War die Neue Welt gar nicht so neu?

Die weltweite Verbreitung der Y-Haplogruppen vor der europäischen Expansion

Wissenschaftler identifiziert Kulturparallelen zwischen antiken Iberern und einzigartiger präkolumbischer Kultur Südamerikas. Teil 2

Schon weit vor den Inka gab es in den Anden fortgeschrittene Zivilisationen, eine davon: die Chachapoya-Kultur. Deren Hinterlassenschaften beeindrucken bis heute. Doch ist die Herkunft dieses Volks noch immer unklar. Der Kulturwissenschaftler Hans Giffhorn hat fast zwei Jahrzehnte ergebnisoffen nach Hinweisen auf den Ursprung ihrer Kulturformen gesucht. Erst nach rund zwölf Jahren stieß er auf erste überzeugende Entsprechungen. Und erst vor knapp zwei Jahren gelangte er an schlüssige Informationen zu Gruppen, die sowohl ein hinreichendes Motiv als auch realistische Möglichkeiten für eine Auswanderung besaßen: drei Kriegerkulturen des antiken Spanien. War die "Neue Welt" gar nicht so neu? Dieser Teil stellt ihre Spuren in Südamerika vor, auf die Giffhorn stieß.

In aufwendiger Detektivarbeit suchte Giffhorn in Grabungsberichten und anthropologischen Befunden aus dem Chachapoya-Gebiet nach verlässlichen Informationen, die eine erste Eingrenzung möglicher Ursprünge etwa der spektakulären Chachapoya-Bautradition erlauben. Das auch für ihn überraschende Ergebnis: Eine allmähliche Entstehung vor Ort kann ausgeschlossen werden, ebenso eine Zuwanderung aus anderen Teilen der Neuen Welt. Alle Indizien sprechen für eine Einwanderung aus Europa im ersten vorchristlichen Jahrhundert.

Unklar war aber noch immer, woher die Einwanderer genau kamen. Um eine Antwort darauf zu erhalten, hatte Giffhorn bereits kurz nach seinen ersten Begegnungen mit den rätselhaften Phänomenen im Chachapoya-Gebiet im Frühjahr 1998 begonnen, nach Kulturentsprechungen Ausschau zu halten: zuerst in Amerika, dann aber auch in Asien und später in Afrika und Europa.

Unabhängig von dieser Frage forschte er zudem, wer überhaupt in der Antike für eine Auswanderung infrage kam. Erst vor kurzem, als alle verfügbaren Informationen zusammengetragen waren, stellte sich heraus, dass die Antworten auf die verschiedenen Fragen zu demselben Ergebnis führten: eine Einwanderung der drei genannten Gruppen im 1. Jh.v.Chr.

Doch vor diesem Ergebnis mussten noch viele Hypothesen überprüft und Teilfragen geklärt werden. Im ersten Teil wurde Giffhorns Szenario dargestellt, wie und warum Keltiberer, galicische Kelten und Balearenkrieger die brasilianische Atlantikküste erreicht haben könnten. Doch die Kultur der Chachapoyas existierte tausende Kilometer weiter westlich - im Quellgebiet des Amazonas in den Nordost-Anden. Konnte eine antike europäische Flotte bis dorthin vordringen?

Der Wissenschaftler hat dazu verschiedene Szenarien durchgespielt. Am plausibelsten sei letztlich, dass die Expedition an der brasilianischen Atlantikküste, irgendwo in der Nähe der heutigen Hafenstadt Recife anlandete. Auch der neuzeitliche Entdecker Brasiliens, Pedro Álvares Cabral, kam nach seiner Verschlagung durch Äquatorialstrom und Nordostpassat in etwa in dieser Region an.

Die mögliche Route der antiken europäischen Einwanderer hätte diese von der östlichen Atlantikküste über den Amazonas quer durch den südamerikanischen Kontinent bis in die nordöstliche Andenregion geführt

Die mögliche Route der antiken europäischen Einwanderer hätte diese von der östlichen Atlantikküste über den Amazonas quer durch den südamerikanischen Kontinent bis in die nordöstliche Andenregion geführt.

