Warum die Jugend Europas still hält?

Unruhen in Athen, Dezember 2008. Bild: arpakola; Lizenz: CC BY-SA 3.0

Ökonomen begründen dies mit einem Zangengriff aus Jugendarbeitslosigkeit und wachsenden Abhängigkeiten, der alle Empörungsenergien aufzehrt

Am Anfang der Krise, Ende 2008 bis hinein ins Jahr 2009, zeigte sich die Jugend noch zornig, besonders in ihrem Land, da war noch die Rede von einer Jugendrebellion, schreiben der griechische Wirtschaftsprofessor Costas Lapavitsas und die Journalistin Alex Politaki. Nach der "sanften Umarmung der Troika", im Verlauf des ökonomischen und sozialen Desasters der folgenden Jahre verschwand die Jugend aus dem sozialen, ökonomischen und politischen Leben. Es sei still um sie geworden. Doch sollten die Politiker auf der Hut sein, weil sich unter den Jungen gewaltiger Frust aufbaue, nicht nur in Griechenland. Die etablierten Parteien, allen voran die linken, haben an Attraktivität eingebüßt.

Wie genau die Abwendung von den traditionellen Parteien begründet wird, ob es daran liegt, dass die traditionellen Großparteien zu sehr auf ihre Klientel und Lobbyisten bedacht sind und überhaupt nur zu kurzfristiger Dekorationspolitik fähig, oder daran, dass sie in ihrer Erstarrung hilflos geworden sind, tut erstmal nichts zur Sache.

Den beiden Autoren geht es in erster Line darum, eine Erklärung dafür zu finden, warum die vielbeschworene Zeitbombe sich nicht auf die Straßen begibt, um zu demonstrieren, wenn nötig mit Krawall wie eben im Dezember 2008 in Griechenland (Verletzte Demokratie) und Anfang 2009 in einigen anderen Ländern (Rezession und Repression).

Ihre Erklärung für das Stillhalten der europäischen Jugend umschreiben sie mit dem knalligen englischen Begriff: "double whammy". Die Wirtschaftskrise zwänge die Jugend von zwei Seiten in eine unsichere Situation, aus der eine Abhängigkeit folgt, die rebellische Kräfte bremst.

Die eine Seite ist die Ausbildungssituation in südeuropischen Ländern, wo die Bildungskosten so teuer werden, dass sie von Familien kaum mehr aufgebracht werden, und wo - im Unterschied zu Deutschland - Ausbildungsplätze rar sind.

Die andere Seite ist die verheerende Jugendarbeitslosigkeit - mit Spitzenwerten (Stand Dezember 2013) einer Jugendarbeitslosenquote von 59,2 Prozent in Griechenland, von 54,3 Prozent in Spanien, 49,2 Prozent in Kroatien, 40,8 Prozent auf Zypern, 41,6 Prozent in Italien, 36,3 Prozent in Portugal und auch Frankreichs Quote von 25,6 Prozent für die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU ist hoch).

In 21 europäischen Ländern übersteigt die Jugendarbeitslosenquote die 20 Prozent-Marke. Damit sind unsichere und bedrückende Zukunftsaussichten verbunden, die Abhängigkeiten anstelle von Selbstständigkeit herausstellen und dazu führen, dass viele bei den Eltern wohnen bleiben. Im Jahr 2011 waren das laut einer repräsentativen Eurofound-Studie immerhin 48 Prozent der 18- bis 29-jährigen in Europa.

Laut Lapavitsas und Politaki ist "die Wurzel des gegenwärtigen Paradoxon der europäischen Jugend" darin zu suchen, dass sie durch die Familienunterstützung zwar größtenteils vor extremer Armut geschützt würden, und viele von ihnen noch gut ausgebildet sind, dass aber ihre Arbeitskraft nicht geschätzt wird (siehe auch Frankreichs Jugend: Draußen vor der Tür, Wut im Bauch) und die Abhängigkeiten übermächtig sind.

Daraus wachse beständig Frustration, die von Mainstream-Parteien und auch von den Angeboten der linken Parteien nicht mehr aufgefangen wird. Wenn sich die Parteien des Problems nicht annehmen, so werde sich "übellauniger Zorn" anhäufen, mit unvorhersehbaren Auswirkungen.

Während die Politik auf der EU-Ebene geradezu insistiert, dass Jugendarbeitslosigkeit ein Randthema bleibt und bei Rettungs-und Fiskalpolitik keine Rolle spielt, deutet sich in Spanien an, welche Bahnen die entrüsteten Jugendlichen wählen könnten.

Dort gibt es die zornige Jugend nicht als eigenständige, homogene Kraft, die sich als solche Einheit auf den Straßen bemerkbar macht, sondern es haben sich aus den Demonstrationen der Empörten vielgestaltige Bewegungen und Organisationen entwickelt, die sich sachbezogen einzelnen realen politischen Zielen zuwenden.

Ob das nun Wohnungsbesetzungen sind oder "weiße Kittel", die in die Gesundheitspolitik einmischen - das Spektrum ist groß und läßt die Hoffnung aufscheinen, dass sich die Wut über die Bedingungen möglicherweise in konstruktives Engagement übersetzen läßt.

Doch zeigen Ausschreitungen bei den jüngsten Demonstrationen (vgl. Spanien: Eine Million Demonstranten wollen Schulden nicht zurückzahlen) auch die andere Möglichkeit an, die der Radikalisierung. Sicher ist, das Problem der Jugendarbeitslosigkeit wird sich über viele Jahre hinziehen (siehe Verlorene Generationen).

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