Warum massenhafte Corona-Tests von Kindern zweifelhaft sind

Zu diagnostischen Problemen an Schulen und Kitas

Aktuell läuft eine große Werbekampagne der Landesregierungen: Schülerinnen und Schüler sowie Kindergartenkinder sollen flächendeckend mit Schnelltests auf Infektionen mit dem Corona-Virus getestet werden. So heißt es in einem offiziellen Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 1. März zu den Öffnungsperspektiven von Schulen:

An erster Stelle stehen künftig dabei durch den Bund zu finanzierende flächendeckende Testmöglichkeiten für das an Schulen tätige Personal sowie perspektivisch auch für Schülerinnen und Schüler

Auf dem letzten Bund-Länder-Gipfel zur Pandemie fand dieser Vorschlag Zustimmung. Es wurde vereinbart, dass das Personal in Kitas und Schulen sowie alle Schülerinnen und Schüler ein Angebot von mindestens einem kostenlosen Schnelltest pro Präsenzwoche erhalten sollen.

In manchen Bundesländern wie in Bayern soll an Schulen sogar zum Teil noch engmaschiger getestet werden. So wird der bayerische Kultusminister Michael Piazolo in BR24 so zitiert:

Das Testkonzept hat laut Piazolo zum Ziel, dass Lehrkräfte und Schulpersonal mindestens zweimal pro Woche getestet werden. Schüler ab 15 Jahren sollen sich künftig einmal pro Woche testen lassen, bei den jüngeren Schülern werde noch überlegt.

Die Fragwürdigkeit flächendeckender Tests an Schulen und Kitas

Solche Aussagen aus der Politik sind äußerst überraschend. Denn in Fachkreisen gilt die altbekannte Tatsache, dass bei flächendeckenden Tests Vorsicht geboten ist. So sagte Gerd Gigerenzer, ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Direktor des Harding-Zentrum für Risikokompetenz an der Universität Potsdam, bereits im Jahr 2008 in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel:

Eines muss man wissen: Die meisten Screening-Verfahren liefern viele falsch positive Ergebnisse, also Fehlalarme. Das zeigt sich wieder am Beispiel des Mammografie-Screenings: Wenn bei zehn Frauen etwas Verdächtiges gesehen wird, stellt sich bei weiteren Untersuchungen heraus, dass gerade mal eine davon tatsächlich Krebs hat. Neun sind gesund und hätten sich eigentlich gar keine Sorgen machen müssen. Daran sieht man, dass Tests Risiken haben können: Sie können auch Menschen verunsichern, die gesund sind.

Insbesondere wurden bereits vor der Corona-Pandemie die mit Schnelltests verbundenen Gefahren ausführlich thematisiert. So heißt es beispielsweise in der "Unstatistik des Monats" des Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Bezug auf die seit Oktober 2018 frei verkauften HIV-Schnelltests (gekürzt wiedergegeben):

Seit Oktober dürfen dazu in Deutschland HIV-Schnelltests frei verkauft werden, die man in Apotheken, Drogerien oder über das Internet bestellen und anonym selbst durchführen kann. Leider wird aber nicht verständlich erklärt, was [ein positives] Ergebnis bedeutet. Man liest in der Gebrauchsanweisung nach, was es bedeutet. Dort steht: Sie sind wahrscheinlich HIV-positiv. Viele Menschen denken, das bedeutet, eher infiziert zu sein als nicht. Die Gebrauchsanweisung gibt zusätzlich auch in Zahlen an wie gut der Test ist: Sensitivität: 100 Prozent, Spezifität: 99,8 Prozent.

Wie hoch ist nun wirklich die Wahrscheinlichkeit HIV-infiziert zu sein, wenn ein positives Testergebnis vorliegt? Diese ist nicht 100 Prozent und auch nicht 99,8 Prozent. Sie ist auch nicht in der Gebrauchsanweisung zu finden, noch wird dort erklärt, wie man sie bestimmen könnte. Eine Überschlagsrechnung kann die Antwort geben. "Sie sind wahrscheinlich HIV-positiv" bedeutet [in dieser Überschlagsrechnung], dass die Wahrscheinlichkeit bei nur etwa 8 Prozent liegt, dass man infiziert ist. Anders ausgedrückt, die Wahrscheinlichkeit beträgt 92 Prozent, dass man nicht infiziert ist, wenn man im Schnelltest positiv testet.

