Warum schmutzige Bomben bauen?

Umweltverbände am Oberrhein warnten in einem Brief davor, wie leicht es wäre, das älteste Kernkraftwerk Frankreichs eine große schmutzige Bombe zu verwandeln

Seit den Anschlägen vom 11. September wird vor der Möglichkeit gewarnt, dass islamistische Terroristen so genannte schmutzige Bomben mit radioaktiven Stoffen bauen könnten, um den Schaden ihrer Anschläge zu erhöhen. Französische und deutsche Umweltverbände haben in einem Brief an die französischen Behörden darauf hingewiesen, wie leicht ein Angriff mit konventionellen Waffen den Uraltreaktor im elsässischen Fessenheim in eine solche schmutzige Bombe verwandeln würde, deren Wirkung Hunderttausende ausgesetzt wären.

Atomkraftwerk Fessenheim. Foto: BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein

Völlig ungeschützt und unüberwacht liegt er da, ein Weg auf dem östlichen Damm, auf der französischen Seite des Oberrheins. Ohne Probleme war es dort bisher für alle möglich, sich auf dem gut befahrbaren Weg sogar mit einem PKW oder einem großen LKW den beiden Reaktorblöcken des Atomkraftwerks Fessenheim und dem angegliederten. Zwischenlager für Brennelemente zu nähern. Bei dem Reaktor handelt es sich um den ältesten Reaktor in Frankreich, dessen zwei Blöcke schon 1977 und 1978 in Betrieb genommen wurden. Dieser Weg wird offenbar nicht überwacht, denn man werde auch bei einem längeren Aufenthalt mit einem PKW dort nicht kontrolliert, stellten die Organisationen fest.

Von diesem Weg aus trennt nur noch ein Seitenkanal des Rheins, ein "lächerlich niedriger Zaun und dünner Beton", einen möglichen Angreifer "vom radioaktiven Reaktorkern und vom noch schlechter geschützten Zwischenlager für Atommüll". Das hatten sieben Gruppen in einem vertraulichen Brief an die zuständigen französischen Behörden geschrieben. Nach einer längeren Diskussion habe man sich entschieden, nicht den üblichen Weg über die Presse zu gehen, um nicht als möglicher Ideengeber zu dienen, erklärte der Regionalgeschäftsführer des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Freiburg gegenüber Telepolis.

Vielmehr sollten den Behörden die Möglichkeit erhalten, diese "offene Flanke" des Atomkraftwerks zu schließen. Denn, so hieß es im Schreiben, hätte ein "Anschlag mit modernen panzerbrechenden Waffen auf das AKW Fessenheim verheerende Auswirkungen. Panzer- und bunkerbrechende Waffen aller Art gehören leider schon lange zum gängigen Waffenarsenal im Bereich des Terrorismus und sind auf dem Schwarzmarkt verfügbar." Betroffen könnten bei einem derartigen Anschlag auch die umliegenden Städte Mulhouse, Freiburg, Basel und Straßburg sein.

Google Earth-Satellitenbild vor der Mitteilung der Umweltgruppen

In den beiden Fessenheimer Reaktorblöcken würden "mit je 900 MW Leistung im Jahr in etwa die kurz- und langlebige Radioaktivität von etwa 1800 Hiroshima-Bomben" entstehen. Die „Freisetzung“ nur eines Teils des im Kraftwerk oder im noch weniger geschützten Zwischenlager enthaltenen radioaktiven Materials hätte verheerende Folgen für die betroffene Region, klagten sie und forderten die Behörden dringlich auf, den benannten Weg zu sichern. Ganz unbeachtet ist das auf den 21.11. datierte Schreiben offenbar nicht geblieben, denn es hat eine Wirkung schon im Internet entfaltet. Seit einigen Tagen hat sich die Ansicht des Atomkraftwerks und seiner Umgebung bei Google-Earth deutlich verändert. War es bisher in guter Auflösung scharf zu sehen, sieht man es nur noch unklar.

Auch in der zuständigen Kontrollkommission des Atomkraftwerks wurde der Brief nun verhandelt. So war es deren Präsident Pierre Schmitt, der am Montagabend den Inhalt des Briefs dort öffentlich machte. Damit fand das Thema, gegen den ursprünglichen Willen der Schreiber, seinen Weg in die Basler Zeitung, die nun darüber berichtete. Eine weitere Behandlung "im Stillen" habe deshalb nun für die Umweltorganisationen keinen Sinn mehr.