Dort hätten die Einwanderer einen schiffbaren Fluss ins Innere des Kontinents suchen müssen, um Trinkwasser und einen geeigneten Siedlungsplatz zu finden sowie für etwaige römische Verfolger nicht mehr auffindbar zu sein. Sie wären dann in nördlicher Richtung, von der Strömung getragen, zuerst zum Rio Paraiba und später weiter in diese Richtung zum Amazonas gelangt. Entlang dieser möglichen Route gibt es mit den Felsgravuren am Pedra do Ingá und der Insel Marajó in der Amazonasmündung zwei Orte, die der brasilianischen Archäologie bis heute Rätsel aufgeben (siehe Fußnoten). Folgt man Giffhorns Szenario, könnten beide Orte Zwischenstationen der antiken Einwanderer gewesen sein.

Schließlich wäre die Emigrantenflotte auf der Suche nach klimatisch für sie geeigneteren Regionen den Amazonas hinaufgefahren - nicht ahnend, dass über 4000 Kilometern vor ihnen lagen. Dass dies aber durchaus machbar ist, zeigten spanische Konquistadoren, die 1542 den Fluss in umgekehrter Richtung von den Anden bis zur Mündung auf einer selbstgebauten Brigantine befuhren.

Den Amazonas aufwärts zu fahren, ist laut Giffhorn wegen des geringen Gefälles und der dauernden Winde in Richtung Westen ebenso machbar. Der portugiesische Forscher Pedro Teixeira schaffte dies 1637/1638, genauso wie hundert Jahre zuvor gut 300 Tupi-Guarani-Indianer in Einbäumen. Die Reise hatte diese Indianer bis an die Quellen des Amazonas geführt. Dort in den Bergnebelwäldern im Nordosten des heutigen Perus liegt die Region Chachapoyas, deren Name auf das bis zum 16. Jahrhundert hier ansässige Volk zurückgeht. Die einst mächtige Kultur wurde vergessen und erst ab dem 19. Jahrhundert mit ihren Überresten wiederentdeckt.

Der Richter Don Juan Crisóstomo Nieto stieß 1843 zufällig auf die alte Chachapoya-Festung Kuelap, als er in den Bergen Grenzstreitigkeiten aufklären wollte: "Das wunderbarste Bauwerk, das man sich vorstellen kann", schrieb er später

Schon Jahrhunderte vor den Inka legten die Chachapoya ein ausgedehntes Straßennetz mit bearbeiteten Pflastersteinen an, sie schufen ausgefeilte Bewässerungssysteme und bauten befestigte Siedlungen mit kunstvollen Steinterrassen für die Landwirtschaft. Die Herkunft der Kultur ist den Fachwissenschaften - Altamerikanistik, Archäologie und Anthropologie - jedoch bis heute unbekannt. Wie aus dem Nichts sei diese Kultur aufgetaucht, sagt etwa der deutsch-peruanische Ethnologe Peter Lerche, der seit Jahrzehnten vor Ort forscht. Sämtliche Theorien zur Entstehung durch Wanderung südamerikanischer Völker, etwa aus den Hochanden oder aus dem Amazonasgebiet, sind mittlerweile widerlegt, berichtet Hans Giffhorn.

Auch die offiziellen Altersangaben zu dieser Zivilisation, die in der Regel von einer Entstehung zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert sprechen, erwiesen sich schon vor Jahren als haltlos. Sowohl der US-Archäologe Warren Church (1988) als auch seine dänische Kollegin Inge Schjellerup (1997) kamen unabhängig voneinander an verschiedenen Grabungsstätten zum Ergebnis, dass die untersuchten Chachapoya-Siedlungen spätestens im ersten Jahrhundert n. Chr. entstanden. Vorläufer der speziellen Chachapoya-Bauweise gibt es aber keine - zumindest nicht in der Region.

Das markanteste bis jetzt bekannte Bauwerk der Chachapoya ist die Festung Kuelap. Sie ist deutlich älter als die berühmte Gipfelstadt Machu Picchu der Inka und sie ist die gewaltigste Festung des ganzen Kontinents. "Ihre monströsen Ausmaße machen sie einzigartig im präkolumbischen Amerika", schreibt Giffhorn. Eine gewaltige Mauer von bis zu 20 Metern Höhe und acht Metern Dicke umschließt dabei eine Bergkuppe mit hunderten Wohnhäusern und weiteren Steinbauten.