Die Gebrauchsanweisung sagt, dass man sich bei einem positiven Test so schnell wie möglich an einen Arzt wenden soll. Das ist sinnvoll. Nur zeigen Studien in Deutschland, dass beispielsweise die Mehrzahl der AIDS-Berater an Gesundheitsämtern selbst nicht gelernt haben, Gesundheitsstatistiken zu verstehen und glauben, dass es keine "Falsch-Positive" gäbe. In ähnlichen Situationen haben Menschen über Suizid nachgedacht und auch begangen - obgleich sie tatsächlich nicht infiziert waren - um Stigma und sozialer Diskriminierung zu entgehen, die immer noch mit AIDS verbunden sind.

Im Folgenden sollen daher die diagnostischen Probleme flächendeckender Corona-Schnelltests an Schulen genauer beleuchtet werden.

Welchen Nutzen haben flächendeckende Tests an Schulen und Kitas?

Einen Nutzen würde es dann bringen, wenn man mit solchen Tests zuverlässig die Schüler identifizieren könnte, welche tatsächlich infiziert und ansteckend sind.

Der Begriff "zuverlässig" bezieht sich dabei auf zwei unterschiedliche Aspekte:

  1. In Wirklichkeit gesunde Schüler sollten möglichst selten ein positives Testergebnis erhalten (falsch-positives Testergebnis)
  2. Tatsächlich infizierte Schüler sollten möglichst häufig ein positives Testergebnis erhalten (echt-positives Testergebnis)

Ausgehend davon kann man nun die verschiedenen Probleme von flächendeckenden Corona-Schnelltests beleuchten.

Das Problem zahlreicher falsch-positiver Testergebnisse

Ein Problem besteht darin, dass bei flächendeckenden Tests zahlreiche gesunde Schüler fälschlicherweise ein positives Testergebnis erhalten können. Bei den in Deutschland zugelassenen Tests liegt die Falsch-Positiv-Rate laut Herstellerangaben bei in etwa zwei Prozent.

Allerdings handelt es sich bei den von den Herstellern durchgeführten Validierungsstudien meist um Tests unter Laborbedingungen, so dass davon auszugehen ist, dass die Falsch-Positiv-Rate bei der Anwendung in der Praxis größer ist. So schreibt das RKI in einer aktuellen Fachpublikation:

Ob in Fachkreisen bekannt ist, dass die Herstellerangaben zur Sensitivität und Spezifität [= 1 - Falsch-Positiv-Rate] von Antigentests auf PCR-positiven Proben beruhen und zudem in der Praxis davon stark abweichen können, ist zusätzlich unklar.

In der Tat kann die Falsch-Positiv-Rate in der Praxis deutlich höher sein. Beispielsweise liegt laut einer Studie der österreichischen Gesundheitsbehörde (Ages) die Wahrscheinlichkeit, dass eine eigentlich gesunde Person bei Antigen-Schnelltests mit Nasenabstrichen fälschlicherweise ein positives Testergebnis erhält bei 4,3 Prozent. Das heißt: Bei 100 Schnelltests an gesunden Schülern erhält man im Schnittt fälschlicherweise gut vier positive Testergebnisse.

In Einzelfällen kann es bei fehlerhaften Tests oder Problemen bei der Testdurchführung und Testauswertung sogar noch zu einer weitaus höheren Anzahl an falsch-positiven Testergebnisse kommen. So berichtet beispielsweise die Mitteldeutsche Zeitung über problematische Testungen an einer Naumburger Grundschule:

Vergangenen Donnerstag waren rund 30 Schüler und Pädagogen der Naumburger Uta-Grundschule untersucht worden. Bis auf zwei fielen alle Schnelltests positiv aus, und die Schule wurde umgehend, auch für den Freitag, geschlossen. Die sich sofort anschließenden PCR-Tests bei den Betroffenen wurden am Wochenende ausgewertet. Und siehe da: Kein einziges positives Ergebnis hielt stand. PCR-negativ, durchweg. Warum dies ein Skandal ist? Weil man dies nicht mal mehr als überraschend bezeichnen kann. Bereits an der Bad Kösener Berg- sowie in Naumburg an der Jan-Hus- und der Salztorschule hatte es massenhaft Testergebnisse gegeben, die sich im Nachhinein als falsch-positiv herausstellten. Und diese Auflistung erhebt nicht mal Anspruch auf Vollständigkeit.

