War die "Neue Welt" gar nicht so neu?

Traditionelles Kuelap-Wohnhaus. Bild: Tanakochan / CC-BY-SA-4.0

Ein Überblick über Gegenargumente und Reaktion zu Hans Giffhorns Chachapoya-Hypothese. Teil 3

Der Kulturwissenschaftler Hans Giffhorn hat in jahrelanger Forschung ein Szenario und eine Indizienkette geliefert, um Licht in die bislang unbekannte Herkunft der Chachapoya-Kultur Perus zu bringen. (Teil 1 und Teil 2) Anhand von Gegenargumenten überprüfte er dabei seine Hypothesen selbst und widerlegte eigene Annahmen - bis plausible Szenarien entstanden.

Anzeige

Viele der Gegenargumente begegnen Giffhorn bis heute in Diskussionen. Diese sollen hier im Folgenden dargestellt werden genauso wie die Reaktionen auf Giffhorns Theorie. Diese waren jedoch nur selten vom argumentativen Austausch und häufig von Polemik und Aggressivität geprägt. Einzelne Wissenschaftler zeigen aber, dass es auch anders geht.

Hans Giffhorn geht es nicht darum, mit seiner Hypothese Recht zu haben, erläuterte im Gespräch mit Telepolis. Er wollte wissen, woher die Chachapoya kamen. Die Altamerikanistik kann diese Frage bislang nicht befriedigend beantworten, sagt er. "Ich wollte helfen." Um einer wissenschaftlichen Vorgehensweise gerecht zu werden, suchte er selbst nach Argumenten, die seine Hypothesen widerlegen könnten.

Einige dieser Gegenargumente, die teilweise auch im Telepolis-Forum schon genannt wurden, konnte er widerlegen, andere Widerlegungsversuche führten zu Korrekturen und Präzisierungen der Hypothesen oder sogar zu überraschenden neuartigen Antworten.1

Seine Nachforschungen führten letztlich zur bereits vorgestellten Hypothese. Diese liefere für die Vielzahl ungeklärter Phänomene plausible Erklärungen im Gegensatz zu den bislang veröffentlichten Erklärungsversuchen der archäologischen Fachwelt, betont Giffhorn. Im Buch und insbesondere auf der DVD belegt er seine Argumentation mit einem umfangreichen Register an Fachliteratur, Foto- und Filmaufnahmen sowie mit Experteninterviews.

Trotzdem hat die archäologische Fachwelt Giffhorns Forschungsergebnisse in großen Teilen bislang noch nicht öffentlich zur Kenntnis genommen. Damit befasst sich der dritte und letzte Teil dieser Artikelserie. Doch zuerst zu den Gegenargumenten:

In Teil 1 und 2 wurde dargestellt, dass in der Antike schon durchaus die Möglichkeit bestand, vom damaligen Spanien aus per Schiff den südamerikanischen Kontinent zu erreichen und im Anschluss den Amazonas hinauf bis in sein Quellgebiet zu befahren. Das klingt aus heutiger Sicht zwar abenteuerlich, doch gelang dies Eroberern, Forschern und Abenteurern früherer Zeiten wie Cabral, de Orellana oder Teixeira nachgewiesenermaßen tatsächlich.

Dass solche Leistungen auch keine "Eintagsfliegen" waren, belegte der US-amerikanische Journalist Tony Horwitz in einem Buch2, in dem er mehrere mindestens ebenso abenteuerliche Erkundungsreisen spanischer Eroberer im 16. Jahrhundert in der Neuen Welt beschrieb. Heute fast vergessene Entdecker wie Álvar Núñez Cabeza de Vaca, Hernan de Soto oder Francisco Vásquez de Coronado hatten in fanatischer Goldgier, in Missionierungseifer oder Überlebenskampf tausende Kilometer auf amerikanischem Boden in großen Teilen sogar zu Fuß zurückgelegt. Antiken Einwanderern können deshalb Bereitschaft und Fähigkeit zu ebensolchen Leistungen nicht pauschal abgesprochen werden.

Anzeige

Doch es gibt weitere Argumente gegen Hans Giffhorns Theorie. "Schon als Schüler habe ich von meinem Geschichtslehrer gelernt, dass solche Einwanderungen nie stattgefunden haben können, weil sonst die Archäologen in Südamerika Räder, Eisenwerkzeuge und eine Buchstabenschrift entdeckt hätten: Diese Errungenschaften der Alten Welt hätten die Einheimischen doch sicher nicht ignoriert", schreibt Giffhorn. Und tatsächlich sind im Chachapoya-Gebiet bislang keine solchen Artefakte aus präkolumbischer Zeit gefunden worden.

