"Warum Krieg?"

Atombombentest als Teil der Militärübung Desert Rock, 1951. Bild: U.S. Army / gemeinfrei

Im Raum der systemischen Gier: Pazifistische Notizen zur militärischen Heilslehre

Kriege werden von "Eliten" (nie von Landesbevölkerungen!) aus vielen Gründen geführt. Da wäre zunächst - gemäß Planzielvorgaben in Militärdoktrinen - das Ansinnen, geostrategische (machtpolitische) und ökonomische Interessen der eigenen Seite zu befördern. Es muss hierbei nicht zwingend darum gehen, z.B. Statthalter und Militärstützpunkte in Territorien zu installieren, auf denen man von Rechts wegen nichts zu suchen hat.

Geostrategen können sich durchaus auch einen Nutzen davon versprechen, andere Länder oder ganze Erdregionen in Chaos und Gewalteskalation zu stürzen. In solchen Fällen mag dann der Blauäugige lamentieren, eine bestimmte Kriegsintervention habe das vorgegebene Ziel ja gar nicht erreicht, obwohl genau das erreicht worden ist, was die Drahtzieher der Kriegsmaschine erreichen wollten.

Machtstreben als systemischer Motor des Weltgeschehens - also nicht als individuelles Psychogramm verstanden - ist freilich kein rationales Zivilisationsprogramm. Es ist verwoben mit Strukturen der Angst und geht somit zwangsläufig mit einer Vernebelung des klaren Denkens einher. Es ist völlig gleichgültig, wie großkotzig unter solchem Vorzeichen die eigenen Strategien und Handlungen als "rational" (zielführend usw.) gepriesen werden: Die Dinge kollidieren mit den Pathologien der Gegenseiten, geraten aus dem Ruder und werden unkontrollierbar - auch da, wo man gar kein Chaos anrichten wollte.

Hier bietet es sich nicht mehr an, den Blick auf diesen oder jenen kategorialen Interessenskomplex im imperialen Ringen zu fixieren. Vielmehr müsste zum Vorschein kommen, dass das Ganze des militarisierten Zivilisationsgefüges destruktiv, ja selbstmörderisch ist! Auch die Möglichkeit, dass ein psychiatrisch behandlungsbedürftiges Individuum am Schaltpult eines Atombomben-Arsenals sitzt, kann nur als Sonderfall einer größeren Pathologie betrachtet werden.

Die Notwendigkeit, bei den konkreten Einzelschauplätzen zu differenzieren, gilt selbstredend auch bei der militärischen Absicherung von Wirtschaftsinteressen. "Krieg für Öl", der den "richtigen Konzernen" Zugang zu bestimmten Ressourcen der Erde verschafft, ist nur eine Variante. In der "Logik" der systemischen Gier kann es bereits zielführend sein, anderen die Nutzung von Rohstoffen, Energiequellen usw. in ihrem eigenen Land oder auf auswärtigen Territorien unmöglich zu machen.

Hier ist es z.B. schon "nützlich", Güter des Planeten oder Infrastrukturen zu ihrer Erschließung einfach zu zerstören, ohne sich die betreffenden Ressourcen selbst anzueignen. Auch bezüglich der Erschließung von Sektoren des Welthandels und der Absicherung von "Handelswegen" muss es nicht unbedingt immer darum gehen, sich selbst freien Zugang zu verschaffen.

Es kann schon als Vorteil betrachtet werden, anderen den Zugang zu verschließen. Ein Begriff wie "Währungskrieg" bewahrt uns schließlich davor, bei ökonomischen Schlachtfeldern - mit vielen Toten - immer nur an Militärinterventionen zu denken.

Unter den Bedingungen eines freien und rationalen Diskurses der Weltgesellschaft - mit entsprechenden politischen Verfahren zur Verfolgung des Weltgemeinwohls - hätten die Betreiber der Kriegsapparatur schlechte Karten. Bekanntermaßen sind wir aber weit entfernt von jenen Bedingungen, die ein Emmanuel Kant als Voraussetzung für dauerhaften Frieden ansah. Innerhalb der Länder und auf der nunmehr eng vernetzten Erdkugel insgesamt werden nicht die Interessen der Bevölkerungsmehrheit, sondern die einer Minderheit durchgesetzt.