Interessant ist an diesem Fall auch, dass selbst eine Testung durch Fachkräfte nicht vor Problemen schützt. So wird die Schulleiterin im Artikel folgendermaßen zitiert:

Alle Schnelltests waren mit bloßem Auge ganz klar als negativ zu werten. Der dicke Strich war eindeutig. Der Rettungssanitäter hat dann aber mit seiner Lampe in das Positiv-Feld geleuchtet, wo ein zarter hellblauer Schimmer zu erkennen war. Und da sagte er uns, er habe die Anweisung, beim kleinsten Anzeichen auf "positiv" zu entscheiden

Eine insbesondere auch für Schulen relevante Fehlerquelle kann der Ort der Testdurchführung sein. Oft werden Schnelltests im Freien durchgeführt, verbunden mit dem Argument, dass das Infektionsrisiko in geschlossenen Räumen höher sei. Wie die Testhersteller aber explizit in den Packungsbeilagen erwähnen, besteht bei kälteren Temperaturen die Gefahr von verfälschten Ergebnissen, da die Testkomponenten eine Temperatur zwischen 15 und 30 Grad haben müssen.

Dazu eine Beispielrechnung: Würde man alle der rund 1,65 Millionen Schüler in Bayern einmal pro Woche testen, würden bei einer Falsch-Positiv-Rate von 4,3 Prozent – siehe Studie der österreichischen Gesundheitsbehörde Ages – pro Woche knapp 70.950 Schüler fälschlicherweise ein positives Testergebnis erhalten. Diese Schüler müssten zumindest bis zum Erhalt des Ergebnisses der Nachtestung mit einem PCR-Test grundlos in Quarantäne und womöglich auch jeweils die ganze Klasse, und die Schüler und Familien würden grundlos in Angst versetzt.

Falls wirklich die ganze Klasse bei einem positiven Testergebnis zunächst in Quarantäne müsste, hätte das folgende Konsequenzen: Wenn man vier Klassen mit jeweils 25 gesunden Kindern testet und sich die falsch-positiven Testergebnisse ungünstig über die Klassen verteilen, kann es passieren, dass man bereits bei einer einzigen Massentestung alle Klassen grundlos in Quarantäne schickt.

Dass solche Szenarien nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigen entsprechende Medienberichte. Erwähnt wurden bereits die fälschlichen Schulschließungen aufgrund von falsch-positiven Testergebnissen im Naumburger Raum. Konkret heißt im Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung:

Dutzende Familien wurden von Donnerstag bis Sonntag unter Quarantäne gestellt, darunter viele Eltern in systemrelevanten Berufen, die ihre Kinder in die Notbetreuung gebracht hatten. Wie gesagt: nicht zum ersten, sondern zum vierten Mal in der Domstadt.

Ein ähnlicher Bericht findet sich im Saarländischen Rundfunk. In Saarbrücken wurden wegen falsch-positiver Testergebnisse fälschlicherweise fünf Kindertagesstätten geschlossen. Im Artikel heißt es:

Eine Charge offenbar fehlerhafter Corona-Schnelltests hat im Regionalverband Saarbrücken zur teilweisen oder kompletten Schließung von fünf Kindertagesstätten geführt. Mehrere Erzieher in verschiedenen Einrichtungen hatten beim Schnelltest einen falsch-positiven Corona-Befund erhalten. Nach den Schnelltests am vergangenen Dienstag wurden die betroffenen Erzieher und die Kita-Kinder als Kontaktpersonen in Quarantäne geschickt. Donnerstagabend erfolgte dann die Entwarnung: Alle bei den Erziehern durchgeführten PCR-Tests waren negativ, die Quarantäne nicht mehr notwendig. Dennoch haben einige Eltern der betroffenen Kita-Kinder bis Freitag lediglich einen Quarantänebescheid, anstatt einer Quarantäne-Aufhebung für ihr Kind erhalten.

Die negativen Konsequenzen falsch-positiver Testergebnisse

Was dabei häufig nicht beachtet wird, sind die negativen Konsequenzen, welche der Erhalt eines fälschlicherweise positiven Testergebnisses nach sich ziehen kann. In Bezug auf die oben angesprochenen HIV-Tests sind solche negativen Konsequenzen – wie in der oben zitierten "Unstatistik des Monats" bereits erwähnt – wohlbekannt. In einem Artikel im Spiegel aus dem Jahr 2012 heißt es hierzu:

Im Jahr 1987 erfuhren 22 Blutspender im US-Bundesstaat Florida, dass sie HIV-positiv sind. Sieben von ihnen brachten sich daraufhin um, weil sie nicht wussten, dass die Wahrscheinlichkeit, sich wirklich mit dem Immunschwäche-Virus angesteckt zu haben, trotzdem nur bei 50:50 lag. Diese Geschichte erzählte der damalige US-Senator Lawton Chiles den Teilnehmern einer Aids-Konferenz.