Was könnten plausible Gründe für eine fehlende Chachapoya-Schriftkultur in Giffhorns Theorie sein? In der Antike konnten nur wenige Menschen schreiben, erläutert er. Einwanderer aus der Alten Welt wären vor allem Krieger, Bauern und Seeleute gewesen, die nie schreiben gelernt hatten und höchstens ein paar Buchstaben oder Symbole vom Sehen kannten. Selbst die allermeisten der spanischen Konquistadoren gut 1.600 Jahre später waren Analphabeten. Vor Ort in Amerika sind sie ohne Schrift trotzdem gut ausgekommen, sagt Giffhorn.

Die Kelten besaßen in der vorrömischen Zeit zudem praktisch keine Schriftkultur, erläutert der Wissenschaftler weiter. Selbst wenn jemand der Expeditionsteilnehmer schreiben konnte und die Reise bis zum Ende überlebt hätte, wäre diese Fähigkeit im Verlauf der Generationen verloren gegangen, vermutet Giffhorn.

Auch das Rad hätte in der steilen Andenregion keine Verwendung gefunden. "Noch heute benutzen die Bauern im zerklüfteten Chachapoya-Gebiet Lasttiere", erklärt der Forscher. "Niemand besitzt dort Schubkarren oder Wagen." Die Kelten haben das Rad in Europa vor allem für Lastenfahrzeuge genutzt, so Giffhorn. Doch in der Chachapoya-Region fehlte es damals sowohl an Fahrwegen als auch an Zugtieren. Geeignete Schmierstoffe wie Rindertalg existierten dort ebenfalls nicht. Räder einzusetzen, hätte keine Vorteile gebracht.

Östliche Festungsmauer von Kuelap. Bild: Martin St-Amant / CC-BY-SA-3.0

Das Rad war für südamerikanische Ureinwohner auch gar nichts Neues. Die Inka kannten es und verwendeten es für Spielzeuge, die Maya benutzten sogar Zahnräder in mechanischen Kalendern. Im Arbeitsleben habe es jedoch keine Einsatzmöglichkeiten gegeben - auch im Amazonasgebiet nicht, dort werden Waren vor allem auf dem Wasserweg transportiert. Spinnräder oder Töpferscheiben wiederum gehörten nicht zum Alltag antiker Kelten. Das Fehlen von Rad und Schrift im Chachapoya-Gebiet beweise und widerlege nichts, betont Giffhorn.

Geräte und Waffen aus Eisen hingegen wären durchaus beachtliche Vorteile für die Chachapoya gewesen. Wahrscheinlich hatten die Einwanderer solche, etwa Eisenschwerter3, dabei. Doch neues Gerät herstellen konnten sie dort nicht. Ihnen waren vor Ort keine geeigneten Erzvorkommen bekannt.

"So wäre die Fähigkeit zur Erzgewinnung und -verarbeitung bald in Vergessenheit geraten", schlussfolgert Giffhorn. Auch ihre mitgebrachten Eisengegenstände wären im feuchtwarmen Klima Amazoniens und der Anden-Nebelwälder schnell verrostet und unbrauchbar geworden. Heute nach 2000 Jahren wären sie komplett zerfallen.

Als Grabbeigabe in gut verborgenen Anlagen könnten aber Eisenobjekte die Zeiten (und die Plünderungen durch Inka und Konquistadoren) bis heute überstanden haben. Nicht auszuschließen, dass es solche Funde demnächst gibt? "Die Chance wäre äußerst gering", erklärt Giffhorn. Die peruanischen Behörden seien äußerst zurückhaltend mit Grabungslizenzen, an vielen Chachapoya-Stätten wurde noch nie wissenschaftlich gegraben. Andere waren dort jedoch bereits: Grabräuber.

"Wenn wir eine scheinbar intakte Grabstätte entdecken, ja, dann wartet auf uns meistens eine Überraschung. Wir finden vor Ort zerfledderte Mumienbündel und Scherben und sonst nichts mehr", sagte etwa der deutsch-peruanische Ethnologe Peter Lerche, der in der Chachapoya-Region schon seit Jahrzehnten forscht.

Die Gräber enthalten oft Goldschmuck, erfuhr Giffhorn von einem Grabräuber, der ihm anonym ein Interview gab - zu sehen in Giffhorns Dokumentarfilm. Einheimische Bauern und organisierte Banden stöbern Grabstätten auf und plündern diese, erzählte der Befragte. Sei ein Mumienbündel überdurchschnittlich schwer, werde es ausgepackt. Armknochen mit Goldschmuck daran reißen die Räuber vom Rest des Skeletts einfach ab.

