Warum Facebook wahrscheinlich nicht an Angriffen auf Flüchtlinge schuld ist

Bild: LoboStudioHamburg / CC0 Creative Commons

Als "Meilenstein" und "atemberaubend" pries die New York Times ihre Enthüllung an, wonach Facebook mitverantwortlich für Gewalt gegen Flüchtlinge in Deutschland ist. Doch an der Story ist wahrscheinlich nichts dran

Der Artikel schien zu bestätigen, was viele längst vermutet hatten: Facebook gefährdet das soziale Miteinander auch im echten Leben. Der Social-Media-Gigant, der von Wahlmanipulation bis Selbstmorden schon für so ziemlich alles verantwortlich gemacht wurde, sollte nun auch schuld an Angriffen auf Flüchtlinge in Deutschland sein. So stand es am Dienstag letzter Woche in der New York Times, offenbar wissenschaftlich bewiesen und gewissenhaft journalistisch aufbereitet.

Unter der Überschrift "Facebook befeuerte Angriffe auf Flüchtlinge in Deutschland, legt eine neue Studie nahe" hatten die beiden New York-Times Autoren Amanda Taub und Max Fisher sich für ihre Story auf eine Reise durch die deutsche Provinz begeben. Ihr Ziel: Herausfinden, warum Menschen zu rechten Gewalttätern werden. Das Ergebnis ist eine aufwändig recherchierte, spannend erzählte Geschichte.

Die beiden Autoren sprechen mit Flüchtlingshelfern, Psychologen, Wissenschaftlern und Anwohnern und nähern sich so Stück für Stück dem vermeintlich Schuldigen: Facebook. "In Orten, in denen die Facebook-Nutzung über den Durchschnitt lag [...] ereigneten sich zuverlässig mehr Angriffe auf Flüchtlinge", ist einer der zentralen Sätze des Textes. Doch an der Enthüllung, die in den darauf folgenden Tagen zigtausendfach auf Facebook und Twitter geteilt wurde, ist wahrscheinlich nichts dran.

It's Korrelation, stupid!

Im Zentrum der Argumentation von Taub und Fisher steht eine Studie von zwei deutschen Wissenschaftlern der University of Warwick. Sie untersuchten 3.335 Angriffe auf Flüchtlinge überall in Deutschland und überprüften, ob es in den Gemeinden, in denen die Taten stattfanden, Auffälligkeiten bei der Facebook-Nutzung gab.

Und tatsächlich: Überall dort, wo besonders viele User auf Facebook aktiv waren, häuften sich auch die Angriffe auf Flüchtlinge. Mehr noch: Die Gewalt nahm nicht nur im Zusammenhang mit flüchtlingsfeindlichen Posts zu; Facebook-Nutzung generell schien die Angriffe zu befeuern.

So interpretierten zumindest die NYT-Autoren die Ergebnisse der Studie. Doch die Untersuchung zeigte nur, dass Facebook-Nutzung und Angriffe zur selben Zeit und an den selben Orten ansteigen. Dass das eine auch die Ursache des anderen ist, belegt sie nicht. Der Unterschied zwischen Kausalität (A nimmt zu, weil B zunimmt) und Korrelation (mehr A geht mit mehr B einher und umgekehrt) ist etwas, das jeder Soziologie-Student eigentlich im Einführungsseminar lernt.

Doch die New York-Times-Autoren sahen offenbar darüber hinweg. Stattdessen machten sie den Facebook-Effekt für "ein Zehntel der flüchtlingsfeindlichen Gewalt" in Deutschland verantwortlich und schwärmten von einer "atemberaubenden Statistik".

Die Facebook-Pages von Nutella und AfD als Datengrundlage

Es dauerte nicht lang bis die ersten Leser in sozialen Netzwerken auf die Gewagtheit der Schlussfolgerungen hinwiesen: Könnten die höhere Facebook-Aktivitäten nicht die Folge der Gewalttaten sein, statt andersherum?

Ist es nicht wahrscheinlicher, dass beide Variablen von einem gemeinsamen dritten Faktor abhängen? Doch da war der Text längst viral gegangen: Innerhalb des ersten Tages wurde der Text zehntausendfach in sozialen Netzwerken geteilt und geliked. Allein die Artikel-Posts des Autors Max Fishers wurden auf Twitter über 4000-mal retweeted.

Aber auch die Kritik mehrte sich. In einem Twitter-Thread machte der Berliner Kommunikationswissenschaftler Jonas Kaiser darauf aufmerksam, dass die Auswertung der Facebook-Nutzung lediglich auf zwei Facebook-Seiten basiere: die der AfD und von Nutella.

