Warnung vor Bakterien, die gegen alle Antibiotika resistent sind

Carbapenem resistente Enterobakterien. Bild: CDC

In den USA wurden erstmals Bakterien mit dem Resistenzgen mcr-1 gefunden, das u.a. zuvor auch in Deutschland bei Schweinen und Menschen entdeckt wurde

Wissenschaftler vom Walter Reed Army Institute of Research berichten, dass erstmals in den USA Bakterien in einem Menschen in einem Krankenhaus in Pennsylvania gefunden wurde, die resistent gegen ein Reserveantibiotikum, in den USA "antibiotics of last resort" genannt, sind. Das könnte, so warnen sie, das Ende der Wirksamkeit von Antibiotika einleiten, vor dem schon vielfach gewarnt wurde. Es könnte das Auftreten von "wirklich gegen alle Antibiotika resistente Bakterien" (pan-drug resistance) einleiten.

Ende April war in einer 49-jährigen Frau mit einem Harnweginfekt E-coli-Bakterien (E. coli MRSN 388634) mit dem Gen mcr-1 gefunden worden, das Resistenz gegenüber dem Antiobiotium Colistin vermittelt, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Beitrag, der in der Publikation Antimicrobial Agents and Chemotherapy der American Society for Microbiology erschienen ist. Seitdem wurden die resistenten Bakterien in 20 weiteren Patienten entdeckt.

Das Gen wurde bislang vor allem in E. coli, aber auch in anderen Enterobakterien in Menschen, Tieren oder Lebensmitteln gefunden, zuerst in Großbritannien und China, aber auch in Dänemark, Afrika, Südamerika und Kanada. In China war das Resistenzgen mcr-1 nicht nur bei E. coli, sondern auch bei Klebsiella pneumoniae in Proben zwischen 2011 und 2014 gefunden worden, wie chinesische Wissenschaftler im Februar in der Zeitschrift The Lancet berichteten und vor einer "globalen Resistenz" warnten, da das Gen zwischen Bakterienstämmen übertragbar ist.

Im März berichteten Wissenschaftler des Forschungsverbunds RESET in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) ebenfalls in der Zeitschrift The Lancet, dass das Resistenzgen mcr-1 erstmals in Deutschland in Proben von E. coli aus Schweinen seit 2011 und bei einem Menschen 2014 gefunden wurde. In allen Proben wurden auch noch weitere Resistenzgene gefunden, was, so die Wissenschaftler, "die Optionen für eine antibiotische Behandlung noch stärker einschränkt". Da das Resistenzgen schon seit mindestens 2010 in Deutschland vorkommt, könne dies bedeuten, dass es sich auch bei Menschen inzwischen schon weiter verbreitet hat.

Insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis Bakterien mit dem Resistenzgen auch in den USA auftauchen. MRSN 388634 hatte 15 Resistenzgene. Das mcr-1-Resistenzgen stellt ein neues IncF-Plasmid dar. Das sei deswegen besorgniserregend, weil diese Plasmide antimikrobielle Resistenz bei den Enterobakterien verbreiten. Die Wissenschaftler schreiben, es sei eine kontinuierliche Beobachtung der Entwicklung notwendig.

Colistin wird wegen seiner Toxizität nur im Notfall gegen gramnegative Bakterien angewendet, beispielsweise gegen Carbapenem resistente Enterobacteriaceae (CRE), die bis zu 50 Prozent der Menschen töten, die von ihnen - in der Regel in Krankenhäusern - infiziert werden. Die in der Frau gefundenen Bakterien sind noch mit anderen Reserveantibiotika behandelbar, insofern ist der Fund kein Anlass zur Panik, zumal das resistente Gen auch schon zuvor woanders entdeckt wurde. Aber es ist möglich, dass sich mcr-1 bei anderen Bakterien verbreitet.

Gefunden wurde es auch bei einer Probe aus einem Schwein, wie das US-Landwirtschaftsministerium gerade berichtet hat. Das hier gefundene mcr-1 sei nicht nur gegen Colistin, sondern auch gegen die Antibiotika Ampicillin, Streptomycin, Sulfisoxazol und Tetracyclin resistent. Untersucht wurden seit April auch Tausende Salmonellen-, E. coli- und Klebsiella-Proben von Menschen und von Fleisch im Handel. Hier wurde mcr-1 nicht entdeckt. Gleichwohl fordern die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und das Landwirtschaftsministerium die Menschen auf, dass auch dann, wenn das Resistenzgen noch selten in den USA sein sollte, Fleisch, Geflügel und Fisch ausreichend zu kochen, um Bakterien oder Viren zu töten.

"Das zeigt uns", so CDC-Direktor Tom Frieden, "dass für Antibiotika das Ende des Wegs nicht mehr weit entfernt ist, dass wir uns also in einer Situation befinden, in der wir für Patienten in unseren Intensivstationen oder mit Infektionen im Harntrakt keine Antibiotika mehr haben." Der Gouverneur von Pennsylvania, Tom Wolf, nimmt den Fund sehr ernst und betrachtet ihn als Notfall. Man werde alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, teilte er mit, um zu verhindern, dass sich das Resistenzgen mit "möglichen ernsthaften Folgen" weiter verbreitet.

Ein wichtiger Schritt wäre, endlich ernsthaft die weit verbreitete Verwendung von Antibiotika in der Tierzucht, vor allem in der Massentierhaltung, einzuschränken. Hier werden Resistenzen praktisch ausgebrütet, die sich dann über die Landwirte und die Nahrungskette weiter verbreiten. Die WHO hatte vor zwei Jahren vor der rasanten Ausbreitung von Resistenzen und dem Beginn eines "postantibiotischen Zeitalters" gewarnt. 2013 warnten die CDC vor dem wachsenden Problem der Antibiotikaresistenz. Antibiotika seien eine wichtige Waffe zur Bekämpfung von bakteriellen Infektionen, aber der Missbrauch durch exzessive Verschreibung habe die Krankheitskeime zunehmend resistent gemacht. Um die 50 Prozent der verschriebenen Antibiotika seien unnötig oder würden nicht richtig eingenommen.

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