Seit Kuelap 1843 wiederentdeckt wurde, suchen Forscher nach den Ursprüngen überall in Amerika - ohne Ergebnis. Bauweise und Baukonzept können aber nicht aus dem Nichts entstanden sein, folgert Giffhorn. "Wurzeln in der Alten Welt hat dabei keiner der Fachwissenschaftler in Betracht gezogen."

Kuelap mit seinen gewaltigen Mauern ist die mächtigste Festung Amerikas und bis heute der imposanteste Bau der verschwundenen Chachapoya-Zivilisation. Bild: Hans Giffhorn

Giffhorn versuchte jahrelang mit fachlicher Hilfe der Freiburger Archäologin Karin Hornig eine vergleichbare Bauweise, also Bearbeitung, Anordnung und Zusammenfügung der Steine, bei den Festungsmauern anderer antiker Zivilisationen sowohl in Amerika als auch in Afrika und Europa zu entdecken. Denn: "Zahlreiche Kulturen zeichnen sich durch unverwechselbare Architekturformen aus", erläutert Hornig.

Dies gilt nicht nur für die Gesamtgestaltung von Bauwerken, sondern auch für das Mauerwerk, dessen Struktur wie ein überdimensionaler Fingerabdruck seine Urheber verrät.

Nach jahrelanger Suche schließlich stieß die Archäologin 2012 auf Bilder der keltiberischen Siedlung Segontia Lanka im Norden Spaniens. Forscher gruben dort eine rund 2200 Jahre alte Mauer aus. Bis ins Detail glich die dortige Mauerfertigung der Kuelaps und anderer Festungsmauern der Chachapoya. Dasselbe gilt auch für die keltiberische Festung Contrebia Leukade in der spanischen Provinz La Rioja, die Hans Giffhorn 2014 besuchte.

Festungsmauern aus Kalkstein von Kuelap (oben) und Contrebia Leukade (unten) weisen markante Parallelen auf. Bilder: Hans Giffhorn

Nicht nur verwendeten Keltiberer und Chachapoya Kalkstein und denselben Mörtel aus Lehm und Schlick, auch die Maße und Proportionen der für die Mauer verwendeten Steine entsprechen sich ziemlich genau. Angesichts der überraschenden Übereinstimmungen der Festungsmauern dürfe man einen entsprechenden Kultureinfluss annehmen, schlussfolgerte Hornig.

Dies könnte ein Zufall oder eine Fehlinterpretation sein, wenn doch nicht immer wieder festgestellte Traditionen der Chachapoya direkt auf nördliche Regionen des antiken Spaniens oder auf die Balearen der vorrömischen Zeit verweisen würden.

Da wären etwa die Wohnhäuser der Chachapoya. Sie sind kreisrund und aus Stein. Andere Indianervölker der Region bauten rechteckige Hütten aus dem reichlich vorhandenen Holz. Die Parallele führt hier zur Castro-Kultur. Diese Menschen aus dem Nordwesten der iberischen Halbinsel erbauten bis zum Einmarsch der Römer im ersten Jahrhundert v. Chr. Wohnhäuser, die denen der Chachapoya zum Verwechseln ähnlich sehen.

Da Rundbauten aber nichts grundsätzlich Seltenes sind, waren auch hier die Details entscheidend: Die Mauerstrukturen der iberischen Castros und der Chachapoya-Wohnhäuser stimmen exakt überein. Das belegt Hans Giffhorn in seinem Dokumentarfilm mit Bildern der noch existierenden Sockel und Grundmauern der Gebäude. Noch deutlicher machen es Fotos zweier unabhängig voneinander rekonstruierter antiker Wohnhäuser der tausende Kilometer auseinanderliegenden Regionen.

