War die Neue Welt gar nicht so neu?

Fussnoten

1

Hans Giffhorns Forschungen wurden vor vier Jahren bereits in einer 45-minütigen Terra-X-Dokumentation namens "Karthagos vergessene Krieger" thematisiert. Der Film sei jedoch sachlich überholt und inhaltlich teilweise falsch, sagt Giffhorn, da er nicht seinen aktuellen Forschungsstand repräsentiere. Deshalb kommen darin etwa die Karthager prominent vor. Der Film stützt sich auf die erste Auflage seines Buchs. Viele wichtige offene Fragen konnte Giffhorn erst nach der Fertigstellung dieses Buchs 2012 durch Recherchen und Forschungsreisen klären. Zudem lasse der Film zahlreiche wichtige auch damals schon bekannte Indizien seiner Theorie weg, so dass diese wie eine unverbindliche Spekulation wirke.

2

Der Pedra do Ingá, ein Gneisfelsen im Osten Brasiliens, der am inzwischen ausgetrockneten Oberlauf des Rio Paraiba liegt, weist zahlreiche in den Fels gravierte Abbildungen auf. Bis heute weiß niemand, wer diese schuf. Das Alter ist unbekannt. Als die Portugiesen vor 500 Jahren kamen, waren die Gravuren schon da. Die Indianer die damals dort lebten, hatten jedoch nicht die technischen Fähigkeiten so etwas anzufertigen - anders als die Kelten. Die Gravuren haben in Brasilien viele wilde Spekulationen ausgelöst - z.B. würden sie antike Schriften aufgreifen. Doch man fand bisher maximal drei Übereinstimmungen zu entsprechenden Buchstaben. Aber immerhin fünf der Symbole können als Buchstaben eines keltiberischen Alphabets identifiziert werden. Zudem weist der Felsen mehrere Spiralgravuren auf - einem Lieblingsmotiv keltischer Künstler. Am Felsen Pedra do Letreiro, der keine 30 Kilometer weiter westlich liegt, gibt es vergleichbare Felsgravuren, bei denen sogar sieben Symbole keltiberischen Buchstaben stark ähneln. Die gesamten Gravuren, die keine erkennbare Botschaft transportieren, könnten Giffhorn zufolge von Schiffsbesatzungen stammen, die auf die Rückkehr ausgeschickter Stoßtrupps warteten. Womöglich bedeuteten die Zeichnungen einfach nur "Wir waren hier". Viele antike Felsbilder seien so entstanden.

3

Vor etwa 2000 Jahren tauchten auf Marajó plötzlich Kulturformen auf, die im Amazonasgebiet bis dahin unbekannt waren, erläutert Giffhorn. Die Kultur der Marajó-Indianer gelte bis heute als die höchstentwickelte in der brasilianischen Antike. Die damals im Amazonasgebiet völlig neuen Keramikstile der Marajó erinnern deutlich an Techniken und Gestaltungsformen, die zu jener Zeit im Mittelmeerraum verbreitet waren, schreibt der Kulturwissenschaftler. Ganz im Gegensatz zu anderen Ureinwohnern der Region stellten die Marajó auch Textilien mithilfe von Spindeln her, deren Schwungsteine Archäologen fanden. Giffhorn nimmt an, dass die Kelten diese handwerklichen Fähigkeiten vor 2000 Jahren im Tausch gegen Nahrung vermittelt haben könnten. Auch archäologische Funde menschlicher Feuerbestattungen - ein entsetzliches Sakrileg aus Sicht von Amazonasindianern - könnten ein Indiz für europäische Besucher sein.

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Acht Monate dauerte die Fahrt der rund 60 Spanier unter Befehl des Konquistadors Francisco de Orellana, von der der Dominikanermönch Gaspar de Carvajal berichtete. Die Männer hatten ihr Schiff am Amazonas gebaut und trafen unterwegs auf friedliche Indianervölker, die sie mit Nahrung versorgten, aber auch auf aggressivere Stämme - u.a. kriegerische Frauen, nach denen de Orellana den Fluss schließlich benannte (Rio de las Amazonas).

