Warum die Banane krumm ist

Der deutsche Journalismus als Erklärbär der Nation

Wissen Sie, welche Universitäten zu den zehn besten in Deutschland gehören? Kennen die zehn schlimmsten sozialen Brennpunkte hierzulande? Wissen Sie gar, was morgen wichtig sein wird? Dann lesen Sie bestimmt Spiegel, BILD, die Süddeutschen Zeitung oder andere Publikationsorgane von Expertengruppen, die gekommen sind, um uns zu belehren.

Wann wurde der Mond entdeckt? 1348, vom Astronomen Gustav Mond, "nachdem seine Frau Heureka während eines Ehestreits einen Apfel in seine volle Badewanne warf. Völlig unabhängig davon blickte der Astronom eine halbe Stunde später gen Himmel und machte seine Entdeckung." Warum ist der Mond von Kratern übersät? Man hielt ihn zunächst für eine Scheibe und benutzte ihn jahrhundertelang für Schießübungen.

Das ist Schwachsinn? Da haben Sie die Rechnung aber nicht mit einem der besten Organe des deutschen Qualitätsjournalismus gemacht, dem allseits beliebten Postillon.

Und wenn die Experten vom Postillon uns in ihrem Ratgeber Alles, was Sie über den Mond wissen müssen versprechen, exklusives Hintergrundwissen zum Mond "recherchiert" und zu "hirngerechten Häppchen" aufbereitet zu haben, dann sollte man das auch ernst nehmen.

Der Postillon ist offenbar das Vorbild für eine ganze Reihe von Leitmedien, wenn sie Tag für Tag, Woche für Woche die zehn Gründe für irgendwas erklären, oder die zehn heißesten Geheimtipps zu einem anderen Thema für ein Millionenpublikum ausbreiten, oder sogar, abseits vom Wetterbericht, genau wissen, welche zehn Dinge in der näheren Zukunft wichtig sein werden. In der Zahl 10 scheint für die Häppchenjournalisten die Welt beschlossen zu sein; ein Knigge mit mehr als zehn Paragraphen würde ihre Leser ohnehin überfordern, und wahrscheinlich sie selbst auch.

"Knigge" ist überhaupt das Stichwort. Denn all diese Benimm-Kolumnen für Aufmerksamkeitsgestörte haben den autoritären Gestus gemein. "Alles, was Sie wissen müssen über …", heißt eben auch, dass man den Rest getrost vergessen kann, wobei nicht zu stören scheint, dass oft genug von den unschlagbaren zehn Punkten kein einziger irgend einen Gebrauchswert hat. Sie kommen herunter von ihren intellektuellen Maulwurfshügeln und bringen uns die zehn coolsten Gebote des Tages, immer jeweils zu einem anderen Thema.

Ein bisschen erinnert dieses Getue an das, was man in den USA unter Mansplaining versteht, mit dem Unterschied, dass sich das giftige Gemisch aus Überheblichkeit und Ahnungslosigkeit hier nicht als Herablassung von Männern gegenüber Frauen austobt, sondern das Verhältnis des journalistischen Durchblickers zu seinem gesamten Publikum definiert.

Von einem "Verfallssymptom" zu sprechen wäre alberner Kulturpessimismus. Aber dass der Journalismus schon seit eh und je eine Tendenz zur Verkürzung und zur Häufchen- resp. zur Häppchenbildung hat, dass er schon immer versucht hat, mithilfe solcher und ähnlicher Tricks Werbung unters Volk zu bringen, mildert ja die Sehnsucht nicht, dass sich das einmal ändern möge. Diese Sehnsucht wird nur noch dadurch gesteigert, dass manchmal, wie zum Hohn, die Fata Morgana ihrer Stillung vorbeiwabert.

Wenn Artikel wie The Sacred, Spherical Cows of Physics (David Kaiser) in Nautilus möglich sind, oder Texte wie The Geel Question (Mike Jay) in Aeon, warum dann nicht immer und überall? Wenn Günter Hack einen kurzen Text wie Das andere verlorene Land in seinem Weblog veröffentlichen kann, oder Peter Praschl beim Süddeutschen Magazin ein Tagebuch wie Der Prozess unterbringen kann, warum sieht man so was nicht öfter?

"Das wollen die Leute nicht" - vielleicht stimmt das ja sogar, für alle Zeit; oder vielleicht würde das dem allgemeinen Zerstreuungsauftrag der Kulturindustrie dann doch zu deutlich widersprechen und der intellektuellen und kommerziellen Korruption durch den Häppchenjournalismus Platz wegnehmen.

Man kann sich also Vieles wünschen, aber was man bekommen wird, sind die zehn wichtigsten Fakten über Helene Fischer, alles, was man über Fußball wissen muss, oder über das nächste Betriebssystem von XYZ, und neue Antworten auf die Frage, warum die Banane krumm ist. Hallelujah.

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