Warum schweigt bin Laden?

Mutmaßungen über das Abtauchen al-Qaidas beim neuen Golfkrieg

Gut eine Woche dauert der dritte Golfkrieg nun schon und immer noch hat sich Usama bin Laden nicht zu Wort gemeldet. Anders war es zu Beginn des Afghanistankrieges am 7. Oktober 2001. Kaum fielen die ersten Bomben, nutzte der al-Qaida-Anführer den Beginn der "Schlacht zwischen dem Glauben und dem Unglauben" zum Propagandaauftritt. Amerikaner sollten "niemals von Sicherheit träumen können oder diese erleben, bevor wir diese nicht auch tatsächlich in Palästina erleben, und bevor alle ungläubigen Truppen vom Boden Mohammeds verschwunden sind." Palästina findet noch immer keinen Schlaf und träumt erst recht nicht von Sicherheit, und vom Boden Mohammeds wird ein arabisches Nachbarland angegriffen. Warum schweigt bin Laden jetzt? Entweder alles läuft nach Plan, der Krieg verschafft al-Qaida neue Rekruten und eine aktuelle Wortmeldung wird als unnötig erachtet, oder es läuft schlecht, al-Qaida ist stark geschwächt bis zerschlagen, bin Laden in Gefangenschaft oder gar tot. Alles scheint möglich zu sein.

Am 11. Februar 2003 strahlte al-Dschasira erneut eine Tonbandaufzeichnung aus, auf dem Usama bin Laden zu hören sein soll. Die Botschaft war adressiert an die "moslemischen Brüder im Irak". "Unabhängig von der Beseitigung oder dem Überleben" der "ungläubigen" Baath-Partei oder Saddam Husseins müssten "alle Muslime und besonders die Iraker" den Dschihad gegen die amerikanischen "Kreuzzügler" kämpfen.

Deutsche Spezialisten vom BND und BKA fanden an der Aufnahme bestimmte Einzelheiten merkwürdig, z.B. dass die Tonqualität diesmal so gut war oder dass sehr detailliert erzählt wurde, und bemerkten schließlich: "Für die Empfänger der Botschaft in der arabischen Welt ist es gleichgültig, ob es mit achtzig- oder neunzigprozentiger Gewissheit bin Laden ist. Wenn er sich so medial präsentiert, ist er es." (SZ, 13.2.03) Der amerikanische Geheimdienst CIA gab sich "fast sicher", dass es sich um bin Laden handelt. Die US-Administration, die die Botschaft bereits fünf Tage vor Ausstrahlung von der katarischen Regierung erhalten haben soll, konstruierte aus dem Band sogleich eine "Partnerschaft" al-Qaidas mit der irakischen Führung (Wie eine Tonbandbotschaft vielen Zwecken dient).

Saddam Hussein: 100% al-Qaida-inkompatibel

Mike Seccombe schrieb hingegen im Sydney Morning Herald, wenn es eine Person gäbe, die Krieg gegen den Irak noch mehr wolle als Bush, dann bin Laden: "Dieser drängt 'wirkliche Muslime im Irak und anderswo zu handeln und sich aufzulehnen, (...) um sich von der Sklaverei dieser tyrannischen und apostatischen Regime zu befreien'. Nicht auf der Seite des 'Ungläubigen' Saddam, sondern für den Islam und den Dschihad."

Terrorismusforscher, die UN, der britische Auslandsgeheimdienst MI6, CIA und FBI haben wiederholt auf die Inkompatibilität der beiden Ideologien hingewiesen. Der Asienexperte Ahmed Rashid schreibt in seinem Buch "Taliban", bin Laden habe nach der Invasion des Irak in Kuwait versucht, die saudische Königsfamilie "zu überreden, eine Volksverteidigung zu organisieren, mit der der Irak bekämpft werden konnte. Stattdessen holte König Fahd die Amerikaner ins Land. Das versetzte Bin Laden einen Riesenschock." Gerade die auf dem Tonband geäußerte Ablehnung des laizistischen Regimes im Irak spricht also für die Echtheit der Aufnahme.

