Warum das Institut der deutschen Wirtschaft die allgemeine Impfpflicht fordert

Verunsicherung durch Omikron-Variante: Kommen Lockdown und Wirtschaftskrise? Die Entwicklung in anderen Ländern erlaubt Optimismus

Bei den Prognosen in der Wirtschaft scheint es wie bei denen für den Verlauf der Corona-Pandemie zu sein: Es wird viel Papier bedruckt – aber dann lässt sich die weitere Entwicklung doch nicht einfach vorhersagen. Nur eines dürfte im Moment feststehen: Die Omikron-Variante sorgt massiv für Verunsicherung.

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), schrieb kürzlich in einem Beitrag für das Handelsblatt: "Die Wirtschaftsprognosen der vergangenen zwei Jahre lagen fast immer völlig daneben, mal waren sie viel zu pessimistisch, dann wieder zu optimistisch". Mal habe man mit einem Einbruch der Wirtschaft um bis zu zehn Prozent gerechnet, dann konnte man sich nicht vorstellen, "dass es eine zweite, dritte und vierte Welle geben könnte".

Nun warnt Fratzscher: Die meisten Vorhersagen für das Jahr 2022 sind "enorm optimistisch". Man ginge kürzlich noch von einem Wirtschaftswachstum in Deutschland von mehr als vier Prozent aus, was so enorm wäre, "wie wir es seit der Erholung nach der globalen Finanzkrise seit 2010 nicht mehr gesehen haben".

Ganz grundlos sei der Optimismus nicht – aber er steht unter einem Vorbehalt: Wenn die Pandemie 2022 nicht weltweit "endgültig unter Kontrolle gebracht werden kann", drohen demnach neue wirtschaftliche Verwerfungen, bei den globalen Lieferketten oder beim privaten Konsum.

Risiko einer neuen Finanzkrise

Es könnte aber auch eine neue Finanzkrise drohen, denn viele – für Deutschland wichtige – Schwellenländer hätten große Probleme. Viele kämpften "mit einer Überschuldung und gegen Kapitalflucht, die die eigene Wirtschaft und das Finanzsystem in Schieflage bringen könnten".

Während Fratzscher sowohl Grund zu Optimismus als auch zu Pessimismus sieht, malen die Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) den Teufel an die Wand. Auch ohne Omikron werde die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal 2022 voraussichtlich einen Verlust von 35 Milliarden Euro verbuchen müssen. Komme es zu einer neuen Welle, dann könnte das zu weiteren Verlusten in Höhe von fünf bis 15 Milliarden Euro führen.

Müsste ein weiterer Lockdown verhangen werden, dann zöge es das Gastgewerbe und den stationären Einzelhandel in Mitleidenschaft. "Rund sechs Milliarden Euro pro Monat gehen in den Geschäften vor Ort verloren, teilweise wandert der Umsatz in den Online-Handel ab", heißt es beim IW. Und sollte es die Gastronomie so schlimm erwischen wie Anfang 2021, dann könnten sich die Umsatzverluste auf über zehn Milliarden Euro gegenüber einem normalen Jahr summieren.

Damit es nicht so weit kommt, plädiert das IW für eine allgemeine Impfpflicht. "Je schwächer die Pandemie und je geringer die notwendigen Einschränkungen, desto geringer sind auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen." Eine allgemeine Impfpflicht würde diesen Prozess beschleunigen.

Aber: Nicht die Unternehmen sollen eine solche Pflicht durchsetzen müssen, sondern das sei Aufgabe des Staates. Die Bundesregierung scheint sich weitgehend einig darüber zu sein, dem Drängen der Wirtschaft entgegenzukommen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) wirbt für Booster-Impfungen, die als "bester Schutz vor Omikron" von größter Bedeutung seien.

Schärfere Kontaktbeschränkungen, kürzere Quarantäne?

Es gelte auch zu überlegen, was die hochinfektiöse Omikron-Variante für Kontaktbeschränkungen und die Dauer der Quarantäne bedeute. Konkret dürfte er mit diesen Aussagen meinen: Die Kontaktbeschränkungen könnten voraussichtlich weiter verschärft werden, während die Dauer der Quarantäne verkürzt wird.

Bei den Koalitionspartnern von den Grünen dürfte das auf Zustimmung stoßen. Der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Dieter Janecek, will auch die Wirtschaft am Laufen halten. "Symptomlose und Geboosterte sollen nicht mehr 14 Tage in Quarantäne müssen", sagte er dem Handelsblatt. Sonst liefe die Wirtschaft in große Probleme hinein.

Während Deutschland noch über Einschränkungen diskutiert, geht zum Beispiel die britische Regierung andere Wege: Sie will in England trotz der rasanten Omikron-Ausbreitung keine strengeren Regeln. In Läden, Theatern, Kinos und Museen müssen zwar Masken getragen werden – aber nicht in Pubs und Restaurants. Für Discos und Großveranstaltungen gelten die 3G-Regeln. In Wales, Schottland und Nordirland sind die Regelungen allerdings schärfer, da dort die Regionalregierungen entscheiden.

Aber auch Südafrika gibt schon fast Entwarnung. Dort wurden die nächtliche Ausgangssperre und weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufgehoben. Das Büro von Präsident Cyril Ramaphosa teilte am Donnerstag laut Nachrichtenagentur AFP mit: Alle Indikatoren deuteten darauf hin, dass der Höhepunkt der vierten Welle überschritten sei. Nicht nur die Zahl der Neuinfektionen ging im Vergleich mit der Vorwoche um fast 30 Prozent zurück, auch die Zahl der Einweisungen in Krankenhäuser war rückläufig.

"Die Omikron-Variante ist zwar hochgradig übertragbar, aber die Zahl der Krankenhauseinweisungen war niedriger als bei früheren Wellen", erklärte demnach das Präsidialamt. "Dies bedeutet, dass das Land über freie Kapazitäten für die Aufnahme von Patienten verfügt, selbst für Routineleistungen."

Kurz vor Jahresende wurde im Journal of the American Medical Association eine Studie aus Südafrika veröffentlicht, die ein wenig Hoffnung macht. Die Ergebnisse sprechen für sich: Deutlich weniger mit Covid-19 erkrankte Menschen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden; das betraf auch die mit Vorerkrankungen. Deutlich weniger brauchten eine Sauerstofftherapie oder mussten künstlich beatmet werden; es starben auch deutlich weniger Menschen. (Bernd Müller)