Auch in Bezug auf die flächendeckenden Schnelltests an Schulen werden negative Konsequenzen erwartet. So heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland, der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene:

Unterschätzt werden die negativen psychologischen Auswirkungen repetitiver Testungen, insbesondere junger Kinder, die entsprechende Konsequenzen wie Quarantäne der eigenen Person oder der Sozialgemeinschaft nach sich ziehen, nicht zuletzt wenn sie möglicherweise aufgrund der invaliden Testmethode wieder aufgehoben werden müssen.

In der Tat werden solche negativen Auswirkungen auch bei den beschriebenen fälschlichen Schulschließungen im Naumburger Raum beschrieben. So wird die Schuleiterin einer betroffenen Grundschule folgendermaßen zitiert:

Das hat zu einem heftigen organisatorischen und emotionalen Chaos geführt.

Warum ein nachfolgender Bestätigungstest das Problem nicht löst

Oft wird vorgeschlagen, das Problem falsch-positiver Testergebnisse durch einen nachfolgenden Bestätigungstest zu lösen. So heißt es beispielsweise in einem Artikel in der Pharmazeutischen Zeitung:

Die Gefahr, dass Antigentests ein falsch positives Resultat anzeigen, ist besonders hoch, wenn Tests für das Screening großer Populationen bei einer niedrigen Infektionsprävalenz eingesetzt werden. Um dieses Problem so gering wie möglich zu halten, sollten bei kritischen Analysen routinemäßig Folgeuntersuchungen (Reflextests) durchgeführt werden, um die Ergebnisse zu bestätigen oder zu falsifizieren.

Eine genauere Betrachtung zeigt aber, dass nachfolgende Bestätigungstests das Problem nicht lösen. Würde man jedes in einem Schnelltest erhaltene positive Ergebnis mit einem zweiten Schnelltest nachtesten und nur die Schüler (und Klassen) in Quarantäne schicken, die zweimal ein positives Testergebnis erhalten, würde man bei einer wöchentlichen Testung der 1,65 Millionen Schüler in Bayern bei einer Falsch-Positiv-Rate von 4,3 Prozent (Ages) noch immer über 3.000 Kinder pro Woche grundlos in Quarantäne schicken.

Hinzu kommt die Frage, was man eigentlich in dem Fall machen würde, wenn der zweite Test negativ ist. Welchem Ergebnis würde man dann mehr trauen – dem ersten oder dem zweiten? Gegeben, dass Schnelltests auch die tatsächlich infizierten Kinder nicht mit 100 Prozent Zuverlässigkeit erkennen (siehe unten), würde man dem zweiten negativen Ergebnis vermutlich auch nicht trauen und das Kind zur Sicherheit trotzdem in Quarantäne schicken. Und dann kann man sich den zweiten Test auch gleich sparen.

Wie es vom Robert Koch-Institut empfohlen wird, könnte man Kinder mit positivem Schnelltest auch mit einem PCR-Test zur Bestätigung nachtesten. An sich würde das mehr Sinn machen, da bei diesen Tests die Falsch-Positiv-Rate kleiner ist. Allerdings dauert es hier typischerweise einen Tag oder länger bis das Ergebnis vorliegt.

Das heißt: Man würde – wie es die obigen Beispiele aus Naumburg und Saarbrücken demonstrieren – viele Kinder und womöglich Klassen trotzdem grundlos so lange in Quarantäne schicken, bis ein falsch-positiver Schnelltest durch einen negativen PCR-Test nachgewiesen ist. Auch Nachtestungen mit PCR-Tests können die Nachteile flächendeckender Schnelltests also nicht wirklich befriedigend lösen.

Ansteckende Kinder durch Schnelltests nicht zuverlässig identifiziert

Bei flächendeckenden Testungen mit Schnelltests besteht nicht nur das Problem, dass gesunde Kinder nicht zuverlässig erkannt werden und manchmal ein falsch-positives Testergebnis erhalten. Auch in Bezug auf die zuverlässige Identifizierung ansteckender Kinder gibt es Probleme.