Die Vermögensrelationen fallen global so aus: "1 Prozent versus 99 Prozent" und "8 (88 oder 888) Individuen versus die Hälfte der Weltbevölkerung". Die Symbiose der Komplexe Ökonomie, Politik und Militärapparatur macht solchen Widersinn möglich und kommt - wie schon Thomas Morus (1478-1535) wusste - nie den Armen zugute.

Die Besitzenden - als Profiteure der real existierenden Ökonomie - zeichnet freilich keine harmonische Interessensgleichheit aus. Bei bestimmten Militärinterventionen oder Wirtschaftssanktionen gibt es für die einen Gewinne und für eine andere Fraktion Verluste. Da die großen ökonomischen Komplexe zum beträchtlichen Teil transnational operieren, sind ihre Interessen nicht unbedingt deckungsgleich mit bestimmten "nationalen Wirtschaftsinteressen".

Schließlich ist es leider erwiesen, dass sogenannte Eliten ein Land zum Kriegführen bringen können, obwohl dies im Ergebnis den Zusammenbruch der gesamten Volkswirtschaft des Landes bewirkt. Wie widersprüchlich von Fall zu Fall die Interessen auch sein mögen, eines ist allen Akteuren im Raum der systemischen Gier gemeinsam: Sie sind nicht in der Lage, über kurz-/mittelfristige Zeiträume hinaus zu denken, das Wohl der menschlichen Gemeinschaft zu achten und eine zivilisatorische Perspektive auch für die noch nicht geborenen Generationen zu verfolgen.

Zu den "Herren der Welt", die dem Schweizer Dichter Kurt Marti zufolge "mit dem Tod uns regieren", gehören allüberall auf dem Planeten auf jeden Fall und vorzüglich jene, die am Krieg direkt verdienen - seien es nun die Produzenten von Rüstungsgütern, privatisierte Waffenverbände oder solche Dienstleister auf Kriegs- und Besatzungsschauplätzen, die sich als Teil einer ehrenwerten "Friedensindustrie" präsentieren.

Ihr Getriebe schmieren die Kriegsprofiteure zu allen Zeiten mit Menschenblut. In ihren Werkstätten wird der Sache nach seit eh und je das Gleiche getan: Man erforscht, wie man möglichst effizient möglichst viele Mitglieder der menschlichen Spezies durchlöchern, zerfetzen, vergiften, verstrahlen ... kann, und produziert die entsprechenden Mordtechnologien.

Die Politik in einem kriegerischen Zivilisationskomplex fördert die milliardenschweren Rüstungsprofiteure, denn diese gewährleisten u.U. die "nationale militärtechnologische Souveränität" und ermöglichen es, über Waffenlieferungen ("Ertüchtigungen") an ferne Kriegsfreunde auf Militärschauplätzen mitzumischen, auf denen man selbst gar keine eigenen Soldaten etc. einsetzt.

Die Kriegsprofiteure ihrerseits sind an einem guten Draht zum politischen Komplex sehr interessiert. Ohne eine Politik, die bereit ist Krieg zu führen und für Mordtechnologien astronomische Summen auszugeben, würde man ja keine Profite erzielen. Die Liebe ist also beidseitig und etwas ganz Gewöhnliches. Niemand regt sich noch darüber auf, wenn z.B. der ehemalige Anti-Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel oder Ex-Militärminister Franz-Josef Jung in die private Kriegsindustrie wechseln - unter hoher Dotierung, versteht sich.

Obwohl viele kluge Köpfe, darunter Albert Einstein oder die US-Präsidenten Eisenhower und Kennedy, auch diesen Sektor des ökonomisch-militärischen Komplexes deutlich beim Namen genannt haben, reden selbst bürgerliche Kritiker des Kriegsdenkens nicht gerne davon. Man befürchtet, öffentlich als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt zu werden.


Es kann ja nur Zufall sein, wenn es zu einem Personalaustausch in beiden Richtungen (Politik/Kriegskonzerne) kommt oder ein örtliches Quantitätsmedium zeitgleich zu Protesten vor einer Rüstungskonzernzentrale ein seitenfüllendes Interview aus dem Ärmel zaubert, das den Chef des Rüstungskonzerns am Ende als großen Menschenfreund erweist.

