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Waren die modernen Menschen, die vor 60.000 Jahren aus Afrika kamen, frühe Klimaflüchtlinge?

Nationalpark in Äthiopien. Foto: A. Davey / CC BY 2.0

Wissenschaftler gehen nach Untersuchungen davon aus, dass vor 80.000 Jahren das Klima in Nordost-Afrika deutlicher kühler und trockener wurde

Das Klima könnte der Grund gewesen, warum der vor 200.000 Jahren entstandene moderne Mensch sich zuerst in Afrika verbreitete und schließlich aus Afrika nach Europa und Asien auswanderte. Genau weiß man nicht, wann die Wanderung einsetzte, es könnte vor 120.000 bis vor 50.000 Jahren geschehen sein. Schon vor ihm waren in Schüben Vorfahren der Gattung Homo ausgewandert, viel früher als Homo sapiens auch der Neandertaler, der sich zunächst parallel zum modernen Menschen in Afrika entwickelte.

Auch jetzt könnte die Massenauswanderung nicht nur direkt mit Kriegen und Konflikten, sondern letztlich durch die Klimaerwärmung mit Dürreperioden und Ausbreitung der Wüsten zu tun haben (Wird die Klimaerwärmung zu neuen Völkerwanderungen führen? [1]).

Eigentlich ist das Out of Africa des modernen Menschen noch gar nicht so lange her und zeigt, wie relativ schnell sich "Migrationshintergründe" und ethnische Identitäten wandeln können. Die Menschen haben sich evolutionär durch Migrations- und Auswanderungswellen entwickelt, dazu kamen später "Völkerwanderungen" und Migrationswellen, beispielsweise der Europäer nach Amerika, Neuseeland oder Australien. Rechtsnationalisten, die von den damaligen "Homo-sapiens-Kolonisatoren" Europas, in dem die Neandertaler lebten, abstammen, schüren die Angst vor einem Aussterben derzeit angesichts der Migration nach Europa und sprechen gerne von "Umvolkung", die verhindert werden müsse, um die völkische Identität zu erhalten.

Gerade einmal vor etwa 60.000 Jahren begannen wohl einige wenige Horden aus Afrika, das zunehmend trockener wurde, in andere Teile der Welt zu fliehen. Es waren wahrscheinlich nicht die ersten Klimaflüchtlinge, aber ihre Migration zeigt, dass Veränderungen des Klimas, wie sie jetzt auch wieder stattfinden, die Verhältnisse durcheinander wirbeln können. In Europa verschwanden nach dem Eindringen der modernen Menschen allmählich die Ureinwohner, die Neandertaler, die schon zuvor aus Afrika ausgezogen waren. Man geht davon aus, dass die Neandertaler vor etwa 40.000 ausgestorben waren, womit Menschen und Neandertaler einige tausend Jahre Zeit hatten, nebeneinander zu leben, miteinander zu konkurrieren, sich zu bekämpfen, aber auch sexuell miteinander zu verkehren. Sie gingen als Ethnie zugrunde, hinterließen aber genetische Spuren im Genom der heutigen Europäer, weil sie in sexuellen Beziehungen standen.

In einer rumänischen Höhle wurde ein Kieferknochen eines Menschen gefunden, der vor 40.000 Jahre gelebt hat. Nach einer Untersuchung fanden die Forscher 2015 heraus, dass fünf bis elf Prozent der DNA dieses Mannes von Neandertalern stammte: "Darunter auch sehr lange Abschnitte einiger Chromosomen. Anhand der Länge der Neandertaler-DNA-Abschnitte konnten die Forscher schätzen, dass der Mann, dem der Unterkiefer gehört hatte, vor nur etwa vier bis sechs Generationen einen Neandertaler-Vorfahren hatte."

Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig gehen davon aus, dass etwa 2 Prozent der menschlichen Gene von Neandertalern kommen. Sie hatten bereits herausgefunden, dass Neandertaler-Gene das Immunsystem der Menschen stärkten [2], aber auch dafür sorgten, dass die Menschen empfindlicher für Allergien wurden.

Für eine weitere Studie [3] haben sie "UK Biobank"-Pilotstudie ausgewertet, an der mehr als 112.000 Menschen teilnahmen. Daraus ergaben sich Hinweise darauf, dass der Hautton, die Haarfarbe und die Schnelligkeit der Hautbräunung von Neandertaler-DNA beeinflusst werden. Auch Stimmungen, manches Verhalten wie Rauchen oder Biorhythmus (nachts lange Aufbleiben) könnte Neandertaler-DNA geprägt haben, die meist mit der Sonneneinstrahlung zu tun haben. Neandertaler waren, weil länger in Europa lebend, besser an niedrigere oder wechselnde Mengen an ultravioletter Strahlung angepasst.