In diesem Fall ließe sich das Ausbleiben einer aktuellen Stellungnahme damit erklären, dass für al-Qaida alles nach Plan verläuft. Terrorismusexperten haben wiederholt gewarnt, dass die Terror-Holding im Fall einer amerikanischen Irakinvasion wahrscheinlich Zulauf erhalten würde. Al-Qaida könnte im Schatten des Krieges und unter etwaiger Unachtsamkeit des Feindes neue Anschläge planen. Noch vor der angeblichen Verhaftung hoher Qaida-Funktionäre im März 2003 sah der Berichterstattung nach alles nach Reorganisation und Anschlagsvorbereitung aus. Entsprechende Warnungen wurden wiederholt ausgesprochen. Im Zuge der mutmaßlichen Verhaftung Chalid Scheich Mohammeds Anfang März (Rätsel um Scheich Mohammed) ließ die US-Administration dann durchsickern, al-Qaida habe einen Anschlag auf Pearl Harbor geplant. Die Behörden des US-Bundesstaates Hawaii haben diesen Bericht zurückgewiesen. "Wenn ich zu irgendeiner Zeit geglaubt hätte, dass irgendeine Form der Gefahr bestand, wie auch immer man sie beschreiben will, hätten wir unsere Alarmstufe verändert", sagte die Gouverneurin von Hawaii.

Größter Fisch im Netz?

Für bin Laden schien es im März immer enger zu werden. Am 5. März erfuhr die New York Times von pakistanischen Sicherheitskräften, dass Scheich Mohammed bin Laden noch im Dezember in Pakistan getroffen haben soll. CNN berichtete am 7. März unter Berufung auf pakistanische Quellen, die Suche nach bin Laden konzentriere sich mittlerweile auf wenige Provinzen in der afghanischen Grenzregion. Spiegel Online zufolge musste die pakistanische Regierung bereits an diesem Tag die Festnahme bin Ladens dementieren. Ebenfalls an diesem Tag sollen zwei seiner Söhne in Afghanistan verhaftet worden sein. Am 11. März versicherte der pakistanische, für die Terrorismusbekämpfung verantwortliche Geheimdienst ISI erneut, Osama bin Laden dicht auf der Spur zu sein. Intern gäbe es daran allerdings Zweifel, berichtete die Netzeitung.

Am 12. März dann sagte der pakistanische Politiker Murtaza Pooya in einem Interview mit einem iranischen Radiosender, bin Laden sei in Haft. Der BBC Monitoring Service verbreitete die Meldung, welche nur kurz abrufbar war. Das Dementi folgte nämlich sehr bald, zuerst von pakistanischer Seite, dann von amerikanischer Berichte von einer angeblichen Verhaftung bin Ladens haben es nie in die deutschen Tageszeitungen geschafft. Seitdem ist von der Jagd auf bin Laden kaum noch die Rede. Was nun stimmt, wer weiß das schon?

Eine informierte Öffentlichkeit als Feind

Im Fall einer Verhaftung bin Ladens hätte al-Qaida vielleicht erst mal andere Sorgen, als gleich zum Dschihad aufzurufen. Der Krake müssten erst die abgeschlagenen Arme nachwachsen. Ohnehin nie realistisch war das US-Ziel, den Terrorismus mit Krieg auszurotten. Am treffendsten beschreibt die Situation wohl eine Überschrift der Los Angeles Times: Hass vereint einen Feind ohne Armee.

Man muss sich fragen, ob die Öffentlichkeit aus Sicht der kriegführenden Parteien überhaupt über eine eventuelle Inhaftierung bin Ladens informiert werden sollte oder ob die Sicherung der Informationshoheit nicht ein viel zu wichtiges Gut wäre - erst recht, wenn man etwas zu verbergen hat. Würden die USA die Verhaftung des früheren Staatsfeindes Nummer 1 an die große Glocke hängen? Oder würden sie diese geheim halten, um Freipressversuche zu verhindern? Man braucht ja noch nicht mal so verschwörerisch zu denken, Bush wolle die Leiche bin Ladens erst im Wahlkampf präsentieren.

Was den Verbleib von Usama bin Laden angeht, gab der pakistanische Präsident Pervez Musharraf vor wenigen Tagen eine Einschätzung ab, dieser habe seinen Verfolgern wohl wieder einmal entkommen können. Einen Monat zuvor hatte sein Nachbar, Afghanistans Präsident Hamid Karzai, gesagt, er sei nicht sicher, ob bin Laden noch lebe. Wer dann aber das Tonband hätte gefälscht haben können, dazu äußerte er sich nicht. (Haiko Lietz)