Links: Ein von peruanischen Archäologen rekonstruierter Rundbau im Chachapoya-Gebiet. Rechts: Ein von galicischen Archäologen nachgebautes Wohnhaus im Castro Sta. Tegra. Bilder: Hans Giffhorn

Ähnliche Rundbauten finden sich auch in anderen Teilen des damaligen keltischen Kulturbereichs - auf den britischen Inseln. Doch während die Bauweisen der Keltiberer und der Castro-Kultur auf jahrtausendealte Vorläufer zurückgehen, finden sich keine Vorgängertraditionen im Chachapoya-Gebiet. "Als dort vor 2000 Jahren plötzlich Festungsanlagen und Rundbautensiedlungen auftauchten, waren deren Techniken und ihre Bauformen schon fertig entwickelt und ausgereift", erklärt Giffhorn. "Und sie haben sich bis zum Ende der Chachapoya-Kultur im 16. Jh. n. Chr. auch nie mehr entscheidend geändert."

Die europäischen Einwanderer hätten ihre mitgebrachte Bauweise in Südamerika konserviert, da dies ein wichtiges identitätsstiftendes Tradition gewesen sei, vermutet der Forscher. Dafür spricht auch die Materialauswahl. Normalerweise entstehe eine bestimmte Bauweise ja aus der Zweckmäßigkeit zur Verfügung stehender Materialien vor Ort. In waldreichen Regionen, wie dem Gebiet der Chachapoya sei das in erster Linie Holz, dessen Nutzung zu eckigen Gebäuden führe. Die für die Region eher unzweckmäßigen Steinhäuser der Chachapoya, könnten eher für Giffhorns Hypothese sprechen.

Häuser aus der Castro-Kultur, Mauern der Keltiberer: "Offenbar wählten die Einwanderer die naheliegendste Lösung", schlussfolgert der Kulturwissenschaftler.

In der Fremde vereinten sie das vertraute Konzept der nordwestspanischen Castros mit den riesigen Ausmaßen und der Mauerstruktur der keltiberischen Festungsbautradition.

Der peruanische Ausgrabungsleiter von Kuelap, Alfredo Narváez, geht davon aus, dass die Festung ein gemeinschaftsstiftendes Großprojekt der Chachapoya war, an dem sie mehrere Jahrhunderte bauten. C-14-Datierungen und archäologische Analysen ergaben, dass der Bau 400 n. Chr. schon weit fortgeschritten war, so Narvaez.


Eine weitere Sitte, die die Einwanderer mit nach Südamerika brachten, war die Jagd nach Trophäenköpfen, schließt Giffhorn aus Funden von Archäologen. Sowohl Kelten als auch Chachapoya schnitten getöteten Feinden die Häupter ab, um sie anschließend als Trophäen an ihren Häusern aufzuhängen. Dies sollte Heldenmut und Stärke demonstrieren und schockierte sowohl die Römer in Spanien als auch die Inka in Südamerika. Der Brauch der Chachapoya zeigt dabei keinerlei Ähnlichkeiten zu Totenkopfkulten anderer südamerikanischer Völker.

Sowohl Chachapoya als auch iberische Kelten feierten den Kult auch durch Nachbildungen von abgeschlagenen Köpfen an Kunstwerken, Mauern und Gebrauchsgegenständen. So stellten sie Töpfe und Schalen her, an deren Rändern sich Kopfdarstellungen als Halbreliefs erheben. Auch an Mauern der galicischen Castro-Kultur fanden sich diese Darstellungen. Dort spricht man vom Phänomen der "Cabezas cortadas" ("abgetrennte Köpfe"). Die Augen der meisten Chachapoya-Kopfskulpturen sind rundlich und unterscheiden sich somit deutlich von den mandelförmigen Augendarstellungen sonstiger indianischer Kopfportraits. Sie gleichen jedoch exakt den typischen Kopfskulpturen der Galicier des ersten vorchristlichen Jahrhunderts, wie galicische Archäologen bestätigten.

Kopfreliefs aus Kuelap (links) und an einer Mauer in einem iberischen Castro. Bilder: Hans Giffhorn

Eine noch stärkere Kulturparallele zwischen Chachapoya und antiken Europäern findet sich im Brauch der Schädel-Trepanation. Dabei handelt es sich um ein Ritual, bei dem aus magischen Gründen Löcher in die Schädel Lebender oder Verstorbener gebohrt wurden, etwa um böse Geister entweichen zu lassen.

