Warum Pininfarina nicht bis zur Mondbasis kam

NSU Ro80. Bild: Lothar Spurzem. Lizenz: CC-BY-SA-2.0

Als das Weltall aus der Mode kam - Teil 2

Hier spricht Tab Fandor, Besitzer des Raumschiffs CTR-179, Mitglied des Erzsucher-Syndikats. Bitte um Landeerlaubnis.

Bernt Kling: Schatzinsel im All. TerraNova Nr. 58

Lichtjahre von Alpha Centauri entfernt steht im Werksmuseum von Audi in Ingolstadt ein NSU RO 80 von Pininfarina. Diese Automobil-Studie von 1971 vereint auf kongeniale Weise die Eleganz italienischen Designs mit utopischem Potenzial, und damit ist nicht nur der eingebaute Wankelmotor gemeint, sondern der Entwurf des möglich Kommenden. Ernst Bloch hätte von der konkreten Utopie gesprochen.

Elf Jahre zuvor hatte der Walter Lehning Verlag in Hannoversch Münden seine Comic-Reihe "Nick, der Weltraumfahrer" eingestellt. Das Gefährt, mit dem Nick durch das Comic-Universum düste, hatte nichts mit italienischem Design, aber viel mit der A4 - gerne auch "V2" (für Vergeltungswaffe) genannt - des SS-Sturmbannführers Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun zu tun. Die schlanke rote Rakete landete aufrecht stehend auf ihren drei Flügelsegmenten und Nick, der Weltraumfahrer, musste nach seinem Ausstieg aus einer kleinen Luke auf einer langen Leiter nach unten klettern, bis er den Boden (etwa der Venus) berührte.

Sieht man sich demgegenüber das Design der ersten Mondlandung an, wird es ernüchternd. Neil Armstrong und Buzz Aldrin hopsten mit ihren Lebenserhaltungssystemen auf dem Rücken wie dicke weiße Maden oder weiße Wattebäuschchen über die Mondoberfläche. Die Mondfähre selbst sah aus wie eine recycelte Blechdose Bohnen. Das Mondauto erinnerte an eine fahrende Karosserie ohne Aufbau.

Lunar Rover. Bild: NASA

Gegenüber den Weltraumfantasien und dem digitalen Weltenraum hat die reale Raumfahrt die Unbeholfenheit, real - also analog - zu sein. Das ist dann so, wie der mit Hilfe von Photoshop auf unerreichbare Makellosigkeit und Schönheit getrimmte schlanke, gebräunte, von Pickeln und Muttermalen befreite Körper im Vergleich zu den real existierenden Menschen mit ihren Bierbäuchen, Sorgenfalten und Geheimratsecken. Als wahr gewordene Utopie kann sie nur eines: enttäuschen.

Anstatt des mächtigen, sich wegen der Schwerkraft drehenden Rad der Weltraumstation mit den angedockten interstellaren Raumschiffen fliegt derzeit eine Art Konservenbüchse mit diversen Anbauten durch das All. Die Internationale Raumstation erinnert ein wenig an die Röhren eines Abwassersystems, gepaart mit den Flächen eines Solarfeldes. Aus den geschlossenen, stromlinienförmigen und abgerundeten technischen Fantasieobjekten wurden zusammengestöpselte, kantige, unsymmetrische Gebilde, aus denen lange Antennenbäume, Messsensoren und andere Anbauten ragen. Die Ästhetik der real existierenden Raumfahrtgebilde ist die der hydraulischen Bremshebelanlage und der doppelt gemufften Einspritzdüse. So reicht sie kaum an die der Röhren-Raumschiffe in "Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte" heran.

ISS aufgenommen vom Space Shuttle Discovery (2005). Bild: NASA

Gegenüber der digitalen Welt ist diese Weltall-Hardware ohne utopische Aufladung eher langweilig und unspektakulär. Das ist so, als würde man sich mit der Mechanik einer vollautomatischen Waschmaschine abmühen, wo doch nur ein Fingerdruck genügt, um in der Welt von "Warcraft" abzutauchen. Anders als im Digitalen hat diese analoge Weltraumwelt keine wirklichen technischen Neuerungen zu bieten. Mit den derzeitigen Antriebsarten dauert es eben so lange wie es dauert, bis eine Weltraumsonde den Pluto passiert: eben Jahre.

Sicher, Mess- und Kommunikationstechnik haben sich verändert, neue Materialien werden eingebaut und die Regelsysteme aufgrund digitaler Technik intelligenter und effektiver. Doch die grundlegende Anforderung der Weltraumfahrt, eben die Bewegung durch den Raum, unterliegt noch den gleichen Gesetzen wie zur Zeit der ersten Mondlandung. So lange die Überlichtgeschwindigkeit nur ein gedachtes Moment bleibt, bleibt die Weltraumfahrt an die Grenzen der Zeit gebunden, die wir mit herkömmlichen Antrieben bewältigen, um die Abgründe des Raumes zu überwinden.

Demgegenüber ist der innere Raum des digitalen Universums unbegrenzt. In ihm bewegen wir uns mit Lichtgeschwindigkeit und jeder Ort dieses Universums ist uns zugänglich. Ja mehr noch, wir können die Grenzen dieser Welt beliebig hinausschieben. Für diese Reisen benötigen wir weder die stromlinienförmigen Raumraketen von Raumfahrer Nick noch mit Goldfolie umwickelte spinnenbeinige Mondlandevehikel. Die digitale Fortbewegung braucht überhaupt keine Vehikel und damit auch keine Ästhetik und kein Design. Sie ist formlos.

So beginnen wir zu erkennen, warum der Weltall uns zunehmend egal ist. Er birgt keine Verheißungen mehr, sondern nur noch die unerotischen Routinen eines nüchternen Wissenschaftsbetriebes, der nicht mehr in der Lage ist, all die Raumsonden und Besuche auf der Raumstation mit mehr aufzuladen, als mit der mehr oder weniger gelungenen Verschleierung von militärischen Interessen.

Während die Formlosigkeit des Digitalen uns sanft umschmeichelt, bleibt von der analogen Raumfahrt vor allem eines: Weltraumschrott.

Teil 1: Der Tag, an dem die Außerirdischen ausstarben. Es folgt: Langweilige Planeten.

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