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Das berichtete der erstaunte portugiesische Entdecker Diego Nunes. Er nahm an einer Expedition des spanischen Konquistadors Alonso de Mercadillo in den Osten der Anden teil. In einem Brief an seinen König João III. in Lissabon schrieb er, dass er von 300 Indianern erfuhr, die in Einbäumen auf der Flucht vor portugiesischen Großgrundbesitzern an der Atlantikküste den ganzen Amazonas hinaufgefahren und im Chachapoya-Gebiet gelandet waren.

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Lerche stellte 1995 fest: "Plötzlich erschien (...) ohne irgendwelche bekannten Vorläufer, eine große ethnische Gruppe". Gegenüber Giffhorn sagte er 2008: "Die Chachapoya-Kultur entstand wie aus dem Nichts." Und die Experten des Britischen Museums schreiben auf der Website des Museums, die Chachapoya seien eine der am wenigstens verstandenen altertümlichen Zivilisationen in Südamerika. Innerhalb der Fachwelt rufe keine vergleichbare südamerikanische Kultur so viele widersprüchliche Interpretationen hervor und lasse so viele Fragen unbeantwortet wie die der Chachapoya, schreibt Giffhorn.

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Maya und Azteken wollten mit ihren Kulten um abgetrennte Köpfe die Götter besänftigen. Amazonasindianer trennten die Köpfe getöteter Feinde ab, um die Lebenskraft des Getöteten zu erhalten oder aus Angst vor den Geistern der Verstorbenen.

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Auch die Inka bohrten konische Löcher in Schädeldecken, allerdings in anderer Form und erst Jahrhunderte nach den Chachapoya. Dies ergebe sich aus Altersbestimmungen trepanierter Schädel, die in Grabstätten mit eindeutig vor-inkaischen Keramiken gefunden wurden.

9

Comentarios Reales de los Incas, Buch 8, Kap. 1, in: Plackmeyer 1986, S. 283.

10

Dies wird für die Chachapoya sowohl von Garcilaso de la Vega in seinen Chroniken berichtet, als auch von anderen Augenzeugen wie dem Inka-Chronisten Felipe Cayo Tupac Yupanqui und dem Konquistador Cieza de Leon. Zudem fanden Forscher Chachapoya-Mumien mit um die Stirn gebundenen Steinschleudern. Dass dieselbe Sitte auch schon im 1. Jh. v. Chr. auf Mallorca bestand, schreibt nicht nur der antike griechische Geograf Strabon (Geographica, Wiesbaden 2005), sondern das zeigt auch eine Wanderausstellung über Uniformen verschiedener Epochen und Regionen Spaniens, auf die Hans Giffhorn im Text, der Zusatzmaterialien zu seiner DVD liefert, fotografisch verweist. Giffhorn vermutet hinter der Pflege dieser mallorquinischen Marotte den Versuch ein Stück der früheren kulturellen Identität in der neuen südamerikanischen Heimat zu erhalten.

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Die Chachapoya waren Ende des 15. Jahrhunderts nach jahrelangen Kriegen von den Inka unterworfen worden. Viele Chachapoya wurden deportiert. Chachapoya-Krieger wurden Leibgardisten von Inka-Kaisern. Hellhäutige Chachapoya-Frauen erregten die Aufmerksamkeit der Inka-Eliten, weil sie ausgesprochen schön, weiß und anmutig waren, wie es in mehreren Chroniken heißt. Sie wurden von Inka-Adeligen geheiratet oder in Sonnentempel gebracht. Schließlich war sogar der letzte Inkakaiser Atahualpa Sohn einer Chachapoya-Frau, die sein Vater Huayna Cápac zu seiner Lieblingsfrau wählte.

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Hans Giffhorn sieht keinen Grund an der Glaubwürdigkeit der Chronisten zu zweifeln: Zwar sei ihren Aussagen nicht immer zu trauen, das gelte jedoch vor allem dann, wenn sie etwas zur Rolle der Spanier schrieben, deren Taten glorifiziert werden sollten. Wenn Chronisten das Aussehen von Einheimischen beschrieben, hatten sie hingegen keine Gründe für Falschdarstellungen. Es sei glaubhaft, dass sie wahrheitsgemäß berichteten, was sie sahen.

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Das würde auch bei einer europäischen Abstammung gelten. Ihre europäischen Vorfahren in der Antike konnten keine Immunität gegen die genannten Krankheiten entwickeln, da diese erst nach Christi Geburt in den Heimatregionen der Auswanderer auftraten.