Ein erster allgemeiner Punkt, der oft übersehen wird: Sobald Kinder mit Symptomen ohnehin zu Hause bleiben, wird sowieso schon ein relativ großer Teil der ansteckenden Kinder auch ohne Tests aus der Klasse genommen.

Flächendeckende Tests erbringen in diesem Fall nur dann einen zusätzlichen Nutzen, wenn sie eine infizierte Person in dem kurzen Zeitraum identifizieren können, in dem eine Person vor Symptombeginn ansteckend ist. Die anfängliche Befürchtung, dass Personen, welche nie Symptome bekommen, ansteckend wären, ist inzwischen als empirisch widerlegt anzusehen, mehr dazu unten.

Ein erstes Problem ist also: Nur wöchentliche Tests würden wenig bringen, da man damit das schmale Zeitfenster der Infektiosität vor Symptombeginn oft verpassen würde. Ein häufigeres Testen geht aber wiederum mit einer substantiellen Erhöhung der falsch-positiven Testergebnisse einher – siehe oben–, was demnach auch keine Lösung ist.

Hinzu kommt, dass Schnelltests die infizierten Kinder nicht mit 100-prozentiger Zuverlässigkeit entdecken. Da Antigen-Schnelltests erst bei einer höheren Viruslast snsprechen, sind sie insbesondere dann unzuverlässig, wenn noch keine Symptome aufgetreten sind – was genau der Zeitraum ist, in dem flächendeckende Tests überhaupt einen zusätzlichen Nutzen bringen würden. In der erwähnten Studie der österreichischen Gesundheitsbehörde Ages lautet beispielsweise die Schlussfolgerung:

Negative Testresultate bei Antigen-Schnelltests und Abstrichen aus dem vorderen Nasenraum sollten nicht fälschlich als Beleg für gesicherte Nicht-Infektiosität angesehen werden. Gerade bei asymptomatischen Personen werden viele Infektionen nicht erkannt.

Ein zweites Problem ist also: Sobald Kinder sowieso bei Symptomen zu Hause bleiben, können Schnelltests keinen großen zusätzlichen Nutzen bringen. Vielmehr besteht die Gefahr, dass man bei einem negativen Testergebnis fälschlicherweise in Sicherheit gewogen wird.

Übersehen wird zudem oft: Selbst wenn ein Kind infiziert und mit einem Test als positiv identifiziert ist, muss das nicht heißen, dass das Kind auch ansteckend ist. Wie man inzwischen aus umfangreichen Kontaktnachverfolgungsstudien weiß, sind praktisch fast nur Personen ansteckend, die später auch Symptome entwickeln. Infizierte Personen, welche nie Symptome zeigen – die sogenannten asymptomatischen Personen –, geben das Virus praktisch nicht weiter.

Beispielsweise ergab eine Meta-Analyse aller Studien zu den Ansteckungen bei gemeinsam in einem Haushalt lebenden Personen – dort gibt es deutlich engere Kontakte als in Schulen –, dass die Wahrscheinlichkeit, sich an einer asymptomatischen Person anzustecken, nur bei 0,7 Prozent lag, wobei die statistische Analyse zeigte, dass der Wert nicht signifikant von Null verschieden war.

In einer weiteren kürzlich veröffentlichten Meta-Analyse ergab sich ein vergleichbares Bild, dort lag die Ansteckungsrate bei 1,0 Prozent und war ebenfalls nicht statistisch signifikant von Null verschieden.

Ein drittes Problem ist also: Da laut eines aktuellen Überblicks über die Studienlage in etwa 30 Prozent der infizierten Kinder keine Symptome zeigen, würde man auch 30 Prozent der Kinder, welche vom Test korrekt als infiziert identifiziert wurden, grundlos in Quarantäne schicken.

Besondere Probleme bei selten vorkommenden Infektionen

Das beschriebene Problem vieler falsch-positiver Testergebnisse ist dann besonders problematisch, wenn Infektionen selten vorkommen, wie es beim Corona- Virus insbesondere an Schulen der Fall ist. Hier trifft man auf ein eigentlich altbekanntes diagnostisches Problem: Wenn eine Infektion sehr selten ist und man unabhängig von Symptomen alle Personen testet, dann wendet man den Test sehr selten auf Personen an, welche in Wirklichkeit infiziert sind, und sehr häufig auf Personen an, welche in Wirklichkeit nicht infiziert sind.