Diesen Brauch gab es in vielen Kulturen. Doch Menschen auf den Balearen und die Chachapoya hinterließen dabei exakt gleiche Spuren - beide nutzten steinerne konische Bohrer und erzeugten so Löcher in der Schädeldecke, die oben weitaus breiter waren als in der Tiefe. Und beide Kulturen erzeugten so speziell angeordnete Gruppen dieser kegelförmigen Löcher in der Schädeldecke.

Schädel mit Trepanationsspuren aus der Chachapoya-Region (links, mindestens 550 Jahre alt) und aus Menorca (rechts, Museum Ciutadella). Bilder: Giffhorn

Die Chachapoya seien dabei die ersten in ganz Amerika gewesen, die die komplizierte konische Bohrtechnik anwendeten, erklärt der Göttinger Paläopathologe Michael Schultz. Trepanationen seien weltweit sehr gut dokumentiert, was die Beweiskraft dieser Kulturparallele extrem stärke. Nach langer Suche in der Fachliteratur entdeckte Schultz schließlich eine spanische Dokumentation quasi identisch trepanierter Schädel aus der antiken mallorquinischen Gräberstätte Son Real.

Wenn wir die Bohrungen auf Mallorca und die Bohrungen an Chachapoya-Schädeln vergleichen, dann können wir vermuten, dass die auf den Balearen praktizierte Trepanationstechnik in die Neue Welt gebracht, dort praktiziert und weiter gepflegt wurde", schlussfolgert der Paläopathologe.

Hans Giffhorn reiste daraufhin nach Barcelona, wo die Schädel in der anthropologischen Abteilung der dortigen Universität aufbewahrt werden und traf den spanischen Trepanationsexperten Doménec Campillo. Nachdem Giffhorn ihm Fotos der Chachapoya-Schädel gezeigt hatte, sei dieser genauso verblüfft gewesen wie sein Göttinger Kollege Schultz. Diese Trepanationsform habe er bisher nur von den Balearen und den direkt gegenüberliegenden Küsten des Festlandes gekannt. Nur ein absurd unwahrscheinlicher Zufall könne solch identische Kulturtechniken getrennt voneinander entstehen lassen, sind die Experten überzeugt.

Hans Giffhorn (rechts) im Gespräch über Schädeltrepanationen mit den spanischen Anthropologen Daniel Turbon (links) und Domènec Campillo in der Universität Barcelona

Noch eine weitere kulturelle Übereinstimmung zu den Balearen soll hier vorgestellt werden: die Steinschleudern der Chachapoya. Auf den ersten Blick sei dies nur ein schwacher Beleg, da Schleudern in vielen Teilen der Welt als Waffen genutzt wurden. Sie waren leicht herzustellende, billige und effektive Fernwaffen, deren Munition quasi überall herumlag. Steingeschosse prallten mit rund 90 Stundenkilometern auf die Köpfe der Feinde. "Dass eine so zweckmäßige Waffe mehrfach an verschiedenen Plätzen der Welt entwickelt wurde, wäre durchaus nicht unwahrscheinlich", sagt Giffhorn.

Doch eine Studie des US-Archäologen Philip Ainsworth Means legt zumindest für den amerikanischen Kontinent etwas anderes nahe. Means rekonstruierte im frühen 20. Jahrhundert anhand der Funde vorkolumbischer Steinschleudern die Ausbreitung dieser Waffe in Amerika. Tatsächlich fand er heraus, dass der Norden Perus, also Teile der Chachapoya-Region, Ausgangspunkt für die Verbreitung war. Im Verlauf der Zeit hatten sich verschiedene Formen und Funktionsweisen der Schleudern in Amerika herausgebildet, wie die von Means begutachtete Schleudersammlung aus dem United States National Museum in Washington zeigt. Die Chachapoya benutzten jedoch ganz einzigartige Anfertigungen.

So berichtete der im 16. Jahrhundert in Cusco aufgewachsene spanisch-peruanische Chronist Garcilaso de la Vega:

Die Steinschleuder [der Chachapoya] ist anders gefertigt als die anderer Indianer, und sie benutzten sie im Krieg als ihre wichtigste Waffe. (…) Sie benutzten sie so wie die alten Mallorquiner.