Verändertes Google Earth Satellitenbild

Zwar sei nach den Anschlägen in New York und Washington 2001 die Möglichkeit von Anschlägen auf Atomkraftwerke für kurze Zeit intensiv diskutiert wurden, gehandelt wurde offensichtlich aber nicht. Die Diskussion um die Aufstellung von Flugabwehrraketen in der Nähe von Atomanlagen in Frankreich "diente wohl mehr der Beruhigung der Bevölkerung". Die Anlagen selbst wurden offenbar keiner Risikoanalyse unterzogen und Schwachpunkte, wie die in Fessenheim dargestellten, wurden entweder nicht entdeckt oder nicht beachtet. Mayer ist auch erstaunt darüber, dass zwar der öffentliche Raum immer stärker mit Kameras überwacht werde, dort jedoch, wo es wirklich Not täte, gäbe es offensichtlich keine.

Was macht es für einen Sinn, Panik über den möglichen Einsatz schmutziger Bomben zu schüren, wenn die Atomanlagen nur wenig geschützt sind?

Dass es sich bei Fessenheim um keinen Einzelfall in Europa handelt, zeigte die Umweltorganisation Greenpeace in Spanien 2003. Das Thema war nach den verheerenden Anschlägen im März 2003 in Madrid wieder aufgetaucht. Doch die Sicherheit der Atomanlagen war auch hier nicht erhöht worden. So gelang es Mitgliedern der Organisation damals, mit Zorita erstmals einen Atommeiler zu besetzen. Nur ein Wachmann hatte sich den Aktivisten in den Weg gestellt

In Frankreich wurde auch beim tragischen Tod eines Atomkraftgegners im Rahmen eines Castortransports deutlich, dass ein Anschlag auf den mit Atommüll gefüllten Zug leicht möglich ist. Zudem wurde auch die Unfallgefahr deutlich, denn der Zug hätte auch vor jedem anderen Hindernis auf den Gleisen nicht gebremst werden können, weil die Sicherheitsvorkehrungen nicht eingehalten wurden (Die Anweisung "Vorsichtige Fahrt" wurde nicht gegeben).

In Fessenheim fordern die Umweltorganisationen seit langem die Abschaltung des "Schrottreaktors", der nicht gegen einen Flugzeugabsturz gesichert sei. Auch sonst machen die Reaktoren im Rheintal mit Störfällen gerne von sich reden. Bekannt geworden sind in diesem Jahr zwei Störfälle. Im Juli musste der Reaktor in einem Fall abgeschaltet werden. Im April war bei einer Kontrolle festgestellt worden, dass über Stunden im Primärkreislauf des Reaktorblocks 2 ein Notkühlsystem ausgefallen war.

1998 wurde nach langen Protesten der Deckel des AKWs gewechselt, der Risse aufwies. Seit einigen Jahren steht aber vor allem die Erdbebensicherheit des Meilers in der Kritik, bei dem sich wegen seines Alters Materialermüdung und Risse in den Reaktordruckgefäßen bemerkbar machten. Im Jahr 2000 hatte französische Atom-Aufsichtsbehörde berichtet, einige Schutzfunktionen seien im Fall eines Erdbebens nicht sicher gewährleistet. Am 22.2.2003 und am 05.12.2004 bebte es in der Umgebung der Reaktoren im erdbebengefährdeten Rheingraben deutlich. Die Epizentren mit der jeweiligen Stärke von 5,4 auf der nach oben offenen Richterskala lagen mit St. Die und Waldkirch im nahen Umkreis der Reaktoren.

So stand auch die Erdbebensicherheit am Montag beim Treffen der Kontrollkommission wieder auf der Tagesordnung. Allerdings konnte der Kommissionspräsident Pierre Schmitt keine Aussagen darüber machen, wie weit die Untersuchung des Instituts für Geowissenschaften an der Universität in Straßburg gediehen ist. Dort wird untersucht, wie schnell und stark sich die Erschütterung eines Erdbebens ausweiten und sich durch die Bodenschichten im Oberrheingraben fortsetzen würde. Drei der Messpunkte liegen auf dem Gelände des Atomkraftwerks. Seit Januar 2005 hat die Kommission nichts mehr von der Studie gehört. Damals waren ihr erste Ergebnisse vorgestellt worden.

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