Warum in ganz Chile Statuen stürzen

Zerstörung der Statue von Kolumbus in Arica. Bild: Marcela/Biobiochile

Der Bildersturm in dem südamerikanischen Land zeigt, dass es um mehr geht als nur Sozialreformen

In Chile kommt es im Zuge der Massenproteste gegen die Regierung von Präsident Sebastián Piñera zunehmend zu Angriffen auf historische Statuen und Monumente, die Persönlichkeiten des Kolonialismus und der Oberschicht ehren. Der Sturz zahlreicher Monumente macht deutlich, dass die Proteste weit tiefgreifender sind als sie in westlichen Medien dargestellt werden. Dort kommen diese und andre Entwicklungen kaum vor (eine Ausnahme aus Großbritannien hier). Es geht den Demonstranten nicht nur um Sozialreformen und den Abtritt Piñeras, sondern um eine grundlegende Abrechnung mit der Oligarchie, die das Land mit Unterbrechung der Regierung von Salvador Allende (1970-1973) fest im Griff hat und ihre Macht - wenn nötig - brutal verteidigt.

Ein prominentes Beispiel für den chilenischen Bildersturm ist die Plaza Italia der Hauptstadt Santiago de Chile. Das Denkmal von General Manuel Baquedano, das an dessen Rolle im Pazifikkrieg mit Peru und Bolivien vor mehr als 100 Jahren erinnert, weist inzwischen schwere Schäden auf. Auch zwei Begleitskulpturen, eine Frauenfigur, die für Freiheit stehen soll, und ein "unbekannter Soldat der Heimat", wurden attackiert. Ein online verbreitetes Handyvideo zeigt, wie die Figur des Soldaten vom Sockel gerissen wird. Das Reiterstandbild wurde inzwischen zu einem Symbol der Demonstranten gegen die Regierung Piñera.

In der Stadt Arica zerstörten Unbekannte ein Denkmal von Christoph Kolumbus. Der steinerne Sockel und die Büste standen seit 1910 auf dem Platz. Wie in anderen Orten zogen die Demonstranten eine Seilschlinge um das Standbild und zogen es gemeinsam um. Nach Angaben des Bürgermeisters Gerardo Espíndola will die Denkmalschutzbehörde CMN das Monument nun sichern und wieder aufbauen.

Am Montag dieser Woche zogen Demonstranten in der Stadt Punta Arenas die Büste des Oligarchen José Menéndez Menéndez (1846-1918) vom Sockel und warfen sie vor ein Denkmal für die Indigenen der Region Patagonien. Menéndez gilt in der Region als Mitverantwortlicher für den Völkermord an den des Selk'nam-Indigenen, die Menéndez vertreiben und ermorden ließ, um Platz für seine Schafherden zu haben.

In der Gemeinde Cañete in der südlichen Provinz Arauco folgten rund 500 ortsansässige Mitglieder der Mapuche-Volksgruppe einem Demonstrationsaufruf. Auf dem zentralen Platz der Gemeinde rissen die Dorfbewohner Büsten von Pedro de Valdivia und García Hurtado de Mendoza herunter. Pedro de Valdivia war ein spanischer Militär und erster Gouverneur Chiles unter dem Kolonialregime. Auch García Hurtado de Mendoza y Manrique war ein spanischer Militär und Gouverneur von Chile sowie Vizekönig von Peru. Nach dem Sturz der Statuen kam es zu teils schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Spezialeinheiten der Polizei.

Auch in Concepción in Zentralchile versuchten Demonstranten, eine Statue von Valdivia auf der Plaza de la Independencia zu stürzen. Dort riss allerdings das Seil, Polizisten trieben die Menge später mit Schüssen auseinander. Dennoch erreichten die Protestteilnehmer ihr Ziel: Hinter der nahen Kathedrale rissen sie eine kleinere Büste des Kolonialherrschers vom Sockel und hängten sie an ein Standbild des indigenen Widerstandshelden Lautaro.

Noch nicht gestürzt ist Piñera - von seinem Absturz in der öffentlichen Meinung abgesehen. Laut der regelmäßig durchgeführten Umfrage Pulso Ciudadano hat der neoliberale Politiker nur noch eine Zustimmung von 9,1 Prozent, 6,4 Punkte weniger sogar als im September. Die Ablehnung seiner Regierung nahm im gleichen Zeitraum von 48,8 Prozent auf 61,1 Prozent zu. (Harald Neuber)