Vega, der später nach Spanien übersiedelte, kannte die Tradition der Menschen Mallorcas. Die Baleareninseln waren seit der Antike berühmt für ihre Steinschleuderer. Bis heute ist dies dort als eine Art Volkssport lebendig.

Bis hin zur Flechtweise identisch: links eine Steinschleuder aus Leymebamba (Chachapoya) und rechts eine Steinschleuder aus Mallorca. Bilder: Hans Giffhorn

Funde von Chachapoya-Steinschleudern zeigen, dass ihre Konstruktion der mallorquinischer Schleudern fast eins zu eins entspricht: Eine relativ kurze, in der Mitte offene Halterung für den Stein und eine kleine Schlaufe an einem Ende, die beim Wurf über einen Finger gezogen wird. Das schlaufenlose andere Ende wird von der ganzen Hand festgehalten und beim Schleudern losgelassen, so dass der Stein herausfliegt. In Hans Giffhorns Dokumentarfilm ist der erstaunte Balearenmeister dieses Sports, Juan José Caballero, zu sehen, der eine Schleuder der Chachapoya mit einer typisch mallorquinischen Schleuder vergleicht: "Sie sind praktisch gleich", so sein Urteil.

Ein weiteres Detail überrascht: Sowohl Chachapoya als auch Mallorquiner trugen ihre Ersatzsteinschleudern als besonderes Erkennungszeichen um die Stirn gebunden. Giffhorn nimmt nach all diesen Indizien an, dass die balearischen Krieger unter den Emigranten die Waffen und ihre Herstellungstechnik ins Chachapoya-Gebiet mitbrachten und diese sich von dort in Amerika verbreitete und ausdifferenzierte. Dass es sich bei all diesen Übereinstimmungen um eine Anhäufung voneinander unabhängiger Zufälle handele, ist Giffhorn zufolge höchst unwahrscheinlich.


Giffhorn ermittelte noch eine Reihe weiterer Kulturprallelen und Indizien für seine Theorie wie Begräbnistraditionen, Götterdarstellungen oder Festungskonzepte. Anders als für den Kulturwissenschaftler, ist der konkreteste und faszinierendste Aspekt für die meisten Menschen jedoch die unerwartete Existenz rothaariger und blonder Einwohner in der heutigen Chachapoya-Region. Dieses ungewöhnliche Phänomen der "Gringuitos", das erst einmal gar nichts mit Giffhorns Überlegungen zu tun hat, könnte sich mit der Theorie des Forschers jedoch ebenfalls erklären lassen.

Schon den spanischen Eroberern und ihren Chronisten im 16. Jahrhundert fielen einige der Chachapoya als hellhaarig und hellhäutig auf. Pedro Pizarro, Vetter des berühmten Konquistadors Francisco Pizarro, schrieb:

Die Indias vom Stamme der Chachapoya waren besonders schön und gepflegt. Unter den vornehmen Herren und Herrinnen waren manche weißer als Spanier. (…) Dieses Volk aus Peru ist weiß mit dunkelblonden bis braunen Haaren (…) In diesem Land sah ich eine Frau und ein Kind so weiß und so blond, wie man es sonst kaum sieht.

Die Bäuerin Cecilia Flores (links) aus dem abgelegenen Dorf Huancas hat blonde Haare wie zwei ihrer drei Geschwister und wie auch ihre Urgroßeltern. Rechts: Ein rothaariger Junge aus der Chachapoya-Region gibt für Hans Giffhorn eine Speichelprobe ab, die er später an der Universität Rotterdam analysieren ließ

Der Chronist Pedro de Cieza de León, der in der Inka-Hauptstadt Cusco viele verschleppte Chachapoya sah, notierte: "Die Chachapoya sind die weißesten und anmutigsten Menschen von allen Indianern, die ich in Amerika gesehen habe." Unter den Berichten der Kolonialzeit kommentieren fast alle Chronisten die Schönheit und weiße Haut der Chachapoya-Frauen, fasst die Historikerin Adriana von Hagen vom Chachapoya-Museum in Leymebamba (Peru) zusammen.