Die Konsequenz ist: Man erhält sehr wenige echt-positive Testergebnisse (weil die Infektion selten ist) und sehr viele falsch-positive Testergebnisse (weil man den Test sehr oft auf gesunde Personen anwendet). Damit erhält man anteilig viel mehr falsch-positive Ergebnisse als echt-positive Ergebnisse.

Zieht man nun aus dem Topf aller erhaltenen positiven Ergebnisse ein Einzelergebnis heraus, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es sich um ein falsch-positives Testergebnis handelt.

Das ist selbst dann der Fall, wenn die Falsch-Positiv-Rate des Tests eigentlich klein ist, denn wenn man den Test sehr oft auf gesunde Personen anwendet, bekommt man selbst bei einer an sich geringen Wahrscheinlichkeit von falsch-positiven Testergebnisse trotzdem insgesamt viele falsch-positive Ergebnisse.

Daraus ergibt sich ein fundamentales diagnostisches Problem: Erhält eine Person ein positives Testergebnis, so liefert das Ergebnis keine aussagekräftige diagnostische Information über den tatsächlichen Infektionszustand der Person, weil die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass es sich um ein echt-positives Ergebnis handelt.

Man weiß praktisch nach dem Test beim Erhalt eines positiven Ergebnisses nicht viel mehr über den Infektionszustand der Person als vor dem Test. Der Test ist also in Bezug auf die Interpretation von Einzelergebnissen nicht valide.

Man kann das anhand eines Beispiels illustrieren: Was würde passieren, wenn man bei einem Sieben-Tage-Inzidenzwert von 50 Infektionen pro 100.000 Personen mittels einer wöchentlichen Massentestung alle Mitglieder dieser Gruppe testen würde?

Dann würde man den Test 50 Mal auf tatsächlich infizierte Personen anwenden und 99.950 Mal auf in Wirklichkeit nicht infizierte Personen. Geht man von einer Entdeckungswahrscheinlichkeit der infizierten Personen von 80 Prozent aus (Schätzung: RKI-Infografik), würde man 40 echt-positive Testergebnisse erhalten. Geht man von einer Falsch-Positiv-Rate bei Schnelltests von 4,3 Prozent aus (siehe Studie der Ages), würde man 4.298 falsch-positive Testergebnisse erhalten.

Die Wahrscheinlichkeit, bei einem erhaltenen positiven Testergebnis tatsächlich infiziert zu sein, beträgt also: 40 (echt-positive Testergebnisse) geteilt durch 4.338 (insgesamt erhaltene positive Testergebnisse) = 0,009 – also nur 0,9 Prozent.

Das ist extrem wenig, man kann das auch so ausdrücken: In einem solchen Fall würde man 99,1 Prozent der in Quarantäne geschickten und in Angst versetzten Schüler grundlos diesen belastenden Erfahrungen aussetzen.

Tests geben keine Sicherheit, nicht ansteckend zu sein

Oft wird argumentiert, dass flächendeckende Tests hilfreich seien, weil sie einem bei einem negativen Testergebnis die Sicherheit geben würden, nicht infiziert zu sein. So schreibt Katharina Schüller, Vorstandsmitglied der Deutschen Statistischen Gesellschaft, im Focus:

Die Frage "Bin ich eine Gefahr für andere?" lässt sich auch per Schnelltest mit ziemlich hoher Sicherheit mit "Nein" beantworten.

Auf den ersten Blick scheint das in der Tat so zu sein. Im obigen Beispiel der Testung von 100.000 Personen bei einer Inzidenz von 50 pro 100.000 würden bei einer Entdeckungswahrscheinlichkeit von 80 Prozent von den 50 infizierten Personen zehn fälschlicherweise ein negatives Testergebnis erhalten (falsch-negatives Testergebnis). Bei einer Falsch-Positiv-Rate von 4,3 Prozent würden von den 99.950 nicht infizierten Personen 95.652 richtigerweise ein negatives Ergebnis erhalten. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem erhaltenen negativen Testergebnis in Wirklichkeit trotzdem infiziert zu sein, beträgt also: zehn (falsch-negative Testergebnisse) geteilt durch 95.662 (insgesamt erhaltene negative Testergebnisse) = 0,0001 – also nur 0,01 Prozent.

Der Erhalt eines negativen Testergebnisses sagt einem also wirklich sehr zuverlässig, dass man nicht infiziert ist. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass deswegen flächendeckende Tests tatsächlich einen Vorteil mit sich bringen würden. Aber ist dem eigentlich wirklich so? Hier muss man sich klarmachen, dass der durch einen Test erzielte Erkenntnisgewinn davon abhängt, um wie viel sicherer man sich über einen Zustand ist, im Vergleich dazu, wenn man den Test nicht gemacht hätte.