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Da Giffhorn davon ausgeht, dass ausschließlich Männer zur europäischen Expedition gehörten und sich in der Chachapoya-Region mit einheimischen Frauen fortpflanzten, kann der europäische genetische Einfluss nur in der Y-DNA festgestellt werden. Vor allem lässt die männliche Y-DNA genauere Rückschlüsse auf die Herkunft zu als die weibliche mt-DNA.

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Nach langer Suche hatte er "Gringuitos" bzw. "Mushas", wie sie in der hier noch lebendigen Inka-Sprache heißen, in drei sehr isoliert liegenden Bergdörfern entdeckt. "Sie sind nur auf stundenlangen Fahrten mit dem Auto zu erreichen - über abenteuerliche erst vor einigen Jahren gebaute Buckelpisten entlang tiefer Schluchten." Viele der betroffenen Familien tragen alte Chachapoya-Namen (Yoplac, Puscan, Hitnay, Quistan). Zu den Speichelproben ließ Giffhorn die Leute noch Fragebögen zu den Namen der Vorfahren bis hin zu den Urgroßeltern ausfüllen. Zudem sprach er mit Heimatforschern über die Familien. Giffhorns Recherchen vor Ort ergaben keine Hinweise auf neuzeitliche europäische Einwanderer. Die Gringuitos stammen allesamt aus alteingesessenen Familien. Interessant auch: Bei allen Gringuitos gehen die hellen Haare mit braunen Augen einher.

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Ein entscheidender Fortschritt wäre es, wenn die DNA männlicher präkolumbischer Chachapoya-Mumien analysiert und deren Y-Haplogruppen identifiziert werden würden. Bei bisherigen Analysen der Mumien-DNA geschah das offenbar nicht. Dort wurde immer nur die aus der mütterlichen Linie stammende mt-DNA analysiert. Mindestens eine Ausnahme könnte es aber geben: In Dänemark wurden sieben vorkolumbische Chachapoya-Mumien vom Kondorsee genetisch untersucht. Ein anonymer Informant schickte Hans Giffhorn jedoch die Ergebnisse, die von der U.S. National Library of Medicine dokumentiert wurden. In einer der sieben Mumien, mit der Kennzeichnung NA50, sei die R1b-Variante aufgetaucht, die Manfred Kayser auch bei den Gringuitos nachweisen konnte. Der Zuträger schreibt: "The calls for NA50 show that he was positive for L773, one of the SNPs that defines haplogroup R1b1a2-M269."

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Unterschiedliche Volksgruppen lassen sich genetisch an sogenannten Haplogruppen unterscheiden. In der Urbevölkerung Südamerikas gab es bspw. in der mütterlichen mitochondrialen DNA (mt-DNA) die fünf Haplogruppen A, B, C, D und X. Die ersten drei entdeckte Manfred Kayser bei seiner Analyse der Gringuito-Proben. "Eine derartige Variabilität der mt-DNA ist bei der geringen untersuchten Stichprobe durchaus auffällig."

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Im Bericht heißt es: "Die mt-DNA-Daten zeigen eine hohe Diversität unter den Chachapoya: Alle analysierten Individuen gehörten zu einer der indigenen mt-DNA-Haplogruppen. Haplogruppe D überwog (28%), gefolgt von den Haplogruppen A, B und C (jeweils 24 %)." Diese das gesamte Südamerika übergreifende genetische Diversität in der mütterlichen Linie der Chachapoya-Vorfahren sei sehr untypisch für die Andenregion und besteht offenbar schon lange. (Evelyn Guevara Torres und Jukka Palo: Genetic Diversity and Divergence in a contemporary Chachapoya Population from Amazonas, - Peru. aSTRs, Y-STRs and mtDNA Evidence", in Guillén, Sonia u.a.: PAMinSA IV (Kongressbericht), Lima 2011.

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Giffhorn nimmt jedoch an, dass die Kelten eine Art Kriegerkaste gebildet haben könnten, die lange unter sich blieb (dafür sprechen verschiedene, auf der DVD dokumentierte Entdeckungen an Mumien der Chachapoya). So hätten europäische rezessive Gene wie blonde Haare bis heute weitergegeben werden können.

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