacle feil bot, es schien sie auch nicht zu interessieren. Manche Kunden gaben sogar ihre Kreditkartennummer an, obwohl bei der verlinkten Website nur ein erweitertes Bestellformular ohne Adresse oder Telefonnummer der Verantwortlichen erschien und nicht einmal die mindesten Sicherheitsstandards wie eine Verschlüsselung für die Übertragung gewährleistet waren.

Ein Verkäufer aus San Diego, bei dem Wired nachfragte, erklärte: "Oben auf der Website war ein Bild mit dem Schriftzug 'Aus der Fernsehwerbung' und ich vermute, dass hat mich zu der Annahme verleitet, es sei eine seriöse Sache." Seine zwei Pinacle-Packungen, die er Anfang Juli bestellte, hat er bisher nicht erhalten, obwohl die Lieferung innerhalb von fünf Tagen versprochen war. Manche "Kunden", die sich die Belästigung durch die Werbemails nicht bieten lassen wollten, nutzen die Bestellformulare mangels einer anderen Email-Adresse aber auch für ihre Beschwerden.

Der Gewinn, den Amazing Internet Products einstreicht, ist beachtlich. Der Zulieferer kassiert ungefähr 5 Dollar für die Medikamenten-Packung und andere Dienstleister, die das Verschicken elektronischen Massenbriefe ohne oder mit falschem Absender übernehmen, erhalten ca. 10 Dollar pro Bestellung. In den angemieteten Vertriebs-Geschäftsräumen sitzt nach den Angaben des ehemaligen Angestellten die Schwester von Bournival, ein Teenager, der die Pakete an die Kunden versandfertig macht. Die beiden Spammer haben wenig Kosten. Millionen von Email-Adressaten zu nerven und zu belästigen, ist für sie ein überaus lukratives Geschäft. (Andrea Naica-Loebell)

Anzeige