Wenn die Friedensbewegung im Lande nur über den Bruchteil des PR-Budgets eines einzelnen großen Rüstungskonzerns verfügen würde, wäre die Mehrheit der Werkstätten, in denen man den zigtausendfachen Menschentod für eigene Anwendung und Export produziert, längst geschlossen. Indessen geht es keineswegs vorrangig um Gefälligkeiten und Geschenkpäckchen, die unterm Konferenztisch die Seiten wechseln.

Die Basis des Kriegsapparates reproduziert sich über einen geistig-kulturellen Überbau, der viel tiefer ansetzt als einzelne Propagandakampagnen. Es handelt sich bei der militärischen Heilslehre um eine sehr robuste Zivilreligion. Man muss dieser Konfession angehören, um im Tempel des öffentlichen Geschehens - oder bei staatskirchlichen Massenevents - als ernstzunehmende Persönlichkeit zu gelten. Irgendwie weiß jeder, dass die Militärreligion auch im letzten Vierteljahrhundert nur ein Unheil nach dem anderen bewirkt hat.

Aber man lässt es den Regierenden ohne weiteres durchgehen, dass sie in ihren Dokumenten die Liste eines unaufhörlichen Bankrotts unterschlagen. Als die Billion, die man für Gewalteskalation und Leidensmaximierung im Endlos-Afghanistankrieg ausgegeben hat, schon fast erreicht war, spukten die Märchen vom Brunnenbau am Hindukusch noch immer in vielen Köpfen herum.

Manche Menschen glauben unverdrossen, es ließen sich mit US-amerikanischen, russischen oder sonstigen Bomben aus der Luft menschenfreundliche Werke vollbringen. Das beweist aber lediglich, wie tief der Aktivitätsgrad der menschlichen Großhirnrinde herabgesetzt werden kann.

Kriege werden nicht geführt, um die Weltherrschaft einer Religion durchzusetzen. (Alle diesbezüglichen Erscheinungen lassen sich leicht als Epiphänomene einer ganz andersartigen Kriegsbasis entzaubern.) - Kriege werden nicht geführt, um Menschen zu schützen oder Menschenrechte durchzusetzen. Dies gilt schon wegen der Untauglichkeit des Mittels "Krieg", das nur mehr Schutzlosigkeit und Verachtung von Menschenrechten bewirkt.

In den Doktrinen der mächtigen Militärkomplexe ist uneigennütziger Menschenschutz aber auch gar nicht vorgesehen. - Kriege werden nicht geführt, um Menschleben zu retten. Vielmehr nehmen sich die Budgets für Lebensrettung im Vergleich zum Weltrüstungshaushalt wie eine Trinkgeldkasse aus. Kleine Beträge würden gebraucht, um Millionen Menschen vor einem Tod durch Unterversorgung zu bewahren. Die notwendigen Beträge kommen bei Bettelaktionen regelmäßig nicht zusammen.

Beim Hochrüstungswahn ist auf wundersame Weise immer genug Geld da. - Kriege werden schon gar nicht geführt, um die UN-Charta durchzusetzen und das Völkerrecht zu stärken. Vielmehr ist keine der mächtigen Militärnationen daran interessiert, die Vereinten Nationen noch zu unseren Lebezeiten zu demokratisieren und mit den zur Erfüllung ihrer Aufgaben erforderlichen Mitteln auszustatten. Jüngst hat es sich gar im deutschen Fernsehen erwiesen, dass eine Militärministerin mit den grundlegenden Sachverhalten des Völkerrechts offenbar gar nicht vertraut zu sein braucht.

Für uns Westeuropäer ist die Zeitspanne ohne Bomben vor der Haustür ein großes Geschenk. Im Licht der menschlichen Geschichte handelt es sich allerdings nur um ein paar Jahrzehntchen, was im Atomzeitalter weniger als wenig ist. Gute Friedensnachrichten auf dem Globus sind rar dieser Tage.

Auch deshalb zum Abschluss dieser Notizen nun doch noch eine praktische Fußnote, nämlich ein Link zu den örtlichen Terminen des bundesweiten Ostermarsches für den Frieden von Samstag bis Montag.

Ob die Berichterstattung wie gewohnt zumeist unfreundlich ausfällt oder nicht, ist nicht das Wichtigste. Bedeutsam hingegen wird sein, dass Pazifisten und Antimilitaristen sich auf ermutigende Weise verständigen können.

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