Waren die modernen Menschen, die vor 60.000 Jahren aus Afrika kamen, frühe Klimaflüchtlinge?

Haben Dürre und Kälte die Menschen aus Afrika vertrieben?

Nach genetischen Funden, so die Autoren der Studie, die in der Zeitschrift Geology erschienen ist, sind die modernen Menschen vor 70.000 bis 55.000 Jahren aus Afrika über den Nahen Osten nach Europa eingewandert. Spekuliert wird schon lange darüber, welche Rolle dabei klimatische Änderungen gespielt haben. Welches Klima herrschte, ist freilich weitgehend unbekannt.

Für eine Rekonstruktion des Klimas vor 200.000 Jahren in Nordost-Afrika haben die Wissenschaftler von der University of Arizona Daten Auswertungen des Lamont-Doherty Earth Observatory von Sedimentgestein RC09-166 herangezogen, das aus einer Tiefe von mehr als 700 Metern aus dem Golf von Aden kommt. Das würde nur das Klima in der Region des südlichen Wanderwegs über die saudische Halbinsel betreffen, die Menschen hätten aber auch nördlicher über die Sinai-Halbinsel wandern können. Um die Trockenheit auf dem Land abzuschätzen, wurde isotopische Komposition der Wachsschichten von Blättern gemessen. Das Wachs, das die isotopische Zusammensetzung des Niederschlags festhält, den Pflanzen zur Synthese ihrer Lipide benötigen, wird vor allem durch Winde zum Golf von Aden transportiert. Man kann so ablesen, ob es viele oder wenige Niederschläge gegeben hat. Das haben die Wissenschaftler schon zuvor für das Horn von Afrika gemacht. Die Entwicklung der Wasseroberflächentemperatur wurde mit dem Alkenon-Paläothermometer gemessen. Alkenon stammt von Meeresalgen. Beides wurde alle 10 cm in dem Sedimentkern gemessen, was einem Zeitfenster von jeweils 1600 Jahren entspricht.

Aus den Daten geht hervor, das vor etwa 80.000 Jahren das Klima in Nordost-Afrika nach einer Periode der "grünen Sahara" deutlich und schnell kühler und trockener wurde und nach einem kurzen Anstieg der Feuchtigkeit vor 50.000 Jahren vor einer erneuten Trockenperiode erst vor 20.000 Jahren wieder feuchter wurde. Es gab allerdings nach den Daten schon vor 130.000 eine ähnliche Trockenzeit. Genetische Daten würden dafür sprechen, dass die Auswanderung vor 75.000-50.000 Jahren stattfand, am wahrscheinlichsten vor 65.000-55.000 Jahren. Dann könnte die vor 80.000 Jahren einsetzende Trocken- und Kälteperiode der möglichen Grund für die Auswanderung gewesen.

Normalerweise werde angenommen, so die Autoren, dass Menschen aus Afrika auswanderten, als es feucht war, weil sie dann die ansonsten gefährlichen Wüsten überqueren konnten. Nach ihren Daten seien die Menschen aber während einer Klimaveränderung von feuchten zu trockenen Bedingungen oder zu einer anhaltenden Trockenzeit ausgewandert. Die Sahara sei jedenfalls nicht grün gewesen. Warum also sind die Menschen dann ausgewandert, obgleich die Bedingungen riskant waren? Das könnte man sich analog auch jetzt fragen, da die Risiken, bei der Durchquerung der Wüste oder bei der Fahrt über das Mittelmeer zu sterben oder in die Hände von Kriminellen zu fallen, ebenfalls hoch sind.

Die Autoren sagen, die Migration jeder Art werde von Push- und Pull-Faktoren, also von Vertreibungs- und Anziehungsfaktoren bestimmt. Das könnte man heute mit der Unterscheidung von Flüchtlingen, die asylberechtigt sind, und Wirtschaftsflüchtlingen bezeichnen. Für die Auswanderung des modernen Menschen sei der Push-Faktor die Verschlechterung der klimatischen Bedingungen gewesen, vermuten die Autoren. Was Pull-Faktoren gewesen sein könnten, erörtern die Autoren nicht. Im Unterschied zu heute, wo überall auf der Welt die Menschen zumindest über Medien und andere Bilder sehen können, wie es woanders aussieht und welche Bedingungen sie dort womöglich erwarten, sind die frühen Menschen ins Ungewisse oder ins Abenteuer gezogen. Vielleicht nach der Devise, dass es überall besser sein könnte, als hier zu bleiben. (Florian Rötzer)