Warum ließen sich IS-Geiseln so gelassen ermorden?

Nach einem angeblich abtrünnigen Mitglied des "Islamischen Staats" wurden die Geiseln in Sicherheit gewiegt und zahlreiche Proben als Scheinhinrichtungen durchgeführt

Wer es sich angetan hat, Filme des Islamischen Staats anzusehen, in denen die Köpfung oder Ermordung von Menschen vorgeführt wird, musste sich oft wundern, warum die Opfer so ruhig und gelassen zu sein schienen. Die Hinrichtungen, so viel ließ sich erkennen, waren für Kamera inszeniert, man konnte vermuten, dass die Abläufe choreographisch nach einer Ästhetik der coolen Grausamkeit gestaltet und auch eingeübt wurden.

Der Brite "Jihadi John" mit den japanischen Geiseln Kenji Goto und Haruna Yukawa, die vermutlich getötet wurden.

Trotzdem blieb die Frage, warum die Opfer so apathisch, stoisch oder ergeben mitzuspielen scheinen, warum es nicht einmal einen Ansatz von Gegenwehr gibt. Waren sie so verzweifelt, dass sie bereit waren, alles über sich ergehen zu lassen, damit endlich Schluss ist? Oder waren sie vielleicht mit Drogen sediert worden, so dass sie nicht wirklich mitbekamen, wie sie zur Schlachtbank geführt wurden, während ihre Mörder Reden schwingen und große Gesten vollziehen? Oder war dies eine Folge, wie die Filme zustande kamen, die den Akt der Köpfung nicht mehr zeigten, sondern nur noch das Ergebnis?

Sky New hat ein Interview mit einem Übersetzer namens "Saleh" gemacht, der früher angeblich vom IS angestellt worden war, um die ausländischen Geiseln zu betreuen, bevor sie getötet wurden. Eine wichtige Rolle spielte dabei nach ihm der Brite "Jihadi John", mit bürgerlichen Namen Mohammed Emzawi. Er sei der "Chefkiller" der IS-Medienabteilung für die Ausländer gewesen und wurde gefürchtet und anerkannt. Er sei Zeuge gewesen, wie Emzawi den Japaner Kenji Goto ermordet habe. Er sei allerdings in gewisser Entfernung gewesen.

Anweisungen, wie der Film gemacht werden soll, seien von einem türkischen Mann gekommen, aber der große Boss sei Emzawi gewesen, der die Befehle gab, die anderen hätten gehorcht. Emzawi habe immer darauf gedrängt, dass es schnell gehen soll. Nach der Ermordung von Goto hätten ein paar Männer die Leiche in einen Wagen gebracht, Emzawi wäre in eine andere Richtung gefahren. Vermutlich habe Emzawi deswegen einen so großen Einfluss, weil er willens gewesen sei, Ausländer zu töten und dazu ein Messer zu verwenden. Ganz verstehen könne er seine Macht nicht, schließlich könnten alle Syrer töten.

Ob die Geschichten stimmen, lässt sich nicht nachprüfen, Saleh berichtete in gebrochenem Englisch. Ob das ein Indiz für die Authentizität ist, bleibt ebenso offen wie die Frage, ob er bezahlt wurde, was durchaus eine Motivation wäre, Geschichten zu erfinden. Allerdings wäre Saleh, wenn seine Schilderung zutrifft, zumindest der Beihilfe zum Mord schuldig. Da im Gegensatz zu anderen Videos, in denen die Morde zu sehen, in den Videos über die Hinrichtung der ausländischen Geiseln die Köpfung selbst nicht gezeigt wird und es Zeichen für Bildmanipulationen gibt, vermuten manche, dass die Geiseln womöglich gar nicht getötet wurden. Der Übersetzer, den Sky befragt hat, wäre für die vollzogene Ermordung der erste Zeuge, der auch "Djihadi John" des Mordes belastet. Aber es muss vorerst offen bleiben, wie gesagt, ob die Geschichte stimmt und es sich wirklich um einen Abtrünnigen handelt.

Der ehemalige IS-Anhänger, der sich von der Terrorgruppe in die Türkei abgesetzt haben soll, erzählte, seine Aufgabe sei es gewesen, die Geiseln glauben zu lassen, dass sie nicht in Gefahr schweben. Sie bekamen arabische Namen, um sie in Sicherheit zu wiegen, sie sollten glauben, unter Freunden zu sein. So soll der Japaner Kenji Goto Abu Saad genannt worden sein. Man habe ihnen suggeriert, sie sollten Muslime werden und sich dem IS anschließen.

Beauftragt worden sei er von einem türkischen Mann, der erklärte, er solle den Geiseln versichern: "Es gibt kein Problem, wir wollen nur ein Video machen, wir wollen, dass eure Regierung aufhört, Syrien anzugreifen. Wir haben kein Problem mit euch. Ihr seid nur unsere Besucher."

Für die Propagandafilme seien zahlreiche Scheinhinrichtungen gemacht worden. Wenn Geiseln protestierten, habe man ihnen versichert, dass es sich nur um eine Probe handeln würde. Vielleicht haben die Geiseln, die ja von der Öffentlichkeit abgeschnitten lebten und die bereits verbreiteten Exekutionsvideos nicht kannten, ja tatsächlich geglaubt, sie würden verschont werden. Sie wären dann davon ausgegangen, nur als Schauspieler in einem Film mitzuwirken, wobei sie dann irgendwann plötzlich tatsächlich getötet wurden. So berichtet jedenfalls Saleh. Die Gefangenen hätten keine Angst gehabt und er habe zwar gewusst, dass sie getötet werden, aber ihnen immer gesagt, dass für sie keine Gefahr besteht. Gut möglich, dass die todgeweihten Geiseln sich an den Strohhalm klammerten, verschont zu werden, wenn sie mitspielen. Wer allerdings zum Gefangenen wurde, nachdem einige dieser Filme veröffentlicht wurden, dürfte nicht mehr glauben, dass er nur eine fiktive Rolle in einem Film spielt, sondern dass die Hinrichtung zwar für den Film geprobt und inszeniert wird, aber in Wirklichkeit stattfindet, also dass es sich um einen Snuff-Film handelt. (Florian Rötzer)

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