Über die westlich gelegene Provinzhauptstadt Cajamarca gelangen die Grabbeigaben schließlich in die USA und nach Europa, die Polizei deckt Ausfuhr und Schwarzhandel, weil sie am Gewinn beteiligt wird, berichtet der Grabräuber. Besonders ernüchternd: Sämtliche Chachapoya-Grabstätten, die Archäologen bislang untersucht haben, wurden zuerst von Bauern oder professionellen Grabräubern entdeckt und geplündert.

Genetische Analysen übrigens, wie sie in Teil 2 vorgestellt wurden, sind für Giffhorns Theorie im engeren Sinne nicht entscheidend - egal ob ihr Ergebnis vorteilhaft oder nachteilig ausfallen würde. Zum einen ist unklar, ob das Gringuito-Phänomen tatsächlich etwas mit den Ursprüngen der Chachapoya-Kultur zu tun hat, obwohl das sehr nahe liegt. Zum anderen aber wurden bislang keine präkolumbischen Mumien dieser Kultur auf die Y-Haplogruppen, also die väterliche Herkunft, untersucht.

Das Publikum sei heute aber zu sehr auf DNA-Befunde fixiert, sagt Giffhorn.

Wenn sie fehlen, glauben Laien auch den Rest nicht. So wird manchmal behauptet, dass die Arbeitshypothese nur dann verlässlich sei, wenn in der DNA von Chachapoya-Mumien Nachweise für eine antike Einwanderung aus Europa entdeckt würden.

Hans Giffhorn

Aber fehlende DNA-Beweise lassen die zahlreichen anderen von Giffhorn vorgelegten Indizien, die weitaus zwingender seine Hypothese bestätigen, nicht verschwinden.

Giffhorn hätte ja selbst DNA-Proben aus Chachapoya-Mumien vor Ort entnehmen und analysieren lassen können, werfen ihm Kritiker vor. Doch hierfür wäre eine Genehmigung der peruanischen Behörden nötig. Solch eine zu bekommen, zumal als Nicht-Genetiker, sei utopisch, betont Giffhorn.

Zudem gebe es bei den entsprechenden Autoritäten in Peru nicht das geringste Interesse daran, Zweifel an der einheimischen Herkunft der Chachapoya entstehen zu lassen. In seinem Buch und im Dokumentarfilm4, hat Giffhorn an Beispielen belegt, dass die Personen, die in Peru die genetischen Forschungen kontrollieren, das Bekanntwerden solcher Belege für Kontakte zwischen präkolumbischen Chachapoya und Europäern mit allen Mitteln verhindern.

Klar ist trotzdem, es gab durchaus Einwanderungen ins Chachapoya-Gebiet aus anderen Teilen Südamerikas. Das betont auch Giffhorn. Die Entwicklung der Chachapoya-Keramiktradition lässt beispielsweise darauf schließen. Aber wesentliche Teile der Chachapoya-Kultur wie etwa die spezielle Kombination von Festungsmauern und Rundbauten, lassen sich mit einer Wanderung innerhalb Südamerikas genauso wenig erklären wie die anderen in Teil 2 vorgestellten Kulturmerkmale.

Seit mehr als 60 Jahren suchen Forscher überall in Amerika nach Wurzeln der Chachapoya-Kultur. So entstand eine Reihe von Theorien über deren Herkunft. Der US-amerikanische Archäologe Warren Church, einer der renommiertesten Chachapoya-Experten, analysierte mit großem Aufwand alle diese Theorien, und konnte sie widerlegen: Nirgendwo in Amerika fanden sich überzeugende Entsprechungen zur Chachapoya-Kultur.5

Auch die verschiedenen Einwanderungstheorien der anderen zu den Chachapoya forschenden Archäologen bestätigen das. In ihren Veröffentlichungen widerlegten die Wissenschaftler nämlich selbst sämtliche Positionen der konkurrierenden archäologischen Theorien und bewiesen damit, dass keiner der Ansätze stimmt. Die Forschungen der Fachwissenschaftler zur Ursprungsfrage steckten schon 1998, bei Giffhorns erster Begegnung mit der Chachapoya-Kultur, in einer Sackgasse. "Bis heute hat sich daran nichts geändert", betont er.

"Wenn irgendjemand eine auch nur ansatzweise plausible Erklärung angeboten hätte, wäre das Thema für mich damit erledigt gewesen und es hätte weder das Buch noch die DVD gegeben", sagt Giffhorn. Doch plausible Erklärungen dafür, dass alle Chachapoya aus Amerika stammen und auch ihre kulturellen Merkmale dort entstanden, fand er nicht.

Deshalb sei es logisch, dass auch außerhalb dieses Kontinents nach Ursprüngen etwa der Bautradition gesucht werde. Wissenschaftliche archäologische Arbeiten zogen diese Möglichkeit bis dato jedoch nicht mal in Betracht.

Anzeige