Aktivitäten auf der Seite der Rechtspopulisten galten den Studienmachern als Indikator für die Anzahl flüchtlingsfeindlicher Posts. Die Fanseite des Schokoaufstrichs galt den Forschern hingegen als unpolitische Kontrollgruppe, anhand derer man die allgemeine Facebook-Nutzung messen wollte. Die New York Times-Autoren erwähnen in ihrem Text allerdings weder AfD noch Nutella. Sie schreiben einfach pauschal von "Facebook-Usage".

Zweifel an der Repräsentativität von Nutella-Interaktionen äußert der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Tyler Cowen. Auf seinem Blog Maginal Revolution verweist er darauf, dass es sich bei den in der Studie angegebenen 32 Millionen Likes nicht um die deutsche, sondern um die weltweite Schokocreme-Fangemeinde halte. In Deutschland komme die Seite gerade einmal auf knapp 22.000 Interaktionen (Likes, Shares und Kommentare). Auf 4.466 Gemeinden verteilt, sei der Datensatz schlicht zu gering.

Der Kritik schließt sich auch der Tech-Korrespondent des britischen The Economist, Hal Hodson, an:

Zusammengefasst wird in der NYT-Story von "Facebook-Nutzung" gesprochen und von deren Korrelation mit Gewalt gesprochen. Aber die Zeitung hat die Facebook-Nutzung nicht gemessen. Sie hat die Aktivität auf lediglich zwei Seiten gemessen: Alternative für Deutschland und Nutella. Dass die NYT-Story das nicht einmal erwähnt, ist schlecht.

Hal Hodson, The Economist

Warum ist das eigentlich niemandem aufgefallen?

Die Frage, ob Studienmacher oder NYT-Autoren für all verantwortlich sind, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Hat eine Studie, die nicht hält, was sie verspricht, die New York Times-Autoren auf eine falsche Spur geführt? Oder haben die Reporter auf der Suche nach einer aufregenden Story, etwas zu viel in die Studie hinein interpretiert? Wahrscheinlich beides.

Die Forscher schreiben zwar an einer Stelle ihrer Studie, dass die Ergebnisse "keine kausale Schlussfolgerung" zulassen. An anderer Stelle befördern sie diese aber selbst, wenn sie schreiben: "Die Korrelationen [...] lassen einen starken statistischen Zusammenhang zwischen flüchtlingsfeindlichen Posts in Sozialen Medien und Hate Crimes vermuten." Zum Schluss ihrer Untersuchung schreiben sie:

Insgesamt legen die Ergebnisse unserer Studie nahe, dass das Ausgesetzt-Sein auf rechtsgerichtete Flüchtlings-Auffälligkeiten (im Original: right-wing refugee salience) in sozialen Medien ein Prädiktor für gewalttätige Angriffe auf Flüchtlinge ist.

Fanning the Flames of Hate: Social Media and Hate Crime

Zugute halten könnte man den Wissenschaftlern dass ihr Arbeit formell noch gar nicht abgeschlossen ist. Im akademischen Betrieb ist es üblich, dass unabhängige Gutachter die wissenschaftliche Korrektheit einer Arbeit vor der Veröffentlichung überprüfen. Doch die Untersuchung aus Warwick hatte das nötige Peer-Review-Verfahren noch gar nicht durchlaufen und war deshalb auch bisher in keiner wissenschaftlichen Fachzeitschrift erschienen.

Im Tech-Magazin Slate sieht Autor Felix Salmon deshalb die Schuld bei der New York Times:

Es liegt nicht an den Autoren, sondern an der New York Times, die in diesem Fall viel sorgsamer und umsichtiger hätte sein müssen. Wenn die Times Worte wie "Meilenstein" und "atemberaubend" benutzt, dann stellt sie Ansprüche auf, denen jede Studie nur schwer gerecht kann.

Felix Salmon, Slate

Die New York Times selbst hat bisher auf keinen Kanälen auf die Kritik reagiert. Der Text ist unverändert weiter online. Und auch die Frage, was nun wirklich hinter dem Zusammenhang zwischen Facebook-Nutzung und flüchtlingsfeindlicher Gewalt steckt, hat bisher niemand eine wissenschaftlich überprüfte Antwort.

Zumindest eine Vermutung hat der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Tyler Cowen im Angebot. Auf seinem Blog Maginal Revolution schreibt er, die Variablen "Facebook-Aktivität" und "Angriffe auf Flüchtlinge" reagierten einfach auf die gleichen externen Ereignisse wie zum Beispiel die Kölner Silversternacht.

Zumindest ein klein bisschen Facebook-Kritik kann Felix Salmon der Geschichte noch abringen. "Wenn das Unternehmen einfach Zugriff auf seinen Daten ermöglichen würde", schreibt er auf Slate, "wären wir nicht mehr zu Schätzungen mit unvollkommenen Nutella-Stellvertretern gezwungen".

Anzeige