Nehmen wir dazu an, wir würden bei einer Inzidenz von 50 pro 100.000 einfach eine Person aus der Menge von 100.000 ziehen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Person infiziert ist? Diese beträgt: 50 geteilt durch 100.000 = 0.0005 – also 0,05 Prozent.

Man kann sich also bereits ohne überhaupt einen Test zu machen sehr sicher sein, dass eine Person nicht infiziert ist. Würde man bei 10.000 Personen von der Annahme "gesund" ausgehen, würde man nur fünfmal falsch liegen.

Würde man nun bei den 10.000 Personen die Zusatzinformation "negatives Testergebnis" erhalten und darauf vertrauen, würde man noch immer einmal falsch liegen. Obwohl also der Test gesunde Personen sehr zuverlässig als negativ klassifiziert, ist der zusätzliche Erkenntnisgewinn klein, wenn die Wahrscheinlichkeit, überhaupt infiziert zu sein, bereits sehr klein ist.

Das ist insbesondere für den Bereich der Schulen und Kindergärten relevant. In der Münchner Virenwächter-Studie gab es beispielsweise in der Zeit von September bis zu den Herbstferien – da gab es damals noch Inzidenz-Werte von bis zu 150 pro 100.000 Einwohner – insgesamt nur zwei positiv getestete Kinder in den zehn überwachten Kindergärten und Grundschulen, welche laut Kontaktnachverfolgung beide von einem Lehrer angesteckt worden waren.

In einem Zeitraum von zwei Monaten gab es also nur zwei infizierte Kinder, von denen zumindest im Bereich der Schule keines ansteckend war. Eine zusätzliche wöchentliche Massentestung an den zehn Kindergärten und Grundschulen hätte also das Infektionsgeschehen nicht verbessern können, weil kein Infektionsgeschehen vorhanden war.

Sind flächendeckende Tests zur Öffnung der Schulen nötig?

Die Münchner Virenwächterstudie widerlegt auch das Argument, dass man ohne Massentestungen Schulen nicht sicher öffnen könne. Wie die Studie zeigt, scheinen die bereits an den Schulen etablierten Maßnahmen vollkommen ausreichend zu sein.

Es ist nicht zu erkennen, welchen zusätzlichen Mehrwert weitere Maßnahmen wie ein engmaschiges und flächendeckendes Testen zusätzlich erbringen sollen, da bereits ohne solche Teststrategien praktisch kein Infektionsgeschehen zu beobachten ist.

Hier trifft auch das Argument nicht zu, dass es eine versteckte Dunkelziffer an zwar infizierten aber nicht entdeckten Schülern gäbe, denn in der Münchner Virenwächter-Studie wurde unabhängig von Symptomen getestet.

Bestätigt wird das auch durch eine aktuelle Studie des RKI zum Infektionsgeschehen an Schulen, dort heißt es:

Zusammenfassend legen die vorgestellten Daten und die genannten obigen Studien nahe, dass Schülerinnen und Schüler eher nicht als "Motor" eine größere Rolle spielen (…). Auftretende Ausbrüche sind im Regelfall im beobachteten Zeitraum klein (…). Hilfreich ist die Erkenntnis, dass Lehrerinnen und Lehrer eine vielleicht wichtigere Rolle zu spielen scheinen als die Schülerinnen und Schüler.

Hinzu kommt noch ein weiterer interessanter Aspekt, welcher in großen aktuellen Studien nachgewiesen wurde. Anstatt wie von manchen vermutet, sind Kinder nicht nur kein Treiber der Pandemie. Vielmehr scheinen Kinder sogar eine Schutzfunktion darzustellen.

In einer der bisher umfangreichsten Studien wurden alle der in Schottland aufgetretenen Corona-Fälle analysiert und untersucht, welche Faktoren beeinflussen, ob jemand eine schwere Covid-19-Erkrankung entwickelt.

Dabei zeigte sich, dass Lehrkräfte im Vergleich zu anderen Berufen ein um 64 Prozent reduziertes Risiko aufweisen, schwer an Covid-19 zu erkranken. Weiterhin zeigte sich, dass das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung bei Erwachsenen um 28 Prozent reduziert war, wenn Kinder im selben Haushalt lebten.

