Warten auf die vierte Corona-Welle…

Bild: Silas Baisch/Unsplash

Ist die linke Kritikfähigkeit durch die Pandemie gewachsen? Oder ihre Unfähigkeit zur Kritik und dauert diese vielleicht länger an als die Pandemie? Kommentar

Die Sonne scheint, die Corona-Insidenzen sinken ebenso wie die Zahl der Maskenträger im öffentlichen Raum. Manchmal könnte man denken, die gar nicht mal so satirische Partei hätte sich durchgesetzt. Schließlich hatte sie vorgeschlagen, Corona einfach zu verbieten. Und selbst der immer mahnende Karl Lauterbach gibt sich überzeugt, dass in Deutschland ein vierter Lockdown nicht nötig sein werde. Doch haben wir nicht Ende August letzten Jahres von Karl Lauterbach gehört, es werde keinen zweiten Lockdown mehr geben?

Vor knapp 10 Monaten gab sich Lauterbach nicht nur überzeugt, dass ein zweiter Lockdown nicht notwendig werde. Auch Schul- und Kitaschließungen hielt er damals für "völlig falsch". Daher kann man fast sicher sein, dass von Lauterbach ganz andere Töne zu hören sein werden, falls die vierte Welle kommen sollte. Die hält nicht nur Lauterbach für nicht vermeidbar. Es wird jetzt schon darüber diskutiert, wie die Corona-Lage im Herbst aussehen wird.

Trotz der Erfolge bei den Impfungen klingen die Warnungen des Vorsitzenden der Interdisziplinären Vereinigung der Intensiv- und Notfallmedizin, Gernot Marx, doch sehr vertraut.

"Dann werden wir wieder Lockdown-Maßnahmen einführen müssen"

Wenn viele Menschen unvorsichtig werden, könnten sich im Herbst wieder mehr Infektionen ereignen, "eine vierte Welle ist möglich", äußerte Marx gegenüber dem RND. "Das Risiko dafür, dass es erneut viele Schwerkranke und Todesfälle geben könnte, besteht weiterhin." Doch kommt diese vierte Welle womöglich schon früher. Ulrich Montgomery vom Weltärztebund betont, dass es keine Angstmache sei, wenn man die über die vierte Welle redet.

Montgomery warnt vor allem vor Impfabbrechern, die wegen der aktuell scheinbar entspannenden Corona-Situation die zweite Impfung einfach vergessen, was den Schutz massiv einschränkt. Was dann passieren könnte formuliert Montgomery so:

Dann werden wir wieder Lockdown-Maßnahmen einführen müssen. Es wird ja schon so im Hintergrund ein kleines bisschen von der drohenden vierten Welle im Herbst geredet. Das ist keine Angstmache. Wenn wir jetzt nicht nach dem erfolgreichen Brechen der dritten Welle durchimpfen, dann laufen wir Gefahr, im nächsten Herbst wieder in dieselbe Kalamität hereinzukommen, wie wir sie im letzten Herbst hatten.

Ulrich Montgomery

Großbritannien schon in der vierten Welle?

In Großbritannien ist die vierte Welle keine Drohung für den Herbst. Dort steigen die Inzidenzzahlen wieder und jetzt wird in der Politik schon diskutiert, ob die eigentlich vorgesehen Lockerungen im Alltags- und Kulturleben wieder zurückgenommen werden sollen. Doch dagegen regt sich Widerstand auch bei der konservativen Regierungspartei, die allerdings vor allem die Interessen der Wirtschaft bedient.

Beunruhigend ist daran, dass es in Großbritannien eigentlich eine erfolgreiche Impfkampagne gab und die womöglich eine vierte Wellte nicht verhindern kann. Unabhängig vom Pandemiegeschehen sind wohl manche schon gedanklich in dieser vierten Welle. Diesen Eindruck hat man zumindest, wenn man liest, was einen beispielsweise beim Besuch eines Punkkonzerts im öffentlichen Raum passieren kann, wenn man gerade keine Maske trägt.

"Am Ende kam dann jedenfalls ein ganzer Trupp des selbstverwalteten Ordnungsdienstes und wir wurden mit sanfter Gewalt und einigem Geschrei vom Konzert entfernt", schrieb ein Beteiligter des Geschehens. Er berichtet auch über die gute Kooperation zwischen dem szeneeigenen Ordnungsdienst und der Polizei:

Sofort kamen, angelockt von der durch den selbstverwalteten Ordnungsdienst begonnenen Schubserei, auch Vertreter des echten Ordnungsdienstes. Die Polizisten fragten, was los sei und wurden vom outgesourcten Ordnungsdienst korrekt darauf hingewiesen, dass man gerade Maskenverweigerer entfernte. Worauf die Polizisten sich ihrerseits befriedigt entfernten.

Magazinredaktion.tk

Wie steht es mit der linken und libertären Kritikfähigkeit?

Am Rande einer Veranstaltung, die an die Niederschlagung des Aufstands von Kronstadt vor 100 Jahren und die Aktualität libertärer Politik heute erinnern sollte, kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen den libertären Organisatoren und einem Menschen, der Flugblätter der Freien Linken verteilt hat, die sich als Kritikerin der Corona-Maßnahmen versteht.

Dem Verbot der Veranstaltungsleitung, die Flugblätter der umstrittenen Gruppe an diesem Ort zu verteilen, kam der Mann nach. Er wollte an der Kundgebung teilnehmen. Doch die für den Ordnerdienst Verantwortlichen forderten ihn zum Gehen auf. Bekannte und Umstehende des Mannes versuchten vergeblich zu vermitteln. Das führte aber lediglich dazu, dass sie nun ebenfalls den Platz verlassen sollten.

Zunächst lauteten die Vorwürfe, die Freie Linke habe an Protesten gegen die Corona-Maßnahmen gemeinsam mit offenen Rechten teilgenommen. Um eine durchaus kritische Auseinandersetzung schien es da aber nicht mehr zu gehen. Eine Person, die vermitteln wollte, beschrieb gegenüber Telepolis die Stimmung so:

Die Gewaltandrohungen wurden deutlicher, wenn auch gesagt werden muss, dass einige Kundgebungsteilnehmer:innen immer wieder versuchten, die besonders aggressiven Macker von direkten körperlichen Angriffen abzuhalten. Abschließend wurde unser bedrängtes Grüppchen mit Wasser und Bier übergossen und unter Rufen wie "Nazis raus" und "Wo ist denn die Polizei, wenn man sie mal braucht" weggedrängt.

Augenzeuge

Auffallend war, dass zunächst einer Person vorgeworfen wurde, Flugblätter einer Gruppierung zu verteilen, die die Abgrenzung nach rechts vermissen lasse. Bald wurde aber die gesamte Gruppe selbst als "Nazis" bezeichnet. Das ist kein Einzelfall und hebt den Zwischenfall auf der anarchistischen Veranstaltung über den einzelnen, konkreten Vorfall hinaus.

Es geht um die Frage der eigenen Kritikfähigkeit und der Bereitschaft, auch mit unterschiedlichen Positionen umgehen zu können. Es steht zu befürchten, dass diese Fragen weiter aktuell sein werden, selbst wenn die Corona-Wellen tatsächlich zu Ende gehen. Sollte aber bald die vierte Welle kommen, könnte diese Kritikunfähigkeit noch weiter zunehmen. (Peter Nowak)