Haben Dürre und Kälte die Menschen aus Afrika vertrieben?

Nach genetischen Funden, so die Autoren der Studie [4], die in der Zeitschrift Geology erschienen ist, sind die modernen Menschen vor 70.000 bis 55.000 Jahren aus Afrika über den Nahen Osten nach Europa eingewandert. Spekuliert wird schon lange darüber, welche Rolle dabei klimatische Änderungen gespielt haben. Welches Klima herrschte, ist freilich weitgehend unbekannt.

Für eine Rekonstruktion des Klimas vor 200.000 Jahren in Nordost-Afrika haben die Wissenschaftler von der University of Arizona Daten Auswertungen des Lamont-Doherty Earth Observatory von Sedimentgestein RC09-166 herangezogen, das aus einer Tiefe von mehr als 700 Metern aus dem Golf von Aden kommt. Das würde nur das Klima in der Region des südlichen Wanderwegs über die saudische Halbinsel betreffen, die Menschen hätten aber auch nördlicher über die Sinai-Halbinsel wandern können. Um die Trockenheit auf dem Land abzuschätzen, wurde isotopische Komposition der Wachsschichten von Blättern gemessen. Das Wachs, das die isotopische Zusammensetzung des Niederschlags festhält, den Pflanzen zur Synthese ihrer Lipide benötigen, wird vor allem durch Winde zum Golf von Aden transportiert. Man kann so ablesen, ob es viele oder wenige Niederschläge gegeben hat. Das haben die Wissenschaftler schon zuvor für das Horn von Afrika gemacht. Die Entwicklung der Wasseroberflächentemperatur wurde mit dem Alkenon-Paläothermometer gemessen. Alkenon stammt von Meeresalgen. Beides wurde alle 10 cm in dem Sedimentkern gemessen, was einem Zeitfenster von jeweils 1600 Jahren entspricht.

Aus den Daten geht hervor, das vor etwa 80.000 Jahren das Klima in Nordost-Afrika nach einer Periode der "grünen Sahara" deutlich und schnell kühler und trockener wurde und nach einem kurzen Anstieg der Feuchtigkeit vor 50.000 Jahren vor einer erneuten Trockenperiode erst vor 20.000 Jahren wieder feuchter wurde. Es gab allerdings nach den Daten schon vor 130.000 eine ähnliche Trockenzeit. Genetische Daten würden dafür sprechen, dass die Auswanderung vor 75.000-50.000 Jahren stattfand, am wahrscheinlichsten vor 65.000-55.000 Jahren. Dann könnte die vor 80.000 Jahren einsetzende Trocken- und Kälteperiode der möglichen Grund für die Auswanderung gewesen.

Normalerweise werde angenommen, so die Autoren, dass Menschen aus Afrika auswanderten, als es feucht war, weil sie dann die ansonsten gefährlichen Wüsten überqueren konnten. Nach ihren Daten seien die Menschen aber während einer Klimaveränderung von feuchten zu trockenen Bedingungen oder zu einer anhaltenden Trockenzeit ausgewandert. Die Sahara sei jedenfalls nicht grün gewesen. Warum also sind die Menschen dann ausgewandert, obgleich die Bedingungen riskant waren? Das könnte man sich analog auch jetzt fragen, da die Risiken, bei der Durchquerung der Wüste oder bei der Fahrt über das Mittelmeer zu sterben oder in die Hände von Kriminellen zu fallen, ebenfalls hoch sind.

Die Autoren sagen, die Migration jeder Art werde von Push- und Pull-Faktoren, also von Vertreibungs- und Anziehungsfaktoren bestimmt. Das könnte man heute mit der Unterscheidung von Flüchtlingen, die asylberechtigt sind, und Wirtschaftsflüchtlingen bezeichnen. Für die Auswanderung des modernen Menschen sei der Push-Faktor die Verschlechterung der klimatischen Bedingungen gewesen, vermuten die Autoren. Was Pull-Faktoren gewesen sein könnten, erörtern die Autoren nicht. Im Unterschied zu heute, wo überall auf der Welt die Menschen zumindest über Medien und andere Bilder sehen können, wie es woanders aussieht und welche Bedingungen sie dort womöglich erwarten, sind die frühen Menschen ins Ungewisse oder ins Abenteuer gezogen. Vielleicht nach der Devise, dass es überall besser sein könnte, als hier zu bleiben.


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http://www.heise.de/-3862023

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Wird-die-Klimaerwaermung-zu-neuen-Voelkerwanderungen-fuehren-3378255.html
[2] https://www.mpg.de/9819624/neandertaler-gene-immunsystem
[3] https://www.mpg.de/11532666/neandertaler-dna?filter_order=L&research_topic=
[4] http://dx.doi.org/10.1130/G39457.1