Auch ein Inka-Gemälde, das verschleppte Chachapoyas im "Haus der auserwählten Frauen" des Inka-Kaisers zeigte, stellt die Frauen mit rotbraunen Haaren dar, während der Herrscher, wie alle Inka auf solchen Gemälden, schwarzhaarig ist. Und als der Kuelap-Entdecker Juan Crisóstomo Nieto die Festung 1843 erstmals betrat, entdeckte er vier Mumien "mit geschnittenem dünnem blondem Haar und nicht wie das der Indianer von heute", wie er in seinen Aufzeichnungen berichtete.

Das Volk der Chachapoya gilt seit dem 16. Jahrhundert als ausgestorben. Der Großteil wurde von, durch Spanier eingeschleppte, Krankheiten wie Pocken oder Masern getötet, gegen die die Chachapoya keine Abwehrkräfte hatten. Einzelne Gruppen könnten allerdings in isolierten Bergdörfern der Region von den Seuchen verschont geblieben sein. Ihre Gene hätten sie dann bis heute weitergegeben.

Hans Giffhorn bat deshalb männliche Gringuitos bzw. Väter von hellhaarigen Kindern in der Chachapoya-Region um Speichelproben, welche er schließlich an der Abteilung für forensische Molekularbiologie der Erasmus-Universität Rotterdam analysieren ließ. Der deutsche Abteilungsleiter Manfred Kayser hatte ihm vor dessen Reise die notwendige Ausrüstung für die DNA-Proben zur Verfügung gestellt.

Der Humangenetiker fand in seiner DNA-Analyse schließlich heraus, dass alle getesteten Gringuitos sowohl indianische als auch europäische Vorfahren hatten. Die blonden und roten Haare gingen dabei definitiv auf europäisches Erbgut zurück, sagte Kayser. Dies widerlegt die mögliche Erklärung, die helle Haarfarbe könnte unabhängig von europäischem Einfluss durch eine Laune der Natur in den Chachapoya-Bergdörfern entstanden sein.

Kayser konnte aber noch genauere Informationen über die geografische Herkunft der Vorfahren rekonstruieren. Entscheidend sind dafür bestimmte Chromosomen-Typen, die sogenannten Haplogruppen. Für die männliche Abstammung werde dazu nach speziellen DNA-Markern auf dem Y-Chromosom gesucht. Diese zeigen die Zugehörigkeit zu Y-Haplogruppen an, die ungleichmäßig über die Welt verteilt sind. Unter amerikanischen Ureinwohnern dominiere bspw. die Y-Haplogruppe Q.

Für Giffhorns Stichprobe ermittelte Manfred Kayser jedoch, dass die Gringuitos väterlicherseits am wahrscheinlichsten von Männern aus dem Westteil Europas abstammen. Der Molekulargenetiker ermittelte bei ihnen den Y-Chromosomen-Typ R1b, der am häufigsten im Westen der britischen Inseln, an der französischen Atlantikküste und im Norden Spaniens vorkommt. In Galicien, dem Nordwesten Spaniens, liegt der Anteil teils sogar bei über 90 Prozent. Galicien ist zudem bis heute die Gegend Spaniens mit dem höchsten Anteil an blonden, rothaarigen und rotblonden Menschen.

Die Haplo-Gruppe R1b kommt besonders am Westrand Europas sehr häufig vor

Diese Ergebnisse würden also in Giffhorns Hypothese passen. Was Kaysers DNA-Analyse nicht beantworten konnte, ist die Frage, wann diese Vermischung stattfand. Die Haplogruppe R1b könnte also auch von Europäern stammen, die nach der spanischen Entdeckung des Kontinents 1492 hierherkamen. Alle zuvor präsentierten Indizien sprechen jedoch dagegen. Sie legen eher nahe, dass das Gringuito-Phänomen schon vor der Ankunft der Konquistadoren bestand.