Dieser Effekt von Kindern zeigte sich sogar dann, wenn Erwachsene zu einer Hochrisikogruppe zählten (z.B. Krebserkrankung, schweres Asthma und andere schwere chronische Atemwegserkrankungen, Bluthochdruck, Immunsuppression, etc.).

Die Autoren der Studie vermuten, dies könne daran liegen, dass der Kontakt mit Kindern den vorbestehenden Immunschutz aufgrund von Kreuzreaktionen mit anderen Corona-Viren erhöht. Eine weitere mögliche Erklärung könnte sein, dass inzwischen sehr umfangreiche Studien zeigen, dass die Viruslast bei Kindern in der Tat kleiner ist – anders als anfänglich in einer statistisch falsch ausgewerteten Studie einer Forschergruppe um Christian Drosten vermutet.

Wie aktuelle Studien wiederum zeigen, sinkt mit der Viruslast der Person, von der die Ansteckung ausgeht, das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung.

Zusammengenommen ist es fraglich, inwiefern aufgrund des bereits sehr geringen Infektionsgeschehens an Schulen überhaupt zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Vielmehr könnte es sogar sein, dass Schulen und Kindertagesstätten entgegen anfänglicher Befürchtungen nicht nur keine Treiber der Pandemie sind, sondern sogar eine Schutzfunktion vor schweren Erkrankungen darstellen können.

Schnelltests an Schulen und Kitas: das sagen die Fachgesellschaften

Aufgrund der beschriebenen Probleme ist der diagnostische Mehrwert flächendeckender Testungen an Schulen nicht erkennbar, vielmehr sind aufgrund der Gefahr vieler falsch-positiver Testergebnisse bildungsbezogene Nachteile und negative psychologische Wirkungen zu erwarten.

In der Tat entspricht das auch dem einhelligen Urteil verschiedener medizinischer Fachgesellschaften. So heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland, der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene:

Ausgehend von allgemein anerkannten wissenschaftlichen Grundsätzen der Screening- und Infektionsdiagnostik erscheint es angesichts fehlender Daten zur Validität von Antigenschnelltests gerade bei asymptomatischen Kindern zum jetzigen Zeitpunkt weder gerechtfertigt noch angemessen, diese Tests flächendeckend in Schulen und KiTas einzusetzen. Es ist zu erwarten, dass die Zahl falsch negativer und falsch positiver Ergebnisse inakzeptabel hoch sein und weit mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen wird. Hinzu kommt das Potenzial großer präanalytischer Fehler in der Probenentnahme.

Unterschätzt werden die negativen psychologischen Auswirkungen repetitiver Testungen, insbesondere junger Kinder, die entsprechende Konsequenzen wie Quarantäne der eigenen Person oder der Sozialgemeinschaft nach sich ziehen, nicht zuletzt wenn sie möglicherweise aufgrund der invaliden Testmethode wieder aufgehoben werden müssen".

Dies ist umso bedenkenswerter, als bis heute nicht gezeigt ist, dass Infektionsausbrüche in Schulen, die von infizierten Schülern ausgehen, tatsächlich relevant als Motor der Pandemientwicklung wirken. Das RKI hat diese Einschätzung kürzlich in seiner Stellungnahme bestätigt.

Schlussbemerkung: Corona und Kinderrechte

Angesichts dessen, dass gerade die Kinder und Jugendlichen zu den Personengruppen gehören, welche unter den ergriffenen Maßnahmen sehr stark leiden, obwohl sie laut der aktuellen Studienlage nur wenig zur Virusausbreitung beitragen, wäre es sehr wünschenswert, wenn bei den Regierungsentscheidungen wieder ein Blickwinkel eingenommen werden würde, bei dem das Wohl der Kinder nicht aus den Augen verloren wird.

Bei Kindern durch permanentes Testen ungerechtfertigter Weise den Glauben zu erwecken, dass von Ihnen eine große Infektionsgefahr ausgehe, gefährdet das Wohl der Kinder.

Hier ist vor allem auch darauf hinzuweisen, dass Deutschland sich eigentlich dazu verpflichtet hat, bei den Entscheidungen über Maßnahmen die in der Kinderrechtskonvention verbrieften Schutz-, Förder- und Beteiligungsrechte von Kindern vorrangig zu berücksichtigen.

Angesichts der Beobachtung von stark steigenden psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen wäre es höchste Zeit, die Rechte der Kinder zu achten und das Wohl der Kinder vorrangig zu berücksichtigen.