Die Analysen ergaben weiterhin, dass alle getesteten Gringuitos mütterlicherseits auf Indianerinnen zurückgehen, die jedoch aus ganz verschiedenen Teilen Südamerikas stammten. Die männlichen Einwanderer hätten sich demnach nicht erst in der Chachapoya-Region mit einheimischen Frauen zusammengetan, sondern bereits auf den vorangegangenen Stationen - und diese Frauen dann in die Andenregion mitgenommen. Ein gemeinsames DNA-Forschungsprojekt peruanischer und finnischer Experten zur genetischen Zusammensetzung der Chachapoya bestätigte Kaysers Ergebnisse kurz darauf und erweiterte sie sogar noch.

Die genetischen Unterschiede (…) zeigen relativ gut definierte Gruppen, die Andenbevölkerung und die amazonische Bevölkerung. Die Chachapoya gehören zu keiner der Gruppen, sondern sind verschieden vom Rest der Bevölkerung. (…) Die Einzigartigkeit der Chachapoya in Bezug auf Grad und Natur der genetischen Vielfalt lässt vermuten, dass die Chachapoya eine andere demografische Geschichte hatten als viele andere eingeborene Bevölkerungsgruppen (…) auch in der Vor-Inka-Zeit.

Die Verlässlichkeit Giffhorns Hypothese hängt zwar nicht von den Ergebnissen der DNA-Analysen ab. Sie können damit jedoch auch erklärt werden. Notwendig war es letztlich, ein Szenario zu entwickeln, das die Gesamtheit der Indizien in einen plausiblen Zusammenhang bringt.

Tatsächlich ist es ja trotz aller Indizien nur schwer vorstellbar, dass eine relativ kleine Gruppe von vielleicht nur einigen hundert Menschen auf diesem riesigen fremden Kontinent nicht nur überleben, sondern auch noch eine erfolgreiche Kultur mit großen Bauwerken schaffen und sich rund 1500 Jahre behaupten konnte - zumal die Einwanderer selbst auch noch aus drei verschiedenen Herkunftskulturen stammten. Wie soll das funktioniert haben?

Giffhorn vermutet: Die Galicier bildeten die große Mehrheit unter den Emigranten, denn die Reise startete aus ihrer Heimatregion, sie waren erfahrene Seefahrer und hatten das stärkste Motiv. Die Tradition, die für alle Menschen von Bedeutung ist, nämlich die Wohnbau- und Siedlungstradition, wurde deshalb von Beginn in der Chachapoya-Region und bis zum Ende der Kultur nur von den Galiciern bestimmt.

Keltiberer und Balearenkrieger waren wohl Minderheiten. Nur bestimmte Kriegergruppen hatten sich bis Galicien geflüchtet. Wegen ihrer speziellen Fähigkeiten in Sachen Festungsbau und Steinschleudern waren sie jedoch begehrte Bundesgenossen für die Galicier. So setzten sich auch ihre speziellen und nützlichen Kulturelemente in der neuen Heimat durch.

Viele der Europäer sind wahrscheinlich schon unterwegs gestorben. In den Regionen, die sie durchquerten, schlossen sich ihnen aber sicherlich Ureinwohner an, vermutet Giffhorn. Das sei bei den neuzeitlichen Eroberern der Neuen Welt ebenso gewesen.

In der Chachapoya-Region lebten bei Ankunft der Emigranten bereits Menschen. Sie erkannten genauso wie die Neuankömmlinge, dass sie gegenseitig voneinander profitieren. Die Europäer konnten helfen, Feinde abzuwehren, und sie führten Methoden ein, mit deren Hilfe man die Landwirtschaft an den steilen Bergen der Region produktiver gestalten konnte, während die Einheimischen sich mit den Nutzpflanzen und anderen Gegebenheiten auskannten. Ureinwohner und Einwanderer vermischten sich dann in den folgenden Jahrhunderten und bildeten das Volk der Chachapoya.

Möglicherweise habe ich bei meinen Begegnungen mit Gringuitos in die Augen von über zweitausend Jahren bisher unbekannter keltischer Geschichte geblickt", resümiert Giffhorn. "Ein faszinierender Gedanke.

In Teil 3 werden Gegenargumente zu Hans Giffhorns Theorie und die Reaktionen aus Fachwelt und Medien thematisiert.

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